Freiheitsmarsch für Gaza: »Das Großartigste war die Solidarität«
1400 Menschen aus 43 Ländern haben
am »Gaza Freedom March« Ende Dezember teilgenommen, um gegen die
Blockade des Gaza-Streifens zu protestieren. Marco Görlach war dabei
und hat mit marx21 über seine Erlebnisse gesprochen.
Gaza Freedom March: Protest in Kairo. Rechts im Bild, stehend: Marco Görlach (Foto: privat)
marx21:Ende Dezember seid ihr in den Nahen Osten gereist, um gegen die
Blockade des Gaza-Streifens zu demonstrieren. Warum der weite
Weg?
Marco Görlach: Weil die Lage für die Menschen im
Gaza-Streifen dramatisch schlecht ist und wir ein Zeichen setzten
wollten. Der 27. Dezember war der 1. Jahrestag des Angriffes Israels
auf Gaza. 1400 Tote, 5500 Verletzte und eine zerstörte Infrastruktur
hat der Militärschlag verursacht und zusätzlich zur seit 2007
bestehenden Blockade des Gaza-Streifens eine humanitäre Katastrophe
ausgelöst. Nur wenige Hilfsgüter werden nach Gaza gelassen. Es
fehlt an Lebensmitteln, Medikamenten und Baumaterial. Die Versorgung
mit Trinkwasser funktioniert nur schlecht. Dazu kommen der Mangel an
Treibstoff und die permanenten Stromausfälle.
Wir wollten vor
Ort öffentlichkeitswirksam ein Zeichen setzen - und den
Palästinensern zeigen, dass sie mit internationaler Solidarität
rechnen können. Unsere unmittelbare Forderung ist, dass die Blockade
gegen Gaza aufgehoben wird und die Grenzen geöffnet werden.
Wer
hat an dem Friedensmarsch teilgenommen?
Initiiert hat ihn
»Code Pink - Frauen für den Frieden« aus den USA. Organisiert hat
ihn ein internationales Bündnis aus Friedensaktivisten und
Nicht-Regierungsorganisationen.
Wie bist du zu dem Marsch
gekommen?
Nahost ist schon lange Schwerpunkt meiner
politischen Arbeit. Im März 2009 wollte ich zusammen mit Muslimen
aus Deutschland nach Gaza reisen. Aber wir sind am Grenzübergang
Rafah gescheitert, weil die ägyptischen Behörden uns die Ausreise
nach Gaza verweigert haben. Nachdem ich von dem Marsch gehört hatte,
habe ich in dem Internetnetzwerk Facebook die deutsche Gruppe
betreut, sowie eine Webseite zur Mobilisierung entworfen.
Dabei
hattet ihr enorme Schwierigkeiten zu überwinden...
Ja, denn
kurz vor unserer Anreise, die über Ägypten erfolgt ist, hat uns die
Regierung des Landes zu verstehen gegeben, dass sie den Marsch
verhindern will.
Ist ihr das gelungen?
Nein.
Zunächst einmal sind wir wie vorgesehen nach Ägypten gereist. Zwar
konnten wir nicht wie geplant nach Gaza einreisen, aber es ist uns
trotz aller Repressionen durch die ägyptische Diktatur gelungen, in
Kairo zu protestieren. Eigentlich wollten die Behörden verhindern,
dass der Gaza Freedom March bekannt wird - vor allem in Ägypten
selbst. Denn das Mubarak-Regime steht unter Druck. Weil wir
entschlossen weiter gemacht haben, war unser Marsch dann letztlich
auf den Titelseiten ägyptischer Zeitungen. Auch international hat
die Presse dann berichtet. In Kairo selbst ist es der Polizei nicht
gelungen, uns von der Bevölkerung abzuschirmen. Letztlich war der
Druck auf das Regime zu groß.
Inwiefern?
