Vor einem Monat begonnen Israel und die USA die illegale Bombardierung des Iran. Die dadurch ausgelöste Energiekrise hat Auswirkungen auf die gesamte Weltwirtschaft und droht eine weltweie Rezension anzustoßen. Im Folgenden diskutieren wir die Hintergründe des Angriffs, sowie die Rolle der iranischen Diaspora und die Aufgabe der Linken in Deutschland. Autor:innen Marx21 Redaktion
Direkt zu Beginn des Angriffs töteten Israel und die USA das iranische Staatsoberhaupt Ayatollah Ali Khamenei. Die militärische Reaktion des Irans besteht darin, die umliegenden Golfstaaten und die sich dort befindenden US-Militärbasen anzugreifen. Ökonomisch benutzt der Iran die Blockade der Straße von Hormus als Hebel, um die Kosten dieses Krieges für die USA und die Welt in die Höhe zu treiben. Durch die Meeresenge gehen schätzungsweise 20 Prozent der globalen Öl- und Gasproduktion. Das Ausmaß der Folgen auf die Weltwirtschaft wird als verheerend prognostiziert. Die internationalen Energiebehörde warnt, dass es um die »schwerste Energiekrise seit Jahrzenten« handeln könne und kein Land der Welt von den Auswirkungen der Krise verschont bliebe, falls der Krieg nicht gestoppt werde. Der weltweite Düngemittelhandel ist ebenfalls stark betroffen, da etwa ein Drittel der globalen Düngemittelproduktion durch die Meeresenge transportiert wird. Durch die Blockade kommt es zu Lieferengpässen und einer Verschärfung von Nahrungsmittelknappheit.
Auf der Suche nach der Strategie
In den ersten Tagen nach den Angriffen lieferte die US-Regierung ein Potpourri an angeblichen Kriegsgründen. Zunächst war von einem Präventivschlag die Rede, da der Iran zum wiederholten Male kurz vor der dem Bau einer Atomwaffe stand. Die großen Zugeständnisse des Irans in den vorherigen Verhandlungen, widersprechen dieser Darstellung.[1] Daraufhin erklärten die USA, dass man die iranische Bevölkerung aus Solidarität vor dem unterdrückerischen Regime bombardiere. Zwei Wochen nach Kriegsbeginn sagte Trump, dass man weitere Angriffe auf wichtige Knotenpunkte des iranischen Ölexports »just for fun« fliegen könne. Neben den offiziellen Begründungen lässt sich darüber spekulieren, ob der Angriff auf den Iran primär das Ziel hat, das iranische Regime und dessen Öl unter US-amerikanische Kontrolle zu bringen oder Chinas Aufstieg in der Region zurückzudrängen. Dafür würde es ausreichen, wenn die aktuelle Regierung in Teheran US-amerikanische Interessen durchsetzt. Letzteres ist in Venezuela gelungen, wo die US-Regierung nach der Entführung des Präsidenten Nicolas Maduro mittlerweile die venezolanischen Haushaltspläne bestimmt.[2]
Der Angriff aus dem Iran kam nicht aus dem Nichts. In den Wochen vor dem Angriff erhöhten die USA ihre militärische Präsenz in der Region.[3] Dennoch scheint die US-Regierung weder ein realistisches Ziel noch eine rationale Exitstrategie formulieren zu können. Darauf weisen auch die vehementen Aufforderungen hin, die Nato-Verbündeten seien in der Verantwortung, die Straße von Hormus zu schützen. Während einer Pressekonferenz im Weißen Haus am 17. März sagte Trump:
»Wir geben Billionen und Aberbillionen Dollar für die Nato aus, um andere Länder zu verteidigen. Und ich habe immer gesagt: Wenn es jedoch jemals darum geht, uns selbst zu verteidigen, werden sie nicht da sein. Viele von ihnen würden nicht da sein. Und wir müssen in diesem Land anfangen, klüger zu denken.«[4]
Bundeskanzler Friedrich Merz, der sich in seinen ersten Reaktionen nach dem Krieg wenig fest an der Seite der Aggressoren zeigte, erwiderte Trumps Aufforderungen am selbigen Tag wie folgt:
»[…] Solange der Krieg andauert, werden wir uns daran nicht beteiligen, in der Straße von Hormus mit militärischen Mitteln eine freie Schifffahrt zu gewährleisten. Bis heute ist uns auch kein Konzept bekannt, wie eine solche Operation überhaupt gelingen könnte.«[5]
Im Gegensatz zu den USA scheinen die Ziele Israels klarer zu sein. Die Schwächung des Irans und seiner Verbündeten in der Region bedeutet langfristig weniger Widerstand gegen die Annexions- und Eroberungspläne der israelischen Regierung. Die stärksten Verbündeten des Irans sind die Hisbollah im Libanon, die Hamas in Gaza, und die Huthis im Yemen. Im Schatten des Krieges gegen den Iran, führt Israel aktuell eine Bodenoffensive im Süden Libanons durch, in Folge dessen etwa eine Millionen Libanes:innen in den Norden fliehen müssen.[6],[7]
Um den Iran als Gegenspieler in der Region zu schwächen, gibt es für die israelische Regierung zwei Möglichkeiten: Entweder zu bestimmen, wer den Iran zukünftig regiert oder den gesamten Staat ins Chaos zu stürzen. Der israelische Premierminister Benjamin Netanyahu argumentiert für ersteres. Sein Wunschkandidat für die Nachfolgeregierung ist der in den USA lebende Reza Pahlavi, der Sohn des ehemaligen Schahs von Persiens.[8] Andere israelische Regierungsvertreter haben erklärt, der Angriff auf den Iran sei ein Erfolg, selbst wenn es nicht zum Regierungswechsel kommt. »Jeder Tag, an dem wir dieses Regime schwächen, ist ein Gewinn für den Staat Israel«, sagte Ze’ev Elkin, Mitglied des israelischen Sicherheitskabinetts.[9]
Die Monster wurden gerufen
Die Grundlage dafür, dass im Iran heutzutage keine liberale Demokratie herrscht, haben westliche Mächte gelegt. Nach dem Zweiten Weltkrieg besaßen britische Konzerne das gesamte iranische Öl.[10] Im Produktionsland Iran wurde dieses Öl teurer verkauft als in Großbritannien selbst. Die britischen Beamten und Manager:innen agierten vor Ort mit derselben rassistischen Arroganz wie in ihren Kolonialgebieten. Im Frühling 1951 wählte das iranische Parlament Mohammed Mossadegh zum Premierminister, der die Verstaatlichung der Ölindustrie ankündigte. Die britische Regierung vermutete zu Recht, dass sie die Kontrolle über den gesamten Nahen Osten verlieren könnte. Andere Länder könnten sich ebenfalls ermutigt fühlen, frei von fremden Konzernen zu machen. Zusammen mit dem britischen Geheimdienst MI6 finanzierte und organisierte schließlich der US-Geheimdienst CIA einen Putsch gegen Mossadegh. Sie finanzierten und unterstützten regierungsfeindliche Kräfte in und außerhalb der Armee. Diese stürzten und verhafteten Mossadegh schließlich im August 1953.
Nach dem Putsch wurde der persische Schah wieder auf seinem Thron installiert – und mit ihm ein brutales Regime, das mit Hilfe eines riesigen Geheimdienstes und der ausgiebigen Anwendung von Folter jegliche Opposition unterdrückte. Den Iraner:innen wurde somit ihre bürgerliche Demokratie und Menschenrechte weggenommen. Den USA bot das Regime des Schahs die gewünschte Stabilität. Sie unterstützten die Herrschaft Pahlavis mit Geld und Waffen. Im Gegenzug wurde das iranische Öl einem Konsortium aus einem US-amerikanischem, britischen, französischen und niederländischen Konzern geschenkt. Nicht ein Cent der Profite aus dem Ölgeschäft ging an die Iraner:innen. Der Iran entwickelte sich in dieser Zeit zum wichtigsten Bündnispartner der USA im Nahen Osten – neben Israel. Die CIA errichtete im Iran ihr Hauptquartier für die Region, in dem 24.000 »militärische Berater« tätig waren.
