Im Interview erklärt der niederländisch-iranische Historiker Peyman Jafari, dass er sich nichts sehnlicher wünscht, als den Sturz des Regimes in seinem Heimatland Iran. Doch dieser Krieg weckt in ihm Erinnerungen an frühere Aufstände im Iran, bei denen die Bevölkerung gewaltsam unterdrückt wurde. Wie kann man sich also mit den unterdrückten Menschen solidarisieren, und zwar auf eine Weise, die allen gerecht wird?
Interview durchgeführt von Rinke Verkerk am 18.03.26 Übersetzung: Niklas Barth
Seit Jahrzehnten versuchen die Iraner:innen, sich von dem Regime zu befreien, das sie seit 1979 mit eiserner Hand regiert und unterdrückt. Doch Proteste werden gnadenlos niedergeschlagen. Ein grausamer Tiefpunkt war der Aufstand zu Beginn dieses Jahres, als die Behörden mindestens 6.488 protestierende Iraner:innen töteten[1]. Weitere Zehntausende wurden festgenommen. Die Verzweiflung ist mittlerweile so groß, dass ein Teil der iranischen Bevölkerung um eine militärische Intervention bat.[2]
Am 28. Februar griffen die Vereinigten Staaten und Israel den Iran an. Dieser Krieg ist ein eklatanter Verstoß gegen das Völkerrecht, denn selbst das Pentagon hat eingeräumt[3], dass es keine Hinweise auf einen iranischen Plan gab, die USA oder Israel anzugreifen.
Bei den israelisch-amerikanischen Bombardements werden nicht nur Ziele des Regimes getroffen. Bereits am ersten Tag bombardierten die USA eine Schule und töteten dabei 168 Mädchen.[4] Im Iran nimmt die Zahl der Toten und die Zerstörung zu. Die iranischen Gegenangriffe weiten sich auf die gesamte Region aus und Israel treibt im Schatten dieses Krieges die Annexion Palästinas[5] und des Libanons voran. Während all dem steht Europa daneben und schaut zu.
Betroffene Zivilisten – Iraner:innen, Palästinenser:innen, Libanes:innen – rufen die Menschen im Westen zur Solidarität auf.[6] So scheint ein Teil der Iraner:innen zu wollen, dass Israel und die USA vorerst freie Hand bekommen und das Völkerrecht vorübergehend außer Kraft gesetzt wird, damit das Regime bombardiert werden kann und hoffentlich fällt. Gleichzeitig haben Palästinenser:innen und Libanes:innen nur dann eine Überlebenschance, wenn Israel und die USA in Schach gehalten werden und das Völkerrecht gewahrt bleibt.
Doch wie sieht Solidarität mit unterdrückten Völkern aus, wenn diese scheinbar widersprüchliche Formen der Unterstützung fordern? Zumal es zudem schwierig ist, wirklich zu erfassen, was die Iraner:innen im Iran selbst wollen, da das Regime die Bevölkerung durch die Sperrung des Internets mundtot macht?[7]
Peyman, wie geht es dir?

Peyman Jafari ist ein niederländisch-iranischer Historiker mit Fachkenntnissen in den Bereichen Arbeit, Öl und soziale Revolutionen. Er arbeitet am College of William & Mary wo er die politischen und internationalen Beziehungen des Iran und Westasiens erforscht.[8]
Wir alle wünschen uns nichts sehnlicher als ein anderes Regime im Iran, ich auch. Und ich verstehe, dass die Menschen hoffen, die Befreiung käme durch Bomben vom Himmel. Aber persönlich glaube ich, dass dieser Krieg die Welt nur unsicherer macht. Wir alle sehen den Völkermord in Gaza, der von eben jenem genozidalen Staat und dessen abscheulichen Diktator begangen wird: Diese Leute haben keine Demokratie im Sinn.
Meine iranischen Freund:innen und Bekannte sagen: »Wir wissen auch, dass Israel und den USA das Schicksal der iranischen Bevölkerung nicht am Herzen liegt. Mach dir klar, wie groß unsere Verzweiflung unter dem islamischen Regime ist, dass wir diese Intervention trotzdem begrüßen, auch wenn es ein großes Risiko ist.« Kannst du das nachvollziehen?
Der Iran ist ein Land voller Traumata. Die Menschen leben alle mit tiefem Schmerz darüber, was ihnen genommen wurde. Ich auch. Ich habe Anfang der achtziger Jahre den Irak-Iran-Krieg miterlebt, wurde zum Flüchtling – meine Schulzeit ist ein schwarzes Loch des Überlebens. Meine Eltern haben ihre eigenen Traumata. Und dabei bin ich noch ein Mann. Ich kann mir nur vorstellen, wie es für Frauen sein muss, unter diesem Regime zu leben.
