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Serie: Marx neu entdecken - Teil 2 |
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Der Doppelcharakter der Arbeit ist der Springpunkt der politökonomischen Analyse |
Von Elmar Altvater
Arbeiten zu müssen ist der Fluch, der der Menschheit seit der Vertreibung aus dem Paradies auferlegt wurde. Aber das Schlaraffenland ist keine Lösung. Ohne Arbeit gibt es keine Möglichkeit der Selbstverwirklichung, und es gibt keinen Gebrauchswert, mit dem menschliche Bedürfnisse befriedigt werden können. Das gilt immer, gleichgültig wie die Gesellschaft geordnet bzw. geformt ist. Die Kartoffeln, die wir essen, müssen gepflanzt, die Autos, die wir fahren, müssen gebaut werden.
Doch geht es nicht um Arbeit schlechthin, sondern um Lohnarbeit in der kapitalistischen Gesellschaft, und die produziert nicht nur Kartoffeln und Autos, also einen nützlichen Gebrauchswert zur Befriedigung von menschlichen Bedürfnissen, sondern Ware für den Austausch. Waren werden für den eigenen Nicht-Gebrauch, also für den fremden Gebrauch produziert. In den frühen Schriften aus den 1840er Jahren hat Marx diesen Sachverhalt als "Entfremdung" des Arbeiters (natürlich auch der Arbeiterin) vom Produkt, daher auch von sich selbst bezeichnet. Später hat er in der „Kritik der politischen Ökonomie" die Entfremdung als Ausbeutung des Arbeiters durch das Kapital analysiert. Also wird von Marx die Klassenfrage schon zu Beginn der Analyse der Arbeit aufgeworfen.
Form und Substanz der Arbeit
Die Klassenfrage drängt sich nachgerade auf, auch heute. Die einen leben im lichten Wohlstand, die anderen mit Hartz IV, und die sieht man nicht. Aber hinter dem unmittelbar Sichtbaren gibt es die verborgene Welt der sich an der kräuselnden Oberfläche nicht zeigenden Gesetze und Tendenzen, die schwer zu entziffern sind. Notwendig ist dies aber, um den Verhältnissen auf den Grund zu gehen. Die Schwierigkeit fängt schon damit an, dass der von der Arbeit produzierte Tauschwert ein substanzloses Wertverhältnis sei, wie Marx ausführt. Der Tauschwert kommt einer Ware nur zu, insofern und weil sie sich in einem Verhältnis zu einer anderen Ware befindet. Doch Halt! - Dies bedeutet nicht, dass die Waren, die da in ein "substanzloses" Verhältnis gebracht werden, nicht doch als handfeste Wertsubstanzen existieren. Denn erstens benötigt der Wert den Gebrauchswert als "Träger" des Wertes, dieser "schultert" sozusagen den Tauschwert. Wer würde schon für eine Ware Geld geben, wenn diese nicht einen Gebrauchswert als Zwiebel oder Computer oder was auch immer hätte? Zweitens verleiht die in der Ware einverleibte Arbeit dem Wert Substanz, die in Zeiteinheiten gemessen wird: je mehr Zeit zur Produktion aufgewendet worden ist, desto mehr Wert bringt die Ware in den Tauschprozess gegen andere Waren und deren Wertäquivalente, letztlich gegen Geld, ein.
Das Geld scheint ein perfekter Ausdruck des substanzlosen Verhältnisses zwischen Waren zu sein. Selbst das Papier hat heute ausgedient, Geld existiert in Bits und Bytes. Und dennoch repräsentiert Geld einen inneren, substanziellen Wert. Dieser ergibt sich aus der Arbeit, die in dem produzierten Wert und damit auch im Geld steckt. Das ist ein Grund, warum im Marxschen System Geld zunächst auch Ware, "Goldware" ist. Sie dient als substanzielles Wertäquivalent im substanzlosen Wertverhältnis. Denn Gold fällt nicht vom Himmel und kann auch nicht wie Papiergeld mit geringem Aufwand gedruckt werden.
Warum spielt heute das Goldgeld nicht mehr die Rolle, die es zu Marx' Zeiten innehatte? Weil das Gold als Gebrauchswert viel zu begrenzt ist (viel zu selten vorkommt), als dass sein Angebot mit der Grenzenlosigkeit der kapitalistischen Warenproduktion Schritt halten könnte. Also müssen institutionelle Regeln erlassen und gesichert werden, die den innewohnenden Wert des Geldes gewährleisten. Dies ist die Aufgabe moderner Zentralbanken. Damit die Form des Wertes und des Geldes gilt, muss die Substanz des Wertes nun politisch gesichert werden. Wenn dies nicht gelingt, haben wir die Finanzkrise.
