Am kommenden Samstag hält die AfD ihren Bundesparteitag in Erfurt ab. Das Bündnis Widersetzen will ihn blockieren. Um die breite Stadtgesellschaft zu gewinnen, gehen die Aktiven in Erfurt einen Weg, der über klassische Szene-Mobilisierung weit hinausgeht. Ein Ansatz, der an die Einheitsfrontpolitik der Kommunistischen Internationalen erinnert.
Von der Marx21-Redaktion
Haustürgespräche kennt man in Deutschland vor allem aus dem Wahlkampf. Dass sie auch ein Mittel des antifaschistischen Organizing sein können, zeigt gerade das Bündnis Erfurt Widersetzen. In einem Interview mit Jacobin.de beschreiben die Pressesprecher:innen Lola und Michel, wie sie seit Wochen durch die Erfurter Stadtteile ziehen, klingeln und fragen: »Was macht es mit dir zu wissen, dass die AfD hier in Thüringen in den Umfragen bei 40 Prozent steht und ihren Parteitag hier in unserer Stadt abhalten will?« Die Antwort, die sie immer wieder bekommen: Viel, denn die meisten Leute machen sich große Sorgen, sind damit oft vereinzelt und wissen nicht, was sie tun können. An insgesamt 60.000 Haustüren wollen die Aktivist:innen bis zum Parteitag gewesen sein. Neun von zehn der Gespräche an der Tür verlaufen gut. Das ist simpel und ermutigend zugleich – und genau darin liegt die Stärke.
»Was Lola und Michel beschreiben, erinnert an eine alte Strategie der Arbeiter:innenbewegung: Die Einheitsfrontpolitik. «
Die schweigende Mehrheit ist kein Mythos
Lola und Michel sprechen von einer „demobilisierten Mehrheit«: Menschen, die die AfD schrecklich finden, aber keinen Weg sehen, aktiv zu werden. Diese Menschen erreicht man nicht mit einem Aufruf in der linken Presse oder einem Transparent auf einer Demonstration, zu der ohnehin nur Überzeugte kommen. Man erreicht sie, indem man an ihrer Haustür klingelt, mit ihnen spricht und sie einlädt, aktiv zu werden.
Die Methode scheint zu funktionieren: Zu einer Stadtversammlung, zu der die Aktiven über die Gespräche eingeladen haben, kamen Menschen, die vorher nie auf einer linken Veranstaltung waren – Azubis, Pfarrerinnen, Rentner:innen. Ihr Minimalkonsens lautet: Wir finden die AfD gefährlich, und wir tun etwas dagegen. Wer das teilt, ist willkommen. Beim Aktionstraining in einer Erfurter Kirche standen Lola und Michel Schulter an Schulter mit dem Stadtrat der Grünen. Das Entscheidende sei, dass die Leute etwas gegen die AfD machen wollen und sich dafür politisch organisieren – auch wenn das, wie Michel einräumt, »für die linke Szene komisch klingen mag«.
Einheitsfront von unten
Was Lola und Michel beschreiben, erinnert an eine alte Strategie der Arbeiter:innenbewegung: Die Einheitsfrontpolitik. Diese wurde in den 1920ern von der Kommunistischen Internationalen entwickelt als Antwort auf die Frage, wie Revolutionär:innen in nicht-revolutionären Zeiten erfolgreich Politik machen können. Die Grundannahme, abgekürzt mit dem Motto »Heran an die Massen«, lautete: Nicht die Radikalität einer Forderung an sich ist ein wesentliches Kriterium, sondern das Aufstellen von gemeinsamen Forderungen über Parteigrenzen hinweg, die dann in breit angelegter, gemeinsamer Selbstaktivität durchgesetzt werden können. Die Gesellschaft kann nur verändert werden, wenn eine Mehrheit der Arbeiter:innenklasse aktiv wird.
Zentrales Element dieser Strategie ist die Vorstellung, dass sich durch die Teilnahme an außerparlamentarischen Kämpfen und Streiks viele Menschen radikalisieren und für eine sozialistische Perspektive gewinnen lassen. Im Kampf gegen den deutschen Faschismus hätte die Betonung auf einer gemeinsamen Forderung und Aktion der KPD, der SPD und den Gewerkschaften gegen die NSDAP liegen müssen. Dass es dazu letztlich nicht kam und die Arbeiter:innenbewegung sich vielmehr selbst zerfleischt hat, sollte allen Antifaschist:innen heute eine wichtige Lehre sein.
»Das Voranstellen des Minimalkonsens und die niedrigschwellige Einladung zum Mitmachen ist dabei kein Verzicht auf politische Substanz.«
Antifaschismus als gesellschaftliche Aufgabe
Umso beeindruckender ist die Herangehensweise von Widersetzen in Erfurt. Das Voranstellen des Minimalkonsens und die niedrigschwellige Einladung zum Mitmachen ist dabei kein Verzicht auf politische Substanz. Es ist die Erkenntnis, dass Antifaschismus im Allgemeinen und eine Blockade im Speziellen von Zehntausenden Menschen mehr bewirkt als ein Aufruf, dem nur die eigene Szene folgt – und dass politische Bildung und Radikalisierung oft erst in der gemeinsamen Praxis beginnen, nicht als Voraussetzung für sie. Insbesondere in Thüringen, wo die AfD die stärkste Kraft ist – mit allem, was das für das politische Klima bedeutet – muss antifaschistische Politik aus der Szene heraus in die Breite. Treiben Linke diese Proteste vor Ort voran, werden auch sie langfristig dadurch Stärke aufbauen können.
Busanreisen zu den Protesten am kommenden Samstag gibt es hier: https://tickets.widersetzen.com/
Foto: Widersetzen



