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Serie: Marx neu entdecken - Teil 4 |
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Krisen – das wiederkehrende "Weltmarktsungewitter" |
Warum der Kapitalismus Wirtschaftskrisen produziert, erklärt Elmar Altvater in Teil 4 der marx21-Serie "Marx neu entdecken".
 Elmar Altvater ist emeritierter Professor für Politikwissenschaft am Otto-Suhr-Institut der Freien Universität Berlin. Er arbeitet im wissenschaftlichen Beirat von attac und ist Mitglied von DIE LINKE. George Soros outete sich kürzlich in einem Interview im Stern (13.7.08) als Spekulant. Damit sagt er uns nichts Neues und er bestätigt, was wir alle wissen: Wir stecken „inmitten der tiefsten Finanzkrise seit den 30er Jahren". Erneut ein „Weltmarktsungewitter", wie Marx bereits die Krisen seiner Zeit charakterisierte. Der Krisen-Orkan hat heute den Immobilienmarkt, die Märkte für Energie und Lebensmittel durcheinander gewirbelt und bereits viel Elend über viele Menschen gebracht. Doch kommen die Krisen der kapitalistischen Produktionsweise nicht wie ein Naturereignis über uns, auch wenn Marx sie als Ungewitter bezeichnete. Ihre Ursachen lassen sich im sozialen und ökonomischen System des Kapitalismus ausfindig machen. Krisen haben gravierende soziale und politische Folgen, das lehrt die große Weltwirtschaftskrise und die Zeit danach in den 1930er Jahren. Krisenanalyse ist folglich von politischer Relevanz.
Krise und Kritik
Eine Kritik der politischen Ökonomie wäre überflüssig, wenn die kapitalistische Entwicklung krisenfrei und zu aller Wohlbefinden verlaufen würde. Krise und Kritik stehen in einem engen Verhältnis zueinander, wie der konservative Historiker Reinhart Koselleck zu Recht betonte. Wer die Krise leugnet, braucht sich um Kritik nicht zu bemühen. So verfahren die als „bürgerlich" bezeichneten Ökonomen des „Mainstream", gerade auch an den Universitäten. Die freien Marktkräfte finden immer wieder ein ökonomisches Gleichgewicht von Angebot und Nachfrage und daher, so ihre heroische Annahme, sind kapitalistische Marktwirtschaften grundsätzlich krisenfrei. So argumentierte bereits der von Marx als „fade" qualifizierte Ökonom Jean Baptiste Say im frühen 19. Jahrhundert. Die manchmal desaströsen Krisen (Weltwirtschaftskrise nach 1929, Schuldenkrise der „Dritten Welt" in den 1980er Jahren, Finanzkrise der 1990er Jahre oder Immobilienkrise heute) werden nicht geleugnet, weil dies lächerlich wäre. Aber sie werden vom neoliberalen Mainstream auf vermeidbare wirtschaftspolitische Fehler, unvorhersehbare externe Störungen und historische Kontingenzen, sprich bloße Zufälle, zurückgeführt.
Marx hingegen fragt, warum und wie sich regelmäßig die Widersprüche der kapitalistischen Produktionsweise bis zum krisenhaften Eklat zuspitzen, wie sich die Spannungen aus „dem Widerstreit aller Elemente des bürgerlichen Produktionsprozesses" im „großen Weltmarktsungewitter" einer Krise entladen (MEW 13: 156) und welches die ökonomischen und sozialen Bedingungen für einen neuen Aufschwung sind. „Die Krisen", so schreibt Marx im dritten Band des „Kapital" (MEW 25: 277), „sind immer nur momentane gewaltsame Lösungen der vorhandnen Widersprüche, gewaltsame Eruptionen, die das gestörte Gleichgewicht für den Augenblick wiederherstellen".
Wie geht Marx in der Krisenanalyse vor? Die Marxsche Kritik der politischen Ökonomie beginnt mit der Ware und ihrer doppelten Erscheinung als Gebrauchswert und Wert. In gesellschaftlich anerkannten Wert wird die einzelne Ware durch den Verkauf verwandelt. Damit verkauft werden kann, muss ein kaufkräftiger Käufer gefunden werden. Doch „Verkauf und Kauf können auseinanderfallen. Sie sind also Krise potentia (...) Bleibt also, dass abstrakteste Form der Krise (und daher formelle Möglichkeit der Krise) die Metamorphose der Ware selbst ist, worin nur als entwickelte Bewegung der in der Einheit der Ware eingeschloßne Widerspruch von Tauschwert und Gebrauchswert, weiter von Geld und Ware enthalten ist". So schreibt Marx in den „Theorien über den Mehrwert" (MEW 26.2: 510), um fortzusetzen: „(...) das Auseinanderfallen von Kauf und Verkauf erscheint hier (...) so, dass der Verwandlung des einen Kapitals aus der Form Ware in die Form Geld die Rückverwandlung des andren Kapitals aus der Form Geld in die Form Ware entsprechen muß" (MEW 26.2: 511). In einem Brief an Engels bemerkt Marx, „dass das Auseinanderfallen von W-G und G-W die abstrakteste und oberflächlichste Form, worin die Möglichkeit der Krisen ausgedrückt" (MEW 29: 316). Die Möglichkeit der Krise ist also in den einfachsten Formen der kapitalistischen Produktionsweise enthalten.