Dennoch: Arbeit produziert nur Wert und keinen "Unwert", wenn für die Ware ein gesellschaftliches Bedürfnis, und das heißt unter kapitalistischen Marktbedingungen: kaufkräftige Nachfrage, vorhanden ist. Arbeit hat nicht schon dann einen Wert hervorgebracht, wenn die Ware fertig ist. Folglich sind Produktion und Zirkulation gleichermaßen wichtig für das Wertverhältnis. Also vergesellschaftet nicht nur Arbeit. Auch der Tausch auf dem Markt ist Moment der Vergesellschaftung. Denn dadurch findet das produzierte Produkt, also die für den Austausch produzierte Ware, zu ihrem Nutzer. Ohne Arbeitsteilung keine Gesellschaft. Aber deren Form, Widersprüche, Krisen werden durch die Form des Austausches bestimmt, dadurch dass die Produkte lebendiger Arbeit als Waren marktvermittelt zirkulieren.
Arbeit, Reproduktion und Bildung
Eine andere Schwierigkeit bereitet mehr Kopfzerbrechen. Arbeit ist ja ebenso wenig homogen wie die individuellen Produzenten gleichartig sind. Doch Arbeit unterliegt allgemeinen Prinzipien der Normung, der Bildung von Standards (heute „benchmarking" genannt). Zur Normierung des Arbeitsprozesses sind ganze Heerscharen von Rationalisierungsexperten unterwegs. Auch die Vorgaben der Technik, z.B. die Takte des Fließbandes gestern oder die Imperative von Computerprogrammen heute, sind als Normierungen kaum hinterfragbare Vorgaben für die Beschäftigten. Dies ist auch für die Studierenden wichtig, die ja mit Bolognaprozess, Hochschulinformationssystem, Lernvorgaben, Evaluierungs- und Ratingverfahren zu kämpfen haben. So wird abstrakte Vergleichbarkeit hergestellt. Ohne diese gesellschaftliche Abstraktionsleistung würde niemand auf die Idee kommen, Pisa-Studien in Auftrag zu geben.
Der Durchschnitt wird nicht aus der Vielfalt von Arbeiten berechnet, sondern er stellt sich durch Marktprozesse her, auf dem Arbeitsmarkt ebenso wie auf den Warenmärkten. Dort wird für Brötchen nicht deshalb mehr gezahlt, weil ein Bäcker mehr Zeit zum Brötchenbacken benötigt als sein Konkurrent. Die Erfahrung des Bäckers machen heute Arbeiter in der weltweiten Konkurrenz um Löhne, Arbeitszeiten und Arbeitsintensität. Der Durchschnitt wird abgesenkt, aus Gründen der Konkurrenzfähigkeit des „Standorts". Doch dies ist seit Anbeginn des Kapitalismus so. In Zeiten der Globalisierung geht es aber um einen globalen und nicht mehr um einen regionalen oder nationalen Durchschnitt.
In jeder Gesellschaft (zu jeder Zeit) gibt es jedoch einen gesellschaftlichen Durchschnitt, "einfache Durchschnittsarbeit", von der sich die mehr Bildung verlangenden, komplizierten Arbeiten dadurch unterscheiden, dass sie in der gleichen Zeitstrecke mehr Wertsubstanz bilden. Der gesellschaftliche Durchschnitt ist in Bewegung. Marx bezeichnet Arbeit, in die überdurchschnittliche Bildung vor dem Arbeitsleben oder beim "learning by doing" eingeflossen ist, als "komplizierte Arbeit". Sie gilt als "potenzierte oder vielmehr multiplizierte einfache Arbeit" (MEW 23: 59). Arbeit ist also nicht homogen. Marx fügt aber hinzu, und dies ist nicht immer wohl verstanden worden, dass das Resultat des Arbeitsprozesses, die Ware nämlich, allen anderen Waren und daher auch den Arbeiten, die sie erzeugt haben, gleichgesetzt wird. Ohne diese Möglichkeit der Gleichsetzung könnten sich die Produkte der unterschiedlich komplizierten Arbeiten nicht auf dem Markt austauschen. Komplizierte Arbeit ist qualitativ von einfacher Arbeit nicht verschieden. Sie kann daher quantitativ auf einfache Durchschnittsarbeit reduziert werden, auf die physiologische und "produktive Verausgabung von menschlichem Hirn, Muskel, Nerv, Hand usw... Dass diese Reduktion beständig vorgeht, zeigt die Erfahrung. Eine Ware mag das Produkt der kompliziertesten Arbeit sein, ihr Wert setzt sie dem Produkt einfacher Arbeit gleich und stellt daher selbst nur ein bestimmtes Quantum einfacher Arbeit dar" (MEW 23: 58f.). Diese Überlegung spielt in moderne bildungsökonomische Ansätze hinein: Je höher die Qualifikation, desto höher (in der Regel) der wissenschaftlich-technische Informationsgehalt von Prozess und Produkt und desto wahrscheinlicher auch, dass qualifizierte, komplizierte Arbeit ein Mehrfaches des Wertprodukts der einfachen Durchschnittsarbeit zu produzieren vermag: Wachstum durch Bildung. Doch eine Garantie dafür gibt es nicht.
