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08.07.08: Energiedebatte |
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Atomkraft: Es sollte beim "Nein Danke" bleiben |
Kann mit Atomstrom das Klima gerettet werden? Ist Atomstrom billig? Sind erneuerbare Energien zu teuer? marx21-Redakteur Yaak Pabst beantwortet Fragen, die immer wieder in den Energiedebatten auftauchen.
 Werbung der Atomlobby: Es geht nicht um den Schutz des Klimas, sondern um den Erhalt hoher Profite. (Foto: Tamio Patrick Honma / flickr.com) "Klimaschützer der Woche -
Kernkraftwerk Neckarwestheim 2" - das Plakat des "Deutschen
Atomforum e. V." zeigt das Atomkraftwerk in einer idyllischen
Naturlandschaft. Seit geraumer Zeit stilisiert die Atomlobby ihren
Strom als Mittel Nr. 1 zur Rettung des Klimas und hofft auf eine
Renaissance der Kernkraft. Aus der internationalen Politik erhält
sie Rückendeckung.
US-Präsident Bush forderte beim
derzeit tagenden G8-Gipfel in Japan den Ausbau der Kernkraft: nur so
könne man den Klimawandel stoppen, meint er.
US-Präsidentschaftskandidat McCain will gar 45 neue
Kernkraftwerke bauen. Auch sein Kontrahent Barack Obama hat sich für
die Nutzung der Atomkraft ausgesprochen.
Die britische und französische
Regierung planen eine enge Zusammenarbeit beim Bau von Reaktoren und
beim Export von Atomtechnik.
In Deutschland trommelt die CDU für
eine Verlängerung der Laufzeiten von Atommeilern, mittlerweile
aber auch einzelne prominente SPD-Mitglieder wie Erhardt Eppler und
Wolfgang Clement.
Steigende Preise fossiler Energieträger
und die Debatten über die Erderwärmung nutzt die
Nuklearindustrie weltweit offensiv, um einen Aufschwung der Kernkraft
herbeizuführen. Die traditionell atomfreundliche "Internationale
Energieagentur" (IEA) will jedes Jahr 32 neue Atomkraftwerke
bauen lassen, bis 2050 über 1300.
"Atomkraft? Das unheimliche
Comeback" titelt der "Spiegel" diese Woche. Ist aber ein
solches überhaupt notwendig? Die Atombefürworter meinen:
Ja. Billiger und umweltfreundlicher Strom sei nur mit Kernkraft
machbar. marx21-Redakteur Yaak Pabst hat ihre Behauptungen überprüft:
Rettet Atomstrom das Klima?
Atomkraft hilft nicht beim Klimaschutz.
Das
Bundesumweltministerium stellt fest: Wenn Atomkraftwerke
tatsächlich das Klima schützen würden, dann "müssten
die USA ausgesprochene Klimaengel sein, denn sie betreiben weltweit
die meisten Atomkraftwerke (103 von insgesamt 435). Stattdessen
führen sie aber mit 20,3 Tonnen Kohlendioxid pro Kopf und Jahr
die Weltrangliste der Klimabelastung an."
Atomkraft ist auch nicht CO2-frei. Wenn
die gesamte Produktionskette vom Uranbergbau bis zur Lagerung des
Atommülls betrachtet wird, dann wird auch bei der Erzeugung vom
Atomstrom CO2 freigesetzt. Zwar ist der CO2 Austoß bei
Atomenergie deutlich geringer als bei Braun- oder
Steinkohle-Kraftwerken. Aber Atomstrom deckt derzeit weniger als 3
Prozent des weltweiten Energiebedarfs. Soll Atomstrom nennenswert zum
Klimaschutz beitragen, müsste die Atomenergie zu diesem Zweck
massiv ausgebaut werden. Ein Bau von mindestens 1.000 neuen
Atomkraftwerken in den nächsten Jahrzehnten wäre
erforderlich. Derzeit gibt es 435.
