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06.01.10: Nahost |
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Der israelische Friedensaktivist Uri Avnery über den »Gaza Freedom March« und die Verstrickungen Ägyptens mit der israelischen Besatzungspolitik in Palästina.
Etwas merkwürdiges, fast Bizarres
geschieht in diesen Tagen in Ägypten. Etwa 1400 Aktivisten aus aller
Welt versammelten sich hier auf ihrem Weg in den Gazastreifen. Am
Jahrestag der „Cast Lead"-Offensive wollten sie an einer
gewaltfreien Demonstration gegen die andauernde Blockade teilnehmen,
die das Leben von 1,5 Millionen Bewohnern des Gazastreifens
unerträglich macht.
Zur selben Zeit fanden in vielen
Ländern Protest-Demonstrationen statt. Auch in Tel Aviv war eine
große Protestdemo geplant. Das „Monitoring-Comitee" der
arabischen Bürger Israels beabsichtigte eine Demo an der Gazagrenze
zu organisieren. Als die internationalen Aktivisten in Ägypten
ankamen, wartete eine Überraschung auf sie. Die ägyptische
Regierung verbot ihnen die Fahrt nach Gaza. Ihre Busse wurden in den
Außenbezirken Kairos festgehalten und zum Umdrehen gezwungen.
Einzelne, denen es gelungen war, den Sinai in regulären Bussen zu
erreichen, wurden herausgeholt. Die ägyptischen Sicherheitskräfte
führten eine regelrechte Jagd nach den Aktivisten durch.
Die zornigen Aktivisten belagerten ihre
Botschaften in Kairo. Vor der französischen Botschaft bildete sich
ein Zeltlager, das bald von ägyptischer Polizei umgeben war.
Amerikanische Demonstranten versammelten sich vor ihrer Botschaft und
verlangten den Botschafter zu sehen. Mehrere Demonstranten, die über
70 waren, auch die jüdische Hedi Epstein mit 85, begannen mit einem
Hungerstreik. Überall wurden die Demonstranten von ägyptischen
Eliteeinheiten in voller Schutzausrüstung aufgehalten, während rote
Wasserwerfer im Hintergrund warteten. Protest-Demonstranten, die
versuchten, sich auf Kairos Hauptplatz Tahrir (Befreiung) zu
versammeln, wurden körperlich angegriffen.
Am Ende wurde nach einem Treffen mit
der Frau des Präsidenten eine typisch ägyptische Lösung gefunden:
einhundert Aktivisten wurde es erlaubt, den Gazastreifen zu
erreichen. Der Rest blieb in Kairo, perplex und frustriert. Während die Demonstranten in der
ägyptischen Hauptstadt warteten und versuchten, ihrem Ärger Luft zu
machen, wurde Binyamin Netanyahu im Präsidentenpalast im Herzen der
Stadt empfangen. Sein Gastgeber pries und lobte lang und breit seinen
Beitrag zum Frieden, besonders das „Einfrieren" des Siedlungsbaus
in der Westbank, eine vorgetäuschte Geste - besonders da
Ost-Jerusalem nicht mit eingeschlossen ist.
Hosni Mubarak und Netanyahu haben sich
in der Vergangenheit getroffen - aber nie in Kairo. Der ägyptische
Präsident bestand immer darauf, dass die Treffen in Sharm-al-Sheikh
stattfanden - von ägyptischen Bevölkerungszentren möglichst weit
entfernt. Die Einladung nach Kairo war deshalb ein bedeutendes
Zeichen dafür, dass die Beziehungen zunehmend enger geworden sind. Als besonderes Geschenk für Netanyahu
stimmte Mubarak zu, Hunderte Israelis nach Ägypten zu lassen, um am
Grab des Rabbi Yaakov Abu Hatzeira zu beten, der vor 130 Jahren in
der ägyptischen Stadt Damanhur auf dem Weg von Marokko ins Heilige
Land gestorben war.
Das hat natürlich etwas geradezu
Symbolisches an sich: zum einen die Blockierung der
pro-palästinensischen Demonstranten auf dem Weg nach Gaza und zum
anderen zum selben Zeitpunkt die Einladung der Israelis nach
Damanhur. Man mag sich wohl über die ägyptische
Beteiligung an der Blockade des Gazastreifens wundern. Die Blockade
begann lange vor dem Gazakrieg und hat den Gazastreifen in das, was
man als „das größte Gefängnis der Erde" bezeichnet,
verwandelt. Die Blockade betrifft alles, außer den wichtigsten
Medikamenten und die Grundnahrungsmittel. US-Senator John Kerry,
früherer Kandidat für die US-Präsidentschaft, war schockiert, zu
hören, dass die Blockade auch Nudeln einschloss - die israelische
Armee hatte in ihrer Weisheit entschieden, dass Nudeln Luxus seien.
