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07.01.10: Geschichte |
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Der Islam und die Aufklärung |
Bis ins späte Mittelalter war die
islamische Welt dem Westen in der Entwicklung voraus. Die Bewegung
der Aufklärung und mit ihr die moderne Gesellschaft entstand aber im
bis dahin rückständigen christlichen Europa. Der Historiker Neil
Davidson untersucht die Gründe dafür.
In den
derzeitigen Auseinandersetzungen über den Islam wird zunehmend über
einen Aspekt diskutiert: Zwar sind viele Autoren bereit, die
kulturellen und wissenschaftlichen Errungenschaften des Islams
anzuerkennen, doch immer betonen sie einschränkend, dass die
islamische Zivilisation keine der Aufklärung entsprechende
Entwicklung durchlief. »Der Islam musste sich niemals einer langen
Phase der kritischen Überprüfung der Gültigkeit seiner geistigen
Vision unterziehen, wie der Westen im 18. Jahrhundert«, schreibt der
Geschichtswissenschaftler Louis Dupré. »Die islamische Kultur hat
natürlich eigene Krisen erlebt (...) sie war jedoch niemals
gezwungen, ihre traditionelle Weltanschauung in Frage zu stellen.«
Dieselbe Auffassung ist auch von Menschen ursprünglich
muslimischer Herkunft vertreten worden, die später ihre religiösen
Ansichten aufgegeben haben. So erklärte Salman Rushdie, der Islam
brauche »weniger eine Reformation (...) als eine Aufklärung«.
Muslimische Theoretiker, die dem Mainstream zuzuordnen sind,
vertreten in der Regel eine der folgenden Positionen: Die erste
Position geht davon aus, dass der Islam nicht der Aufklärung
bedurfte, weil seine Lehre nicht in denselben Konflikt zwischen
Religion und Wissenschaft geriet wie die Lehre des Christentums. Wie
der ägyptische Wissenschaftler Abdulaziz Othman Altwaijri schrieb:
»Die westliche Aufklärung war bedingungsloser Gegner der Religion
und ist es auch noch heute. Dagegen verbindet die islamische
Aufklärung Glaube und Wissenschaft, Religion und Vernunft und setzt
sie in ein angemessenes Gleichgewicht.« Nun ist der Islam zweifellos
von Wundern weniger abhängig als das Christentum, aber letztendlich
stellt die Aufklärung alle Religionen in Frage - sei es das
Christentum, den Islam, Judaismus, Hinduismus oder Buddhismus - da
sie der religiösen Offenbarung die Vernunft entgegenstellt.
Die
zweite Position ist, dass die Aufklärung für den Westen zwar einen
Fortschritt darstellte, sie jedoch zum Instrument der Unterdrückung
der muslimischen Welt wurde. A. Hussain fragt: »Warum sollten wir
die Aufklärung begrüßen, da doch unser Volk Opfer dieser
Entwicklung geworden ist?« Es ist wahr, dass sowohl die islamische
Welt als auch die Muslime im Westen unter Imperialismus und Rassismus
gelitten haben und leiden. Das liegt jedoch nicht an der Aufklärung
an sich, sondern vielmehr daran, dass die Ideale der Aufklärung
nicht in sozialistischen Gesellschaften verwirklicht worden sind, und
wie sie für die Bedürfnisse der Ausdehnung des Kapitalismus
eingespannt wurden. Bei einer wiederauflebenden Bewegung der
Arbeiterklasse und der Unterdrückten können diese Ideen gegen die
Kriegstreiber und Islamfeinde gewendet werden, die sie sich zu
Unrecht auf die Fahnen schreiben. Die Geschichte der islamischen Welt
zeigt, dass sie sich sehr früh mit vielen Themen auseinander gesetzt
hat, die später mit der Aufklärung assoziiert wurden. Die Frage ist
also, warum die Aufklärung im Westen vorherrschend wurde und nicht
in der islamischen Welt - oder in anderen Gegenden der Welt wie
China, die ursprünglich wesentlich weiter entwickelt waren als der
Westen. Die Grundlage des Vergleichs für die Kritik des Islams ist
die Aufklärung, die sich in Europa und Nordamerika in der Zeit von
Mitte des 17. bis Anfang des 19. Jahrhunderts entwickelte. Allerdings
wird der Diskussionsrahmen in Bezug auf den Islam verändert. Niemand
spricht von einer »christlichen Aufklärung«. Soweit der Aufklärung
irgendeine Besonderheit zugesprochen wird, dann in Bezug auf einzelne
Nationen. Warum aber ist im Westen die Territorialfrage die Grundlage
für die Diskussion der Aufklärung, im Osten aber die Religion? Gibt
es eine christliche Aufklärung?