Ich verstehe also die Emotionen, wenn Menschen den Tod von Ayatollah Ali Khamenei bejubeln. Endlich ist er weg. Diese Emotion habe ich auch! Aber das bedeutet nicht, dass ich mit der Art und Weise des Ablaufs einverstanden bin. Dass aus dem Entsetzen über dieses Regime – das ich kenne, das ich auch empfinde, weil ich ebenfalls unter diesem Regime aufgewachsen bin und wegen ihm aus dem Iran geflohen bin – logischerweise folgen würde, dass wir diesen Krieg unterstützen müssen, da bin ich ganz anderer Meinung.
Wir müssen weiterdenken, sonst geraten wir in dieselbe Massenhysterie wie 1979. Damals liefen alle, die während der Revolution gegen den Schah waren, plötzlich Ruhollah Khomeini hinterher. Dieser riss daraufhin viel Macht an. Spulen wir vor bis heute und der Sohn des Schahs, Reza Pahlavi, wird als sogenannter Erlöser ins Rampenlicht gerückt. Die Dynamik ist dieselbe.
Ist das so eine Bruchlinie, von der du sprichst? Wer diesen Krieg kritisch sieht, wird als Hindernis für die Revolution abgetan?
Genau. Während der Revolution 1979 lautete die Parole der Anhänger von Ruhollah Khomeini, die gegen den Schah aufstanden: »Das Kopftuch oder ein Knüppel auf den Kopf.« Ähnliches sehe ich jetzt auch bei Pahlavi kommem. Als müsste man sich zwischen Pahlavi oder einem Knüppel auf den Kopf entscheiden. Doch es funktioniert! Menschen, die früher nicht viel von Pahlavi hielten, schwärmen jetzt aus einer Art »Fear of Missing Out« für ihn.
In den vergangenen 47 Jahren, in denen Reza Pahlavi in den USA lebt, ist es ihm nicht einmal gelungen, seine eigene Anhängerschaft zu organisieren oder Koalitionen zu bilden – geschweige denn ein Netzwerk im Iran selbst aufzubauen. Deshalb drängt er die USA und Israel dazu, ihn durch einen Krieg im Iran an die Macht zu bringen. Er ist ein rechtsradikaler verlängerter Arm von Trump und Netanjahu.[9]
Pahlavis Anhängerschaft ist in den letzten Jahren gewachsen, unter anderem weil die beiden großen persischsprachigen Fernsehsender, die von England und den USA aus operieren und vermutlich von Israel und Saudi-Arabien finanziert werden, zu seinem Sprachrohr geworden sind.[10] Ihre PR-Kampagne findet Anklang bei Iraner:innen, die nach einer Alternative suchen, die sie vereinen kann. Er vertritt einen Teil der Iraner:innen und muss daher auch eine politische Rolle spielen. Das Problem ist, dass seine fanatischen Anhänger, die vor allem außerhalb des Iran und im Internet aktiv sind, nicht vor Aggressionen zurückschrecken, um andere Stimmen zum Schweigen zu bringen.
Ihre Denkweise: Entweder bist du auf unserer Seite oder auf der des Regimes.[11]Diese Aggression richtet sich nun gegen diejenigen, die Zweifel an den »positiven« Folgen des Krieges äußern. Als die bekannte iranische Schauspielerin Golshifteh Farahani im französischen Fernsehen Trumps gute Absichten anzweifelte, wurde sie mit so viel Hass konfrontiert – nicht von unbekannten Online-Accounts, wie Reza Pahlavi behauptet, sondern von seinen bekannten Anhänger:innenn [12]–, dass sie aus Angst eine Entschuldigung abgab.
Durch solche Einschüchterungen trauen sich viele Iraner:innen, die sich zwar einen demokratischen Iran wünschen, aber gegen den Krieg sind, nicht, ihre Meinung zu sagen. Das schafft ein verzerrtes Bild von der Vielfalt innerhalb der iranischen Diaspora.
Warum sprichst du dann?
Ich habe irgendwann beschlossen, mich nicht selbst zu zensieren, auch wenn das seinen Preis hat. Denn dann würde ich nämlich dem nachgeben, was die Islamische Republik tut, die den Menschen ebenfalls Schweigen auferlegt, Journalisten zensiert und ihre Familien einschüchtert.
Als Außenstehender habe ich den Eindruck, dass das, was die Iraner:innen benötigen, im krassen Gegensatz zu dem steht, was die Palästinenser:innen brauchen. Wie sieht Solidarität aus, wenn unterdrückte Völker so gegensätzliche Dinge brauchen?
