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18.02.09: Anti-Nazi-Kampf |
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Der Tag, an dem wir die NPD vertrieben |
Am 1. März 1997 wurden 5000 Nazis von den Münchnern gestoppt. Claus Schreer, Mitorganisator der
antifaschistischen Kundgebung, erinnert sich.
 Am 1. März 1997 sperrt die Polizei den Marienplatz in München für die Nazis ab. Später werden tausende Gegendemonstranten die Barrieren überspringen und den Rechten entgegen ziehen. (Foto:Privat) Die NPD wird im Münchener
Stadtzentrum marschieren. Diese Nachricht brachte vor zwölf Jahren die
Antifaschisten in München auf die Beine. Die Stadt war aus zwei Gründen zum
Ziel der Nazis geworden. München war in der Weimarer Republik eine
Nazi-Hochburg. Am 8. November 1923 versuchte Hitler mit Anhängern, die
Macht in München an sich zu reißen und marschierte zur Feldherrnhalle.
Der rechte Putsch, den in Berlin gleichzeitig Offiziere führten, wurde
durch einen Generalstreik verhindert. Hitler, vorher unbekannt, wurde
durch den Putschversuch berühmt und München galt fortan als "die
Hauptstadt der Bewegung". In diese Tradition will sich die NPD mit
ihrem Marsch stellen. Ihre ursprünglich angemeldete Demoroute soll an
der Feldherrnhalle vorbeiführen.
Zum anderen hat die CSU in den
Monaten zuvor eine Kampagne gegen die Ausstellung "Die Verbrechen der
Wehrmacht" in München geführt. Die Ausstellung belegt mit zahlreichen
Dokumenten und Fotos, dass die deutsche Armee im Zweiten Weltkrieg,
insbesondere in Osteuropa, voll in die Nazi-Mordmaschine integriert
war. Die Führung der Armee setzte Hitlers Weisungen vom "Rassenkampf"
und "Vernichtungskrieg" mit Massenerschießungen um. Die CSU, allen voran deren
Münchner Vorsitzender Gauweiler, hetzt gegen die Ausstellung um rechte
CSU-Anhänger zu beeindrucken. Gauweiler verschickt in München 300.000
Briefe, die sich gegen die Ausstellung richten.
Der Leitartikel in der CSU-Zeitung
"Bayernkurier" hat die Überschrift: "Wie Deutsche diffamiert werden". Als
die Ausstellung Ende Februar eröffnet wird, legt die CSU gleichzeitig
aus Protest einen Kranz am „Grab des unbekannten Soldaten" nieder. Der traurige Höhepunkt der
Kampagne ist Gauweilers Forderung, der Initiator der Ausstellung und
frühere Tabakkonzernbesitzer Jan Philipp Reemtsma solle sich lieber um
die "Opfer des Nikotinkonsums" als um die Verbrechen der deutschen
Armee im Zweiten Weltkrieg zu kümmern.
Die Kampagne ist geradezu eine
Einladung an die Nazis. Mit der Parole "Gegen die antideutsche
Schandaustellung" mobilisiert die NPD-Jugendorganisation "Junge
Nationaldemokraten" nach München. Die Nazis kommen in über 40
Reisebussen und Auto-Konvois aus ganz Deutschland. 5000 Nazis in
Anmarsch auf München, die größte Nazi-Mobilisierung seit 1977. Das ist
die Lage am Morgen des 1. März.
Der Aufmarsch in München beweist,
dass der Staat die Nazis nicht in Griff hat. 1992 und 93, nach den
Brandanschlägen in Mölln und von Solingen, verboten das Innenministerium
und verschiedene Landesregierungen zehn Neonazi-Gruppen. Die Polizei
bildete immer wieder Sonderkommissionen gegen Rechtsradikale. Einige
für die Nazi-Szene öffentlichkeitswirksame Aktionen, wie das Gedenken
an SS-Führer Heß in Wunsiedel oder das Bekenntnis zur Wehrmacht auf dem
Soldatenfriedhof in Halbe, wurden durch teilweise große Polizeieinsätze
verhindert, beziehungsweise stark eingeschränkt. Doch dadurch wurden die Rechten
nicht gestoppt. Die Nazis sammelten sich nach dem Verbot ihrer
Organisationen einfach woanders: im Umfeld der NPD und der JN. Mit der
Demonstration in München wollen sie zeigen, dass sie trotz der Verbote
stärker geworden sind.