Es wird behauptet, dass die
Aufklärung wie zuvor Renaissance und Reformation aus der gemeinhin
als »jüdisch-christlich« bezeichneten Tradition hervorgegangen
sei. Mit anderen Worten: Das Christentum sei intellektuell so
aufgeschlossen und tolerant gewesen, dass es das Aufkommen kritischer
Gedanken zuließ. Deshalb konnte die Religion nach und nach verdrängt
werden, und es kam zu einer Trennung von Kirche und Staat. Indirekt
wird damit natürlich gesagt, dass der Islam nicht in der Lage
gewesen sei, dieselbe Entwicklung zuzulassen. Das Schicksal von
Giordano Bruno (der auf dem Scheiterhaufen der Heiligen Inquisition
verbrannt wurde) oder Galileo Galilei (dem das gleiche Schicksal
drohte), weil sie es gewagt hatten, die Dogmen der katholischen
Kirche in Frage zu stellen, lässt einige Zweifel an der Behauptung
aufkommen, das Christentum sei eigentlich offen für
wissenschaftliche Rationalität.
An dieser Stelle verlagert
sich das Argument in der Regel vom Christentum im Allgemeinen auf die
Rolle des Protestantismus im Besonderen, oder noch enger gefasst: des
Calvinismus. Das überzeugt allerdings genauso wenig. So
unterschiedliche Autoren wie Antonio Gramsci oder Hugh Trevor-Roper
haben dargelegt, dass protestantische Ideen in vieler Hinsicht ein
Rückzug waren von der komplexen intellektuellen Gedankenwelt des
spätmittelalterlichen Katholizismus, wie sie zum Beispiel Erasmus
von Rotterdam vertrat. Das Genf des 16. Jahrhunderts und das
Edinburgh des 17. Jahrhunderts waren sicherlich keine Orte, an denen
rationale Betrachtungen gefördert wurden. Die
intellektuell-fortschrittliche Rolle des Protestantismus liegt darin,
dass einzelne Strömungen dieses Glaubens die Kirchengemeinden zum
persönlichen Studium der Bibel ermutigten, um zur Wahrheit zu
gelangen, statt diese von der Obrigkeit zu erwarten - ein Ansatz, der
auf andere Bereiche des Lebens übertragen werden konnte. Aber die
religiösen Unterweisungen an sich zielten nicht in diese Richtung.
Die Rechtfertigung der Welt mit Hilfe des Glaubens ist eine
außerordentlich mächtige Lehre, aber keine rationale, da sie sich
auf die Behauptung stützt, die Wege Gottes seien für den Menschen
unergründlich. Später wurde Edinburgh tatsächlich zum Mittelpunkt
der vielleicht großartigsten nationalen Aufklärung. Doch dazu
musste es zunächst die »theokratischen Fantasien« der Kirche von
Schottland abschütteln. Das galt auch für ganz Europa und
Nordamerika.
Egal, welchem besonderen religiösen Glauben
einzelne Vordenker der Aufklärung anhingen und wie verschlüsselt
ihre Argumente auch waren, die Bewegung als Ganze stand mit der
jüdisch-christlichen Tradition auf Kriegsfuß. Sie repräsentierte
nicht die Beständigkeit der westlichen Kultur, sondern einen tiefen
Bruch mit ihr. Die Aufklärung vergötterte nicht die westlichen
Werte. Vielmehr lehnte sie die vorher herrschenden Werte ab.