Dann muss man die Sache zunächst aus amerikanischer und israelischer Perspektive betrachten. Sie haben den Iran angegriffen und eskalieren nun die Lage. Sie haben keinen Plan für die Zeit danach, und das ist ihnen auch egal. Journalist:innen und Politiker:innen wundern sich dort immer wieder darüber, so nach dem Motto: Der Plan, wo ist der Plan? Aber der Plan ist, keinen Plan zu haben. Zu zeigen, dass sie die Macht haben, zu zerstören, was sie wollen, wann sie wollen: Das ist der ganze Plan.
Es gibt allerdings einen Unterschied zwischen den Vereinigten Staaten und Israel. Denn Trump will – vermute ich – ist einen von den USA kontrollierten Übergang zu einem geschwächten Regime, wie in Venezuela, um anschließend ein pro-amerikanisches Regime zu installieren. Dann kann er auf iranischem Territorium ein zweites Israel schaffen: eine noch größere militärische Machtbasis in Westasien. Das wird ihm nicht gelingen, denn der Iran ist nicht Venezuela. Und Netanjahu weiß das. Aber er hat Trump in diesen Krieg hineingezogen, weil sein bevorzugtes Szenario ist, das der Iran im Chaos auseinanderfällt, sodass er jederzeit den Iran bombardieren kann.
Was will Netanjahu damit erreichen? Parallel zu diesem Krieg greift Israel den Libanon extrem hart an, annektiert große Landstriche im Westjordanland und die Aufmerksamkeit für Gaza lässt noch weiter nach. Wie hängt das alles zusammen?
Netanjahu will ein Groß-Israel.[13] Wenn man das Projekt Israel als Ganzes betrachtet, wird sehr deutlich, was Israel derzeit im Iran tut. Die selbsternannten Zionisten, die 1948 Israel gründeten, taten dies, indem sie die Palästinenser:innen mit Gewalt und Terror vertrieben[14]. Dagegen regte sich natürlich Widerstand, sowohl von Palästinenser:innen als auch von anderen Araber:innen. Das war kein islamischer Widerstand: Es war ein säkularer, nationalistischer Widerstand. Nicht nur gegen Israel, sondern im weiteren Sinne gegen die kolonialen westlichen Mächte, die die Region beherrschten.
Israel versuchte, diesen arabischen Widerstand zu brechen; zuerst 1948 und dann 1956, als es gemeinsam mit England und Frankreich Ägypten angriff, weil der ägyptische Präsident Nasser den Suezkanal verstaatlicht hatte. Da Ägypten auch danach weiterhin die palästinensische Sache unterstützte, griff Israel das Land 1967 erneut an. Der säkulare arabische Nationalismus erlitt damals eine schmerzhafte Niederlage und verlor seinen Glanz, aber der Widerstand gegen Israel unter der arabischen Bevölkerung war natürlich nicht verschwunden. Von diesem Moment an begann der islamische Widerstand langsam mehr Unterstützung zu gewinnen. Der politische Durchbruch kam mit der islamischen Revolution von 1979 im Iran.
Nachdem die USA 2003, unter anderem durch die Lobby von Netanjahu[15], das Regime von Saddam Hussein im Irak gestürzt hatten, richtete Israel seinen Blick auf den Iran, der den palästinensischen Widerstand und die Hisbollah unterstützte, die 1982 als Reaktion auf die israelische Besetzung des Libanon gegründet worden war.
Aus dieser langen historischen Perspektive betrachtet, ist das Ziel Israels klar: die Vernichtung all dessen, was der vollständigen Unterwerfung der Palästinenser:innen und der Annexion des Gazastreifens und des Westjordanlands, der syrischen Golanhöhen und sogar Teilen des Libanon im Wege steht.
Ist die Errichtung des islamischen Regimes im Iran deiner Meinung nach eine direkte Folge des Niedergangs des säkularen Nationalismus in der Region?
Ja. Dazu müssen wir noch einmal in die 1950er Jahre zurückgehen. Zeitgleich mit den arabischen Ländern erlebte auch im Iran der säkulare Nationalismus einen Aufschwung. 1951 wurde dort der progressive Mohammad Mosaddegh zum Premierminister gewählt. Er wollte das Land demokratisieren, die Macht des Schahs einschränken, dem Parlament mehr Macht geben und das Öl verstaatlichen.
Das war natürlich nicht vorgesehen. 1953 halfen die USA und Großbritannien[16] dem Schah – dem Vater von Pahlavi – bei der Durchführung eines Staatsstreichs.[17] Mosaddegh wurde abgesetzt, Tausende Menschen wurden verhaftet, Dutzende hingerichtet. Säkulare Organisationen wie Gewerkschaften sowie linke und nationalistische Parteien wurden verboten.
