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G8-Nachbetrachtung |
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"Filme helfen, sich zu wehren" |
„NeueWUT
III - DAS WAR DER GIPFEL!": Die neue Dokumentation des Regisseurs
Martin
Keßler
über die Proteste gegen den G8-Gipfel in Heiligendamm erscheint
im November.
Yaak
Pabst wollte schon einmal wissen, was es darin zu sehen gibt.
Warum
hast du eine Dokumentation über die Proteste in Rostock gegen
den G8-Gipfel gedreht?
In
der Filmreihe „neueWUT" begleite ich seit 2003 die verschiedenen
sozialen Proteste. Dazu gehören die Montagsdemonstrationen gegen
Hartz IV und der Streik der Opel-Arbeiter in Bochum 2004 sowie der
Aufstand der hessischen Studierenden gegen Studiengebühren
letztes Jahr. Mein neuer Film ist die Fortsetzung dieser
Langzeitbeobachtung.
Ich
habe bei den Protesten in Rostock viele Menschen getroffen, die schon
vorher aktiv waren: zum Beispiel Studierende aus Marburg, die letztes
Jahr das hessische Bildungsministerium besetzt haben, um gegen
Studiengebühren zu protestieren.
Sie
sagten mir, dass die Proteste gegen Studiengebühren sie
motiviert hätten, auch gegen die G8 Widerstand zu leisten. Sie
hätten gelernt, dass sich der Protest nicht auf Hessen
beschränken dürfe, sondern international sein müsse.
Denn die neoliberalen „Reformen" der nationalen Regierungen
fänden auf der ganzen Welt statt. Diese Studierenden sehen die
Verbindung zwischen ihrem Protest gegen Studiengebühren und der
neoliberalen Politik der G8.
Ich
habe in Heiligendamm auch zahlreiche Gewerkschaftsjugendliche oder
Menschen getroffen, die von Hartz IV leben müssen. Auch sie
haben für sich eine direkte Verbindung gezogen zwischen der
gegenwärtigen ungerechten Weltwirtschaftsordnung und ihrer eigen
Lage. Diese Zusammenhänge und die gegenseitige Politisierung
der verschiedenen Proteste interessierten mich besonders. Außerdem
wollte ich natürlich ausführlich über die Aktionen und
Ziele der globalisierungskritischen Bewegung in Heiligendamm
berichten.
Was
zeigst du in dem Film?
Eigentlich
ist es eine Chronik der Ereignisse in Rostock und Heiligendamm. Ich
wollte wissen, was Menschen dazu bringt, mitzumachen, was sie an der
Politik der G8 kritisieren, welche Hoffnungen sie mit ihrem Protest
verbinden.
Neben
Interviews und Demonstrationen habe ich auch beim Alternativgipfel
gedreht, die Blockaden und im Aktivistencamp Reddelich. Auch das
massive Vorgehen der Polizei zeige ich im Film. Und ich habe mit
einem der Organisatoren der Proteste gesprochen, der vor dem Gipfel
wegen angeblichen Terrorverdachts von der Polizei verhört und
dessen Wohnung durchsucht wurde.
In
dem Film kommen vor allem Gegner der G8 zu Wort. Ist das nicht
einseitig?
Ich
bin den sozialen Bewegungen auf der Spur. Da stehen die
Demonstrierenden im Vordergrund. Aber natürlich interessiert
mich auch die andere Seite. Sie ist so im Film präsent, wie sie
auch die Protestierenden und der Rest der Bevölkerung erlebt
haben: Via Fernsehen. 17.000 Polizisten und ein meterhoher Zaun mit
Stacheldraht trennten Bush, Merkel und die anderen vom Rest der Welt.
Nur ausgewählte Journalisten hatten Zutritt.
Im
Film arbeite ich mit Fernsehausschnitten über die G8-Proteste
und den Gipfel, um zu zeigen, wie die sogenannte „Mediendemokratie"
funktioniert. Gleichzeitig wollte ich natürlich auch wissen, wie
die Rostocker über die Proteste denken.