Die
Denker der Aufklärung nahmen auch eine deutlich vielschichtigere
Haltung gegenüber dem Islam ein, als ihre heutigen Bewunderer uns
glauben machen wollen. Jonathan Israel erinnert uns in seiner
bedeutenden Geschichte der »radikalen« Aufklärung: »Einerseits
wird der Islam positiv, sogar begeistert als eine gereinigte
Offenbarungsreligion aufgenommen, ohne die vielen Makel von Judaismus
und Christentum, und deshalb dem Deismus, der Gottesauffassung der
Aufklärung, verwandt. Noch häufiger jedoch wird der Islam mit
Feindseligkeit und Verachtung als primitive Religion betrachtet, die
wie der Judaismus und das Christentum starke Züge von Aberglauben
trägt und mindestens ebenso, wenn nicht noch stärker dazu neigt,
Willkürherrschaft zu begünstigen.«
Im Allgemeinen hielt
die Aufklärung den Islam nicht für besser oder schlechter als das
Christentum. Vielleicht sollten wir deshalb die Möglichkeit in
Betracht ziehen, dass der entscheidende Faktor sowohl für die
Entstehung der Aufklärung im Westen, wie auch für ihre
Nicht-Entstehung im Osten gar nicht die Religion ist, sondern die Art
der Gesellschaften, in denen die jeweilige Religion Fuß fasste und
zu deren Bestand diese Religion beitrug. Auf jeden Fall müssen wir
der Behauptung entgegentreten, der Islam habe keine wissenschaftliche
Rationalität gekannt. Schließlich waren es muslimische Gelehrte,
die die philosophischen und wissenschaftlichen Erkenntnisse des
griechischen und persischen Altertums übersetzten und bewahrten, die
sonst verloren gegangen wären. Sie waren es, die dieses Wissen an
ihresgleichen in Europa weitergaben. Letztere wurden auch von in
Spanien und auf Sizilien lebenden muslimischen Gelehrten ausgebildet.
Muslimische Errungenschaften in Bezug auf wissenschaftliche Ideen
waren jedoch nicht nur archivarischer Natur. Der syrische Gelehrte
und Arzt Ibn al-Nafis begriff als Erster den
Herz-Lungen-Blutkreislauf. Dazu musste er die Vorstellung Avicennas,
einem seiner Vorläufer, zurückweisen, der ebenfalls ein wichtiger
Medizintheoretiker gewesen war und unter anderem herausgefunden
hatte, dass Krankheiten durch Trinkwasser verbreitet werden können.
Ibn al-Nafis starb in hohem Alter in seinem Bett (er soll etwa 80
Jahre alt geworden sein). Wir können sein Schicksal mit dem einer
weiteren Person vergleichen, die die Theorie des Lungenkreislaufs
vertrat: des Spaniers Miguel Serveto. Im Jahr 1553 wurde er von der
protestantischen Obrigkeit Genfs verhaftet und der Gotteslästerung
beschuldigt. Da er nicht bereit war zu widerrufen, wurde er auf
Drängen Calvins wegen Ketzerei verbrannt.
Die islamische
Welt brachte nicht nur wissenschaftliche Theorien hervor, ihre
Philosophen setzten sich auch mit der gesellschaftlichen Funktion von
Religion auseinander. Dem marxistischen Historiker Maxine Rodinson
zufolge vertrat der persische Philosoph und Mediziner Rhazes die
Auffassung, dass »Religion die Ursache für Krieg ist und der
Philosophie und Wissenschaft feindlich gegenübersteht. Er glaubte an
den wissenschaftlichen Fortschritt und hielt Plato, Aristoteles oder
Hippokrates für überragender als die Heiligen Schriften.« In der
Normandie beispielsweise hätte zu jener Zeit, im 10. Jahrhundert,
kein Mensch solche Ansichten offen erörtern und erwarten können, am
Leben zu bleiben. In einigen muslimischen Staaten hingegen wurden
ähnliche Ideen sogar auf höchster Staatsebene vertreten. So stellte
in Indien der Großmogul Akbar (1556-1605) »den Pfad der Vernunft«
über das »Vertrauen in die Tradition« und stellte grundsätzliche
Überlegungen über die Grundlage religiöser Identität und
nichtkonfessioneller Herrschaft in Indien an. Seine
Schlussfolgerungen wurden 1591/92 in Agra veröffentlich, kurz bevor
Bruno Giordano in Rom auf dem Scheiterhaufen verbrannt wurde. Akbars
Minister und Sprecher, Abu Fasl, beklagte in seinem Buch »A'in-i
Akbari« in mehreren verbitterten Absätzen die Beschränkungen, die
der religiöse Obskurantismus wissenschaftlichen Bemühungen
auferlegte: »Seit undenklichen Zeiten sind wissenschaftliche Neugier
beschnitten und kritischer Zweifel und Forschung als Anzeichen des
Unglaubens angesehen worden. Was auch immer vom Vater, Verwandten und
Lehrer weitergegeben wurde, wird als Niederschlag göttlicher
Weisheit betrachtet, und einem Fragenden wird Gottlosigkeit oder
Irrglaube vorgeworfen. Und obwohl einige der Intelligenten ihrer
Generation den Unsinn dieses Verfahrens bei anderen zugeben, weichen
sie selbst keinen Schritt in diese Richtung ab.«
Offensichtlich
gehört es also nicht zum Wesen islamischer Gesellschaften, Muslime
an der Entwicklung rationaler oder wissenschaftlicher Gedanken zu
hindern. Und doch entwickelten sich diese Vorboten der Aufklärung,
die zu einem früheren Zeitpunkt als im Westen aufkamen, niemals in
eine ähnlich blühende Bewegung, die in der Lage gewesen wäre,
ihren Beitrag zur Veränderung der Gesellschaft zu leisten. Ibn
al-Nafis wurde zwar nicht von der Obrigkeit gestört, doch seine
Ideen hatten keinen Einfluss auf die Heilkunde der islamischen Welt.