Als Krönung des Ganzen halfen die CIA und der Mossad dem Schah 1957 dabei, seinen berüchtigten Geheimdienst SAVAK aufzubauen. Da die säkularen Kräfte unterdrückt wurden, erhielten die Islamisten immer mehr Raum, sich als Opposition gegen den Schah zu profilieren, der in den 1970er Jahren immer autoritärer wurde. Schließlich wurde der Schah 1979 vertrieben und Khomeini wurde zum obersten Führer.
Wie siehst du die Bilder, die jetzt wieder in den sozialen Medien kursieren, aus dieser Ära des Schahs? Von iranischen Frauen ohne Kopftuch, im Minirock, als wäre das die Blütezeit der Freiheit gewesen?
Das ist ein nostalgischer Mythos.[18] Ein kleiner Teil der Frauen aus der Mittelschicht sah damals so aus, aber wenn man sich etwas mehr Bilder aus den 1970er Jahren ansieht[19], dann sieht man, dass die meisten Frauen ein Kopftuch trugen, dass die Ungleichheit groß war und dass viele noch in Armut lebten. Der Schah selbst war auch nicht gerade ein Feminist[20]. Angesichts des Trümmerfeldes der Islamischen Republik ist es verlockend, die Pahlavi-Zeit in rosigen Farben zu sehen, aber das ist fehl am Platz.
Warum reagiert das westliche Publikum so empfindlich auf diese Bilder?
Das ist der Orientalismus: Wenn Menschen weißen Westlern ähneln, dann sind sie gut und frei. Deshalb betreiben auch viele Iraner:innern Selbst-Orientalismus[21], aus dem Wunsch heraus, weiß zu sein.[22] Dies hat seine Wurzeln im »arischen Mythos«, der Ende des 19. Jahrhunderts von Deutschland nach Iran schwappte und ab den 1930er Jahren von den Pahlavis als Kern des persischen Nationalismus propagiert wurde.[23]
In diesem rassistischen Nationalismus sind Iraner:innen als Nachkommen der Perser:innen, die »arisch« waren, mit weißen Europäer:innen verwandt. So konnte der Schah behaupten, dass sich die Iraner:innen durch die Rückkehr zum vorislamischen »Persischen Reich« mit dem modernen, weißen Europa verbinden und sich gegen die Araber:innen abgrenzen könnten.
Dieser arische Nationalismus geht auch mit einer gehörigen Portion Islamfeindlichkeit einher, da »der Islam« und »die Muslime« für alle Probleme im Iran verantwortlich gemacht werden. Dabei wird »der Islam« auf die konservativste Ausprägung reduziert, die von den derzeitigen Machthabern propagiert wird.
Ich nenne es »giftigen Zivilisationsnationalismus«. In Teilen der iranischen Diaspora, vor allem unter den Anhänger:innenn der Pahlavi-Dynastie, dominiert diese Haltung. So wird bei manchen Demonstrationen gerufen: »Wir sind Arier und verehren keine Araber!« Das erklärt auch, warum Teile der iranischen Diaspora während des Völkermords in Gaza mit israelischen Flaggen winkten und pro-palästinensische Demonstrierende angriffen. Das geschah nicht nur nach der Logik »Der Feind meines Feindes ist mein Freund«, sondern auch, weil die Unterstützung Israels und die Ablehnung von Muslim:innen und Araber:innen ein Weg ist, auf der rassischen Leiter höher zu steigen.
Vertreten diese Pahlavi-Anhänger das Gedankengut Pahlavis dann korrekt?
Reza Pahlavi ruft gelegentlich dazu auf, sich nicht gegenseitig zu beschimpfen, aber seine eigene Frau und die von ihm eingesetzten Berater tun genau das, und zwar häufig. Seine Frau hat den Slogan »Tod den Mullahs, Mudschaheddin und Linken« populär gemacht.[24] Seine obersten Berater Saeed Ghasseminejad und Amir Etemadi verfolgen einen autoritären Ansatz und geben einschüchternde Äußerungen von sich: Sie loben beispielsweise den chilenischen Diktator Augusto Pinochet wegen dessen Unterdrückung der Linken nach dem Staatsstreich von 1973.[25]
Auch in anderen Bereichen sehen wir eine sehr reaktionäre, rechtsradikale Politik um Reza Pahlavi. Sie sind nicht nur gegen die Islamische Republik , was ich auch bin, sie stehen für den Trumpismus.
Inwiefern? Woran erkennt man das?
