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05.12.08: Terroranschläge in Indien |
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Die indische Führung muss den
Blick mehr auf das eigene Land richten, meint Tariq Ali.
Die Terrorangriffe auf Mumbais
Fünf-Sterne-Hotels waren gut geplant. Allerdings war keine große
logistische Intelligenz nötig, denn alle Ziele waren "weiche
Ziele". Man wollte eine Katastrophe erzeugen, um die Scheinwerfer auf
Indien und dessen Probleme zu lenken. Das ist den Terroristen
gelungen. Die Identität der Gruppe mit den schwarzen
Kapuzen bleibt weiter mysteriös.
 Tariq Ali ist Sozialist aus Großbritannien. Er arbeitet als Autor, Filmemacher und Historiker. (Foto: Lara Noell / flickr.com) Die "Deccan Mujahedeen", hatten in
einer Pressemitteilung, mittels E-Mail, die Verantwortung übernommen.
Der Name ist neu. Sicher wurde er für die Aktion erfunden. Es
gibt viele Spekulationen. So behauptet ein hoher indischer
Marineoffizier, die Angreifer (die mit dem Schiff "M V Alpha" nach
Indien kamen) hätten Verbindungen zu somalischen Piraten. Damit
will er andeuten, dass es sich um einen Racheanschlag handelt. Die
Indische Marine hatte vor wenigen Wochen eine erfolgreiche aber
blutige Aktion gegen die Piraten im Arabischen Golf durchgeführt,
bei der es viele Opfer gab.
Indiens Premier Manmohan Singh, besteht
darauf, die Basis der Terroristen läge im Ausland. Die indischen
Medien sind ein Echo seiner Argumentationslinie: Pakistan (siehe
Lashkar-e-Taiba) und die Taliban stehen auf der Liste der üblichen
Verdächtigen.
Es handelt sich um eine bedachte
Ausrede, die der politischen Imagination des offiziellen Indiens
entspringt. Zweck dieser Ausflucht ist es, die Möglichkeit zu
leugnen, dass der Terror ein indisches Gewächs sein könnte
und ein Produkt der Radikalisierung junger indischer Muslime, die das
politische System Indiens aufgegeben haben. Aber um dies zu
akzeptieren, müssten Indiens politische Doktoren sich selbst
kurieren.
Wie die CIA vor kurzem deutlich machte,
ist Al Kaida eine Organisation im Niedergang. Es war ihr nicht
möglich, einen zweiten Anschlag durchzuführen, der auch nur
vage an den 11. September heranreichte.
Ihr oberster Führer, Osama bin
Laden, ist wahrscheinlich tot (in die US-Präsidentschaftswahlen
2008 griff er auf alle Fälle nicht mit seinem
üblichen Markenzeichen - einer Videobotschaft - ein). Sein
Stellvertreter belässt es bei Drohungen und Drohgebärden.
Aber was ist mit Pakistan? Das
pakistanische Militär ist massiv in die Aktionen an der
Nordwest-Front involviert - wo der Afghanistankrieg auf Pakistan
überschwappt und das Land destabilisiert. Die derzeit in
Pakistan herrschenden Politiker unternahmen mehrere Versuche,
sich mit Indien gut zu stellen. Die (Terror-)Gruppe Lashkar-e-Taiba
scheut sich normalerweise nicht, sich zu ihren Anschlägen zu
bekennen. Im Falle der Angriffe von Mumbai weist sie jedoch jede
Beteiligung weit von sich.
Warum wäre es so überraschend,
wenn es sich bei den Tätern um indische Muslime handelte? Es ist
kaum ein Geheimnis, dass der ärmste Sektor der muslimischen
Gemeinde (Indiens) voller Zorn ist. Sie sind zornig über die
systematische Diskriminierung und die Gewalttaten gegen sie. 2002 kam
es im leuchtenden indischen Bundesstaat Gujarat zu einem Progrom
gegen Muslime. Es war nur eine Episode von mehreren - und sie wurde
am besten untersucht. Der Ministerpräsident von Gujarat und der
lokale Apparat des Bundesstaates unterstützten die Untersuchung.
Hinzu kommt die chronische Wunde
Kaschmir. Die indischen Truppen behandeln die Provinz seit
Jahrzehnten wie eine Kolonie. Sie verhaften willkürlich,
vergewaltigen und foltern Einwohner Kaschmirs. Es passiert täglich.
Die Zustände sind weit schlimmer als die in Tibet. Doch der
Westen zeigt wenig Sympathie. Der "Schutz der Menschenrechte" ist im
Westen sehr stark instrumentalisiert.
Die indischen Geheimdienste sind sich
all dessen bewusst und sollten ihre politische Führung nicht
beim Fantasieren helfen. Am besten wäre es, zuzugeben, dass es im
Land schwere Probleme gibt. Indien hat 1 Milliarde Bürger. 80
Prozent Hindus, 14 Prozent Muslime. Man könnte die große
Minderheit der Muslime nicht "ethnisch säubern", ohne
einen ausufernden Konflikt zu provozieren.
Das alles ist in keinster Weise eine
Rechtfertigung für Terrorismus. Jedoch sollten die Ereignisse
zumindest dazu führen, dass die Führer Indiens gezwungen
sind, ihren Blick auf das eigene Land zu lenken und auf die
vorherrschenden Bedingungen. Die ökonomischen Unterschiede sind
tiefgreifend. Die absurde Vorstellung, der globale Kapitalismus werde
positiv nach unten durchsickern ('trickle-down effects') und die
meisten Probleme lösen, ist heute als das entlarvt, was sie
immer war: ein Feigenblatt, das die neuen Formen der Ausbeutung
verbergen sollte.
Zum Autor:
Tariq Ali ist
Sozialist aus Großbritannien. Er arbeitet als Autor,
Filmemacher und Historiker. Auf Deutsch erschienen ist zuletzt:
"Pakistan: Ein Staat zwischen Diktatur und Korruption",
Diederichs-Verlag, München 2008, 334. Seiten, 19,95 Euro.
Zum Text:
Veröffentlichung auf marx21.de mit
freundlicher Genehmigung von ZNet.
Dort ist er zuerst auf Deutsch erschienen in der Übersetzung von
Andrea Noll.
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