Während die Zustimmungswerte der Bundesregierung in den Keller fallen, kündigt sie die Umsetzung riesiger, lang geplanter Sozialkürzungen an und orientiert sich dabei an der Agenda 2010. Für die Linke ist der Auftrag klar: den Protest zu organisieren und ihn nicht der AfD zu überlassen.
Von der Marx21-Redaktion
Nach Zahlen des aktuellen Deutschlandtrends vom 1.4.2026 der ARD sind 84% der Deutschen mit der Arbeit der Bundesregierung unzufrieden.[1] Von den einzelnen Koalitionspartnern wird die SPD unter den Befragten am schlechtesten bewertet. Auch bei den Landtagswahlen in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz haben die Sozialdemokraten historische Niederlagen erlitten. Vor dem Hintergrund einer allgemeinen Krise der deutschen Wirtschaft ist die AfD aktuell die einzige Partei, die an Stimmen dazu gewinnt. Durch den Krieg gegen den Iran und die damit bevorstehende Rezession droht eine weitere Beschleunigung der Verarmung großer Teile der Bevölkerung. In dieser Gemengelage kündigt die Bundesregierung ein Jahr der Sozialreformen an und bereitet massive Angriffe auf den Lebensstandard der Arbeiter:innenklasse vor. In diesem Artikel blicken wir auf die wirtschaftlichen Hintergründe und das Agieren der Bundesregierung und zeichnen nach, wie die unterschiedlichen und teils unvereinbaren Bewältigungsstrategien der Regierungsparteien die Koalition in eine Dauerkrise treiben.
Der deutsche Kapitalismus in der Krise
Die schwarz-rote Bundesregierung steht seit ihrem Amtsantritt vor einer zentralen Herausforderung: In den letzten Jahren schrumpfte die deutsche Wirtschaft. Vergangenes Jahr konnte die größte Volkswirtschaft Europas lediglich ein geringes Bruttoinlandsprodukt-Wachstum von 0,3 % vorweisen.[2] Für kapitalistische Staaten, die mit anderen in Konkurrenz stehen, stellt das ein großes Problem dar. Deutschlands Anspruch ist es zudem, die führende wirtschaftliche Macht in der Europäischen Union zu sein. Die Krise des heimischen Kapitalismus wird daher besonders deutlich im Vergleich der EU-Staaten.
Nach dem Corona-Schock liegt das durchschnittliche Wirtschaftswachstum der EU-Staaten jedes Jahr über Deutschlands. Während das deutsche Bruttoinlandsprodukt 2023 und 2024 sank, verzeichneten andere EU-Staaten in dieser Zeit ein Wachstum von durchschnittlich 0,4 % und 1,1 %. Vergangenes Jahr vergrößerte sich die europäische Wirtschaft im Durchschnitt mehr als fünfmal so stark wie die deutsche. Die Wirtschaft Frankreichs, der zweiten Führungsmacht der EU und Deutschlands größter Wettbewerber, wuchs in den vergangenen drei Jahren konstant um etwa 1 %.

BIP-Wachstum im für 2020 bis 2025 der EU-Staaten, Deutschland und Frankreich in Prozent, im Vergleich zum Vorjahr. Quelle
Die Ursache für die Probleme des deutschen Kapitalismus sind die mit dem Krieg in der Ukraine weggebrochenen günstigen Energieimporte aus Russland und damit verbundene steigende Energiekosten für energieintensive Industrien. Die anschließende Inflation schwächte die Kaufkraft der Konsument:innen erheblich. In der Folge kann sich das deutsche exportorientierte Wachstumsmodell in der internationalen Konkurrenz immer weniger durchsetzen – insbesondere gegen chinesische Produkte. Trumps protektionistische Zollpolitik verschärft die Situation.[3]
Rückblick: Die Agenda 2010