Es ist kein Zufall, dass sie ihre Bewegung »Make Iran Great Again« nennen. Diese ideologische Verbundenheit zeigt sich auch in ihrem rassistischen Nationalismus, ihrem Kreuzzug gegen »Globalismus«, »Woke« und die Linke.
Erinnerst du dich noch daran, als 2022 im Iran Zehntausende auf die Straße gingen, nachdem Mahsa Amini von der Religionspolizei getötet worden war? Das war wirklich ein Wendepunkt in der Geschichte. Der Slogan dieser Proteste – Jin, Jiyan, Azadi (Women, Life, Freedom) – wurde unterdrückt. Im Iran durch das Regime, aber außerhalb des Landes durch Anhänger der Pahlavis.[26] Ich hörte bei einer Demonstration jemanden buchstäblich durch das Megafon rufen: »Wir müssen weg von Women, Life, Freedom. Alle müssen sagen: Es lebe der König!«
Was steckt dahinter?
»Frauen, Leben, Freiheit« ist ein progressiver Slogan. Es geht um Gleichberechtigung, um universelle Freiheit. Der Slogan zeigt auch, dass man sich solidarisch zeigt, zum Beispiel mit ethnischen Minderheiten im Iran.
Das kollidiert jedoch mit dem persischen Nationalismus einiger Pahlavi-Anhänger, die die Kurd:innen und Araber:innen, die für ihre eigenen Rechte eintreten, als seperatistisch abtun. Die Abneigung gegen diesen Slogan verrät bei manchen auch, dass sie sehr oberflächlich über Frauenrechte nachdenken, nach dem Motto: Weg mit dem Kopftuch. Aber wenn andere Aspekte der Geschlechtergleichstellung zur Sprache kommen, zum Beispiel für LGBTQI*-Personen, dann ist das alles »woke«.
Reza Pahlavi verspricht auch, dass er ein großer Freund Israels und Amerikas sein wird. Israel verlässt sich darauf nicht blind, denn sein Vater, der Schah, stand in seinen letzten Jahren Israel und dem Zionismus kritisch gegenüber, da er durch die Öleinnahmen mehr Selbstvertrauen gewonnen hatte. In der Zwischenzeit wurde jedoch von Israel aus eine millionenschwere Kampagne geführt, um Pahlavi in den sozialen Medien als den zukünftigen Führer des Iran zu präsentieren.[27]
Was bedeutet es, dass die USA und Israel Reza Pahlavi als legitimen Führer des Iran ins Rampenlicht rücken? Gehört dieser Angriff auf den Iran in diesem Sinne zum selben Projekt wie der Völkermord in Gaza: ein stärkeres oder sogar größeres Israel und eine dominierende USA?
Ja. Der Plan ist Turbo-Imperialismus. Die Menschen vergessen, dass mit diesem Krieg auch eine Botschaft an andere Gegner der USA gesendet wird. Es werden sehr viele sehr schwere Bomben abgeworfen, es werden neue Waffen eingesetzt, es wird Krieg mit KI geführt. Die USA zeigen Russland und China so theatralisch und gewalttätig wie möglich: Wir bestimmen, welches Land wann und auf welche Weise angegriffen wird.
Dieser Krieg dient also nicht nur dazu, den Iran in ein zweites Israel zu verwandeln oder ein Groß-Israel zu ermöglichen: Er soll die Welt verändern. Und zwar so endgültig, dass der amerikanische Imperialismus in den kommenden Jahrzehnten dominant bleibt. Verbündete wie Europa können wählen: mitmachen oder bestraft werden. Wenn Spanien sagt: Ihr dürft unseren Militärstützpunkt nicht nutzen, dann wird Spanien bestraft. Man hörte den belgischen Premierminister im Januar dieses Jahres in Davos sagen: »Ein glücklicher Vasall zu sein ist eine Sache, ein unglücklicher Sklave zu sein eine andere.«[28]
Mit anderen Worten: Europäische Staats- und Regierungschefs wollen nicht so behandelt werden, wie sie und die USA die Länder des globalen Süden behandeln. Deshalb sieht man, dass unser [niederländische] Ministerpräsident Verständnis für den israelisch-amerikanischen Krieg gegen den Iran zeigt und der deutsche Bundeskanzler wörtlich sagt, dass das Völkerrecht für den Iran nicht gelte.[29]
Ich muss an jenes Büchlein des iranischen Schriftstellers Jalal Al-e-Ahmad aus dem Jahr 1962 denken, das von der »westlichen Krankheit« (Gharbzadegi) handelt.[30] Darin bezeichnet er die westliche Herangehensweise an das Leben, Beziehungen, Politik und das Zusammenleben als »maschinell«: die moralische Laxheit, die soziale Ungleichheit, die Liebe zum Geld. Er warnt die Iraner:innen davor, sich davon anstecken zu lassen, da es sie kulturell von sich selbst entfremden würde.