Doch selbst dann gäbe es keinen
Beitrag der Atomenergie zur Rettung des Klimas, denn die
Uranvorkommen reichen nicht länger als die Ölreserven: Nach
derzeitigen Schätzungen maximal 50 bis 60 Jahre. Käme es zu
einem deutlichen Ausbau der Kernkraft, ginge Uran noch deutlich
schneller zur Neige. Diese Tatsache verschweigt die Atomlobby und
selbst in der Presse findet man diese selten.
Eine langfristige und weltweite
„atomare Klimaschutzpolitik" ist unmöglich. Stromkonzerne in
Deutschland behaupten das Gegenteil, weil ihnen der Weiterbetrieb
ihrer alten Reaktoren einen Gewinn von 100 Millionen Euro bringt.
Konventionelle Energiekonzerne
verhindern sogar Klimaschutz. Denn die selbst ernannten Klimaschützer
haben neben Atomstrom auch den Klimakiller Kohle im Angebot. Derzeit
planen sie laut der Umweltorganisation BUND 27 neue Kohlekraftwerke.
Auch den Anteil der besonders klimaschädlichen Braunkohle an der
Energiegewinnung wollen sie erhöhen.
Ist Atomstrom billig?
 Atomenergie ist teuer und gefährlich: Protest vor der CDU-Zentrale in Berlin (Foto: www.ausgestrahlt.de) Strom aus neuen Atomkraftwerken ist
teuer und unrentabel - auch, wenn man es der Stromrechnung
nicht unbedingt ansieht. Denn Atomstrom muss massiv vom Staat
subventioniert werden, also mit Steuergeldern. Bereits Planung und
Bau von Atomanlagen sind im Verhältnis zu anderen
Kraftwerkskapazitäten sehr kapital- und kostenintensiv. Je
Kilowatt installierter Leistung kostet ein Atomkraftwerk etwa fünfmal
so viel wie beispielsweise ein modernes effizientes Gaskraftwerk.
Außerdem erfordert die
Gewährleistung der Sicherheit der Atomanlagen einen hohen
finanziellen Aufwand: zum Beispiel für Nachrüstungen, die
mit zunehmendem Alter der Anlagen mehr Kosten verursachen. So fielen
für „sicherheitstechnische Optimierungen" am Kernkraftwerke
Biblis A zwischen 1999 und 2005 rund 540 Millionen Euro an. Die
britische Wiederaufarbeitungsanlage Sellafield erhielt im März
2005 eine staatliche Unterstützung von 184 Millionen Pfund, um
den Betrieb zu sichern. Der privatisierte Atomanlagenbetreiber
"British Energy" hat allein zwischen 2002 und 2004 etwa 7
Milliarden Euro Direktsubventionen zur Aufrechterhaltung von
Sicherheitsstandards erhalten.
Es gibt darünber hinaus
Steuerfreiheit für Kernbrennstoffe und für die Entsorgung
ausgebrannter Kernbrennstäbe. Für ausgediente
Atomkraftwerke stehen steuermindernde Rückstellungen von 35
Milliarden Euro bereit. Die Kosten bei einem Super-GAU in Deutschland
würden sich nach Angaben des Bundeswirtschaftsministeriums auf
rund 5000 Milliarden Euro belaufen. Bei einem Unfall im Atomkraftwerk
Krümmel/Elbe müssten je nach Windverhältnissen etwa
1,2 Millionen Menschen evakuiert werden. 40.000 bis 110.000 Menschen
würden an Krebs erkranken und nach 50 Jahren wären rund
zwei Drittel der Stadt Hamburg noch unbewohnbar.
Eine sichere Endlagerung von
radioaktivem Müll wird eine Utopie bleiben. Dies zeigen auch die
Leckagen des Lagers Asse. Langfristige Kosten der Lagerung und
Bewachung von Atommüll werden alle angeblichen
Energiekostenvorteile übertreffen.
Allein die deutschen Kernkraftwerke
produzieren jährlich 400 Tonnen hochradioaktiven Müll, der
Jahrtausende strahlen wird.
