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Serie: Marx neu entdecken - Teil 6 | Drucken |
Prinzip Beschleunigung und Expansion
Wie im Kapitalismus Raum und Zeit zugerichtet werden. Von Elmar Altvater

Elmar Altvater ist emeritierter Professor für Politikwissenschaft am Otto-Suhr-Institut der Freien Universität Berlin. Er arbeitet im wissenschaftlichen Beirat von attac und ist Mitglied von DIE LINKE.
Elmar Altvater ist emeritierter Professor für Politikwissenschaft am Otto-Suhr-Institut der Freien Universität Berlin. Er arbeitet im wissenschaftlichen Beirat von attac und ist Mitglied von DIE LINKE.
Marx beginnt den ersten Band des „Kapital" mit der Formanalyse der Ware und beschließt ihn mit dem 24. Kapitel über die „Vorgeschichte" der kapitalistischen Produktionsweise, über die „sogenannte ursprüngliche Akkumulation", und mit dem 25. Kapitel über „moderne Kolonisationstheorien". Da er den ersten Band als ein „artifizielles Ganzes" komponiert hat, ist die Frage berechtigt, warum der Bogen von der Form der Ware zu den Kolonien, von der abstrakten begrifflichen Ableitung zur konkreten historischen Darstellung und zu den „Kolonisationstheorien" gespannt wird. Marx zeigt in dem kurzen letzten Kapitel des ersten Bandes des „Kapital" etwas ganz Entscheidendes: „die kapitalistische Produktions- und Akkumulationsweise, also auch kapitalistisches Privateigentum, bedingen die Vernichtung des auf eigner Arbeit beruhenden Privateigentums, das heißt die Expropriation des Arbeiters" (MEW 23: 802). Die Kolonialisierung wird demzufolge als eine Methode der räumlichen Ausdehnung der kapitalistischen Produktionsweise durch Expropriation der arbeitenden Menschen entschlüsselt. Es geschieht das im globalen Raum, was zuvor im 24. Kapitel über die ursprüngliche Akkumulation als Tendenz in der historischen Zeit untersucht worden ist: die Unterwerfung von Zeiten und Räumen unter die Herrschaft des Kapitals, unter das private Eigentum und dessen Verwertung, die Enteignung der Arbeitenden.

Der Raum wird nicht nur „produziert", wie Sozialgeographen entdeckt haben, sondern - entsprechend dem Doppelcharakter aller Produktion als Arbeits- und Verwertungsprozess - in Wert gesetzt und dabei grundlegend entsprechend den historischen Bedingungen der Kapitalakkumulation transformiert. Das ist in der Geschichte des Kapitalismus mit Hilfe des „stummen Zwangs" der ökonomischen Verhältnisse, also durch die „Sachzwänge des Marktes", in vielen Fällen der kolonialen und imperialen Eroberung (ebenso bei der inneren Kolonisierung, von der Rosa Luxemburg schrieb), das heißt auch mit politischer Macht und militärischer Gewalt herbeigeführt worden. Die „Expropriation des Arbeiters" durch Privatisierung und kapitalistische Inwertsetzung von öffentlichen Räumen und durch Unterwerfung unter das kapitalistische Zeitregime setzen schon die Logik der Globalisierung in die Realität um, lange bevor die historische Globalisierung seit dem Beginn der Privatisierungs- und Deregulierungswelle in den 1970er Jahren und seit dem Kollaps des real existierenden Sozialismus wirkungsmächtig werden konnte.

