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06.01.10: Jemen |
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Der Jemen und der Imperialismus |
Ein weiterer Krieg ist im Nahen Osten,
genauer im Jemen an der Grenze zu Saudi-Arabien, ausgebrochen. Simon
Assaf zeigt, dass dahinter ein Kampf um die Kontrolle dieses
strategisch wichtigen arabischen Lands steht.
Im Dezember wurde Saudi-Arabien
beschuldigt, bei einer Bombardierung von Dörfern mit seinen
Kampfflugzeugen mindestens 70 Menschen umgebracht zu haben. Angeblich
stehen die Dörfer unter Kontrolle der schiitisch-muslimischen
Huthi-Rebellen. Die Huthis (benannt nach dem 2004
getöteten Führer Hussein Badreddin al-Huthi) behaupten, es habe im
November 50 solcher Angriffe gegeben. Im August leitete die
jemenitische Regierung eine Großoffensive gegen einen inzwischen
fünf Jahre währenden schiitischen Aufstand ein. Die schiitischen
Stammensangehörigen zogen sich in die Bergregion an der Grenze zu
Saudi-Arabien zurück, und im November wurden saudi-arabische
Soldaten in die Kämpfe mit hineingezogen.
Die erste saudi-arabische Offensive im
November endete mit einer Demütigung: Die aufständischen Huthis
schlugen die saudischen Soldaten in die Flucht und eroberten große
Mengen an Ausrüstung und Munition. Es gab mehrere weitere Versuche von
saudischen Kräften, die Aufständischen zu vertreiben, und die
letzten Angriffe waren Teil dieses fortgesetzten Feldzugs. Nach
allgemeiner Darstellung ist dies ein Konflikt zwischen der vom Westen
unterstützten jemenitischen Regierung und ihren saudi-arabischen
Verbündeten auf der einen Seite und auf der anderen Seite
schiitischen Rebellen, die vom Iran unterstützt und von der
Hisbollah ausgebildet wurden.
Das passt in eine Rhetorik, mit der das
Bild von einer Region gezeichnet wird, die sich im Griff eines
übergreifenderen Konfessionskriegs zwischen schiitischen und
sunnitischen Muslimen befindet. Dieser Aufstand ist jedoch sehr viel
komplizierter. Er markiert eine ironische Wende im Geschick der
Huthis und den wechselnden Bündnissen im Nahen und Mittleren Osten. Der Jemen besteht aus zwei wichtigen
Regionen mit unterschiedlicher Geschichte. Der heutige Nordjemen war
einst Teil des Osmanischen Reichs. Nach dessen Zusammenbruch im Jahr
1918 beherrschte die schiitische Königsfamilie Nordjemen von ihrer
Hauptstadt Sanaa aus.
Der Süden mit seinem wichtigen Hafen
Aden wurde seit 1839 vom Britischen Empire beherrscht. Diese Region
ist überwiegend sunnitisch-muslimisch. In den 1950er und 1960er Jahren wurden
beide Länder von einem Volksaufstand erfasst, angespornt durch die
Revolution Gamal Abdel Nassers in Ägypten. Rebellen in Aden begannen
einen Befreiungskrieg gegen die Briten, während ein Bündnis aus
unzufriedenen Stämmen und Armeeoffizieren einen Putsch zur Absetzung
des Königs im Norden vorbereitete. Im Jahr 1962 wurde der König
durch Nasseranhänger unter den Offizieren gestürzt. Er fand
Zuflucht in Saudi-Arabien. Gefeiert als Held im Kampf gegen den
„Kommunismus" entfesselte der König einen Aufruhr, der von
Saudi-Arabien, Jordanien, dem iranischen Schah und dem Westen
unterstützt wurde.