Daraus folgt, dass zwar Geldzirkulation ohne Krisen stattfinden kann, wenn die Warenmetamorphosen in der arbeitsteiligen Gesellschaft marktvermittelt gelingen, „aber Krisen können nicht stattfinden ohne Geldzirkulation" (MEW 13: 77), ohne „diese Ineinanderverwachsung und Verschlingung der Reproduktions- und Zirkulationsprozesse verschiedner Kapitalien" (MEW 26.2: 511). Diese Feststellung wird zum Ausgangspunkt aller jener Theorien, die die Chaotik der Marktprozesse und die dabei entstehenden Disproportionen für Krisen verantwortlich machen. Krisen sind in diesem Verständnis eine Folge der kapitalistischen Planlosigkeit. Die Organisation des Kapitalismus, so meinten Hilferding und andere Marxisten aus dem frühen 20. Jahrhundert, könne mit der Krisenhaftigkeit Schluss machen.
Doch ist das zu einfach. Denn erstens wird das Geld hier lediglich als Mittel der Zirkulation von Waren betrachtet. In dieser Funktion macht es das Auseinanderfallen von Kauf und Verkauf der Waren und mithin das Misslingen der Warenmetamorphose möglich. Aber Geld ist zweitens auch Zahlungsmittel und daher die Grundlage für den Kredit, ja für das heutige globale Finanzsystem. „Was die aus der Form des Gelds als Zahlungsmittel entspringende Möglichkeit der Krise betrifft, so zeigt sich beim Kapital schon viel realere Grundlage für die Verwirklichung dieser Möglichkeit" (ebd.). Denn Zahlungsketten können reißen, Kreditnehmer können den Kredit nicht wie vereinbart zurückzahlen, weil geplante Einnahmen ausfallen, oder sie bekommen Schwierigkeiten, die Zinsen zu zahlen, weil die Profite zurückgehen. Schon in den grundlegenden Kategorien, in Ware und Geld, ist daher die Möglichkeit der Krise gegeben, weil sich ja die beiden Seiten des Widerspruchs, Ware und Geld, gegeneinander verselbstständigen können.
Ware und Geld existieren schon lange vor der Heraufkunft der kapitalistischen Produktionsweise, „ohne daß Krisen vorkämen (...). Warum also diese Formen ihre kritische Seite herauskehren, warum der in ihnen potentia enthaltene Widerspruch actu als solcher erscheint, ist aus diesen Formen allein nicht zu erklären" (MEW 26.2: 513). Krisen sind in der Waren- und Geldgesellschaft möglich, doch die wirklichen Krisenursachen müssen im Produktions- und Reproduktionsprozess des Kapitals gesucht werden, auch wenn die Krisen im Zirkulationsprozess erscheinen.
Produktivkraft versus Konsumtionskraft
In der kapitalistischen Produktionsweise ist die Rentabilität oder die Profitrate auf das vorgeschossene Kapital die zentrale Steuerungsgröße. Daher gerät die Akkumulation vor allem dann ins Stocken, wenn die Profitrate fällt oder sogar negativ wird - und wenn der Vergleich mit Zinsen und Renditen auf Finanzanlagen nicht gerade für Investitionen in die „reale Ökonomie" spricht. Das war zu Marx' Zeiten weniger wichtig als heute, in Zeiten des globalisierten, finanzgetriebenen Kapitalismus. Es geht also erstens um die Verteilung zwischen Arbeitseinkommen und Mehrwert. Er wird aber zweitens zwischen Profit und Zinsen (sowie Grundrente) aufgeteilt, und hier kommen die Widersprüche zwischen „realer" und „monetärer" Ökonomie im finanzgetriebenen Kapitalismus zur Geltung. Das darf man sich nicht als ein Nacheinander vorstellen, so als ob zunächst „der Kuchen" des Sozialprodukts produziert und dann verteilt würde. Die Verteilung ist ein Moment des Produktionsprozesses und sie beginnt schon bei der Verteilung der Produktionsmittel, die sich ganz im Eigentum der Kapitalistenklasse befinden.