Nun verstehen wir den Zusammenhang zwischen erstem und letztem Kapitel des „Kapital": die Logik von Wert und Verwertung ist nicht nur Ergebnis begrifflicher Ableitung, sondern eine historische Tendenz, die sich auf dem gesamten Globus durchsetzt. Die kapitalistische Produktionsweise entwickelt sich also in Raum und Zeit - und passt diese dabei ihren Bedingungen der Produktion und Aneignung möglichst hoher industrieller Profite und finanzieller Renditen an. Doch gilt auch, dass Zeit und Raum Kategorien der Natur und Gesellschaft sind, dass ihre Koordinaten die Rhythmen des Lebens und die Horizonte der menschlichen Existenz bestimmen. Die kapitalistisch-formspezifischen Rhythmen der jede Naturgrenze missachtenden Beschleunigung und die Horizonte, in denen die Erde, wie Günther Anders sagt, nur als „auszubeutende Mine" wahrgenommen werden kann, geraten in Widerspruch zu den natürlichen Bindungen und gesellschaftlichen Konventionen, die als Beschränkungen des grenzenlosen Verwertungstriebs verstanden werden. Es entsteht ein höchst widersprüchliches Zeit-Raum-Regime, ein dem Kapitalismus eigenes gesellschaftliches Naturverhältnis, das von Anfang an umkämpft ist. Da es in diesen Kämpfen um Zeiten und Räume geht, begreifen sich soziale Bewegungen auch als „sozioterritoriale Bewegungen", deren Ziel die Wiederaneignung von Raum und Zeit und deren Wiedereinbettung in die Gesellschaft gegen die Tendenzen der Enteignung und der Entbettung aus der Gesellschaft ist.

In diesen Fragen geraten auch wissenschaftliche Ansätze in Konflikt - zum Beispiel eine Kapitalismus­theorie, die sich der natürlichen und gesellschaftlichen Grenzen von Akkumulation und Wachstum und der Unumkehrbarkeit aller Stoff- und Energietransformationen bewusst ist, mit der liberalen und neoliberalen Ökonomietheorie, die ihre Weisheiten aus raum- und zeitlosen Modellen gewinnt.

Wachstumswahn

In der Zeit ist Beschleunigung das bestimmende Prinzip und im Raum ist es die Expansion auch gegen die Naturbedingungen und gesellschaftlichen Raum-Zeit-Muster. Durch Beschleunigung aller Bewegungen können der Raum und die Zeit „komprimiert" und daher die entferntesten, aber auch die nächsten Winkel in die Produktion und Zirkulation der Werte einbezogen werden. Die Beschleunigung führt zu einer beträchtlichen Erhöhung des Tempos aller Prozesse, die wiederum eine Verkürzung der Zirkulationszeit des Kapitals erlaubt. Da der Rückfluss der Gewinne beschleunigt wird, kann die gleiche Kapitalsumme mehrmals in der gleichen Zeiteinheit angelegt werden. Die „Finanzinnovationen" des Spekulationsbooms vor dem Ausbruch der Finanzkrise waren vor allem darauf gerichtet, die Finanztransaktionen maßlos zu beschleunigen - bis zum alles mitreißenden Unfall des gesamten Systems.

Auch in der „realen Ökonomie" von Arbeit und Produktion setzt sich das Prinzip Beschleunigung durch. In der gleichen Zeiteinheit können mehr Waren produziert werden oder die gleiche Warenmenge in verkürzter Zeitstrecke. Also steigt die Produktivität der Arbeit, und mit ihr auch der „Wohlstand der Nationen". Verantwortlich dafür sei die vertiefte und erweiterte Arbeitsteilung, bewirkt durch die „unsichtbare Hand des Marktes", der sich im Zuge dieser Dynamik zum Weltmarkt weite, lautet die Lehre der klassischen politischen Ökonomie von Adam Smith und David Ricardo. Sie hat bis heute nicht ihre Attraktivität verloren. Die Beschleunigung erfasst auch das Alltagsleben, wird ein bestimmendes Element der Kultur. Das Automobil wird zum Symbol der Raum-Zeit-Kompression.

Rein quantitativ kommt die neue Dynamik des Kapitalismus in einer menschheitsgeschichtlich einmaligen Steigerung der durchschnittlichen wirtschaftlichen Wachstumsraten zum Ausdruck. Bis zum Ende des 18. Jahrhunderts betrug das Wirtschaftswachstum jährlich ca. 0,2 Prozent. Es kam in allererster Linie infolge der Zunahme der Bevölkerung und daher des Arbeitsvolumens zustande. Die Subsistenz der wachsenden Bevölkerung hing vom Zuwachs vor allem der landwirtschaftlichen Güter ab, und der war in vorindustriellen Zeiten gering.