Umso größer war der Schock für Washington, als im Jahr 1979 im Iran eine Revolution ausbrach. In den Ölfabriken und Atomkraftwerken traten die Arbeiter:innen massenhaft in Streiks. Medienangestellte verhinderten regimetreue Radio- und Fernsehsendungen, Eisenbahner:innen weigerten sich, Militäreinheiten zu befördern. Zahlreiche Unternehmer:innen verließen das Land. Die herrenlosen Fabriken wurden von den Arbeiter:innen übernommen, die in »Schoras«, Farsi für Räte, die Produktion kontrollierten. Im Januar 1979 verließ der verhasste Schah das Land.
Einen Monat später kehrte die Hauptfigur der islamischen Opposition, Ajatollah Khomeini, aus dem Exil zurück. Dessen politische Basis bestand vor allem aus Kleinbürger:innen – den Basaris. Fünf Tage nach seiner Rückkehr erklärte Khomeini sich zum neuen Staatsoberhaupt. Der Staatsapparat und der revolutionsfeindliche Teil des Militärs kooperierten sofort, heilfroh, wieder Ordnung schaffen zu können. Eine Doppelherrschaft war entstanden: Die Macht über die Betriebe lag bei den Schoras, aber die Macht über den Staat hielt Khomeini in seinen Händen. Die Einmischung von Arbeiter:innen in leitende Funktionen der Betriebe wurde jedoch von der Regierung sofort für unislamisch erklärt. Die Übernahme Khomeini’s leitete die bis heute stabile Herrschaft der Mullah’s ein. Unter ihnen werden Oppositionelle verfolgt, eingesperrt und gefoltert. Frauen, queere Menschen und andere Minderheiten werden unterdrückt. Durch die Revolution 1979 verloren die amerikanischen und europäischen Konzerne wieder die Herrschaft über das iranische Öl. Seitdem ist der Iran deshalb ein Dorn im Auge des westlichen Imperialismus in der Region.
Exil-Iraner:innen in Deutschland
Im Podcast »WTF Exil-Iraner. Revolution, Krieg und die Opposition« sprechen Pedram Shahyar und Behzad Karim Khani über die verschiedenen Strömungen der Exil-Iraner:innen in Deutschland. Sie zeichnen ein Bild davon, wie die iranische Community sich in Deutschland entwickelt hat. Insbesondere in Deutschland gab es in der Vergangenheit große linke Strömungen innerhalb der iranischen Diaspora. Als 1967 der Schah Berlin besuchte, kam es zu großen Studierendenprotesten, getragen von iranischen Studenten und dem SDS. Am Rande der Proteste wurde der Student Benno Ohnesorg von einem Polizisten erschossen. Die darauffolgende Protestwelle in ganz Westdeutschland war der Beginn der 1968er Revolte.
Heute zeichnet sich auf den größten iranischen Demonstrationen in Deutschland ein anderes politisches Bild. Mitte Februar haben in München 250.000 Menschen gegen das iranische Regime demonstriert. Neben der iranische Monarchistenflagge vor allem die israelische und die US-amerikanische. Auf vielen Schildern war der ehemalige Schah und dessen Sohn zu sehen. Demonstrationen wie diese zeigen seit einigen Jahren deutlich, dass Monarchist:innen, die sich die Zeit des Schahs zurückwünschen, in der iranischen Diaspora keine Minderheit mehr sind. »Tod den Linken« ist ein Spruch, der auf diesen Demonstrationen oft skandiert wird.[11] Die Demonstrationen schaffen es, Teile des rechten bis rechtsextremen Spektrums der Exil-Iraner:innen zu vereinen. Viele von ihnen fordern militärische Schläge der USA und Israel, um die Islamische Republik zu stürzen und die Schah-Dynastie wiederherzustellen.[12]
Der aus dem Iran nach Deutschland geflohene kurdische Aktivist Shoan Vaisi argumentiert im Online Magazin Etos.media, dass eine demokratische Zukunft des Iran »weder Turban noch Krone« braucht. Die Einschränkung auf die Monarchie als Alternative verkenne, dass die tatsächliche Opposition im Iran von »vielfältigen, voneinander unabhängigen Bewegungen getragen« seien. Frauen, Arbeiter:innen, Studierende und Jugendliche sowie säkulare Gruppen, religiöse Minderheiten und politische Gefangene, leisten Widerstand auf der Straße und in den Gefängnissen im Iran. Kurdische Organisationen nehmen ebenfalls eine Schlüsselrolle ein: Obwohl Kurd:innen lediglich rund zehn Prozent der Bevölkerung stellen, machten sie beispielsweise mehr als 30 Prozent der »Frauen, Leben, Freiheit«-Proteste in 2022 aus.