In
zweierlei Hinsicht. Zwischen 2006 und 2008 hat eine Streikwelle die
Diktatur erschüttert - und das wirkt immer noch nach. Zum anderen
baut das Regime derzeit eine so genannte »Eiserne Mauer«, um die
Grenze zwischen Ägypten und dem Gaza-Streifen dicht zu machen. Damit
solle der Waffenschmuggel nach Gaza gestoppt werden, heißt es. Aber
wegen der Blockade sind die Palästinenser darauf angewiesen, dass
zum Überleben notwendige Güter illegal über die Grenze gebracht
werden. Genauer gesagt: unter der Grenze - durch Tunnel. Mit der
»Eisernen Mauer« wird diese Versorgung gestoppt werden, was die
Lage der Menschen in Gaza weiter verschärfen wird. In der
ägyptischen Bevölkerung steht Mubarak auch deshalb in der Kritik.
Nach unseren Aktionen, wenn wir etwas eingekauft haben oder essen
gegangen sind, dann haben wir gemerkt, welchen Eindruck unser
Engagement macht. Leute sind auf uns zugekommen und haben gesagt,
dass sie es klasse finden, was wir machen.
Ihr konntet euch
frei bewegen?
Nein, das nicht. Nur in kleinen Gruppen. Mehr
als 6 Leute durften sich nicht irgendwo versammeln, ohne dass das
gleich die Polizei auf den Plan gerufen hat. Aber selbst unter diesen
schwierigen Bedingungen haben wir Spontankundgebungen organisiert.
Sozusagen flashmobartig, so dass es uns möglich war, das
Versammlungsverbot zu umgehen. Von Anfang an hat es uns große
Anstrengung und Kreativität gekostet, um ein Scheitern des Marsches
zu verhindern. Aber die große Solidarität unter uns, von Seiten der
Bevölkerung und der Druck auf das Regime haben dann zum Erfolg
geführt.
Wie habt ihr reagiert, als ihr in Kairo
angekommen seid und klar war, dass ihr nicht nach Gaza dürft?
Ich
selbst bin in der Nacht zum 26. Dezember angekommen. Für den
nächsten Tag hatten wir ein großes Treffen aller Teilnehmer des
Marsches geplant. Aber das wurde verboten. Wie gesagt, Versammlungen
von mehr als 6 Personen waren untersagt. Wir haben dann umdisponiert
und sind in kleinen Gruppen nacheinander zu einer zentralen Brücke
gezogen. Dort haben wir Blumen abgelegt und Zettel mit Namen der
Todesopfer des Angriffes auf Gaza. Polizei-Beamte haben die Zettel
immer wieder entfernt, damit die Bevölkerung nichts von unserer
Aktion erfährt. Aber aufgefallen sind wir trotzdem, weil das
Gedenken ja an einer belebten Straße stattgefunden hat.
500
von uns haben vor dem UN-Gebäude am »World Trade Center« in Kairo
demonstriert. Hedy Epstein, eine 85jährige US-Friedensaktivistin und
Holocaust-Überlebende, ist dann vor dem UN-Gebäude in einen
Hungerstreik getreten. Sie sagte, dass sie zeigen wolle, dass sie
viele Menschen vertrete, die über das empört sind, was die USA,
Israel und die europäischen Regierungen den Palästinensern antun.
Hedys Engagement hat erfolgreich für Öffentlichkeit gesorgt, in der
US-Presse, aber auch in deutschen Medien wurde berichtet. Neben Hedy
haben auch weitere Juden aus den USA und auch aus Israel am »Gaza
Freedom March« teilgenommen.
Ab 27. Dezember haben dann
mehrere Hundert Marsch-Teilnehmer aus Frankreich den Gehweg vor der
französischen Botschaft in Kairo für mehrere Tage besetzt. Auch
andere Delegationen haben über ihre Botschaften versucht, Druck zu
machen, damit wir nach Gaza einreisen dürfen.
Zu diesem
Zeitpunkt haben erste ägyptische Zeitungen über uns berichtet.
Dabei wurde auch versucht, uns als Chaoten zu diffamieren. Und die
oberste islamische Instanz hat unsere Proteste als »unislamisch«
dargestellt und Bau der »Eisernen Mauer« begrüßt.
Haben
auch Ägypter an euren Aktionen teilgenommen oder war dazu die
Repression zu groß?
