|
 |
 |
 |
 |
| |
|
Gewerkschaften |
| Drucken |
|
|
Von der Uni in die Betriebe |
Juri Hälker über Organizing – eine neue Form der Gewerkschaftsarbeit
Im Mittelpunkt der aktuellsten und viel versprechendsten Strategieansätze gewerkschaftlicher Erneuerung und Revitalisierung steht das so genannte Organizing. Organizing stellt eine kampagnenorientierte Form des Aufbaus betrieblicher Interessenvertretung sowie der gewerkschaftlichen Mitgliedergewinnung dar. Die eingesetzten Organizingstrategien sind vielfältig und finden sich in der Regel kombiniert eingesetzt. Über ein spezifisches methodisches Vorgehen werden Beschäftigte in einem Betrieb für ihre eigenen Interessen aktiviert und zugleich systematisch neue Mitglieder gewonnen. Die Ansprache der potenziellen Mitglieder erfolgt in einem begrenzten Zeitraum als konzentrierte Aktion durch ausgebildete Organizer. Ausgangspunkt einer Organizing-Kampagne sind innerbetriebliche Konflikte, die von den Beschäftigten als solche wahrgenommen werden. Die detaillierte Planung und Durchführung von Kampagnen erfordern mehrere Monate. An ihnen beteiligen sich oft gesellschaftliche Gruppen (Kirchen, attac, etc.) und soziale Bewegungsaktivisten.
Erfolge in den USA
In den USA gab es immer schon Organizer - hauptamtliche Funktionäre, die versuchten aus gewerkschaftsfreien Betrieben Union Shops zu machen. In den 1990er Jahren kamen neue Strategien hinzu. Organizing-Akademien entwickelten systematisch und wissenschaftlich Strategien und Taktiken, die den Seminarteilnehmern vermittelt wurden. Dieses Vorgehen erzielte eindrucksvolle Erfolge. Der US-amerikanischen Dienstleitungsgewerkschaft SEIU gelang es, innerhalb von rund zehn Jahren ihre Mitgliedschaft zu verdoppeln. Im gleichen Zeitraum ging der Organisationsgrad der meisten im Dachverband AFL/CIO zusammengeschlossenen Gewerkschaften massiv zurück. Gegen diesen negativen Trend konnten nur jene Gewerkschaften bestehen, die konsequent auf Organizing setzten. Der Erfolg der US-amerikanischen Gewerkschaften blieb auch jenseits des Atlantiks bzw. des Pazifiks nicht unbemerkt. So importierten britische, irische und australische Gewerkschaften schon vor Jahren die Organizingkonzepte aus den USA und gründeten eigene Akademien, an denen gezielt professionelle Organizer ausgebildet werden.
Krise aussitzen?
In Australien war dem Einsatz von Organizing ein langjähriger Niedergang des gewerkschaftlichen Organisationsgrades vorausgegangen. Die Gewerkschaften sahen sich einer beispiellosen Aggression von Kapital und Politik ausgesetzt. Lehrreich für die deutsche Praxis dürften jene Erfahrungen sein, die zeigen, wie passiv die Gewerkschaften auf die Krise reagierten und diese hofften aussitzen zu können. Den harten Bruch mit einer Praxis, die immer weniger Erfolge erzielte scheuend, verharrten gerade die hauptamtlichen Gewerkschaftsfunktionäre in den Vorständen in ihrem „bussines as usually" - und das, obwohl vorliegende Projektionen detailliert aufzeigten, dass die australische Gewerkschaftsbewegung in nur wenigen Jahren mitgliederschwach, einflusslos und hoch verschuldet sein würde. Bis heute hat nur ein Teil der australischen Gewerkschaftsbewegung den Erneuerungsprozess eingeleitet, dies jedoch mit ersten Erfolgen.