Konkrete und abstrakte Arbeit: der ökologische Marx
Abstrakte Arbeit bildet im Zuge ihrer Verausgabung (in der Zeit) die Wertsubstanz. Das gesellschaftliche Wertverhältnis ist also keineswegs substanzlos. Zugleich äußert sich Arbeit konkret, sie vergegenständlicht sich in einem konkreten Gebrauchswert, in den schon erwähnten Kartoffeln zum Beispiel. Dieser Doppelcharakter als konkrete und abstrakte Arbeit ist der "Springpunkt (...) um den sich das Verständnis der politischen Ökonomie dreht (...). Alle Arbeit ist einerseits Verausgabung menschlicher Arbeitskraft (...) und in dieser Eigenschaft gleicher menschlicher oder abstrakt menschlicher Arbeit bildet sie den Warenwert. Alle Arbeit ist andrerseits Verausgabung menschlicher Arbeitskraft in besondrer zweckbestimmter Form, und in dieser Eigenschaft konkreter nützlicher Arbeit produziert sie Gebrauchswerte" (MEW 23: 56-61).
Auch wenn Marx nur sporadisch auf die ökologische Seite der warenproduzierenden Arbeit eingeht, ist der "Springpunkt" in der Politischen Ökonomie und ihrer Kritik einzigartig. Der Mensch kann "nur verfahren wie die Natur selbst, d.h. nur die Formen der Stoffe ändern. Noch mehr. In dieser Arbeit der Formung selbst wird er beständig unterstützt von Naturkräften. Arbeit ist also nicht die einzige Quelle des stofflichen Reichtums. Die Arbeit ist sein Vater, wie William Petty sagt, und die Erde seine Mutter" (MEW 23: 57f). Wenn also von „Reichtum" die Rede ist, müssen die Naturbedingungen berücksichtigt werden. Die „Naturblindheit" der Ökonomie entsteht, weil die Produktion des Reichtums in der kapitalistischen Gesellschaft nur zählt, wenn auch Werte erzeugt werden. Es geht in der kapitalistischen Gesellschaft um die "Inwertsetzung" von Natur und daher um die Transformation von Naturreichtum in ökonomischen Wohlstand - und dies ist zerstörerisch, weil nun die ökonomischen Interessen über die natürlichen Reproduktionsbedingungen gesetzt werden.
Der Bezug zwischen Wert- und Geldbeziehungen einerseits und den stofflich-energetischen Prozessen andererseits ist im Ansatz der Marxschen Theorie also berücksichtigt. Er muss immer wieder neu entfaltet werden. Dies ist weder in der neoklassischen Ökonomie noch im keynesianischen Kategoriensystem möglich. Hier liegt eine besondere Stärke der Marx'schen Theorie, gerade angesichts der ökologischen Herausforderungen heute.
Die "ungeheure Warensammlung", die Menge der Gebrauchswerte, mit denen menschliche Bedürfnisse befriedigt (und geweckt) werden können, ist durch zweckgerichtete oder konkrete Arbeit hergestellt worden. So wie die Gebrauchswerte nützlich sind, muss auch die Arbeit zu ihrer Herstellung nützlich sein. Die Vielfalt der nützlichen Arbeiten (der Schneider, Bäcker, PC-Programmierer, Konstrukteure, Lehrer oder Briefboten) ermöglicht eine ebensolche Vielfalt der Gebrauchswerte, die arbeitsteilig erzeugt werden.