Jalal Al-e-Ahmads Werk wurde vom derzeitigen Regime vereinnahmt, um den pervertierten Antiimperialismus zu rechtfertigen, mit dem es die Unterdrückung der Iraner:innen und die Abschottung des iranischen Volkes vom Rest der Welt rechtfertigt. Sehr viele Menschen, auch ich, sind darüber wütend. Aber gleichzeitig ist auch die Wut über jahrzehntelangen westlichen Imperialismus und Kolonialismus nicht verschwunden. Die Iraner:innen haben sich immer gegen die innenpolitische Diktatur gewehrt, so wie sie es in den letzten Jahren tapfer gegen die Islamische Republik getan haben. Aber sie haben auch eine lange Geschichte des Widerstands gegen ausländische Herrschaft.
Die Anhänger:innenschaft des Regimes im Iran mag durch all das Elend im Land geschrumpft sein, aber seit diesen Angriffen gehen die Anhänger:innen jeden Abend auf die Straße. Die Art und Weise, wie Khamenei getötet wurde – er floh nicht, er kroch nicht in einen Bunker – trägt dazu bei. Es herrscht ein Gefühl von »Wir haben durchgehalten – trotz der Sanktionen, trotz des Krieges mit dem Irak, trotz all der Morde. Wir geben nicht auf.« Die USA unterschätzen das.
Siehst du mit deinem Wissen über soziale Revolutionen noch eine Chance für die Iraner:innen, durch diesen Krieg ihre Selbstbestimmung als Volk zurückzugewinnen?
Die Iraner:innen können dieses Regime stürzen. Aber: Dieser Krieg stärkt gerade den Staat, den sie stürzen wollen. Das geben sogar die amerikanischen Sicherheitsdienste zu.[31] Um eine Chance auf eine soziale Revolution zu haben, muss sich ein Volk organisieren können. 1978, ein Jahr vor der Revolution von 1979, gelang das zum Beispiel gut. Demonstrationen gegen den Schah wurden blutig niedergeschlagen, und die Führung des Widerstans erkannte: So schaffen wir es nicht, wir müssen Streiks organisieren. Das gelang, weil sie gut organisiert war, über ein starkes Netzwerk verfügte und ihre Strategien ständig anpassen konnte, da sie vor Ort aktiv war. So konnte sie den Schah dort treffen, wo es wehtat.
In den vergangenen Monaten haben Hunderttausende Iraner:innen ihr Leben für den Sturz dieses Regimes riskiert. Wie gut ist der Widerstand dieses Mal organisiert?
Die Bereitschaft ist enorm. Es gibt zahlreiche Gewerkschaften, Frauen- und Umweltorganisationen. Und diese befinden sich in einem ständigen Katz-und-Maus-Spiel mit dem Staat. Um erfolgreich zu sein, brauchen sie eine Gesellschaft, die als Ganzes stärker wird. Stellen Sie sich die Aktivist:innen als Fische vor, die in der Gesellschaft schwimmen: Das muss ein Ozean sein, der dem Staat die Stirn bietet.
Aber, und hier kommt der Haken: Die amerikanischen und europäischen Sanktionen gegen den Iran haben vor allem diese Massen, eben jenen Ozean, eingeschränkt und geschwächt, nicht den Staat. Und genau das war auch die Absicht. Die Iraner:innen hören das nicht gern, aber eines der Ziele der Sanktionen war es, dass die iranische Wirtschaft implodiert, damit die Menschen aus Frustration und Not auf die Straße gehen. Doch ohne den Spielraum, sich zu organisieren, hat eine solche Revolte keine Chance. Dann wird sie niedergeschlagen. Und dieser Krieg ist das Ergebnis dieses Prozesses.
Sind die Iraner:innen deiner Meinung nach von vornherein chancenlos, auf diesem Weg für Selbstbestimmung zu kämpfen?
Nein. Sie können es schaffen. Vorausgesetzt, sie können die Kräfteverhältnisse richtig einschätzen. Aber genau das hat Reza Pahlavi nicht getan, als er am 8. Januar, als die Demonstrationen bereits seit fast zwei Wochen andauerten, die Menschen aufrief, auf die Straße zu gehen und Polizeistationen zu übernehmen.[32] Die Kräfteverhältnisse waren dafür überhaupt nicht günstig, Menschen wurden niedergemäht. Für Pahlavi ist das ein Spiel, ein Spiel, er geht sorglos mit all diesen Menschenleben um. Und das kann er tun, weil er selbst gemütlich in Amerika sitzt.