Die Blockade gilt allem: vom Baumaterial bis zu Schulheften.
Abgesehen von extremsten humanitären Fällen, kann keiner aus dem
Gazastreifen nach Israel und in die Westbank kommen oder umgekehrt.
Aber Israel kontrolliert nur drei
Seiten des Gazastreifens. Die nördliche und östliche Grenze wird
von der israelischen Armee blockiert, die westliche Grenze durch die
israelische Flotte. Die vierte, die südliche Grenze wird von Ägypten
kontrolliert. Deshalb wäre die ganze Blockade ohne ägyptische
Beteiligung wirkungslos. Eigentlich macht dies keinen Sinn.
Ägypten betrachtet sich selbst als Führer der arabischen Welt. Es
ist das arabische Land mit der größten Bevölkerungszahl und liegt
mitten in der arabischen Welt. Vor fünfzig Jahren war der Präsident
Ägyptens Gamal Abd-al-Nasser das Idol aller Araber, besonders der
Palästinenser. Wie kann Ägypten mit dem „zionistischen Feind"
kollaborieren (wie Ägypten Israel damals nannte,) und 1,5 Millionen
arabische Brüder in die Knie zwingen?
Bis vor kurzem fand die ägyptische
Regierung ein Lösung, die der 6000 Jahre alten ägyptischen Weisheit
entspricht. Es beteiligte sich an der Blockade, schloss aber seine
Augen vor den Hunderten von Tunneln, die unter der ägyptischen
Grenze nach Gaza gegraben waren, durch welche die täglichen
Versorgungsmittel der Bevölkerung kamen (zu unglaublichen Preisen
und mit viel Gewinn für die ägyptischen Händler) zusammen mit
einer Menge von Waffen. Selbst Menschen passierten die Tunnel - von
Hamas-Aktivisten bis zu Bräuten. Das ändert sich jetzt. Ägypten
beginnt mit dem Bauen einer - buchstäblich - eisernen Mauer
entlang der ganzen Länge der südlichen Gazagrenze. Sie besteht aus
stählernen Pfeilern, die tief in die Erde gestoßen werden, um die
Tunnel zu blockieren. Das wird den Bewohnern den Rest geben.
Als der extremste Zionist Vladimir
Ze'ev Jabotinsky vor etwa 80 Jahren von einer „eisernen" Mauer
gegen die Palästinenser schrieb, hat er nicht davon geträumt, dass
dieser Bau einst ausgerechnet durch Araber verwirklicht würde. Warum tun sie dies? Es gibt mehrere
Erklärungen. Zyniker weisen daraufhin, dass die ägyptische
Regierung jedes Jahr einen riesigen amerikanischen finanziellen
Zuschuss erhält - fast zwei Milliarden Dollar - freundlicherweise
mit israelischer Zustimmung. Es begann als Belohnung für den
ägyptisch-israelischen Friedensvertrag. Die Pro-Israel-Lobby im
US-Kongress kann dies jederzeit stoppen.
Andere glauben, dass Mubarak sich vor
der Hamas fürchtet. Die Organisation begann als palästinensischer
Zweig der Muslim-Bruderschaft, die noch immer die Hauptopposition
seines autokratischen Regimes ist. Die
Kairo-Riadh-Amman-Ramallah-Achse steht gegen die Damaskus-Gaza-Achse,
die mit der Teheran-Hisbollah-Achse verbunden ist. Viele Leute
glauben, Mahmoud Abbas sei daran interessiert, die Gazablockade noch
enger zu ziehen, um die Hamas zu schädigen. Mubarak ist ärgerlich über die Hamas,
die sich weigert, nach seiner Flöte zu tanzen. Wie seine Vorgänger,
erwartet er, dass die Palästinenser seinen Befehlen gehorchen.
Präsident Abd-al-Nasser war über die PLO verärgert (eine
Organisation, die von ihm geschaffen worden war, damit die Ägypter
die Kontrolle über die Palästinenser hätten, die sich ihm aber
entzogen, als Arafat sie übernahm). Präsident Anwar Sadat war über
die PLO verärgert, weil sie das Camp-David-Abkommen zurückwies, das
den Palästinensern nur „Autonomie" versprach. Wie können es die
Palästinenser - ein kleines, unterdrücktes Volk - wagen, den
„Rat" des „großen Bruders" auszuschlagen?