Israel belieferte die königlichen
Streitkräfte und bot sogar an, die in Sanaa belagerten arabischen
nationalistischen Kräfte zu bombardieren. Als Antwort darauf
entsetzte Nasser rund 70.000 Soldaten, um bei der Zerschlagung des
monarchistischen Aufstands zu helfen. Der Plan endete mit einer
Katastrophe. Nassers Truppen konnten die Bergstützpunkte der
Monarchisten nicht einnehmen und zogen sich schließlich nach
Ägyptens schwerer Niederlage im Krieg gegen Israel von 1967 zurück.
Sanaa war durch vom Westen unterstützte
Kräfte umzingelt. Obwohl die Kämpfe eine Pattsituation erreichten,
waren die nationalistischen Offiziere am Ende zur Flucht gezwungen.
Während die Monarchisten ihren Sieg festigten, konnten dagegen im
Süden die Briten durch nationalistische Aufstände vertrieben
werden, und im Jahr 1967 wurde die Unabhängigkeit erklärt. Im Jahr 1969 wurde in Südjemen die
sozialistische Republik ausgerufen.
Die beiden Jemen wurden zum Symbol
eines unlösbaren Konflikts zwischen dem Westen und den arabischen
Revolutionen. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion im Jahr 1990
vereinigten sich die beiden Länder. Das neue Jemen wurde als Triumph
für den Westen gepriesen. Die neue Regierung wurde ein enger
Verbündeter des Westens, und der Hafen von Aden wurde in einen
wichtigen Flottenstützpunkt der USA verwandelt. Die schiitischen Stämme sahen sich von
ihren ehemaligen Verbündeten alleingelassen. Isoliert und in Ungnade
gefallen, begannen sie mehr Autonomie zu fordern. Vor fünf Jahren
brach dann der Aufstand aus. Unterdessen musste die jemenitische
Regierung feststellen, dass sie noch einen zweiten Feind hatten:
Allgemeine Unzufriedenheit, angeheizt durch Israels Angriffe auf die
Palästinenser und eine zusammenbrechende Wirtschaft, ergoss sich auf
die Straßen.
Die Unzufriedenheit bildete einen
fruchtbaren Boden für angeblich von al-Qaida inspirierte radikale
sunnitische Muslimgruppen, die eine Reihe gut geplanter Angriffe auf
US-Kräfte durchführten - einschließlich im Oktober 2000 der
spektakulären Bombardierung des Zerstörers „USS Cole", der im
Hafen von Aden vor Anker lag. Die USA begannen zu fürchten, dass der
Jemen durch schiitische und sunnitische Rebellen auseinandergerissen
werden könnte. Das Land wurde zum Rückzugsgebiet von al-Qaida und
zum neuen Schlachtfeld zwischen dem Westen und dem Iran erklärt. Der
Westen und seine arabischen Verbündeten gossen Geld und Waffen in
das Land, um die unpopuläre jemenitische Regierung zu stärken.
Es gibt noch eine weitere bittere
Wendung in diesem Konflikt: Viele Jemeniten verachten die
schiitischen Stämme, weil sie an der Zerstörung der arabischen
nationalistischen Republik beteiligt waren. Inzwischen sind viele
radikale sunnitische Gruppen den Schiiten, die auch als Ketzer
gelten, tief feindlich gesinnt. Der Westen fürchtet jetzt, dass das
Land in einen dreifachen Konflikt hineingezogen wird. Die USA
verkündeten diesen Monat, dass sie Spezialeinheiten in das Land
schicken wollen, um dem Regime im Kampf gegen die sunnitischen
Rebellen beizustehen, während Saudi-Arabien eingreift, um sich mit
den schiitischen Rebellen zu „befassen". Das Luftbombardement der Saudis im
November erinnert an die Angriffe der ägyptischen Kräfte in den
1960er Jahren. Diese Angriffe erwiesen sich als wirkungslos, um die
Rebellen aus den Bergfesten zu vertreiben. Die Saudis könnten am
Ende in einen ähnlichen Konflikt hineingezogen werden - diesmal
mit einem Feind, der sich verraten fühlt und bestens geübt in der
Kunst des Guerillakriegs ist.
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