Was
haben die Einheimischen gesagt?
Vor
Beginn der Proteste haben bestimmte Politiker und Medien versucht,
den Menschen Angst zu machen. Man konnte den Eindruck gewinnen, dass
die Bundesanwaltschaft mittels Razzien und Hausdurchsuchungen die
Demonstrationen mit „Terrorismus" in Verbindung bringen wollte.
Viele Rostocker waren daher besorgt.
Es
waren gespenstische und zugleich makabre Bilder: Vernagelte Fenster
in der Rostocker Innenstadt, überall Polizisten in schwarzer
Kampfuniform, später dann auch Wasserwerfer und Räumfahrzeuge.
Interessant war, dass trotz dieser Einschüchterungspolitik ganze
Nachbarschaften mit ihren Kindern in die Camps gekommen sind.
Ein
Teil der Einheimischen wollte die aus aller Welt angereisten
Globalisierungskritiker wohl doch persönlich kennen lernen und
mit ihnen reden. Der Besitzer eines Motorradladens sagte mir: „Ich
finde es super, dass wir hier mit Leuten in Kontakt kommen, die wir
sonst nie zu Gesicht bekämen." Er selbst war aktiv in der
Oppositionsbewegung 1989 gegen den DDR-Staat und erinnerte sich
lebhaft an das Vorgehen des damaligen Sicherheitsapparates. Beim
Drehen haben wir gemerkt, dass der Dialog der
globalisierungskritischen Bewegungen mit der Bevölkerung weiter
vorankommt - trotz Terrorismusvorwürfen und völlig
überdimensionierten Polizeieinsätzen. Und dass es Teilen
der Politik und des Sicherheitsapparates darum geht, diesen Austausch
zu verhindern - nicht nur in Deutschland, sondern weltweit - weil
er die Tafelrunden der Mächtigen stört.
Wie
hast du vor Ort gearbeitet? Bei den Protesten in Genua im Jahre 2001
gab es ja einen kollektiven Zusammenschluss von unterschiedlichen
Dokumentarfilmern, die einen gemeinsamen Film danach produzierten.
Das
wäre schön gewesen, war aber leider in Heiligendamm so
nicht möglich. Es gab zwar auch andere Filmemacher vor Ort und
Videoaktivisten mit einem eigenen G8-Protest-TV im Internet. Doch zu
einer intensiven Zusammenarbeit unter Dokumentarfilmern wie in Genua
hat es leider nicht gelangt. Ich selbst war auch allein mit meiner
Kamera unterwegs. Begonnen habe ich mit den Dreharbeiten am
Tagungshotel vor dem Gipfel, als der Zugang noch möglich war.
Ich habe an Straßensperren und den Zugängen in die „rote
Zone" gedreht, wo die Polizei Autos und Menschen durchsucht hat.
Doch bei allen meinen Filmen geht es mir darum, möglichst dicht
an den Menschen dran zu sein. Ich möchte die Personen so zeigen,
dass der Zuschauer nachvollziehen kann, was sie denken und fühlen,
wie sie handeln. Und es geht mir darum, Hintergründe
aufzuzeigen.
Du
machst seit 1985 sozialkritische Filme fürs Fernsehen. Deine
Reihe „neueWUT" wurde aber nie gesendet. Wie kommt das?
In
den Medien geht es natürlich auch um politischen Einfluss und
bestimmte Bilder, die man im Kopf der Leser und Zuschauer erzeugen
möchte. Nach der Demonstration in Rostock titelte Bild: „Wollt
ihr Tote, ihr Chaoten?" Doch auch die öffentlich-rechtlichen
Fernsehsender blenden zunehmend bestimmte Inhalte und Sichtweisen
aus. Das ist zwar entgegen ihrem verfassungsmäßigen
Auftrag, passiert aber immer öfter. Meiner Meinung nach müsste
es in den sozialen Bewegungen, den Gewerkschaften, unter kritischen
Intellektuellen und Politikern eine viel stärkere Diskussion
darüber geben, wie man dieser besorgniserregenden Entwicklung
begegnen kann. Denn ein unabhängiger öffentlich-rechtlicher
Rundfunk hat eine große Bedeutung für die demokratische
Meinungsbildung. Parallel dazu muss man meiner Meinung nach stärker
unabhängige Bürger-Medien entwickeln und fördern. Vor
allem auch im Internet - weil Internet und Fernsehen immer weiter
verschmelzen werden. Inzwischen ist es möglich, mit vertretbaren
finanziellen und technischen Mitteln eigenes Internet-TV zu machen.