Warum gerade den jahrelang in ihren Funktionen sozialisierten Gewerkschaftshauptamtlichen (aber in vielen Fällen auch den Ehrenamtlichen) eine Neuausrichtung auf aktive Organizingstrategien schwer fällt, wird deutlich, wenn man die harten Arbeitsbedingungen US-amerikanischer Organizer betrachtet. Der inzwischen in Deutschland tätige Organizer Jeffrey Raffo berichtet in dem kürzlich erschienenen Organizingbuch „Never work alone": „Im Laufe einer Organizing-Kampagne bekamen Organizer nur jede dritte Woche ein Wochenende und nach drei bis vier Monaten Kampagne eine ganze Woche frei. Ansonsten verbrachten wir zehn bis 18 Stunden am Tag hauptsächlich mit den sich organisierenden Kollegen".
Neben dem immensen Einsatz auf der Straße, vor dem Betriebstor, bei den Beschäftigten zu Hause kann vor allem das Selbstverständnis der Organizer als Unterschied zur üblichen Tätigkeit deutscher Gewerkschaftsfunktionäre gezählt werden. Organizer setzen auf Aktivierung. Sie helfen den Beschäftigten, ihre Interessen selbst durchzusetzen und lehnen die klassische Stellvertreterrolle ab. Organizing heißt so mit immer auch Politisierung und führt im Ergebnis zu einer Verbreiterung der gewerkschaftlich aktiven Basis.
Zu globalen Gewerkschaften
Dass eine solche Vorgehensweise auch in Deutschland praktikabel ist, bewies die Gewerkschaft ver.di bei ihrem exemplarischen Organizingprojekt im Hamburger Sicherheitsgewerbe. Hier konnten innerhalb eines Jahres rund 400 neue Mitglieder gewonnen, sowie Betriebsratswahlen und ein Tarifvertrag mit höheren Einkommen durchgesetzt werden. Möglich wurde dieser Hamburger Probelauf für ein deutsches Organizing durch die personelle Unterstützung der US-amerikanischen SEIU. Zum zentralen Ansatz der SEIU gehört die weltweite Verbreitung der Organizingstrategien. Dazu hat sie zahlreiche Hauptamtliche abgestellt, die bspw. in Europa Gewerkschafter schulen und bei ihren Kampagnen unterstützen.
Die SEIU verfolgt damit eine Strategie, die darauf zielt, in weltweit operierende Unternehmen die Beschäftigten allerorts gewerkschaftlich zu organisieren. Dieser Orientierung liegt die Zielsetzung zu Grunde, global agierende Konzerne zu weltweit geltenden Arbeitsstandards zu verpflichten. Möglich werden dann auch Streikaktionen, die nicht an Staatengrenzen enden, sondern einen Konzern in vielen Ländern zeitgleich in die Zange nehmen.
In den USA haben die Gewerkschaften unlängst in kampfstarken Städten wie Chicago, New York oder Las Vegas, nicht nur einen verbesserten Tarifvertrag für die in den dortigen Hotels der Hiltonkette Beschäftigten durchgesetzt, sondern zugleich das Unternehmen darauf verpflichtet, die Gewerkschaft auch an allen anderen Standorten anzuerkennen, auch wenn dort nur ein sehr geringer Organisationsgrad vorherrscht.
In einem weiteren Beispiel setzten Gewerkschafter in den USA ein Unternehmen unter Druck, das auch in Großbritannien agierte und dort keinen Tarifvertrag unterzeichnen wollte. Langfristig zielen einzelne US-Gewerkschaften auf die Bildung globaler Gewerkschaften ab. Transnationale Konzerne - exemplarisch gut sichtbar bei den Immobiliendienstleistern, dem Reinigungs- und Sicherheitsgewerbe - agieren weltweit und arbeiten mit ihren standarisierten Dienstleitungen u.a. für andere transnationale Konzerne. Bei den Immobiliendienstleistern finden sich einerseits viele gering qualifizierte sowie zum Teil legal, wie illegal arbeitende Lohnabhängige mit Migrationshintergrund beschäftigt.
