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19.02.10: Haiti |
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Haiti
ist eingenommen von der US-Armee. Der preisgekrönte Journalist John
Pilger, über die strategische Bedeutung der besetzten Insel und
Obamas heimliche Unterstützung für das jetzige illegale Regime.
 Es dauerte sechs Tage, ehe die US-Luftwaffe Flaschen mit Wasser für die Menschen abwarfen, die an Durst und Austrocknung leiden. Foto: U.S. Air Force photo/Tech. Sgt. James L. Harper Jr. Der
Raub Haitis ging handstreichartig über die Bühne. Am 22. Januar
holten sich die Vereinigten Staaten die »formelle Zustimmung« der
Vereinten Nationen für die Übernahme aller Flug- und Seehäfen
Haitis und die »Sicherung« der Straßen. Kein einziger Haitianer
hat das Abkommen unterzeichnet und es gibt keine gesetzliche
Grundlage dafür. Machtausübung findet über eine US-amerikanische
Seeblockade und die Ankunft von 13.000 Marinesoldaten,
Spezialkräften, Spionen und Freischärlern statt, von denen keiner
über eine Lebensrettungsausbildung verfügt.
Der
Flughafen der Hauptstadt Port-au-Prince ist jetzt in einen
US-amerikanischen Stützpunkt verwandelt und Flüge mit
Hilfslieferungen werden über die Dominikanische Republik umgeleitet.
Alle Flüge wurden anlässlich der Ankunft Hillary Clintons drei
Stunden lang eingestellt. Schwerverletzte Haitianer blieben
unversorgt, während 800 US-amerikanische Einwohner Haitis Nahrung
und Wasser erhielten und evakuiert wurden. Es dauerte sechs Tage, ehe
die US-Luftwaffe Flaschen mit Wasser für die Menschen abwarfen, die
an Durst und Austrocknung leiden.
Die
ersten Fernsehberichte spielten eine wichtige Rolle, da sie den
Eindruck von weitverbreitetem kriminellem Chaos erweckten. Matt Frei,
der von Washington nach Haiti geschickte BBC-Reporter, überschlug
sich fast, als er über »Gewalt« und den Bedarf an »Sicherheit«
kreischte. Trotz des sichtbar würdevollen Verhaltens der
Erdbebenopfer und der Bemühungen von Einwohnergruppen, ohne
Hilfsmittel Menschen aus den Trümmern zu bergen, und sogar trotz der
Einschätzung eines US-amerikanischen Generals, dass die Gewalt in
Haiti nach dem Erdbeben deutlich zurückgegangen sei, behauptete
Frei, »Plündereien sind die einzige Industrie« und die »Würde
der haitianischen Vergangenheit ist längst vergessen«. Auf diese
Weise wurde eine Geschichte unfehlbarer Gewalt der USA und der
Ausbeutung Haitis den Opfern angehängt. »Es gibt keinen Zweifel«,
berichtete Frei nach dem blutigen Einmarsch der USA in den Irak im
Jahr 2003, »dass das Bedürfnis, den Menschen Gutes zu bringen, der
übrigen Welt die amerikanischen Werte zu bringen, vor allem jetzt im
Nahen Osten, zunehmend an militärische Macht gebunden ist.«
In
gewisser Hinsicht hatte er recht. Niemals zuvor in sogenannten
Friedenszeiten waren menschliche Beziehungen so sehr durch habgierige
Macht militarisiert. Niemals zuvor hat ein US-amerikanischer
Präsident seine Regierung so sehr dem militärischen Establishment
seines diskreditierten Vorgängers unterstellt wie Barack Obama. Der
Kriegs- und Herrschaftspolitik von George W. Bush nacheifernd, hat
sich Obama vom Kongress eine atemberaubende Summe von über 700
Milliarden Dollar für den Militärhaushalt bewilligen lassen.
Faktisch wurde er zum Sprecher eines Militärputsches.
Für
die Menschen in Haiti sind die Auswirkungen klar und grotesk. Während
die US-Truppen ihr Land kontrollieren, hat Obama George W. Bush zum
Leiter der Hilfsmaßnahmen ernannt - eine Parodie, die ganz sicher
aus dem Roman von Graham Greene, »Die Stunde der Komödianten«,
schöpft, der im Haiti des ehemaligen grausamen Diktators François
Duvalier, genannt Papa Doc, spielt. Als Bush noch Präsident war,
bestanden die Hilfsmaßnahmen nach den Verheerungen durch den
Hurricane »Katrina« im Jahr 2005 in der ethnischen Säuberung New
Orleans von vielen Schwarzen. Im Jahr 2004 ordnete er die Entführung
des demokratisch gewählten Ministerpräsidenten Haitis,
Jean-Bertrand Aristide, an und schaffte ihn ins Exil nach Afrika. Der
beliebte Aristide hatte die Kühnheit besessen, moderate gesetzliche
Reformen wie einen Mindestlohn für die Menschen in den besonders
üblen Ausbeuterschuppen Haitis, den Sweatshops, einzuleiten.