Vor allem aber muss gesellschaftlicher und politischer Druck auf die
öffentlich-rechtlichen Sender ausgeübt werden, damit nicht
Zuschauerquote und billige Unterhaltung statt kritischer Aufklärung
und Kontrolle der Mächtigen zum entscheidenden Faktor der
Programmgestaltung werden. Außerdem brauchen wir bessere
Produktions- und Vertriebsstrukturen für unabhängige
politische Dokumentarfilme.
Du
bezeichnest dich als „politischen Filmemacher". Können
Dokumentationen Protestbewegungen stärken?
Filme
können helfen, kritische Öffentlichkeit herzustellen. Sie
liefern eine „andere Sicht" als die sogenannten
„Mainstream-Medien". Dadurch können sie Menschen und soziale
Gruppen in ihren „abweichenden Meinungen" bestätigen, ihnen
Mut machen, gegen den Strom zu schwimmen. Vor allem können sie
auch in größeren Teilen der Bevölkerung Diskussionen
anstoßen. Der Film „Bahn unterm Hammer" hat das
beispielsweise getan. Er hat dazu beigetragen, dass die geplante
Privatisierung der Bahn von immer mehr Menschen in Zweifel gezogen
wird und damit gesellschaftlichen Druck auf die „politischen
Entscheidungsträger" erzeugt. Um solche Filme zu produzieren,
brauchen Regisseure mehr Geld. Ich bekomme zwar Fördermittel,
aber die reichen vorne und hinten nicht. Ich arbeite gleichzeitig als
Autor, Regisseur, Kameramann, Vertriebsleiter und Produzent - weil es
gar nicht anders geht. Unter solchen Umständen einen guten Film
zu machen, der nicht im finanziellen Ruin endet, ist nicht einfach.
Vielen ist nicht klar, unter welch harten Bedingungen diese Filme
entstehen. Zum Glück gibt es professionelle Cutter und
Cutterinnen und Kolleginnen und Kollegen, aber auch ehrenamtliche
Kräfte, die mitarbeiten. Aber natürlich sind wir weiterhin
auf breite Unterstützung angewiesen.
Wie
kann man deine Filme unterstützen?
Am
26. Januar trifft sich die globale Elite zum Weltwirtschaftsforum in
Davos. Es wird einen Global Action Day geben, an dem in vielen
Städten Proteste organisiert werden. „DAS WAR DER GIPFEL!"
kann man zum Beispiel an diesem Tag oder in dessen Vorfeld zeigen und
anschließend über die globalisierungskritische Bewegung
diskutieren: in Universitäten, Schulen oder
Gewerkschaftshäusern. Auf unserer Internetseite (www.neuewut.de)
stehen auch Anregungen, wie man die Filme zeigen und für
Diskussionen nutzen kann.
Wer
den Film zeigt, unterstützt damit auch das Gesamtprojekt. Wer
eine DVD kauft, trägt dazu bei, dass wir auch weiterhin solche
Filme machen können.
Weiterhin
viel Erfolg und vielen Dank für das Gespräch.
Zur
Person:
Martin
Keßler arbeitet als Filmemacher und freier Fernsehjournalist.
Die Schwerpunkte seiner Arbeit sind Berichte, Reportagen und
Dokumentationen zu Sozial- und Wirtschaftsthemen. Seit 2001 ist
Martin Keßler zudem Lehrbeauftragter an der
Phillips-Universität Marburg.
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