Die SEIU hat in den USA unter Beweis gestellt, dass es möglich ist, diese traditionell als schwer erreichbar geltenden Gruppen von Beschäftigten erfolgreich zu organisieren. Dabei fokussieren die Gewerkschaften darauf, dass es sich bei diesen Beschäftigungssegmenten im Service-, Sicherheits-, Immobilien- und Hotelgewerbe um Wachstumssektoren handelt, die zudem - anders als Warenproduktionsstätten - ortsgebunden sind und kaum von Standortverlagerungsdrohungen erfasst werden können.
Organizing im Großbetrieb
Inzwischen finden auch in Deutschland weitere Organizingprojekte statt, die an die Hamburger Erfahrungen, sowie an die Lidl-Kampagne anschließen und dabei auch größere betriebliche Einheiten in den Blick nehmen. Aktuell führt ver.di Organizingkampagnen in zwei Warenumschlagszentren in Hamburg und Ostdeutschland durch. An diesen Standorten sind jeweils knapp 2000 Beschäftigte beschäftigt. In einem guten halben Jahr konnte hier der Organisationsgrad von knapp 30 auf gut 45 Prozent erhöht werden. Zudem gelang es, 70 Prozent der Beschäftigten in einen erstmaligen, zweiwöchigen Streik zu führen. Auch viele unorganisierte Kolleginnen und Kollegen beteiligten sich.
In wie weit Organizing in den klassischen Industriesektoren für die deutschen Gewerkschaften interessant sein könnte, müssen zukünftige Projekte noch zeigen, die in diversen Gewerkschaftszentralen zurzeit allerdings ernsthaft diskutiert werden. Vor dem Hintergrund sich ausbreitender Leiharbeit und Fremdfirmeneinsatz sehen sich die Belegschaften in traditionellen Großbetrieben zunehmend fragmentiert. Industriegewerkschaften wie die IG Metall sind gezwungen, neue Wege der Handlungsfähigkeit zu entdecken. Die Nutzung von Elementen der Organizingstrategien muss daher dringendst in Testläufen erprobt werden. Die positiven Erfahrungen, nicht nur in den USA, sondern auch in anderen entwickelten kapitalistischen Staaten, lassen trotz spezifisch anderer Bedingungen in den industriellen Beziehungen die Nutzung von Organizing auch in Deutschland als sinnvoll erscheinen.
Organizerausbildung in Deutschland
Unabdingbar ist dabei die Anpassung der Organizingstrategien an die konkrete Projektsituation, eine gründliche Fallrecherche und, all dem vorgeschaltet, die Schulung von ehren- und hauptamtlichen Organizern. Hierzu entstehen zurzeit erste gewerkschaftliche Lehrgangsprojekte. Auch an den Universitäten wenden sich Gewerkschaftssoziologen dem Thema Organizing in Theorie und Praxis zu. Nicht zuletzt sei auf das steigende Interesse an der gewerkschaftlichen Basis verwiesen, wo eine zunehmende Zahl von Bezirken, Verwaltungsstellen und betrieblichen Vertrauenskörpern sich zum Thema Organizing in Abendveranstaltungen oder mehrtägigen Seminaren qualifizieren lassen. Eine Entwicklung, die darauf hinweist, dass Organizing nicht nur im großen Maßstab, sondern bald auch in einer Vielzahl lokaler Projekte seine Potenziale unter Beweis stellen kann. Junge KollegInnen an den Universitäten, die eine neben- oder hauptberufliche Tätigkeit als Organizer reizen könnte, werden von den Gewerkschaften vielerorts dringend gesucht.
Zum Autor:
Juri Hälker lehrt als Gewerkschaftsforscher an der Universität Duisburg-Essen und führt Gewerkschaftsschulungen zum Thema Organizing durch.
Mehr im Internet:
|
|
|
|
 |
|