Wenn ich mich richtig erinnere, war es am
29. Dezember, als wir vor dem Gebäude der Journalisten-Vereinigung
protestiert haben. Da waren zum ersten Mal auch ägyptische
Aktivisten dabei. Selbstverständlich war das für sie ein Risiko.
Zumal es nicht bei den »Free Gaza« -Rufen geblieben ist. »Freiheit
für Ägypten« und »Nieder mit Mubarak« wurde ebenfalls gerufen -
und das trotz des massiven Polizeiaufgebotes. Verhaftungen hat es bei
der Aktion allerdings keine gegeben. Auch das hat uns gezeigt, was
trotz aller Schwierigkeiten machbar ist.
85 von euch
durften dann letztlich nach Gaza einreisen...
Ja. Aber das war
eine zweischneidige Sache. Sicher war das auch eine Folge des Drucks,
den wir erzeugt haben. Aber es war auch ein gezielter Versuch von
Mubarak, unseren Marsch zu spalten. Das Regime hat nämlich
behauptet, die 85 Teilnehmerinnen und Teilnehmer seien der friedliche
Teil des Marsches, während der Rest »Hooligans seien« . Das sollte
Streit in unsere Reihen bringen.
In der Tat war die Mehrheit
dafür, nicht zu fahren und den Protest geschlossen in Kairo
fortzusetzen. Eine kleine Gruppe hingegen wollte trotzdem einreisen.
Politisch finde ich diese Entscheidung falsch. Aber ich habe auch
Verständnis dafür. Denn in dieser Gruppe waren Leute, die Bekannte
und Verwandte in Gaza besuchen wollten, die sie lange nicht sehen
konnten.
Ich bin mit der Mehrheit in Kairo geblieben, um die
Proteste fortzusetzen. Dazu sind wir auch von Aktivisten in Gaza
selbst ermutigt worden.
Wie konntet ihr die ganze Zeit über
dem Druck standhalten?
Das Großartigste war die Solidarität
unter den Teilnehmenden des Marsches und der Zuspruch durch die
Bevölkerung vor Ort. Du machst eine Aktion und die Polizei riegelt
ab. Aber dann fahren Autos vorbei und hupen und aus Bussen heraus
winken dir Leute. Das alles gibt Kraft und macht Mut.
Und wir
haben unermüdlich Öffentlichkeit geschaffen. Ich zum Beispiel habe
Bekannte in Deutschland gebeten, an die deutsche Botschaft zu
schreiben und für uns Druck zu machen. Andere haben Ähnliches
getan. Es hat zudem in Blogs und anderweitig eine
Live-Berichterstattung gegeben, es wurde getwittert, über soziale
Netzwerke im Internet Informationen verbreitet und so weiter. Wir
haben alle Kommunikationsmittel und -kanäle genutzt, um auf unser
Engagement aufmerksam zu machen. Und das hat funktioniert.
Der
letzte Tag im Jahr war der Tag des Gaza-Marsches selbst. Wie hast du
den erlebt?
Wir sind in kleinen Gruppen zum Tahir-Square
gezogen. Das ist ein sehr belebter Platz in der Kairoer Innenstadt.
Dort sind wir - wiederum ähnlich einem Flashmob - zusammengekommen
und haben mit 500 Leuten eine Spontandemo gemacht. Wir haben
versucht, den Verkehr zu stoppen und die Menschen zu informieren.
Allerdings hat ein Polizeiaufgebot die Straße vehement geräumt und
uns auf dem Bürgersteig eingekesselt, um uns - auch optisch - von
der Bevölkerung abzuschirmen. Wir haben aber Plakate hochgehalten
und Banner auf einem Baum aufgehangen, um sichtbar zu bleiben. Der
Platz war auch zu belebt, als dass es möglich gewesen wäre, uns
»unsichtbar« zu machen. Autofahrer haben gehupt, um ihre
Solidarität mit uns auszudrücken und Leute in Bussen haben
Victory-Zeichen gemacht.