Im Westen, wo ähnliche Ideen ursprünglich mit dem Tode bestraft
wurden, wurden sie wieder entdeckt und innerhalb von 150 Jahren zum
Bestandteil des medizinischen Allgemeinwissens. Wie ausgezeichnet
auch Ideen sein mögen, sie können die Welt nicht verändern - es
sei denn, sie finden eine Verkörperung in einer wirklichen
gesellschaftlichen Kraft. Was war diese Kraft im Westen, und warum
fehlte sie in islamischen und anderen Ländern?
Das Wesen
der islamischen Gesellschaft
Die islamische Gesellschaft
erlebte in der Zeit zwischen dem Tod des Propheten 632 und dem Fall
Konstantinopels 1453 enorme Umwälzungen. Einige grundlegende Muster
blieben jedoch die ganze Zeit unverändert. Die islamische Welt
stützte sich auf eine Reihe wohlhabender Städte, von Bagdad im
heutigen Irak über Kairo im heutigen Ägypten bis nach Cordoba im
heutigen Spanien. Diese städtischen Zentren waren durch ein Netz
hoch entwickelter Wüsten- und Seehandelsstrecken miteinander
verbunden, über die Karawanen und Schiffe Luxusgüter wie Gewürze
und Manufakturerzeugnisse wie Keramiken transportierten. Der Reichtum
und die Üppigkeit dieser Zivilisation standen in deutlichem Kontrast
zum verarmten, rückständigen Europa.
Was aber war die
Grundlage der dahinter stehenden Ökonomie - oder: Wie sah die
»Produktionsweise« aus? Der Feudalismus, die Produktionsweise, die
in Westeuropa und Japan vorherrschte, war in den Staaten der
muslimischen Welt - mit der großen Ausnahme Persiens (des heutigen
Irans) - und Teilen Indiens von geringer Bedeutung. Hier herrschte
stattdessen vor, was einige Marxisten einschließlich des Verfassers
dieses Textes eine tributgestützte Produktionsweise nennen. In
Europa herrschten die feudalen Grundbesitzmonarchien über schwache,
dezentralisierte Staaten. Die Staatsmacht lag beim lokalen Adel auf
dem Land, und hier, unter seiner lokalen Gerichtsbarkeit, fand auch
die Ausbeutung mittels Einziehung von Pachten und Frondiensten statt.
Aber gerade wegen dieser zersplitterten Struktur konnte sich die
kapitalistische Produktion zwischen diesen in verschiedene Gebiete
aufgeteilten Staatsgewalten entwickeln. Die Städte waren
hinsichtlich ihrer Größe und Macht sehr unterschiedlich, aber
wenigstens einige waren frei von der Herrschaft des Adels oder des
Königs und boten Räume, in denen sich neue Produktionsansätze
entwickeln konnten.