Auch der Klimawandel verteuert
Atomenergie. Denn Kernkraftwerke benötigen viel Kühlwasser
und dieses wird auch in Deutschland in den heißen Sommermonaten
knapp. Im Sommer 2006 ist erstmals der Preis für Solarstrom
tagsüber billiger gewesen als konventioneller Kraftwerksstrom.
Ursache waren die. Kühlwasserprobleme einiger Atom- und
Kohlekraftwerke sowie der gestiegene Strombedarf aufgrund des
verstärkten Einsatzes von Klimaanlagen. Das hat zeitweise die
Preise insbesondere für konventionellen Spitzenlaststrom auf 54
Cent je Kilowattstunde an der Leipziger Strombörse explodieren
lassen. Da sich die Erdatmossphäre weiter aufheizt und
konventionelle Großkraftwerke hitzeanfällig sind, wird der
zeitweise Mangel an Kühlwasser zunehmen. Durch den bau neuer
Atomkraftwerke würde dieses problem zusätzlich verschärft.
Es fallen bei der Atomkraft hohe
externe Kosten an, die man zwar auf der Stromrechnung nicht sieht, für die aber die Allgemeinheit aufkommen muss.
Helfen längere Laufzeiten der
Kernkraftwerke, den Preis für Strom zu senken?
Nein. Die Verlängerung der
Laufzeiten der Atommeiler bringt vor allem höhere Profite für
die Energiekonzerne. Sie hätten schon jetzt die Möglichkeit
die Preise zu senken. Aber in Deutschlannd kontrollieren vier
Konzerne (RWE, E.on, Vattenfall und EnBW) den Strommarkt. Sie
erzeugen 80 Prozent der Elektrizität und besitzen fast alle
Grundlast-Kraftwerke. Trotz aller Atomsubventionen steigt der Strompreis. Wenn Verbrauch und Preise steigen, füllen sich die Kassen der Konzerne. Ihr fossil-atomares Energiesystem geht zu Lasten der Verbraucher.
Kann eine rein friedliche Nutzung der Atomenergie garantiert werden?
Es gibt keine Trennung zwischen friedlicher und militärischer Nutzung der Kernkraft. Die Staaten, die in den vergangenen Jahrzehnten Atombomben entwickelt und gebaut haben, hatten zunächst ein ziviles Atomprogramm. Dieses tarnte oft nur das eigentliche militärische Interesse. Die so genannte "zivile Nutzung" verschaffte den bereffenden Ländern den Zugang zu den erforderlichen Technologien und dem Kow-how zum Bau von Atombomben. Jede verstärkte Verbreitung "ziviler" Atomtechnologien birgt die Gefahr weiterer Ausbreitung von Atomwaffen.
Sind Atomkraftwerke die technisch
beste Lösung für eine gute Energieversorgung?
Atomkraft ist Energieverschwendung: Das größte Problem der Kernkraftwerke ist und bleibt ihr schlechter Wirkungsgrad. Mehr als die Hälfte der
eingesetzten Energie geht als nicht genutzte Abwärme verloren.
Kraftwerke, die gleichzeitig Strom
und Wärme produzieren, so genannte Kraft-Wäre-Kopplungs-Anlagen,
sind effektiver. Selbst wenn diese den fossilen Energieträger
Erdgas nutzen, können sie für einen Übergangszeitraum
besser den Energiebedarf sichern, bis erneuerbare Energien diesen zu
100 Prozent decken können.
Erneuerbaren Energien werden stetig
effizienter und billiger. Dagegen wird in Zukunft das Uran in
größeren Tiefen und in schlechteren Qualitäten
gefördert werden müssen. Die Folge: Die CO2-Bilanz der
Atomkraftwerke verschlechtert sich.
Was ist die Alternative?
 Erneuerbare Energien schaffen Arbeitsplätze und werden zunehmend billiger. Im Bild: Solarstromanlage im Berliner Regierungsviertel (Foto: BSW-Solar/Langrock) Das Klima schützen und Preise
senken kann man langfristig nur mit erneuerbaren Energien. Diese sind
sauber und werden billiger, während fossiler und atomarer Strom
teurer werden, die Umwelt belasten und die Gesundheit gefährden.
