Your Oil I Need – Welche Interessen verfolgen die USA in Venezuela?
Am frühen Morgen haben die USA Venezuelas Staatschef Nicolas Maduro und dessen Ehefrau entführt. Diese Zuspitzung reiht sich in eine Reihe militärischer und rhetorischer Eskalation der vergangenen Monate ein. Dieser Artikel geht auf die Hintergründe der Manöver ein, ordnet sie in die neue Sicherheitsstrategie der USA sowie die Geschichte der Interventionen in Lateinamerika ein.
Am frühen Morgen haben die USA nach eigenen Angaben Venezuelas Staatschef Maduro und dessen Ehefrau entführt. Trump teile auf Truth Social mit, dass beide ausgeflogen wurden. In der Nacht auf Samstag bombardierte das US-Militär zudem zahlreiche Ziele in verschiedenen venezolanischen Städten, insbesondere der Hauptstadt Caracas.[1] Diese Zuspitzung reiht sich in eine Reihe militärischer und rhetorischer Eskalation der vergangenen Monate ein. So hatte Trump am 17. Dezember eine vollständige Blockade venezolanischer Öltanker angekündigt und ließ einige sogar direkt kapern. Die US-Flotte vor der venezolanischen Küste werde nur »noch größer« werden, bis Venezuela das gesamte Öl, Land und andere Vermögenswerte zurückgegeben habe, die es von den Vereinigten Staaten »gestohlen« hätten, so Trump damals.[2]
Auf den venezolanischen Präsidenten Maduro war vor seiner Entführung ein Kopfgeld von 43 Millionen Euro ausgesetzt. Seine Regierung steht durch langjährige Sanktionen unter Druck. Seit den Angriffen auf Fischerboote und Tanker nahmen die Spannungen immer weiter zu. Die Rechtfertigung der USA lag dabei, wie so häufig, in der Bekämpfung von Terror und Drogenhandel. Dass jedoch der Hauptgrund für die Operationen vor allem wirtschaftliche Macht ist, betonte auch der ehemalige US-Diplomat Richard Haass im Sender NPR im Dezember: »Der wichtigste Grund ist, dass die Vereinigten Staaten an die venezolanischen Ölvorkommen wollen. Das sind die größten der Welt.« Größter Abnehmer dieses Öls ist China. Das venezolanische Außenministerium kritisierte das Vorgehen damals als »ein[en| dreiste[n] Raubüberfall und ein[en] Akt internationaler Piraterie«[3]. UN-Menschenrechtsexpert:innen ordneten die militärische Gewalt durch Trump als Verstöße gegen das Völkerrecht ein.
Momentan sind zehn Prozent der gesamten US-Navy in der Karibik zusammengezogen, darunter diverse Marineschiffe, Kampfbomber, Kampfjets, Kampfdrohnen und viele weitere Einheiten. Etwa 15 000 US-Soldat:innen sind laut CNN in der Region im Einsatz, so viele wie seit der US-Invasion in Panama 1989 nicht mehr. Dem Investigativ-Medium The Intercept liegen Informationen vor, wonach die US-Militärpräsenz in der Karibik bis »mindestens 2028« geplant sei.[4] Auf Puerto Rico – etwa 800 Kilometer nördlich der venezolanischen Küste – stationierten die USA Kampfjets und reaktivieren eine stillgelegte Militärbasis. Bereits im Oktober verkündete Trump öffentlich, Aktionen der CIA innerhalb Venezuelas genehmigt zu haben.
Um das US-Vorgehen zu verstehen, hilft ein Blick in die im Dezember veröffentlichte neue Sicherheitsstrategie der USA. »Nach Jahren der Vernachlässigung werden die Vereinigten Staaten die Monroe-Doktrin wieder geltend machen und durchsetzen, um die Vorrangstellung in der westlichen Hemisphäre wiederherzustellen« heißt es dort.