Der norwegische Statistiker Angus Maddison hat zum Jahrtausendwechsel im Auftrag der OECD den auf den ersten Blick aberwitzigen Versuch unternommen, das Wachstum der Wirtschaft in allen Weltregionen über die letzten 2000 Jahre seit Christi Geburt zu berechnen, und zwar vergleichend in US-Dollar zu Preisen von 1990. Die Resultate der Studie sind gleichwohl plausibel. Danach wuchs die Weltbevölkerung vom Jahre 0 bis zum Jahre 1000 nur von 230,8 auf 268,3 Millionen Menschen. Auch das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf stagnierte während des ersten Jahrtausends bei etwa 440 US-Dollar (in Preisen von 1990) pro Kopf. In den nächsten 800 Jahren bis 1820 erhöhte sich die Zahl der Menschen auf Erden auf etwas mehr als eine Milliarde und das Pro-Kopf-Einkommen nahm auf 667 US-Dollar zu. In den 178 Jahren von 1820 bis 1998 allerdings versechsfachte sich die Weltbevölkerung und verneunfachte sich das globale Durchschnittseinkommen auf 5709 US--Dollar pro Kopf. Das ist nichts gegenüber dem 27fachen in Westeuropa (durchschnittliches Pro-Kopf-Einkommen im Jahre 1998: 17921 US-Dollar), und dem 39fachen in den USA und Kanada (26146 US-Dollar). In Asien (ohne Japan) beträgt der Durchschnitt der Pro-Kopf-Einkommen nur etwas mehr als ein Zehntel (2936 US-Dollar), und in Afrika nur knappe 5 Prozent (1368 US-Dollar) der nordamerikanischen Werte. Der Wohlstand nimmt in der Welt zu, aber die Ungleichheit der Verteilung zwischen den Weltregionen auch.

Beschleunigung und Expansion sind gegen die Rhythmen von Natur und Gesellschaft nur möglich, weil fossile Energien anstelle der in der gesamten Menschheitsgeschichte zuvor genutzten biotischen Energien von Pflanzen, Tier und Mensch eingesetzt werden. Die industrielle Revolution war eine kulturelle und soziale und zugleich eine industriell-fossile Revolution. Erst dieser Dreiklang machte sie so wirkungsmächtig in der Geschichte der vergangenen zweieinhalb Jahrhunderte. Denn seitdem sich die Produktionsmethoden der modernen Industriegesellschaft durchgesetzt haben, ist das Wachstum nicht mehr hauptsächlich von der Zufuhr von Arbeitskräften abhängig, sondern vom Anstieg der Produktivität der Arbeit. Beschleunigung in der Zeit und Expansion im Raum sprengen nun die Begrenztheit der menschlichen Horizonte. Die fossile Energie ist „dichter" gepackt als die solare Flussenergie, die „gestreut" auf der Erdoberfläche ankommt.

Jeder lebendige Arbeiter erhält nun hunderte von „Energiesklaven" oder „Pferdestärken" zugeordnet, wie Hans-Peter Dürr schreibt. Das macht das Leben bequem, doch an das neue kapitalistische Raum-Zeit-Regime müssen sich die Menschen gewöhnen. Sie müssen das neue Zeitregime der Beschleunigung in den Manufakturen und Fabriken und die Privatisierung von Räumen erst akzeptieren lernen. Das war und ist keineswegs selbstverständlich. Hätten Goethe oder Heine ihre italienischen Reisen, die sie in der Kutsche unternahmen und dabei Tagebücher, Reflexionen und Gedichte schrieben, auch mit EasyJet machen können? Es ist schlecht vorstellbar, dass Goethe seine Römischen Elegien auf dem Flughafen verfasst hätte.

Kämpfe um Zeiten und sozioterritoriale Konflikte

Um die Hegemonie über die Arbeitszeit wurden heftige und langwierige, Jahrzehnte dauernde Klassenkämpfe ausgetragen, auf die Friedrich Engels zu sprechen kommt, als in England die 1847 eingeführte Begrenzung des Arbeitstags auf zehn Stunden im Jahr 1850 durch Gerichtsbeschluss wieder aufgehoben wurde (MEW 7: 226-243). Auch Marx widmet den Kämpfen um die Arbeitszeit im „Kapital" ein langes Kapitel (MEW 23: 245-320). Die Historiker E.P. Thompson oder Eric Hobsbawm sehen in diesen Auseinandersetzungen und Kämpfen, wie übrigens ähnlich Engels in den zitierten Artikeln, „Schulen", in denen die junge britische Arbeiterklasse ihr Klassenbewusstsein „lernt". Die Kämpfe um die Arbeitszeit und deren Gestaltung gehen bis heute weiter.