Um die Krisenstrategie der CDU zu verstehen und das damit verbundene Dilemma, das sich für die SPD daraus ergibt, lohnt ein Rückblick auf die »Agenda 2010«. Die Agenda war 2003 die Antwort der damaligen rot-grünen Regierung auf eine schrumpfende deutsche Wirtschaft. Die mit der Agenda verbundenen Reformen stellten die härtesten Angriffe auf den Sozialstaat seit dem Zweiten Weltkrieg dar. Der damalige Bundeskanzler Gerhard Schröder begründete die Maßnahmen im März 2003 im Bundestag wie folgt:
»Niemandem aber wird künftig gestattet sein, sich zu Lasten der Gemeinschaft zurückzulehnen. Wer zumutbare Arbeit ablehnt, und wir werden die Zumutbarkeitskriterien verändern, meine Damen und Herren, der wird mit Sanktionen rechnen müssen. Darüber hinaus reformieren wir das Arbeits- und Sozialrecht an den Stellen, an denen sich im Laufe der Zeit Beschäftigungshemmnisse entwickelt haben.«[4]
Ziel der Agenda 2010 war es, die Nettogewinne der Unternehmer:innen zu steigern und staatliche Ausgaben für den Sozialstaat massiv zu reduzieren. Gleichzeitig erhielt die Kapitalseite mehr Rechte gegenüber den Arbeiter:innen. Löhne, Gehälter und Tarifverträge wurden angegriffen. Das Ergebnis: Deutschland wurde zum größten Niedriglohnsektor in Europa. Diese Maßnahmen förderten eine Spaltung in der Arbeiter:innenklasse zwischen Stamm- und Randbelegschaften. Durch die Kürzungen beim Anspruch auf Arbeitslosengeld wurde die Angst der Beschäftigten vor Arbeitslosigkeit erhöht und die Konkurrenz zwischen Arbeiter:innen und Erwerbslosen verschärft.
Diesen bis dato beispiellosen Frontalangriff auf die arbeitende Klasse konnte letztlich nur die SPD als vermeintliche Arbeiter:innenpartei selbst durchsetzen. Die SPD warb mit der Agenda für das kleinere Übel – eine bittere Pille, die geschluckt werden müsse, um die Wirtschaft wieder anzukurbeln. Unter Einbindung der sozialdemokratischen Gewerkschaftsführer hegte sie die Opposition der Gewerkschaften von innen ein: Große Teile der Gewerkschaftsführung stärkten Schröder und seiner Agenda den Rücken. Sie verkauften ihrer Basis die bevorstehenden Kürzungen als alternativlose Bedingung, um den Sozialstaat an sich zu schützen.
Infolge der Agenda-Politik spaltete sich ab 2004 die Wahlalternative soziale Gerechtigkeit (WASG) von der SPD – aus ihr entstand später in Fusion mit der PDS die Linkspartei. Die SPD selbst konnte sich innerhalb der Gewerkschaftsbasis von ihrem Verrat nie erholen. Unter Gewerkschaftsmitgliedern verlor sie seit 2002 mehr als 20 Prozentpunkte.
Die CDU und die Agenda 2030
Um die Krise des deutschen Kapitalismus heute zu lösen, setzt die CDU auf die Agenda 2030 – eine verschärfte Version der Agenda 2010. Generalsekretär Carsten Linnemann sagte dazu Anfang Februar im Podcast The Pioneer Morning Briefing:
»Die Agenda 2010 war eigentlich – Entschuldigung – Pillepalle dagegen [was wir jetzt vorhaben]. Die war ein großer Schritt für die SPD, aber für Deutschland eigentlich ein kleiner. Jetzt muss der große Schritt für Deutschland kommen. […] Ich habe Verständnis, dass man jetzt sagt, bis zum 22. März ist Wahlkampf. Aber danach gibt es keine Ausreden mehr. Wir müssen jetzt die CDU vorbereiten auf ein Reformjahr 2026.« [5]
Bereits im Wahlkampf hatte Merz angekündigt: Feiertage sollen gestrichen, der 8-Stunden-Tag begraben, das Streikrecht eingeschränkt, die Unternehmenssteuern gesenkt, das Renteneintrittsalter erhöht, Sozialabgaben gedeckelt werden. Kurzum: Arbeiter:innenrechte werden geschwächt, die Kapitalseite gestärkt.