Den daraus resultierenden Widerspruch fasst Marx im dritten Band des „Kapital" in der wohl am häufigsten zitierten Passage über die kapitalistischen Krisen wie folgt zusammen: „Die Bedingungen der unmittelbaren Exploitation und die ihrer Realisation sind nicht identisch. Sie fallen nicht nur nach Zeit und Ort, sondern auch begrifflich auseinander. Die einen sind nur beschränkt durch die Produktivkraft der Gesellschaft, die andren durch die Proportionalität der verschiednen Produktionszweige und durch die Konsumtionskraft der Gesellschaft. Diese letztre ist aber bestimmt weder durch die absolute Produktionskraft noch durch die absolute Konsumtionskraft; sondern durch die Konsumtionskraft auf Basis antagonistischer Distributionsverhältnisse, welche die Konsumtion der großen Masse der Gesellschaft auf ein nur innerhalb mehr oder minder enger Grenzen veränderliches Minimum reduziert. Sie ist ferner beschränkt durch den Akkumulationstrieb, den Trieb nach Vergrößerung des Kapitals und nach Produktion von Mehrwert auf erweiterter Stufenleiter. Dies ist Gesetz für die kapitalistische Produktion" (MEW 25: 255).
Auf der einen Seite also übt das Kapital Druck auf die Masseneinkommen aus, um so die Profite zu steigern; auf der anderen Seite brauchen die gleichen Kapitalisten die Arbeiter als Konsumenten der Waren, denn sonst können sie sie nicht verkaufen. „Jeder Kapitalist wünscht (des Arbeiters) (...) Salär [Lohn] möglichst zu beschränken. Er wünscht sich natürlich die Arbeiter der andren Kapitalisten als möglichst große Konsumenten seiner Ware. Aber das Verhältnis jedes Kapitalisten zu seinen Arbeitern ist das Verhältnis überhaupt von Kapital und Arbeit, das wesentliche Verhältnis" (Grundrisse: 322). Unter den Bedingungen der Profitproduktion geraten also Produktivkraft und Konsumtionskraft in Widerspruch zueinander. Daran haben sich in der Vergangenheit krisentheoretische Kontroversen entzündet. Denn der Akzent kann auf die mangelnde Konsumtionskraft gesetzt werden. Die Unterkonsumtionstheorie plädiert dann folgerichtig für eine Politik der Nachfragesteigerung, um die Krise überwinden zu können. Dieser theoretische Ansatz hat gerade in der reformistischen Arbeiterbewegung und in Gewerkschaften eine lange Tradition, und er ist mit keynesianischen Vorstellungen weitgehend kompatibel. Doch ist es nach Marx „reine Tautologie zu sagen, daß die Krisen aus Mangel an zahlungsfähiger Konsumtion (...) hervorgehn. Andre Konsumarten, als zahlende, kennt das kapitalistische System nicht (...) Will man aber dieser Tautologie einen Schein tiefrer Begründung dadurch geben, dass man sagt, die Arbeiterklasse erhalte einen zu geringen Teil ihres eignen Produkts, und dem Übelstand werde mithin abgeholfen, sobald sie größern Anteil davon empfängt, ihr Arbeitslohn folglich wächst, so ist nur zu bemerken, dass die Krisen jedes Mal gerade vorbereitet werden durch eine Periode, worin der Arbeitslohn allgemein steigt (...) Es scheint also, dass die kapitalistische Produktion vom guten oder bösen Willen unabhängige Bedingungen einschließt, die jene relative Prosperität der Arbeiterklasse nur momentan zulassen, und zwar immer nur als Sturmvogel einer Krise" (MEW 25: 410).
Die wahre Schranke des Kapitals ist das Kapital selbst
Der Akzent kann auch auf die Überproduktion gelegt werden. Aus der Überproduktionstheorie folgt die Forderung nach Investitionslenkung. Doch in beiden Ansätzen wird jeweils eine Seite eines Widerspruchs hervorgehoben und dabei seine Bewegung im Zuge der Akkumulation von Kapital verkannt. „Der Widerspruch, ganz allgemein ausgedrückt, besteht darin", so Marx, „dass die kapitalistische Produktionsweise eine Tendenz einschließt, nach absoluter Entwicklung der Produktivkräfte (...). Die kapitalistische Produktion strebt beständig, diese ihr immanenten Schranken zu überwinden, aber sie überwindet sie nur durch Mittel, die ihr diese Schranken aufs neue und auf gewaltigeren Maßstab entgegenstellen" (MEW 25: 259).