Die Konflikte in Zeit und Raum können mit der Unterscheidung Fernand Braudels zwischen einer Ereignisgeschichte der „kurzen Zeitspanne", der Geschichte von Konjunkturen und einer Geschichte der „langen Dauer", die mehrere Jahrhunderte umfasst, interpretiert werden. Das Energieregime hat lange Dauer, doch dauert es nicht ewig. Denn die Entnahmeraten der fossil gespeicherten Sonnenenergie sind ungleich höher als die Raten der Neubildung von fossilen Energien. Da seit der industriell-fossilen Revolution die Wirtschaft beschleunigt wächst und die Akkumulation im Raum sehr expansiv ist, mindern sich deren Bestände und werden überdies von immer mehr Energieverbrauchern aus dem globalen Raum angezapft. Die in den Reserven gebundenen Kohlenstoffe werden bei deren Verbrennung als Kohlendioxid mit den bekannten Klimaeffekten freigesetzt. Somit erschöpfen sich die Bestände der fossilen Energien nach und nach und sie belasten vor allem die Atmosphäre des Planeten Erde in einem nicht tragbaren Maße. Hier zeigt es sich, wie unterschiedliche Zeitregime - die Entstehung fossiler Lagerstätten und deren Ausplünderung und Nutzung als Treibstoffe und die trägen Reaktionszeiten der Atmosphäre auf den Schadstoffeintrag - in Konflikt geraten, und wie Raumnutzungen - die Nutzung der Atmosphäre als Deponie für Treibhausgase oder als Luft zum Atmen - konkurrieren.

Daran entzünden sich einerseits alltagsweltliche soziale Auseinandersetzungen der Ereignisgeschichte mit lokaler, regionaler und nationaler Reichweite. Es entstehen aber auch globale, geopolitische Konflikte über eine längere Zeitdauer (Braudels „longue durée"). Das fossile Energieregime gehört zu den historischen Infrastrukturen, die die Geschichte der Gesellschaft wie die Biographien ihrer Mitglieder bestimmen. Dazu schreibt Braudel: „Sie blockieren die Geschichte, engen sie ein" und machen sich „als Grenzen bemerkbar [..], die der Mensch mit seinen Erfahrungen kaum überschreiten kann. Die Denkverfassungen selbst sind Gefängnisse von langer Dauer." Dann kann es geschehen, dass die langfristig verfassten Strukturen notwendige Veränderungen, also einen Ausweg aus dem „Gehäuse der Hörigkeit" blockieren. Das ist eine Frage der politischen und ökonomischen Macht, wie an der in Beton gegossenen Infrastruktur der „longue durée" des fossilistischen Kapitalismus deutlich wird. Ihre Vertreter mit ihren „Denkverfassungen" sind darin befangen und tun alles, um sie nicht aufgeben zu müssen. Man kann dies am aktuellen Konjunkturprogramm der Bundesregierung beobachten: die geplanten Investitionen dienen der Erhaltung der überkommenen Strukturen und nicht der Gestaltung eines Wechsels in Richtung eines nicht-fossilen Regimes erneuerbarer Energien.

Damit werden aber die Auseinandersetzungen in Konjunktur- und Ereignisgeschichte vorgezeichnet. Wenn am fossilen Energieregime, also an der Infrastruktur der „longue durée", der Ökonomie der Geschwindigkeit, fest gehalten wird, muss die Versorgung mit fossilen Treibstoffen gewährleistet werden. Die Reserven sind aber begrenzt und in bestimmten Weltregionen konzentriert und die Auswirkungen der Klimaeffekte sind ebenfalls regional unterschiedlich. Es ist unvermeidlich, dass geopolitische Konflikte um Territorien auf die Tagesordnung kommen, die nur dann eine Lösung finden, wenn die Strukturen der langen Dauer verändert werden.

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marx21, Heft 24, Februar / März 2012: Titelthema: Die Eurokrise und die Linke

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