Die Sicherheitsstrategie der USA: Neuauflage der Monroe Doktrin
Um das US-Vorgehen zu verstehen, hilft ein Blick in die im Dezember veröffentlichte neue Sicherheitsstrategie der USA. »Nach Jahren der Vernachlässigung werden die Vereinigten Staaten die Monroe-Doktrin wieder geltend machen und durchsetzen, um die Vorrangstellung in der westlichen Hemisphäre wiederherzustellen« heißt es dort. Dafür sollen in Lateinamerika »strategische Rohstoffe […] gemeinsam mit regionalen Verbündeten« erschlossen werden[5].
Die 1823 ins Leben gerufene Monroe-Doktrin stellte seiner Zeit eine klare Botschaft an die europäischen Mächte dar, nicht in den eigens deklarierten »Hinterhof« der USA zu intervenieren. Die daraus folgende imperiale US-Politik bedeutete Fremdherrschaft, Gewalt und Blutvergießen für die Menschen in Lateinamerika. Sogenannte »Freihandelsabkommen« verschafften letztlich US-Konzernen Zugang zu billigen Arbeitskräften und Rohstoffen.
Für den Fall, dass lokale Regierungen oder soziale Bewegungen sich dem entgegenstellten, wurde zum Mittel des »Regime Change« gegriffen. Dabei blieb kaum ein Land in Mittel- und Südamerika verschont. Um eine unerwünschte Regierung zu ersetzen, griff Washington zu verschiedenen Mitteln. In Nicaragua, Panama und Haiti gab es gleiche mehrere US-Invasion.
Häufiger noch als direkte Militärinterventionen waren verdeckte CIA-Operationen. So wurde zum Beispiel 1973 in Chile der demokratisch gewählte Präsident Salvador Allende gestürzt und mittels eines Militärputsches der Diktator Augusto Pinochet eingesetzt.[6] Allende hatte zuvor angekündigt, große US-Konzerne im Land zu verstaatlichen. Beim erfolgreichen Putsch wurden insgesamt über 3.000 Menschen getötet. Hunderttausende flohen, um sich den von den USA unterstützten Kräften Pinochets zu entziehen.[7][8] In der Folge diente Chile zudem als Laborprojekt für die neoliberalen Theorien der Chicago Boys von Milton Friedman & Co.[9]
Venezuelas politischer Hintergrund
Als 1989 der Erdölpreis fiel und staatliche Ausgaben gekürzt wurden, kam es in Venezuela zu großen Plünderungen und Aufständen, gegen die die Regierung letztlich die Armee einsetzte. Innerhalb des Militärs gründete sich damals unter der Führung von Hugo Chávez eine linke Bewegung. Nach einem gescheiterten Putschversuch, trat Chavéz 1998 zur Präsidentschaftswahl an – und gewann. Bis zu seinem Tod setzte Chavéz unter seinem selbsternannten Motto »Sozialismus des 21. Jahrhunderts« einige linke Maßnahmen durch. Er verstaatlichte den privaten Erdölsektor, verankerte direktdemokratische Volksabstimmungen, mit denen Politiker*innen nach der Hälfte ihrer Amtszeit mit Mehrheitswahlrecht wieder abgewählt werden konnten und leitete die Bildung von Kommunalen Räten an. Deren Mitglieder vertraten jeweils rund 200 Haushalte und stimmten über die Verwendung staatlicher Gelder im Viertel ab. Jedoch erfolgte keine Evaluation über die erfolgreiche oder gescheiterte Umsetzung. Unter Chavéz Sozialpolitik wurde die Armut im Land von 50 auf 25 Prozent halbiert. Allerdings unternahm er keinerlei Schritte, um die weit verbreitete Korruption zu bekämpfen, durch die dem Staat viele Einnahmen entgehen. Dieses Geld hätte schließlich dazu dienen können, die Wirtschaft zu diversifizieren und sie von der Abhängigkeit vom Öl-Extraktivismus zu lösen.[10]