"Für Deutschland hat das
Parlament 2002 ein Energieszenario präsentiert, wonach bis 2050
die gesamte deutsche Energieversorgung mit erneuerbaren Energien
realisierbar ist" argumentieren der Verband Eurosolar und IPPNW
("Internationale Ärzte für die Verhütung des
Atomkrieges, Ärzte in sozialer Verantwortung").
Derzeit haben in Deutschland erneuerbare Energien einen Anteil von 14,2 Prozent an der Stromerzeugung, zehn Jahre zuvor waren es nur 4,4 Prozent. Bei größerer staatlicher Förderung würde sich ihr Potential noch schneller entwickeln.
Geld, das in die Energieversorgung aus
erneuerbaren Energiequellen wie Wind oder Sonne fließt, ist gut angelegt. Es führt
zu erheblichen Einsparungen bei den Brennstoffkosten. Über 130
Milliarden Euro jedes Jahr könnten gespart werden. Zusätzlicher
Nutzen fürs Klima: Der CO2-Ausstoß würde sich bis
2030 halbieren. Das ist eines der Ergebnisse der Studie "Future
Investment - ein nachhaltiger Investitionsplan zum Klimaschutz",
die von Greenpeace und dem Europäischen Verband der Erneuerbaren
Energien (EREC) im vergangenen Jahr veröffentlicht worden ist.
Greenpeace und EREC haben die Kosten
einer Öko-Stromerzeugung mit denen fossiler Versorgung
verglichen. Fazit der Untersuchung: Bis 2030 werden im
Kraftwerkssektor durchschnittlich 233 Milliarden US-Dollar pro Jahr
investiert werden. Für eine Energie-Strategie mit erneuerbaren
Energien müssen zwar um 22 Milliarden US-Dollar höhere
Investitionen aufgebracht werden. Aber diese Mehrausgaben sparen
dafür Brennstoffkosten in Höhe von 202 Milliarden US-Dollar
pro Jahr ein.
Die Herausgeber der Studie haben ihrem
Erneuerbare-Energien-Szenario zudem den vollständigen Ausstieg
aus der Atomenergie bis zum Jahr 2030 zugrunde gelegt. Desweiteren
belegen sie, dass so genannte "CO2-freie" fossile Kraftwerke und
CO2-Lagerung keine Lösung sind. Die Technologie ist noch nicht
realisiert, die Gefahren sind hoch und sie ist ineffizient und teuer.
Darüber hinaus ist Atomenergie
kapitalintensiv, erneuerbare Energien hingegen
arbeits(platz)intensiv: In der Atomwirtschaft arbeiten nur etwa 38.000
Menschen. Im Bereich der erneuerbaren Energien sind es weit mehr:
derzeit rund 249.000 Menschen - Tendenz weiter steigend. Dass erneuerbare
Energien zu teuer seien und ein Umstieg auf diese Arbeitsplätze
kostet, ist Propaganda der Atom- Öl- und Kohlekonzerne.
Ihnen geht es darum, auch in Zukunft zu Lasten von Verbrauchern und Umwelt hohe Profite zu machen. Deshalb blockieren sie den Umstieg
auf erneuerbare Energien.
Es sollte beim "Nein danke"
bleiben
Das Motto der Anti-Atomkraft- und
Umweltbewegung "Atomkraft? Nein danke!" bleibt richtig. Um
verbraucherfreundliche Preise erreichen zu können, ist außerdem
eine Vergesellschaftung der Stromnetze und Energiekonzerne nötig.
Denn in der Hand von E.on, Vattenfall, RWE und EnBW liegt die
zentralisierte Macht über die Energieversorgung - und damit über
die Geldbeutel der Stromkunden. Diese Macht muss ihnen genommen
werden. Anders ist auch der vollständige und zügige Umstieg
auf erneuerbare Energien nicht zu schaffen.
Mehr im Internet:
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