Der Unterschied zur damaligen Schröder-SPD ist, dass die CDU keine sozialdemokratische Einhegungspolitik machen kann, um die Gewerkschaften von innen zu lähmen und sie zum Stillhalten zu bringen. Die CDU war nie so stark verankert in den Gewerkschaften, wie die SPD es zu Zeiten der Agenda 2010 war. Somit ist es ihr auch weniger möglich auf wichtige Kontakte innerhalb der Gewerkschaften zurückgreifen. Daher setzt die CDU auf eine andere Strategie: bewusst fördert sie eine Spaltung innerhalb der arbeitenden Klasse, um vom geplanten Sozialkahlschlag abzulenken. Ihr Ziel ist es dadurch zu verschleiern, dass die von der CDU angestrebten Reformen, prekäreres Leben und weniger Absicherung für die Vielen bedeutet. Die CDU setzt Rassismus und Sozialchauvinismus als Spaltungsinstrument ein. Damit ist sie in der Lage, nicht nur von ihrer Politik abzulenken, sondern zugleich zu rechtfertigen, warum soziale Hilfsangebote für bestimmte Gruppen der Bevölkerung zu reduzieren oder gar zu streichen seien. Die CDU treibt durch diese Strategie einen Keil in die Arbeiter:innenklasse: Der Zusammenhalt wird geschwächt und damit auch das Potenzial sich gemeinsam gegen die anstehenden Reformen zu organisieren.
Merz’ Aussage aus dem Oktober vergangenen Jahres, man habe trotz härterer Migrationspolitik »im Stadtbild noch dieses Problem«, ist das bekannteste Beispiel dieser Strategie. Statt den Plan der massiven Sparmaßnahmen aufzudecken und zu kritisieren, wurde der mediale Diskurs wochenlang von der Debatte bestimmt, ob man sich auf den Straßen Deutschlands durch Migration in den letzten Jahren noch sicher fühlen könne. Zuletzt war sich Friedrich Merz auch nicht zu schade den Fall Collien Fernandes und Gewalt gegen Frauen im Allgemeinen für seine rassistische Spaltungspolitik zu nutzen. So sagte er am 25. März 2026 im Bundestag folgendes:
»Dann müssen wir auch ansprechen, dass ein beachtlicher Teil dieser Gewalt aus den Gruppen der Zuwanderer in die Bundesrepublik Deutschland kommt. Auch das gehört zur Vollständigkeit des Bildes dazu.«[6]
Die CDU im Allgemeinen und Bundeskanzler Friedrich Merz im Speziellen kreiert mit seinen Aussagen Feindbilder. Der französische Philosoph Étienne Balibar bezeichnet in diesem Zusammenhang Rassismus als politisches Instrument, um die »Zersetzung des Klassenbewusstseins« voranzutreiben.[7]
Der gleichen Strategie folgend wird von der CDU nach unten getreten und gegen Bürgergeldempfänger:innen gehetzt. Es wird ein Diskurs befeuert, der Bürgergeldempfänger:innen als Menschen darstellt, die sich im Sozialstaat ausruhen, faul seien und den Steuerzahler:innen auf der Tasche liegen würden. Nachdem Generalsekretär Carsten Linnemann die vermeintlichen Einsparungen durch die Abschaffung des Bürger:innengeldes wiederholt nach unten korrigieren musste, gab er letztlich zu, dass es besonders darum gehe, dass Leute den Sozialstaat wieder als gerecht empfinden sollten.[8] Es ging der CDU also von Anfang bei der Abschaffung des Bürger:innengeldes nicht darum, reale Einsparungen durch Reformen zu manifestieren, sondern einem Gefühl der Menschen gerecht zu werden, die den Sozialstaat als zu gönnerisch empfinden. Dass der Sozialstaat überhaupt als zu gönnerisch empfunden wird, ist zu einem Großteil dem von der CDU manifestierten sozialchauvinistischen Diskurs zu verdanken. Laut einer Forsa-Umfrage halten 64 Prozent der Deutschen den Sozialstaat in seiner bisherigen Form für nicht mehr finanzierbar.[9] Mit ihrer Spaltungspolitik manifestiert die CDU diese Position in der Bevölkerung – gut für die CDU, denn wer nach unten tritt, kann nicht gleichzeitig nach oben buckeln.
Die SPD – Genosse der Bosse?
Im Zentrum des Konflikts der SPD und der CDU stehen ihre unterschiedlichen wirtschaftspolitischen Ansätze. Im Gegensatz zur Union plädiert die SPD für einen aktiv intervenierenden Staat: Über strategische Investitionen sollen die Produktionskreisläufe und die Konsumnachfrage angeregt werden – auch durch staatlich erzwungene Mobilmachung von privatem Kapital. Die Absicherung von Mindeststandards der Sozialversicherungen dient dabei mitunter dazu, das Lohnniveau zu stabilisieren und Konsumnachfrage zu garantieren.[10] Letztlich handelt es sich dabei nur um eine Nachverhandlung der neoliberalen Reformen der Agenda 2010, ohne jedoch deren strukturelle Verhältnisse anzutasten. Trotzdem stemmt sich die Union vehement gegen diese Reformen, insbesondere eine mögliche Vermögenssteuer ist der CDU ein Dorn im Auge.