Nach dem Tod von Chávez 2013 wurde Nicolas Maduro mit knapper Mehrheit zum Präsidenten gewählt. Maduro hatte vorher das Amt des Vizepräsident inne. In den folgenden Regierungsjahren konzentrierte Maduro zunehmend seine Macht als Präsident. Bereits seine Wiederwahl 2018 wurde international angezweifelt. 2019 erklärte sich der Oppositionspolitiker Juan Guaidó mit Unterstützung der USA zum Übergangspräsidenten, scheiterte jedoch mangels Rückhaltes des Militärs. Auch nach den Wahlen 2024 erklärte sich Maduro erneut zum Sieger, während Opposition, die USA und EU Edmundo González als rechtmäßigen Gewinner ansehen. Im Dissens-Podcast erklärt Venezuela Experte Tobias Lambert, dass selbst »Die chávistische Basis in den armen Stadtvierteln und auf dem Land […] den Wahlbetrug von Nicolás Maduro teils offen ab[lehnt]«[11]
Mittlerweile lebt der Großteil der Menschen in Venezuela in extremer Armut und die Korruptions- und Inflationsraten steigen ähnlich rasant. Viele Freiheiten der Bürger*innen sind beschnitten. Schätzungsweise 7-8 Millionen Venezolaner*innen sind aus dem Land geflohen und mehrere tausend Menschen ohne Gerichtsprozess umgebracht worden.[12][13]
Jenseits der Differenzen in den taktischen Fragen wie man einen Regime-Change erreicht, scheint Klarheit darüber zu herrschen, wer Washingtons Wunschkandidatin für eine Nachfolgeregierung ist: Die kürzlich mit dem Nobelpreis ausgezeichnete rechte Oppositionelle María Machado.
Regime-Change in Venezuela heute:
Um dahinter zu steigen, was die realen Strategien und Handlungsmöglichkeiten der USA sind, hilft ein Blick in die Medien der US-Außenpolitk Eliten, wie beispielsweise dem Foreign Affairs Magazin[14]. Dort herrschte in den vergangenen Wochen Konsens, dass ein Regime-Change nötig sei – diskutiert wurde nur wie. Elliott Abrams, ein ehemaliger Diplomat der USA, schrieb in seinem Artikel »Wie man Maduro stürzt«[15], dass Trumps Androhung, die militärische Gewalt zu eskalieren, klug sei, da so das Vertrauen der Bevölkerung in Maduro durch Angst ersetzt werden könne.
»Es reicht nicht aus, [das Regime] nur auszuhungern: Seine Macht muss mit Militärschlägen entfernt werden, wodurch die Unterstützungsstrukturen, auch innerhalb des Militärs, in Unordnung geraten und sie um ihre eigene Zukunft fürchten müssen.« argumentierte Abrams weiter.
Zwei andere Foreign Affairs Artikel führten hingegen an, dass diese Strategie eine Abkürzung jenseits der Kräfteverhältnisse vor Ort sei. Sie bezweifeln, dass eine Mehrheit im venezolanischen Militär einen gewaltvollen Regime-Change und eine potenzielle Folgeregierung unterstützen würde. Eine flächendeckende Invasion Venezuelas durch das US-Militär gilt auch deshalb als äußerst unwahrscheinlich, weil dies Konflikte zwischen Trump und seiner eigenen Basis nach sich ziehen könnte. Rund 70% der US-Amerikaner*innen lehnen eine Militärinvasion in Venezuela ab.[16]
Jenseits der Differenzen in den taktischen Fragen wie man einen Regime-Change erreicht, scheint Klarheit darüber zu herrschen, wer Washingtons Wunschkandidatin für eine Nachfolgeregierung ist: Die kürzlich mit dem Nobelpreis ausgezeichnete rechte Oppositionelle María Machado. Sie befürwortet Sanktionen und Embargos gegen Venezuela und hat sich wiederholt für eine militärische Intervention seitens der USA ausgesprochen. Im Zentrum ihrer Strategie steht die umfassende Öffnung des Landes für ausländisches Kapital, verbunden mit der Privatisierung der staatlichen Unternehmen und Infrastruktur. Sie verspricht zudem eine sicherheitspolitische Neuausrichtung, die Venezuela zu einem »Brückenkopf« für westliche Interessen in der Region machen werde. [17] [18]
Fazit
Die eskalierende US-Außenpolitk rund um Venezuela ist Ausdruck der neuen Sicherheitsstrategie. Diese wiederum ist im Kontext des relativen Niedergangs des US-Imperiums und der Konkurrenz zu China zu bewerten, welches seinen Einfluss in Lateinamerika in den vergangenen Jahrzehnten erheblich ausbauen konnte.