Es ist versucht worden, die Aufklärung
als reinen Ausdruck wissenschaftlicher Rationalität darzustellen,
die zufälligerweise mit der Epoche des Übergangs vom Feudalismus
und der bürgerlichen Revolution zusammenfiel. Sie muss jedoch als
theoretische Begleitung dieser wirtschaftlichen und politischen
Prozesse begriffen werden - wenn auch in sehr komplizierter und
vermittelter Weise. Die Bedingungen für die kapitalistische
Entwicklung und damit auch der Aufklärung existierten nicht in
gleichem Maße in der muslimischen Welt. Im Osmanischen Reich, das
ihren Mittelpunkt bildete, gab es kein Privateigentum an Land, keinen
Lokaladel und deshalb wenig Raum für das Entstehen neuer
Produktions- und Ausbeutungsansätze. Der Staat war der
Hauptausbeuter und seine Beamten entfalteten bewusst Feindseligkeit
gegenüber möglichen alternativen Machtquellen - daher ihre
Vorurteile gegenüber dem Kleinhandel und ihre Abneigung gegenüber
dem großen Handelskapital. Dementsprechend stammten Kaufleute eher
aus außerhalb bestehenden »Nationen« - sie waren Juden, Griechen
oder Armenier -, nicht aus der einheimischen arabischen oder
türkischen Bevölkerung. Islamische Gesellschaften neigen nicht
grundsätzlich zur Stagnation, aber sie sind das beste Beispiel
dafür, wie herrschende Klassen sehr bewusst die Staatsmacht - den
»Überbau« - einsetzen, um neue und sie bedrohende Klassen an ihrer
Herausbildung zu hindern und auch ihre intellektuelle Entwicklung zu
vereiteln. »Die Frage, warum es im Islam keine wissenschaftliche
Revolution gab«, schreibt Pervez Hoobdhoy mit leichter Übertreibung,
»bedeutet im Prinzip zu fragen, warum der Islam kein mächtiges
Bürgertum schuf.«
Das Fehlen der Entwicklung einer neuen und
entwickelteren wirtschaftlichen Klasse führte dazu, dass islamische
Theoretiker keine realen Beispiele vor Augen hatten. Nehmen wir den
tunesischen Geschichtsschreiber Ibn Chaldun (1332-1402), Verfasser
des Kitab Al-Ilbar, des »Buchs der Beispiele«. In seinen
gesellschaftstheoretischen Arbeiten beschrieb er einen fortgesetzten
Kampf zwischen Zivilisationen, die sich einerseits auf Städte und
Kaufleute (hadarah) stützen, und solchen, die andererseits auf
Stämmen und heiligen Männern (badawah) basieren. Diese beiden
Zivilisationsformen wechselten sich als vorherrschende Kräfte
innerhalb der muslimischen Welt in endloser Folge ab. Dagegen konnten
Adam Smith und seine Kollegen der Historikerschule der schottischen
Aufklärung eine Theorie entwickeln, der zufolge Gesellschaften von
einer »Daseinsweise« zu einer anderen fortschreiten können, da sie
diese Bewegung in England gesehen hatten und sich dasselbe für
Schottland wünschten. Ibn Chaldun konnte nur eine zyklische
Wiederholung in der Geschichte der islamischen Gesellschaft erkennen
und sah keinen Ausweg aus diesem ewigen Kreislauf. Mit seinen
Arbeiten konnte er die Gesellschaft, die er theoretisch zu erfassen
versuchte, nicht durchdringen.
Angesichts dieser Tatsache
sind die islamische Lehre und die islamischen Organisationen schwer
voneinander zu trennen. Im christlichen Europa waren Kirche und Staat
bei der Verteidigung der bestehenden Ordnung Verbündete. In der
islamischen Welt waren sie miteinander verschmolzen - es gab keine
getrennte Organisation der Kirche. Es gab natürlich Unterschiede
zwischen den verschiedenen islamischen Glaubensrichtungen - die
Schiiten bevorzugten die Herrschaft durch charismatische Imame,
Sunniten einen Konsens der Gläubigen - aber in keinem der
Religionszweige gab es eine allumfassende kirchliche Organisation wie
im Christentum. Stattdessen entwickelte sich eine föderale Struktur,
die sich den jeweiligen Staaten anpasste. Deshalb ist es schwierig,
das Recht des Staates vom Recht der Religion zu trennen. Der Glaube
an die Prädestination (göttliche Vorherbestimmung) führte dazu,
dass es als gottlos galt oder sogar ausgeschlossen war, auch nur zu
versuchen, Ereignisse in der Zukunft vorherzusagen. Der Glaube an den
Utilitarismus konzentrierte die intellektuelle Forschung oder die
intellektuellen Anleihen auf das unmittelbar Nützliche. Als
schließlich ab dem 16. Jahrhundert die Grenzen der islamischen Welt
an die expandierenden europäischen Mächte stießen, war für die
herrschende arabische Elite, die das Gefühl der eigenen
Überlegenheit gewohnt war, die Vorstellung, sich der europäischen
Methoden und Entdeckungen zu bedienen, ausgesprochen schmerzlich. Als
die Bedrohung durch den Westen wuchs, wurde die Kontrolle über das,
was gelehrt werden durfte, noch schärfer.