Doch auch innerhalb der SPD gibt es Flügelkämpfe um die konkrete Schwerpunktsetzung, welche sich im Duo der beiden Co-Parteivorsitzenden widerspiegeln. Während Finanzminister Lars Klingbeil dem Parteirechten »Seeheimer Kreis« zugerechnet wird, gilt Arbeitsministerin Bärbel Bas eher als Teil des linken Flügels. Sie beide teilen sich dabei auch in ihrer öffentlichen Kommunikation folgende Aufgaben:
Während Bärbel Bas gegen Forderungen der Union nach weiteren Kürzungen des Sozialstaats Widerspruch einlegte, positionierte sich Klingbeil klar in vermeintlich pragmatischer staatspolitischer Verantwortung. Deutlich machte Klingbeil dies durch seine Rede bei der Bertelsmann-Stiftung am 25. März – ausgerechnet der Stiftung, die bereits maßgeblich an der Erarbeitung der Agenda-2010 beteiligt war:
»Wir alle wissen: Deutschland braucht grundlegende Reformen. Mein Gefühl ist, die Menschen in unserem Land sind auch bereit, Opfer zu bringen und Veränderungen zu akzeptieren. Aber sie wollen, dass es gerecht zugeht und sie keiner Willkür ausgesetzt sind. Das muss die Messlatte für unsere Reformen sein.«[11];[12]
Damit Deutschland wieder Weltmarktführer werden könne, müssten die Deutschen also mehr arbeiten. Da jedoch in den Augen Klingbeils viele Angehörige der sogenannten »arbeitenden Mitte« bereits an der Belastungsgrenze stünden, sollen dazu andere Potenziale aktiviert werden. Konkret heißt das: Teilzeitquoten verringern, mehr Frauen in Vollzeitarbeit bringen, die Lebensarbeitszeit verlängern und durch Sozialstaatsabbau den Druck auf Arbeiter:innen in Niedriglohnsektoren und auf Erwerbslose erhöhen.
»Zuwanderung allein wird aber nicht ausreichen. (…) Wir werden als Gesellschaft insgesamt mehr arbeiten müssen. (…) Ich will, dass wir ein System schaffen, in dem sich Leistungsbereitschaft auszahlt. In dem es sich lohnt, mehr zu arbeiten.«
Die SPD ist sich momentan zu den Forderungen Klingbeils uneinig. Es gibt sowohl Stimmen, die bereit sind, Klingbeils Weg mitzugehen, es regt sich aber auch Widerstand gegen den anstehenden sozialen Kahlschlag in den eigenen Reihen. Welche Richtung sich am Ende innerhalb der SPD durchsetzt, wird ausschlaggebend für die Zukunft der Partei sein. Die Politik der Agenda 2010 hat der SPD in den letzten Jahrzehnten massiv geschadet.
Die historisch schlechten Landtagswahlen in Baden-Württemberg sind für die SPD die Fortsetzung einer Aneinanderreihung von Niederlagen. Bundesweit steht sie unter 14 %, ein Allzeittief.[13] Mit dem Vertrauensverlust innerhalb der Arbeiter:innenklasse seit der Agenda 2010 hat die SPD bis heute zu kämpfen. Nun ist die SPD Juniorpartner in einer Regierung, die genau diese neu auflegen will – und das noch drastischer. Es wird sich zeigen, ob die SPD wirklich bereit ist, die Agenda 2030 mitzutragen und somit die Bedrohung in Kauf zu nehmen, sich als Volkspartei endgültig zu verabschieden.