In diesem Zusammenhang berichtet die Tagesschau, dass Peking nach eigenen Angaben bereits »mehr als 200 Infrastrukturprojekte [in der Region] ins Leben gerufen [hat].«[19] Konkurrierende Projekte des Westens kämen dabei nicht an die Investitionen Chinas heran. Bei der Konkurrenz der großen Weltmächte in Lateinamerika gehe es ebenfalls um »wichtige Rohstoffe, wie [beispielsweise] Lithium aus Chile, das besonders wichtig in der Batterieherstellung ist.«
- https://amerika21.de/ticker/2026/us-militarintervention-venezuela ↑
- https://de.nachrichten.yahoo.com/trump-k%C3%BCndigt-seeblockade-f%C3%BCr-%C3%B6ltanker-085900761.html?guccounter=1&guce_referrer=aHR0cHM6Ly93d3cuZ29vZ2xlLmNvbS8&guce_referrer_sig=AQAAACrJaGy_0AdLfG2PdopcORNV4xfmhTl76fokgnq32IaF6Nh1x5-HXWQth0ErTvdCjrZHkSCRqt53I-FeuroJwXKG7g0TJVKhffskv5FzsxC8wagHollGFeXCxwvBz78Cd5PCQUKM1uMA9thFjiJis5XZLilKhqV9hPVbSslJBgGV ↑
- https://amp.dw.com/de/venezuela-usa-beschlagnahmen-oeltanker-neuer-akt-der-piraterie-donald-trump-nicolas-maduro-karibik/a-75256066 ↑
- https://theintercept.com/2025/11/25/trump-caribbean-venezuela-military-troops/ ↑
- https://www.nd-aktuell.de/artikel/1196134.monroe-doktrin-sicherheitsstrategie-der-usa-will-dominanz-in-lateinamerika.html ↑
- https://www.nd-aktuell.de/artikel/1195810.usa-und-venezuela-selbstlose-befreiung-der-venezolanischen-oelquellen.html ↑
- https://www.amnesty.de/informieren/aktuell/chile-50-jahre-militaer-putsch-pinochet ↑
- https://sozvu.org/warum-schafft-trump-sich-einen-neuen-hinterhof-in-lateinamerika/ ↑
- https://amerika21.de/analyse/265816/putsch-gegen-die-dritte-welt-chile-1973 ↑
- https://www.die-linke-schwabach-roth.de/international/venezuela-diktatur-statt-sozialismus/ ↑
- https://podcast.dissenspodcast.de/285-venezuela ↑
- https://www.amnesty.de/informieren/laender/venezuela ↑
- https://www.n-tv.de/politik/Amnesty-beklagt-Hinrichtungen-in-Venezuela-article20634128.html ↑
- https://www.foreignaffairs.com/ ↑
- https://archive.ph/FvH9J#selection-1867.368-1867.594 ↑
- https://www.nd-aktuell.de/artikel/1195799.suedamerika-usa-und-venezuela-auf-die-harte-tour.html ↑
- https://www.youtube.com/watch?v=l2J2JtO8R9Q ↑
- https://amerika21.de/analyse/278778/venezuela-zum-verkauf-durch-machado ↑
- https://www.tagesschau.de/wirtschaft/weltwirtschaft/china-lateinamerika-celac-100.html ↑
Foto: President Donald Trump delivers inaugural address on 20 January 2025 via Creative Commons.