Teilreformen
Auch
das Beispiel China stützt im Großen und Ganzen die These, dass der
Schlüssel nicht in der Religion liegt, sondern in der Form der
Ökonomie und der ihr »korrespondierenden Staatsform«. China war
wie die islamischen Gesellschaften eine große Zivilisation und
konnte auf wichtige wissenschaftliche und technische Errungenschaften
blicken, die die europäischen eindeutig überragten. Auch hier gab
es aber einen bürokratischen, sich auf Tributzahlungen stützenden
Staat, der alles unternahm, neu aufstrebende Klassenkräfte und ihre
gefährlichen Ideen zu unterdrücken. Wer die Schriften eines
führenden chinesischen Intellektuellen im 17. Jahrhundert, Wang
Fu-Chih (1619-92), liest, ist versucht, ihn als Vorläufer von Adam
Smith in Schottland oder Abbé Sieyes in Frankreich zu sehen. Im
Gegensatz zu diesen führten seine Ideen allerdings zu keinen
handfesten Ergebnissen. In China ging der Staat wie in der
islamischen Welt gegen die Verbreitung gefährlicher Ideen vor. China
war aber kein islamisches Land - die Ähnlichkeiten liegen nicht in
der Religion, sondern in Wirtschaft und Staat, und deshalb ereilte
beide dasselbe Schicksal.
Hätten also Ideen der Aufklärung
diesen Gesellschaften von außen aufgezwungen werden können? Die
kurzzeitige Eroberung der osmanischen Provinz Ägypten durch
französische Revolutionsarmeen 1798 führte zunächst in Ägypten,
dann in der Türkei zu dem Versuch, zumindest einige der
technologischen, wissenschaftlichen und militärischen Ansätze
wissenschaftlich-rationalen Denkens zu übernehmen. Viele der Seiten
des Islams, die unwissenderweise als »mittelalterliche« Traditionen
wahrgenommen werden, sind Ergebnisse dieser Zeit der Teilreformen.
Ein Historiker schreibt: »Die Burka war in Wirklichkeit eine moderne
Kleidung, die es den Frauen erlaubte, die Abgeschiedenheit ihres
Heims zu verlassen und bis zu einem gewissen Grad an öffentlichen
und geschäftlichen Angelegenheiten teilzunehmen.« Ein anderer zeigt
auf: »Das Amt des Ajatollahs ist eine Schöpfung des 19.
Jahrhunderts, die Herrschaft von Chomeini und seinen Nachfolgern als
‚oberster Rechtsgelehrter‘ eine Neuerung aus dem 20.
Jahrhundert.« Die imperiale Aufteilung und Besetzung des Nahen
Ostens nach dem Ersten Weltkrieg führte zum Einfrieren dieser
Entwicklung und teilweise sogar zu ihrer Umkehrung. Bei dem endlosen
Geschwätz über die angebliche westliche Überlegenheit sollte nicht
vergessen werden, dass feudale gesellschaftliche Beziehungen - gegen
die die Aufklärung so gewütet hatte - nach 1920 durch die
britischen Besatzer im Irak eingeführt wurden, um dem Regime eine
gesellschaftliche Basis zu verschaffen.