Die Krisen sind demnach gleichermaßen Zuspitzungen der immanenten Widersprüche der kapitalistischen Produktion, die zeitweise Bereinigung in eben den Krisenprozessen und die Einleitung einer neuen Phase der Akkumulation. So begründet sich letztlich auch das zyklische Auf und Ab des Produktionsprozesses, wobei die Länge eines Zyklus vor allem von den Abschreibungszeiten des fixen Kapitals bestimmt wird. Denn es sind die massiven Investitionen in neue Geschäftsfelder, die einen neuen Aufschwung einleiten. Dieser endet regelmäßig dann, wenn zu viele Nachahmer hinzukommen und für Überproduktion sorgen. Diese Marxsche Idee ist später von Joseph A. Schmupeter zu seiner Theorie des langfristigen Innovationszyklus ausgearbeitet worden.
Marx resümiert: „Die wahre Schranke der kapitalistischen Produktion ist das Kapital selbst, ist dies: daß das Kapital und seine Selbstverwertung als Ausgangspunkt und Endpunkt, als Motiv und Zweck der Produktion erscheint; daß die Produktion nur Produktion für das Kapital ist und nicht umgekehrt die Produktionsmittel bloße Mittel für eine stets sich erweiternde Gestaltung des Lebensprozesses für die Gesellschaft der Produzenten sind. Die Schranken, in denen sich die Erhaltung und Verwertung des Kapitalwerts, die auf der Enteignung und Verarmung der großen Masse der Produzenten beruht, allein bewegen kann, diese Schranken treten daher beständig in Widerspruch mit den Produktionsmethoden, die das Kapital zu seinem Zweck anwenden muß und die auf unbeschränkte Vermehrung der Produktion, auf die Produktion als Selbstzweck, auf unbedingte Entwicklung der gesellschaftlichen Produktivkräfte der Arbeit lossteuern. Das Mittel - unbedingte Entwicklung der gesellschaftlichen Produktivkräfte - gerät in fortwährenden Konflikt mit dem beschränkten Zweck, der Verwertung des vorhandnen Kapitals. Wenn daher die kapitalistische Produktionsweise ein historisches Mittel ist, um die materielle Produktivkraft zu entwickeln und den ihr entsprechenden Weltmarkt zu schaffen, ist sie zugleich der beständige Widerspruch zwischen dieser ihrer historischen Aufgabe und den ihr entsprechenden gesellschaftlichen Produktionsverhältnissen" (MEW 25: 260).
Nun gab es im Verlauf der kapitalistischen Entwicklung schwere und weniger schwere Krisen. Man kann zwischen „kleinen" konjunkturellen Krisen, langen Zyklen, „großen" strukturellen Brüchen und gesellschaftlichen Transformationen unterscheiden, zwischen Krisen innerhalb der kapitalistischen Produktionsweise und Krisen der Produktionsweise. Die Krisen sind auf der einen Seite zerstörerisch. In ihnen wird Kapital vernichtet, gehen Arbeitsplätze verloren, sinken die Masseneinkommen.
Doch sind die Krisen zugleich eine Art „Jungbrunnen". Denn die Bedingungen eines neuen Aufschwungs der Akkumulation werden bereitet, die Voraussetzungen für den Anstieg der Profitrate geschaffen. Ohne die zerstörerischen Krisen gäbe es also keine Erneuerung des Kapitalismus, keine Reproduktion des Kapitalverhältnisses. Krisen sind demzufolge alles andere als die Vorboten eines Zusammenbruchs. Darauf kann man so lange warten, bis dass die Erde in die Sonne fällt, sagt Rosa Luxemburg. Die Krisen, insbesondere wenn in ihnen die Lebensgrundlagen der Menschen, wie in der gegenwärtigen Ernährungskrise und infolge des der Funktionsweise von kapitalistischer Produktion und Konsumtion geschuldeten Klimawandels, untergraben werden, sind eine Mahnung, dass die Suche nach gesellschaftlichen Alternativen zum krisenhaften Kapitalismus dringlich ist.
Zum Autor:
Elmar Altvater ist emeritierter Professor für Politikwissenschaft am Otto-Suhr-Institut der Freien Universität Berlin. Er arbeitet im wissenschaftlichen Beirat von attac und ist Mitglied von DIE LINKE
Weiterlesen:
Die Zitate im Text stammen aus: Karl Marx und Friedrich Engels: Werke, 43 Bde., Berlin 1956-1990 (abgekürzt: MEW), sowie aus Karl Marx: Grundrisse der Kritik der politischen Ökonomie, Berlin 1953 (abgekürzt: Grundrisse).
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