In der Uneinigkeit vereint – ein Jahr GroKo in der Dauerkrise
Doch nicht nur innerhalb der SPD herrscht Uneinigkeit. Seit Regierungsantritt kriselt es zwischen den beiden Regierungsparteien. Mit den Ergebnissen der letzten Bundestagswahlen gingen sowohl die SPD, wie auch die CDU vor gut einem Jahr geschwächt in die große Koalition. Die SPD hatte über 9 % an Stimmen verloren, die CDU hatte zwar einen geringen Zuwachs zu verzeichnen, jedoch war dieser im Vergleich zu den Gewinnen der AfD bedeutend geringer. Durch das Scheitern der Ampel erbte die Koalition eine gesellschaftliche Stimmung des Misstrauens und des Zweifelns in Politik und Regierung. Zum Amtsantritt im Mai 2025 kündigte Bundeskanzler Merz einen Herbst der Reformen an und versprach den Bürger:innen, dass sie dadurch schon bald gravierende Verbesserungen im alltäglichen Leben spüren werden. Zum Besseren veränderte sich an den Lebensumständen der Mehrheit der Bevölkerung seitdem nichts. Durch die steigende Inflation wurden die Lebensumstände der Meisten sogar prekärer. Der sogenannte Herbst der Reformen beinhaltete, entgegen Merz’ Versprechungen, niemals Maßnahmen, um das Leben der Vielen zu verbessern. Dieses Maßnahmenpaket sollte besonders Sozialleistungen reformieren – weg von Absicherungen hin zu mehr Eigenverantwortung und Aktivierung. Doch bis heute gelang es der GroKo nicht, dieses Reformpaket umzusetzen. Mit Trumps neuer Zollpolitik, der Energiekrise und jüngst den Angriffen auf den Iran verschlechterte sich die deutsche Wirtschaftslage massiv. Statt selbst ins Handeln zukommen, fährt die Koalition seit einem Jahr besonders eine reaktive Politik. Die versprochenen Reformen traten in den Hintergrund – auch weil sich durch die schlechte Wirtschaftslage die Uneinigkeit beider Regierungsparteien noch verschärfte. So wurde ein Jahr viel geredet und versprochen, aber wenig beschlossen. Die Verantwortung dafür schieben sich SPD und CDU gegenseitig in die Schuhe. Laut CDU blockiert die SPD, laut SPD sei die CDU nicht kompromissbereit. Die Folgen dieser Uneinigkeit und damit verbundenen Handlungsfähigkeit sind in der Bevölkerung deutlich zu spüren: Merz ist der unbeliebteste Kanzler, Umfragewerte liegen im Keller und aus den eigenen Reihen, sowohl von SPD wie auch CDU werden kritische Stimmen zum Regierungshandeln lauter.
Die Regierung scheint sich ihres schlechten Rufes bewusst zu sein und bemüht sich nun gegenzusteuern. Merz kündigte jüngst auf der Messe in Hannover an, dass es nun wirklich losginge mit den Reformen. Anscheinend wird nun versucht, verlorenes Vertrauen durch konkretes Handeln zurückzugewinnen. Letzte Woche wurden erste konkrete Reformen im Bundestag beschlossen, die eine Vorstellung davon geben, in welche Richtung die zukünftige Politik der GroKo gehen kann. Mit der Gesundheitsreform wurde ein erstes Sparpaket beschlossen, das massive Auswirkungen auf die Bevölkerung haben wird. Die beitragsfreie Mitversicherung von Ehepartner:innen soll beendet werden, Zuzahlungen für Medikamente werden erhöht und eine Teilkrankschreibung von 25-75% soll eingeführt werden. Hierbei sollen laut Regierung 16,3 Milliarden eingespart werden. Weitere Kürzungspläne scheinen schon auf dem Weg zu sein. Für Kanzler Merz ist die Rente laut eigener Aussage künftig nur noch Basisabsicherung. Ein vom paritätischen Gesamtverband geleaktes Papier zeigt konkrete Pläne, wie bei den Verwundbarsten unserer Gesellschaft weiter eingespart werden soll – dieses Papier enthält 70 Vorschläge zur konkreten Kürzungsmaßnahmen in der Kinder-, Jugend- und Behindertenhilfe.
Wenn die Regierung nun wirklich diesen Weg der Kürzungen und Streichungen konsequent gehen sollte, lässt sich erahnen, was in den nächsten Monaten noch kommen wird. Ob durch diesen sozialen Kahlschlag Vertrauen in die Regierung zurückgewonnen wird, bleibt mehr als fraglich.
Hoffnung durch Widerstand organisieren
Es ist klar – der Druck auf die SPD, erneut bei Kürzungen des Sozialstaats mitzuwirken, wird in nächster Zeit weiter steigen. Es hängt besonders an ihr: Wird sie diesen Weg der Sparmaßnahmen mitgehen oder regt sich Widerstand, wodurch wahrscheinlich das Ende der GroKo eingeleitet werden würde?