Wir vom Bündnis "München gegen Rassismus" sind entschlossen, das zu
verhindern. Wir machen uns daran, ein breites Bündnis gegen den
Aufmarsch aufzubauen. Insgesamt holen wir über 70 Organisationen ins
Boot, darunter auch die Grünen.
Unsere wichtigste Aussage ist: "Kein Nazi-Aufmarsch in München! Wir werden weder die Diffamierung der
Ausstellung noch den Nazi-Aufmarsch hinnehmen." Dazu machen wir
Schilder mit der Aufschrift: "Gegen die schwarz-braune Koalition". Das
richtet sich gegen die CSU, die den Nazis die Stichworte liefert. Uns ist klar: Wenn die Nazis ihre
Demonstration durchziehen, wenn sie auf dem Marienplatz, dem zentralen
Platz Münchens, ihre Kundgebung abhalten können, haben sie gewonnen.
5000 Nazis, die mit gestärktem Selbstbewusstsein nach Hause fahren. Das
ist eine unerträgliche Vorstellung.
Deshalb ist das Bündnis gegen den
Aufmarsch von Anfang an darauf ausgerichtet, den Nazi-Aufmarsch zu
stoppen, indem wir ihre Demo-Strecke blockieren und den Marienplatz
besetzen. Das geht nicht mit ein paar hundert Leuten, vor allem nicht, wenn
die Polizei den Platz für die Nazis abriegelt.
Wir sind nicht die einzigen, die
an diesem Tag gegen die Nazis mobil machen. Auch der Deutsche
Gewerkschaftsbund und die SPD rufen zu einer Kundgebung auf dem Platz
der Opfer des Nationalsozialismus auf. Dort spricht
SPD-Oberbürgermeister Ude. Im Gegensatz zu uns, rief er nicht
dazu auf, sich den Nazis entgegenzustellen. Im Gegenteil. Ude
behauptet: "Wer den Zug der Rechtsextremen angreift, verhilft ihnen nur
zur gewünschten Resonanz und schädigt das Ansehen der Stadt." Das würde bedeuten, tausende Nazis
ungestört durch München ziehen zu lassen. Das wollen wir nicht – und
viele andere Münchener auch nicht.
Viele, viele tausend wollen es
nicht bei mahnenden Reden belassen: Von der Demonstration mit 7000
Menschen auf dem Geschwister-Scholl-Platz strömen immer mehr zum
Marienplatz. Obwohl Ministerpräsident Stoiber
in der "Abendzeitung" gedroht hatte: "Am Samstag langen wir zu", lassen
sich nur wenige Antifaschisten einschüchtern. In kurzer Zeit ist der
Platz knallvoll. Die Menschen stehen dicht gedrängt. Der Slogan: "Wir
sind die Mehrheit, uns gehört die Stadt", wird durch die immer größer
werdende Menschenmenge belegt. Später muss auch Ude zugeben, dass
es eine "breite Mischung" von Münchnerinnen und Münchnern ist, die
seine Empfehlung ablehnt und sich der NPD direkt entgegenstellt.
Die Menschen jubeln, als der
Marienplatz besetzt ist. Danach wendet sich die Menge der Talstraße zu,
aus der die Nazis kommen werden. Als einige beherzte Leute die Straße
hinunter stürmen, gibt es kein Halten mehr. Die Menge setzt sich in
Bewegung, den Nazis entgegen, die ihren von der Polizei abgeschirmten
Marsch auf dem Marienplatz zu Ende bringen wollen.
Nachdem die gesamte Innenstadt mit
Menschen überfüllt ist, die der NPD keine freie Bahn lassen wollen,
kann die Polizei nicht mehr verhindern, dass die Absperrungen vom
Marienplatz zur Talstraße gestürmt werden. Hunderte von Metern vor ihrem Ziel
müssen die Nazis stoppen. Wegen der Masse an Gegendemonstranten [15.000 bis 20.000 nehmen am Anti-Nazi-Protest teil. Anm. d. Redaktion] ist an
ein Vordringen auf den Marienplatz nicht zu denken.
"Münchner stoppen die Rechten",
lautet am nächsten Tag die Schlagzeile der "Abendzeitung". Sie ist die
größte Zeitung in München.
Die Nazis müssen so überstürzt fliehen, dass
sie nicht darauf achten können, wer in welchen Bus muss, und auf einer
Autobahnraststätte eine große Umsteigeaktion organisieren müssen. Das
war ein guter Tag für den Kampf gegen die Nazis.
Zum Autor:
Claus Schreer lebt in München und war 1997 aktiv im Münchner "Bündnis gegen Rassismus".
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