Von Produktivität oder Produktivkraft der Arbeit kann man nur mit Bezug auf die konkrete Arbeit sprechen. Denn „dieselbe Arbeit ergibt (...) in denselben Zeiträumen stets dieselbe Wertgröße, wie immer die Produktivkraft wechsle. Aber sie liefert in demselben Zeitraum verschiedene Quanta Gebrauchswerte (...)" (MEW 23: 61). Die Produktivität der Arbeit beeinflusst also nicht die Wertgröße der in einer bestimmten Zeit hergestellten Warenmenge. Steigt die Produktivität, ist weniger Zeitaufwand zur Produktion einer einzelnen Ware notwendig. Also sinkt ihr Wert. Das hat weit reichende Folgen. Denn nun können auch die Lebensmittel der Arbeiter billiger werden. Sie benötigen eine kürzere Zeit für ihre eigene Reproduktion und vermögen zusätzliche Mehrarbeit für die Kapitalisten zu leisten.
Was hat dies mit der ökologischen Frage zu tun? In der Regel lässt sich die Produktivität der Arbeit nur steigern, wenn menschliche, also „lebendige" Arbeit durch fossile Energien und die zu ihrer sinnvollen Wandlung benötigten technischen Systeme (durch Maschinerie, durch "tote Arbeit") ersetzt wird. Diesen Prozess hat Marx im ersten Band des „Kapital" in den Kapiteln über die Produktion des relativen Mehrwerts (MEW 23, IV. Abschnitt) grandios beschrieben. Die Natur wird unweigerlich geschädigt, wenn fossile Energie verbrannt wird. Heute wissen wir dies angesichts der Klimakatastrophe besser als es Marx zu seiner Zeit wissen konnte.
Von manchen Ökologen wird heute gesagt, man müsse statt der Arbeitsproduktivität die der Energie steigern, um Umweltprobleme zu bewältigen. Bei Marx kann man lernen, dass eine Steigerung der Produktivität nur möglich ist, wenn der Produktionsprozess umorganisiert wird und anstelle von lebendiger Arbeit Maschinerie und fossile Energie eingesetzt wird. Die Steigerung der Produktivität ist also nur möglich, wen ein Substitutionsprozess stattfindet, und dieser verändert das gesellschaftliche Naturverhältnis. Wenn die "Energieproduktivität" erhöht werden soll, muss also auch gesagt werden, welche Energieträger die fossilen ersetzen sollen und welches die Wirkungen für die gesellschaftliche Organisation und das Verhältnis zur Natur sein werden. Die Frage ist, ob dieser Substitutionsprozess noch im Rahmen der kapitalistischen Produktionsweise möglich ist.
Zum Autor:
Elmar Altvater ist emeritierter Professor für Politikwissenschaft am Otto-Suhr-Institut der Freien Universität Berlin. Er arbeitet im wissenschaftlichen Beirat von attac und ist Mitglied von DIE LINKE.
Zum Text:
Alle Zitate im Text stammen aus: Karl Marx und Friedrich Engels: Werke, 43 Bände, Berlin 1956 - 1990 (abgekürzt: MEW).
Zur Serie:
In der letzten Zeit ist eine Wiederbelebung des Interesses an Marx zu beobachten. Ähnlich wie in der Zeit um 1968 führt das dazu, dass sich Menschen etwa in Kapital-Lesekreisen sammeln, um das Hauptwerk von Marx zu studieren und zu diskutieren.
Die vorliegende Serie möchte das Interesse an der Aneignung der Marx'schen Theorie unterstützen und wendet sich insbesondere an Menschen, die an Kapital-Lesekreisen teilnehmen oder es vorhaben. Marx ist nicht immer leicht zu verstehen - insbesondere die ersten Kapitel des "Kapital", die in den ersten beiden Teilen der Serie behandelt werden. Um die Behandlung der Themen zu erleichtern, ist die gemeinsame Diskussion in Lektüregruppen sinnvoll.
Die nächsten beiden vorgesehenen Themen der Serie beschäftigen sich mit: dem Charakter des Geldes und dem modernen globalen Finanzsystem, den Rückwirkungen der Finanzkrise auf die Realwirtschaft, auf die "Akkumulation des produktiven Kapitals".
Hier wird sich zeigen, dass man mit der Marx'schen Geld- und Kredittheorie Einsichten gewinnen kann, die bei der kritischen Analyse der gegenwärtigen Finanzkrise einen theoretischen und politischen Gewinn versprechen.
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