Selbstbefreiung von innen
Um einschätzen zu können, wo die aktuellen Bombardierungen hinführen können, ist die Bilanz der US-geführten Kriege in der Region auskunftsreich. In Afghanistan führte der Westen über zwanzig Jahre Krieg. Dieser endete mit einem abrupten Abzug der eigenen Truppen, zurückgelassenen Ortskräften und dem Sieg der Taliban – obwohl deren Sturz das eigentliche Kriegsziel war. Im Irakkrieg stürzten die USA und ihre Verbündeten 2003 zwar den Militärdiktator Saddam Hussein, hinterließen aber Chaos und einen neunjährigen Bürgerkrieg. Auf dessen Nährboden konnte der sogenannte »Islamische Staat« seine Schrecken verbreiten. Zu den westlichen Partnern in der Region zählen unter anderem Saudi-Arabien, Ägypten, Katar. Sie alle unterdrücken ihre eigenen Bevölkerungen. Doch solange sie den Interessen des Westens nicht in die Quere kommen, ist dies kein Problem.
Noch im Januar diesen Jahres, während der brutalen Niederschlagungen der Demonstrationen durch die Islamische Republik, lehnte CSU-Innenminister Alexander Dobrindt einen Abschiebestopp in den Iran ab[13]. Die israelische Regierung ruft die iranische Bevölkerung derzeit öffentlich zu einem Volksaufstand auf, obwohl aus kürzlich öffentlich gewordenen Dokumenten des US-Außenministeriums hervorgeht, dass israelische Staatsbeamte erwarten, dass iranische Demonstranten »abgeschlachtet« würden, sollten sie gegen ihre Regierung auf die Straße gehen.[14] Bomben und »Regime-Change« von außen werden den Iraner:innen keine Freiheit und Demokratie bringen. Die Befreiung von ihren Unterdrückern können Iraner:innen nur selbst erkämpfen. Um eines Tages selbstbestimmt und in Frieden leben zu können, braucht es eine vielfältige Bewegung der arbeitenden Klassen, in der alle Unterdrückten Seite an Seite kämpfen.
In Deutschland lehnt eine Mehrheit der Bevölkerung den Angriff auf den Iran ab. [15] Die Aufgabe der gesellschaftlichen Linken liegt darin, gegen die Fortführung und Legitimierung der Angriffe zu protestieren. Die Bundesregierung ist zwar noch nicht aktive Kriegspartei, aber als Mitglied der Nato Teil des Militärbündnisses, dessen führende Macht die Welt in Chaos zu stürzen droht. In Folge des Krieges steigen hier vor Ort die Energiepreise in die Höhe. Den Frust dieser Menschen nach links zu mobilisieren und die vermeintliche Systemopposition nicht der AfD zu überlassen, bleibt unser Auftrag.
[1] https://www.zeit.de/politik/ausland/2026-02/iran-usa-verhandlungen-oman-durchbruch-urananreicherung
[2] https://www.zeit.de/news/2026-01/28/rubio-usa-genehmigen-venezuela-monatlichen-haushaltsplan
[3] https://www.tagesschau.de/ausland/asien/usa-stuetzpunkte-naher-osten-100.html
[4] https://www.youtube.com/watch?v=lVwAqBP0ElI [5] https://www.youtube.com/watch?v=yOmQIAyKjDs[6] https://www.tagesschau.de/ausland/asien/israel-libanon-truppen-100.html
[9] https://www.washingtonpost.com/national-security/2026/03/17/israel-iran-cable-revolt-slaughtered/
[10] https://www.marx21.de/iran-1953-putsch-cia-mossadegh/
[11] https://www.instagram.com/reel/DVE6mbajPOX/?igsh=enBsN2VmMHRhcmpu
[14] https://www.washingtonpost.com/national-security/2026/03/17/israel-iran-cable-revolt-slaughtered/
[15] https://www.tagesschau.de/inland/deutschlandtrend/deutschlandtrend-maerz-104.html