Wie verhält sich der Rest des vielfältigen iranischen Volkes dazu? Gibt es andere Bewegungen mit einer Strategie und Unterstützung von außen?
Der Rest der iranischen Diaspora organisiert sich nicht ausreichend. Die Linke ist zersplittert, streitet sich untereinander über Kleinigkeiten und Details. In einer derart zersplitterten Landschaft, in der niemand zusammenarbeiten kann, bringt ein Krieg von außen keine Befreiung. Befreiung kommt nur von innen. Und hier zeichnen sich übrigens bereits Entwicklungen ab: Vor kurzem wurde ein Bündnis von Organisationen gegründet, die eine säkulare, demokratische Republik anstreben.[33]
Ich sehe schon, dass Iraner um Hilfe von außen bitten. Wo sind denn all die Menschen, die für Palästina auf die Straße gegangen sind? Warum setzen sich diese Menschen nicht für den Iran ein?
Natürlich könnten sich immer mehr Menschen für den Kampf der Iraner:innen gegen das Regime einsetzen. Aber im Westen gehen die Menschen massenhaft für Palästina auf die Straße, weil ihre eigenen Regierungen den Kurs Israels mit ihren Steuergeldern erst ermöglichen. Da kann man durch Proteste direkten Einfluss ausüben. Auf die Straße zu gehen gegen das iranische Regime hat diese Wirkung jedoch nicht. Wir haben hier bereits Mark Rutte, der Trump die Stiefel leckt.
Wie sieht Solidarität in diesem komplexen Kräftefeld konkret aus?
Das Ziel muss die gemeinsame Befreiung sein. Der Imperialismus muss bekämpft werden zugunsten eines sozialen und wirtschaftlichen Systems, von dem alle profitieren.
Schritt eins ist Empathie. Jeder muss über seinen eigenen Tellerrand hinausschauen und verstehen, dass der Schmerz eines anderen eine andere Ursache haben kann. Das gilt für den internen Dialog der iranischen Diaspora. Aber es gilt ebenso für verschiedene Völker.
Schritt zwei ist das Verständnis, dass Politik immer geografisch ist. Unsere Kontexte unterscheiden sich. Im Iran hat man es direkt mit einem Regime zu tun, das einem die Freiheit auf der Straße nimmt. Und dieses Regime hat die palästinensische Sache für eigene Zwecke missbraucht. Für viele Iraner:innen fühlt es sich daher so an, als würden sie durch das Aufmarschieren auf die Straße ihre eigenen Unterdrücker unterstützen.
Schritt drei lautet: Bringt alles zusammen. Das größte Hindernis für eine gemeinsame Befreiung ist ein System, in dem die Interessen einer kleinen Elite auf Kosten von uns als Bevölkerung gehen. Diese Eliten, ob nun iranische, amerikanische, europäische oder chinesische, haben mehr miteinander gemeinsam als mit ihren eigenen Bevölkerungen. Und sie versuchen, uns gegeneinander auszuspielen, ein System permanenter Rivalität zu schaffen, in dem wir gefangen sind. Für eine kollektive Befreiung müssen wir begreifen, dass wir letztendlich gemeinsam einem einzigen System gegenüberstehen. Uns dagegen zu organisieren, erfordert sehr viel Geduld. Aber von Bomben wissen wir mit Sicherheit, dass sie keine Befreiung bringen.