Als
ich das letzte Mal in Haiti war, beobachtete ich sehr junge Mädchen
gebückt vor sirrenden, pfeifenden Maschinen in der Baseball-Fabrik
von Port-au-Prince. Viele hatten geschwollene Augen und Verletzungen
an den Armen. Ich holte eine Kamera hervor und wurde umgehend
rausgeschmissen. Haiti ist der Ort, wo die US-Amerikaner ihre
Ausstattung für ihr geheiligtes Nationalspiel herstellen lassen, für
fast umsonst. Haiti ist der Ort, wo Vertragsunternehmen von Walt
Disney Mickymaus-Schlafanzüge herstellen lassen, für fast umsonst.
Die USA kontrollieren den haitianischen Zucker, das Bauxit und den
Sisal. Reisanbau wurde durch US-amerikanischen Importreis ersetzt,
was die Menschen vom Land in die Städte und in schäbige Unterkünfte
trieb. Jahr für Jahr wurde Haiti von US-Marinesoldaten heimgesucht,
berühmt-berüchtigt für ihre Gewalttaten, die sie von den
Philippinen bis nach Afghanistan verüben.
Bill
Clinton ist ein weiterer Komödiant, er hat sich zum Mann der UN in
Haiti ernennen lassen. Von der BBC wurde Clinton früher als »Mr.
Nice Guy« belächelt, »der einem traurigen und gequälten Land die
Demokratie zurückbringt«, jetzt ist er Haitis berüchtigtster
Freibeuter, der die Deregulierung der Wirtschaft zugunsten der
Sweatshopbarone fordert. Kürzlich hat er einen
55-Millionen-Dollar-Deal befördert, um den Norden Haitis in ein von
den USA annektiertes »Touristenspielfeld« zu verwandeln.
Nicht
für Touristen gedacht ist der Bau der fünftgrößten Botschaft der
USA in Port-au-Prince. Schon vor Jahrzehnten wurde in Haitis
Gewässern Öl gefunden, das die USA als Reserve vorhalten, bis der
Nahe Osten auszutrocknen beginnt. Noch wichtiger aber ist die
strategische Bedeutung eines besetzten Haitis für das »Rollback«,
den Gegenschlag Washingtons in Lateinamerika. Das Ziel besteht in dem
Sturz der Volksdemokratien Venezuelas, Boliviens und Ecuadors, der
Kontrolle von Venezuelas reichen Ölreserven und der Sabotage der
wachsenden regionalen Kooperation, die Millionen Menschen zum ersten
Mal ein Gefühl wirtschaftlicher und sozialer Gerechtigkeit
vermittelt hat, was ihnen die von den USA gesponserten Regime so
lange verweigerten.
Der
erste Erfolg des Rollbacks zeigte sich im vergangenen Jahr mit dem
Putsch gegen Präsident José Manuel Zelaya in Honduras, der sich
ebenfalls getraut hatte, für einen Mindestlohn und eine
Reichensteuer einzutreten. Obamas heimliche Unterstützung für das
jetzige illegale Regime ist eine deutliche Warnung an verwundbare
Regierungen in Mittelamerika. Im vergangenen Oktober übergab das
Regime von Kolumbien, das seit Langem auf der Finanzierungsliste
Washingtons steht und von Todesschwadronen gestützt wird, den USA
sieben Militärstützpunkte, um laut Dokumenten der US-Luftwaffe
»USA-feindliche Regierungen in der Region zu bekämpfen«.
Die
Propaganda der Medien trägt zu einem möglichen nächsten Krieg
Obamas mit bei. Am 14. Dezember veröffentlichten Forscher der
Universität Westengland erste Ergebnisse einer Zehnjahresstudie zur
Berichterstattung der BBC über Venezuela. In nur drei von 304
BBC-Berichten wurden historische Reformen von Chávez' Regierung
erwähnt, während in den meisten Beiträgen Chávez'
außerordentlich demokratische Bilanz verunglimpft und er einmal
sogar mit Hitler verglichen wurde.
Solche
Entstellungen und die begleitende Dienstfertigkeit gegenüber den
westlichen Mächten sind in den anglo-amerikanischen Konzernmedien
weit verbreitet. Menschen, die von Venezuela über Honduras bis Haiti
für ein besseres Leben kämpfen, oder um das Leben an sich,
verdienen unsere Unterstützung.
Zur Person:
John
Pilger ist preisgekrönter Journalist und Dokumentarfilmer. Er lebt
in Australien.
Zum Text:
Der
Text erschien zuerst auf Englisch auf www.johnpilger.com .
Aus dem Englischen von Rosemarie Nünning.
Mehr auf marx21.de:
- Haitis Albtraum: 2004 hat die USA den Putsch gegen den gewählten Präsident Aristide
unterstützt. Jetzt besetzt die US-Armee das Land mit 10.000
Soldaten. marx21 meint: Statt Soldaten müssen zivile Helfer und
genügend Nahrung nach Haiti.
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