Was dann folgte, hat
Robert Fisk in »The Great War for Civilisation« (»Der große Krieg
für die Zivilisation«) schonungslos und detailliert erzählt, wie
es an dieser Stelle noch nicht einmal ansatzweise möglich ist. Die
Frage nach über 100 Jahren imperialistischer Intervention lautet:
Muss die islamische Welt von heute die Erfahrungen des Westens
durchmachen - von der Renaissance über die Reformation zur
Aufklärung? Im Jahr 1959 schrieb der afghanische Intellektuelle
Nadschim ud-Din Bammat: »Der heutige Islam muss eine Reihe von
Revolutionen gleichzeitig durchleben: eine religiöse Revolution wie
die Reformation; eine intellektuelle und moralische Revolution wie
die Aufklärung des 18. Jahrhunderts; eine wirtschaftliche und
gesellschaftliche Revolution wie die europäische industrielle
Revolution des 19. Jahrhunderts.«
Die Geschichte wiederholt
sich nicht. Leo Trotzkis Theorien von der ungleichmäßigen und
kombinierten Entwicklung und der permanenten Revolution zufolge
müssen diese Revolutionen nicht eine nach der anderen stattfinden,
sondern können zeitlich gedrängt ineinander greifen. Das
christliche Europa war unvergleichlich rückständiger als arabische
oder persische Zivilisationen im 10. oder 11. Jahrhundert. Aber seine
Rückständigkeit führte dazu, dass eine viel höhere Form der
Klassengesellschaft in ihm heranreifte - der Kapitalismus - und es so
die ehemals überlegenen Länder »einholen und überholen« und in
diesem Verlauf sogar besetzen und zerstören konnte.
Als die
Ideen der Aufklärung die Massen in der islamischen Welt erreichten,
kamen sie nicht als Wiederholung der europäischen Erfahrung des 17.
und 18. Jahrhunderts, sondern in der Form des Marxismus - des
radikalen Erben dieser Erfahrung. Unglücklicherweise waren die
theoretischen und organisatorischen Formen, in denen der Marxismus
den islamischen Ländern seinen Stempel aufdrückte, stalinistische
und trugen folglich den Keim des Unglücks bereits in sich - was im
Irak in den 1950er Jahren und im Iran in den 1970er Jahren besonders
spektakulär verlief, überall sonst jedoch eher schleichend und
heimtückisch. Gerade wegen der katastrophalen Geschichte des
Stalinismus und, allgemeiner gefasst, des säkularen Nationalismus,
sehen Menschen, die sonst vom Sozialismus angezogen worden wären, im
Islamismus heute einen alternativen Weg zur Befreiung.
Welche
Zukunft kann es für den Islam und die Aufklärung geben?
Linke
sollten sich an die Erfahrungen des Westens erinnern. Die Aufklärung
kam auf, als das Christentum älter war als der Islam heute und dann
auch nicht auf einen Schlag. Die Menschen wurden nicht plötzlich
»rational« und gaben ihre alten Ansichten auf, nur weil sie die
weisen Worte Spinozas oder Voltaires vernahmen. Das erforderte Zeit.
Die Erfahrung mit dem gesellschaftlichen Wandel und den Kämpfen
machten Menschen offener für neue Ideen, mit denen die Welt auf eine
Weise erklärt werden konnte, wie es die Religion nicht mehr
vermochte.
Sozialisten sollten heute bei dem real vorhandenen
Kontext von institutionellem Rassismus und militärischer
Intervention ansetzen, denen Muslime täglich ausgesetzt sind.
Aufklärung kann weder durch richterliche Verfügung noch mit
Gewehren erzwungen werden. Die wirkliche Voraussetzung für eine
Debatte ist die Einheit im Handeln. Dabei kann die Diskussion in dem
sicheren Wissen geführt werden, dass alle Beteiligten
unterschiedlichen Glaubens und unterschiedlicher Ansichten dennoch
ein gemeinsames Ziel haben. Ich denke, es ist kein Zufall, dass
gerade diejenigen, die die Notwendigkeit einer islamischen Aufklärung
am heftigsten betonen, auch am lautesten nach Krieg schreien. Die
ursprüngliche Aufklärung wird nicht wiederkehren. Aber es könnte
sein, dass wir gerade die ersten Anzeichen für eine neue Aufklärung
sehen, nicht in jenen Stimmen für den Krieg, sondern in den Taten
von Muslimen wie Nichtmuslimen, die auf die Straße gehen, um ihnen
entgegenzutreten.
Zum Text:
Der Aufsatz wurde
leicht gekürzt und aus dem Englischen von Rosemarie Nünning und
David Meienreis übersetzt. Er erschien unter dem Titel »Islam and
the Enlightenment« in Socialist Review im März 2006.
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