All diese Erklärungen sind
verständlich, doch die ägyptische Haltung ist doch erstaunlich. Die
ägyptische Blockade des Gazastreifens zerstört das Leben von 1,5
Millionen Menschen, Männern und Frauen, alten Leuten und Kindern,
von denen die meisten keine Hamas-Aktivisten sind. Es geschieht
öffentlich vor den Augen der Hundert Millionen Araber, vor 1,25
Milliarden Muslimen. In Ägypten selbst schämen sich Millionen
Menschen, dass sich ihr Land am Aushungern der arabischen Brüder
beteiligt. Es ist eine sehr gefährliche Politik.
Warum folgt ihr Mubarak ? Die wirkliche Antwort ist wahrscheinlich:
er hat keine andere Wahl. Ägypten ist ein sehr stolzes Land. Jeder,
der einmal in Ägypten war, weiß, sogar die ärmsten Ägypter sind
voller Nationalstolz und sind leicht beleidigt, wenn ihre nationale
Würde verletzt wird. Das wurde vor ein paar Wochen deutlich, als
Ägypten ein Fußballspiel gegen Algerien verlor und sich benahm, als
hätte es einen Krieg verloren.
„Denk daran, dass von der Spitze der
Pyramiden 40 Jahrhunderte auf euch herunterschauen," soll Napoleon
seinen Soldaten am Vorabend der Schlacht von Kairo gesagt haben.
Jeder Ägypter fühlt, dass 6000 - einige sagen 8000 - Jahre
Geschichte ständig auf ihn herabschauen. Dieses tiefe Gefühl stößt in einer
Zeit mit der Realität zusammen, in der Ägyptens Situation immer
miserabler wird. Saudi Arabien hat mehr Einfluss; das winzige Dubai
wird ein internationales Finanzzentrum; der Iran wird eine weit
bedeutendere Regionalmacht. Im Gegensatz zum Iran, wo die Ayatollahs
die Familien aufgerufen haben, sich mit zwei Kindern zu begnügen,
verschlingt die ägyptische Geburtenrate alles und verurteilt das
Land zu permanenter Armut.
In der Vergangenheit gelang es Ägypten,
seine interne Schwäche mit externen Erfolgen auszugleichen. Die Welt
betrachtete Ägypten als den Führer der arabischen Welt und
behandelte es entsprechend. Nun nicht mehr. Ägypten ist in einer schlimmen Lage.
Deshalb hat Mubarak keine andere Wahl, als den Diktaten der USA zu
folgen - die praktisch wiederum israelische Diktate sind. Das ist
die wirkliche Erklärung seiner Beteiligung an der Blockade. Als ich
heute bei der Demonstration in Tel Aviv redete, nachdem wir durch die
Straßen marschiert waren, um gegen die Blockade zu protestieren,
habe ich mich zurückgehalten, den ägyptischen Teil daran zu
erwähnen.
Ich bekenne, dass ich die Menschen
dort, denen ich während meiner Besuche in Ägypten begegnete, sehr
mochte. Der „Mann auf der Straße" ist sehr zuvorkommend. Das
Verhalten zu einander geschieht in Ruhe und Gelassenheit, keine
Aggressionen, dazu kommt ein besonderer ägyptischer Humor. Selbst
der Ärmste hält seine Würde aufrecht, auch unter miserablen,
übervölkerten und oft elenden Bedingungen. Ich habe sie nicht
murren gehört. In all den Tausenden von Jahren ihrer Geschichte
haben die Ägypter nur drei oder viermal revoltiert. Diese legendäre Geduld hat auch ihre
negativen Seiten. Wenn die Leute sich mit ihrem Los abfinden,
verhindert dies wirtschaftlichen, sozialen und politischen
Fortschritt. Es scheint, dass das ägyptische Volk bereit ist, alles
zu akzeptieren. Von den Pharaonen der alten Zeiten bis zum „Pharao"
der Gegenwart - ihre Herrscher hatten es leicht. Aber eines Tages
wird der nationale Stolz sogar die Geduld überwinden. Als Israeli
protestiere ich gegen die israelische Blockade. Wenn ich ein Ägypter
wäre, würde ich gegen die ägyptische Blockade protestieren. Als
Bewohner des Planeten protestiere ich gegen beides.
Zum Text:
Veröffentlichung
auf marx21.de mit freundlicher Genehmigung www.uri-avnery.de. Aus dem
Englischen von Ellen Rohlfs und Christoph Glanz.
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