Egal wie sie sich entscheidet, ist der Auftrag für die Linke eindeutig: dem bevorstehenden Klassenkampf von oben eine sozialistische Perspektive, verbunden mit einem deutlichen „Oben-Unten” Gegnerbezug, entgegenzustellen und das Spardiktat scharf zu verurteilen. Die Mehrheit der Bevölkerung hat sie dabei auf ihrer Seite. Obwohl zwei Drittel den Sozialstaat als nicht mehr finanzierbar halten, werden konkrete Maßnahmen weiterhin mehrheitlich abgelehnt.[14]
Aktuell ist es vor allem die AfD, die es schafft, sich als Systemopposition darzustellen. Ihre Antwort auf reale Abstiegserfahrungen und die Entfremdung der Bevölkerung von der herrschenden Politik ist Rassismus und Spaltung. Um dem entgegenzuwirken, braucht es erfahrbare Klassensolidarität. Diese fällt nicht vom Himmel, sondern muss akribisch organisiert werden. Für Gewerkschaften bedeutet dies – anders als 2004 – auf emanzipatorische und beteiligungsorientierte Streiks zu setzen, anstatt auf Krisenkorporatismus, Stellvertretertum und Sozialpartnerschaft. Für die Partei Die Linke wird es dann brisant, wenn sie sich den Schuh der Krisenverwaltung und des Sozialabbaus selbst anzieht. Dies kann in einer möglichen Regierungsbeteiligung in Sachsen-Anhalt im September Realität werden. Für uns ist klar: Die Linke kann niemals eine Partei sein, die Sozialkürzungen mitträgt, sondern ist die Partei, die Protest dagegen organisiert. In Zeiten wie diesen ist sie Opposition, die eine solidarische Alternative formuliert. Dies ist wichtiger denn je, denn nur so wird es gelingen den Faschist:innen das Wasser abzugraben und gemeinsam eine hoffnungsvolle, solidarische Alternative aufzubauen.
- https://www.tagesschau.de/inland/deutschlandtrend/deutschlandtrend-april-100.html ↑
- https://tradingeconomics.com/germany/full-year-gdp-growth#↑
- https://www.tagesschau.de/wirtschaft/weltwirtschaft/oecd-wachstum-deutschland-100.html#:~:text=%222025%20ist%20Deutschland%20das%20Schlusslicht,mit%20einer%20starken%20Industrie%20geh%C3%B6ren. ↑
- https://www.bundestag.de/dokumente/textarchiv/2003-03-14-agenda2010-211202 ↑
- https://www.thepioneer.de/originals/thepioneer-briefing-business-class-edition/podcasts/carsten-linnemann-agenda-2010-war-pillepalle-oder-vereinigte-staaten-von ↑
- https://www.youtube.com/shorts/qxe8QkFR03s ↑
- Balibar, Étienne (1990): „Gibt es einen Neo-Rassismus?“ In: Balibar, Étienne/Wallerstein, Immanuel: Rasse, Klasse, Nation. Ambivalente Identitäten. Hamburg/Berlin: Argument-Verla ↑
- „Ukraine, Bürgergeld, Springer-Journalismus, DLF Jahresrückschau, Meinungsfreiheit, superreiche Familien, reich bleiben“ [1:26h] In: Die Neuen Zwanziger. https://steady.page/en/neuezwanziger/posts/fa372d8a-a735-46fd-878f-69a194e72b69 ↑
- https://www.t-online.de/nachrichten/deutschland/innenpolitik/id_101122326/sozialstaats-debatte-mehrheit-der-deutschen-teilt-merz-kritik-.html ↑
- https://mehr.spd.de/custom-static-assets/documents/Regierungsprogramm.pdf↑
- https://www.bundesfinanzministerium.de/Content/DE/Reden/2026/2026-03-25-lars-klingbeil-bei-bertelsmann-stiftung.html ↑
- https://www.youtube.com/watch?v=H-w-_Xtgipw ↑
- https://dawum.de/Bundestag/ ↑
- ttps://www.finanznachrichten.de/nachrichten-2026-02/67664025-umfrage-klare-mehrheit-gegen-abschaffung-der-rente-mit-63-003.htm ↑
Foto: [European Union] / Wikimedia Commons / CC BY-SA 4.0