Silvester haben wir ebenfalls am
Tahir-Square gefeiert. Mit einer Kerzen-Mahnwache, an der etwa 400
Menschen teilgenommen haben. Wir haben in Gaza angerufen, Grüße und
Berichte ausgetauscht, gesungen und Musik gemacht. Auch hier war die
Polizei vor Ort, dieses Mal aber haben sie uns nicht eingekesselt.
Vermutlich, weil wir nicht demonstriert, sondern »nur« gefeiert
haben.
Auch danach hat es noch Aktionen gegeben. Ich selbst
war bis zum Tag meiner Abreise am Montag dieser Woche tätig. Zum
Beispiel hat ein bekannter ägyptischer Rechtsanwalt gegen den Bau
der »Eisernen Mauer« geklagt und wir haben einen Protest
ägyptischer Aktivisten vor dem Gerichtsgebäude unterstützt.
Mit
13 Leuten aus Deutschland haben wir außerdem die Redaktion der
großen Kairoer Tageszeitung »Al-Masry Al-Youm« besucht. Das war
eine spontane Sache die mit dem Blatt nicht verabredet war. Dennoch
hat uns ein Redakteur interviewt und gesagt, er wolle daraus eine
ganze Seite machen. Ich weiß nicht, ob das geklappt hat. Aber
Schlagzeilen hatten wir zu dem Zeitpunkt ja bereits gemacht.
Wie
soll es weitergehen?
Zunächst einmal hat der Marsch uns alle
in unserem Engagement bestärkt und beflügelt. Ich denke, dass ich
auch für die anderen spreche, wenn ich sage, dass wir alle nicht
damit gerechnet haben, dass wir angesichts der Repression überhaupt
so erfolgreich protestieren konnten. Durch den Marsch sind neue
Verbindungen unter Aktivisten über Grenzen hinweg
entstanden.
Darüber hinaus haben wir beschlossen, am 16. und
17. Januar international vor israelischen Botschaften für unsere
Forderungen zu protestieren. Im März finden außerdem die »Israeli Apartheid Week« statt.
Die Delegation aus
Südafrika hatte eine »Kairo-Erklärung« vorbereitet, die vom »Gaza Freedom
March« angenommen worden ist. Wer sie unterschreiben möchte, kann
das via E-Mail an cairodec [ät] gmail.com tun.
(Das Gespräch
führte Frank Eßers)
Zur Person:
Marco Görlach ist
Schichtarbeiter, Gewerkschafter und Mitglied im Kreisvorstand der
LINKEN im Saale-Orla-Kreis. Außerdem aktiv mit der Pößnecker
Jugendgruppe re[d]solution
Die eiserne Mauer -
Der israelische Friedensaktivist Uri Avnery über den »Gaza Freedom March« und die Verstrickungen Ägyptens mit der israelischen Besatzungspolitik in Palästina.
Weitere Artikel auf marx21.de:
Neuer Frieden in Nahost?
Die palästinensische Autorin Ghada Karmi über Hintergründe und Perspektiven von Obamas »Friedensplänen« (Artikel vom 21.09.09)
Der Wendepunkt?
Noam Chomsky über Obamas »Friedensinitiative« und aktuelle Entwicklungen im Nahen Osten (Artikel vom 15.06.09)
Als die Mauer fiel:
Vier Tage lang erlebte der Nahe Osten die Kraft von Massenbewegungen.
Mauern wurden niedergerissen, ein Diktator erniedrigt und die
US-Strategie, den palästinensischen Widerstand zu isolieren, lag in
Scherben. Ein Bericht von Simon Assaf (Artikel vom 04.02.08)
»Gaza ist voller Tragödien«:
Israel nimmt die Bevölkerung des Gaza-Streifes in Kollektivhaft für die Anschläge einer Minderheit. Die Auswirkungen für die Menschen sind verheerend. Ein Bericht von Mohammed Omer aus Gaza (Artikel vom 24.01.08)
Millionen gegen den Krieg:
Weltweit haben Hunderttausende gegen die militärische Aggression
Israels im Gazastreifen protestiert. Von Yaak Pabst (Artikel vom
13.01.09)
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