- Zahlen stammen von der Menschenrechtsorganisation HRANA, auch deutlich höhere Schätzungen kusieren
https://www.en-hrana.org/the-crimson-winter-a-50-day-record-of-irans-2025-2026-nationwide-protests/ ↑ - https://www.abc.net.au/news/2026-01-30/iranians-begging-donald-trump-intervention/106278760 ↑
- https://www.reuters.com/world/us/pentagon-tells-congress-no-sign-that-iran-was-going-attack-us-first-sources-say-2026-03-02/ ↑
- https://www.unicef.org/press-releases/brutality-war-measured-childrens-lives-hostilities-escalate-iran ↑
- https://responsiblestatecraft.org/israel-annex-west-bank-2675538521/ ↑
- https://www.nporadio1.nl/fragmenten/met-mandy/019cd7a0-5370-7028-9a0e-4a0d26b39a10/2026-03-10-hoe-solidair-zijn-wij-in-het-westen-eigenlijk-echt-met-de-iraanse-vrouw ↑
- https://www.hrw.org/news/2026/03/06/iran-internet-shutdown-violates-rights-escalates-risks-to-civilians ↑
- Kommentar des Interviewten: „Ich verwende den Begriff Westasien, um die Region zu bezeichnen, die gemeinhin als Naher Osten bezeichnet wird. Der Begriff „Naher Osten“ hat seine Wurzeln in der kolonialen Vergangenheit: Aus welcher Perspektive betrachtet ist diese Region die „Mitte“?“ ↑
- https://www.haaretz.com/israel-news/security-aviation/2025-10-03/ty-article-magazine/.premium/the-israeli-influence-operation-in-iran-pushing-to-reinstate-the-shah-monarchy/00000199-9f12-df33-a5dd-9f770d7a0000 ↑
- https://www.politico.com/news/magazine/2026/02/24/reza-pahlavi-iran-trump-00793877 ↑
- https://www.vox.com/world/2022/12/12/23498870/iran-protests-information-war-bots-trolls-propaganda ↑
- Beispiel eines solchen Posts: https://x.com/realrayanamiri/status/1878864637917097995 ↑
- https://www.timesofisrael.com/liveblog_entry/netanyahu-says-hes-on-a-historic-and-spiritual-mission-endorses-vision-of-greater-israel/ ↑
- Der israelische Historiker Ilan Pappé hatte dies bereits nachgewiesen, doch nun wird es erneut durch kürzlich aufgetauchte Militärdokumente belegt. Darin heißt es beispielsweise: „Das Gebiet muss von Arabern gesäubert werden.“ Und: „Jeder Araber, der angetroffen wird, muss vernichtet werden.“
https://www.haaretz.com/israel-news/israel-security/2026-02-27/ty-article-magazine/.highlight/terror-was-needed-to-make-arabs-leave-what-israels-army-did-in-48-revealed/0000019c-9a4b-d930-ad9f-feffd8c80000 ↑ - https://www.youtube.com/watch?v=d_PDpwL8kuY ↑
- Bevor die USA ihren imperialen Einfluss auf Westasien festigten, beherrschten das UK die Region. Ab 1908 kontrollierten das UK das iranische Öl. Obwohl der Iran nie eine Kolonie war, hatten sowohl die Briten als auch die Amerikaner ein Interesse daran, den säkularen Nationalismus zu unterdrücken und Maßnahmen wie die Verstaatlichung des Öls zu verhindern.
https://www.wired.com/2011/05/0526mideast-oil-strike/ ↑ - https://www.pbs.org/newshour/world/in-first-cia-acknowledges-1953-coup-it-backed-to-overthrow-leader-of-iran-was-undemocratic ↑
- https://journals.sagepub.com/doi/abs/10.1177/1367877920957348 ↑
- Hier Aufnahmen aus dem Iran der 1970er Jahren: https://www.youtube.com/watch?v=jYG94NqReZo ↑
- Siehe; Interview der amerikanischen Journalistin Barbara Walters mit dem Schah aus 1977 https://www.youtube.com/watch?v=1o5_nAw9A9Y ↑
- https://www.jstor.org/stable/23033306?seq=1 ↑
- https://www.sup.org/books/sociology/limits-whiteness ↑
- https://iranwire.com/en/society/119259-being-aryan-a-myth-many-iranians-choose-to-believe/ ↑
- https://www.researchgate.net/publication/389743179_Make_Iran_great_again_Apolitical_influencers_and_the_revival_of_a_romantic_patriarchal_nationalism ↑
- https://lobelog.com/behind-the-foundation-for-defense-of-democracies-embrace-of-authoritarianism/ ↑
- https://www.researchgate.net/publication/389743179_Make_Iran_great_again_Apolitical_influencers_and_the_revival_of_a_romantic_patriarchal_nationalism ↑
- https://www.haaretz.com/israel-news/security-aviation/2025-10-03/ty-article-magazine/.premium/the-israeli-influence-operation-in-iran-pushing-to-reinstate-the-shah-monarchy/00000199-9f12-df33-a5dd-9f770d7a0000 ↑
- https://brusselssignal.eu/2026/01/unhappy-slaves-belgian-pm-says-trump-has-gone-too-far-with-greenland-threats/ ↑
- https://www.telegraph.co.uk/world-news/2026/03/02/friedrich-merz-iran-not-be-protected-international-law/ ↑
- https://www.researchgate.net/publication/349893389_An_Explaining_of_the_Components_of_Occidentosis_A_Plague_by_the_West_and_Returning_to_Self-identity_in_Jalal_Al-e-Ahmad’s_Thoughts ↑
- https://www.washingtonpost.com/national-security/2026/03/16/iran-regime-intelligence-irgc-war/ ↑
- https://iranwire.com/en/features/147500-two-nights-iran-didnt-sleep-what-happened-on-january-8-and-9/ ↑
- Website dieser Koalition: https://jomhouri.com/jomhouri/english ↑
Foto: Free Iran Demonstration, Washington, DC USA 2026.01.11 via Creative Commons



