Karl Marx' Kritik des Kapitalismus
enthält eine noch heute wichtige Analyse des Verhältnisses
von Mensch und Natur und der Umweltzerstörung, meint John
Bellamy Foster.
 Kapitalistische Produktion hinterlässt Unmengen Müll. Trotz der Verseuchungsgefahr müssen ihn die Ärmsten als Einkommensquelle nutzen. (Foto: Julius Mwelu/IRIN)
Die Ökologie, die Wissenschaft von
der Interaktion zwischen lebenden Organismen und ihrer Umwelt, wird
oft als eine jüngere Erfindung betrachtet.
Aber die Idee, dass
der Kapitalismus die Umwelt in einem Maße zerstört, das
die Armen und die kolonisierten Völker unverhältnismäßig
stark beeinträchtigt, kam bereits im 19. Jahrhundert in den
Werken von Karl Marx und Friedrich Engels zum Ausdruck.
Ihre Erörterungen der Ökologie
gingen weit über das allgemeine Verständnis ihrer Zeit
hinaus.
Heutzutage lesen sich die ökologischen
Fragen, die sie ansprechen - wenn auch manchmal nur im Vorübergehen
- wie eine Litanei auch unserer dringendsten ökologischen
Probleme, von der Spaltung zwischen Stadt und Land direkt bis hin zu
Klimawandel und Hungersnot.
"Raubsystem"
Im Jahre 1867 publizierte Marx den
ersten Band des „Kapitals", seines Hauptwerkes, das die Gesetze
des Kapitalismus darlegt. Es enthält einen Abschnitt über
Englands ökologischen Imperialismus gegenüber Irland, worin
er feststellt, dass England nun bereits für anderthalb
Jahrhunderte indirekt Irlands Erde exportiert, ohne ihren
verbleibenden Bestellern die Möglichkeit zu geben, die
Grundbestandteile der somit erodierten Böden wiederherzustellen.
In einem früheren Abschnitt
desselben Bandes beruft sich Marx auf die Arbeit des deutschen
Chemikers Justus von Liebig. Im Jahre 1862 hatte Liebig argumentiert,
dass Großbritannien anderen Ländern die Grundbedingungen
der Fruchtbarkeit ihrer Böden raubt und Großbritanniens
systematische Ausbeutung irländischer Böden als wichtigstes
Beispiel angeführt.
Liebigs Ansicht zufolge könnte ein
Produktionssystem, das mehr von der Natur nimmt, als es ihr zurück
gibt, als „Raubsystem" bezeichnet werden, und er benutzte diesen
Begriff zur Beschreibung der industrialisierten kapitalistischen
Landwirtschaft.
Im Sinne von Liebig, wie auch anderer
Analytiker der Auslaugung der Böden im 19. Jahrhundert,
argumentierte Marx, dass wichtige Nährstoffe für die Böden
wie Stickstoff, Phosphor und Pottasche in Form von Nahrung und
Stofffasern in die Städte gesandt würden.
Hier verseuchten diese Nährstoffe,
anstatt zur erneuten Nutzung aufs Land zurückgeleitet zu werden,
nun die städtischen Zentren, mit schrecklichen Konsequenzen für
die menschliche Gesundheit.
Auslaugung der Böden
Angesichts der zunehmenden Verarmung
seiner Böden importierte Großbritannien Knochen von den
Napoleonischen Schlachtfeldern und aus den römischen Katakomben,
außerdem Guano aus Peru, all dies in einem verzweifelten
Versuch, den Feldern neue Nährstoffe zuzuführen.
Später gelang es durch die
Entdeckung synthetischer Düngestoffe, das Nährstoffdefizit
zu beseitigen. Aber dies führte zu zusätzlichen
Umweltproblemen, wie zum Beispiel die Verseuchung der Umwelt durch
überschüssigen Stickstoff aus den Düngemitteln.
In seiner Analyse dieser Umweltthemen
beschrieb Marx den ökologischen Widerspruch zwischen Natur und
kapitalistischer Gesellschaft als einen „irreparablen" Bruch in
den voneinander abhängigen Prozessen des gesellschaftlichen
Stoffwechsels. Dabei berief er sich auf Liebig.
Ausbeutung von Mensch und Natur
"Die kapitalistische Produktion",
erklärte Marx, "entwickelt daher nur die Technik und
Kombination des gesellschaftlichen Produktionsprozesses, indem sie
zugleich die Springquellen alles Reichtums untergräbt: die Erde
und den Arbeiter."
Dieser Bruch im Stoffwechsel zwischen
Menschheit und Natur könne nur überwunden werden,
argumentierte Marx, indem dieser Stoffwechsel systematisch wieder
hergestellt wird als regulierendes Gesetz der gesellschaftlichen
Organisation.
Aber dies erfordere die rationelle
Regelung des Arbeitsprozesses durch die assoziierten Produzenten [1]
in Übereinstimmung mit den Bedürfnissen zukünftiger
Generationen.
Der Arbeitsprozess an sich kann als ein
Stoffwechsel zwischen den Menschen und der Natur betrachtet werden.
Selbst eine ganze Gesellschaft, eine
Nation oder alle gemeinsam existierenden Gesellschaften zusammen sind Marx zufolge nicht Eigentümer der Erde. Sie sind nur ihre
Besitzer, ihre Nutznießer und müssen sie zukünftigen
Generationen verbessert hinterlassen.
Marx sah die materialistische
Konzeption der Geschichte als mit der materialistischen Konzeption
der Natur verbunden an, die Wissenschaft der Geschichte sei verbunden
mit der Wissenschaft der Natur.
Er füllte seine
naturwissenschaftlichen Notizbücher mit Untersuchungen aus
Geologie, Chemie, Agrarwissenschaft, Physik, Biologie, Anthropologie
und Mathematik.
Er nahm an Vorlesungen des in Irland
geborenen Physikers John Tyndall an der Royal Institution in London
teil. Marx war fasziniert von Tyndalls
Experimenten mit Strahlungswärme, einschließlich der
Streuung von Licht.
Treibhauseffekt
Es ist sogar möglich, dass er
unter den Zuhörern war, als Tyndall in den frühen 1860ern
zum ersten Mal Resultate seiner Experimente präsentierte, die
bewiesen, dass Wasserdampf und Kohlendioxid zusammen einen
Treibhauseffekt produzieren, der dazu führt, Wärme in der
Erdatmosphäre zu halten.
Damals vermutete noch niemand, dass der
Treibhauseffekt im Zusammenspiel mit dem durch Nutzung fossiler
Brennstoffe produzierten Kohlendioxid zu einem vom Menschen
verursachten Klimawandel führen würde.
Diese Hypothese wurde zum ersten Mal
durch den schwedischen Wissenschaftler Svante Arrhenius im Jahre 1896
vorgebracht.
Heute wird das dialektische Verständnis
der Wechselbeziehungen zwischen Natur und Gesellschaft, wie es Marx
und Engels beschrieben haben, bedeutsam für uns alle -
aufgrund der beschleunigten globalen Umweltkrise und vor allem wegen
der globalen Erwärmung.
Soziale und ökologische
Nachhaltigkeit
Jüngere Forschungen der
Umweltsoziologie haben die Marxsche Theorie des Bruches im
Stoffwechsel auf gegenwärtige ökologische Probleme wie
Überdüngung, das Sterben der Ozeane und den Klimawandel
angewandt.
In ihren Artikeln zu den Ursachen der
mit der Nutzung fossiler Brennstoffe verbundenen Probleme,
argumentieren Brett Clark und Richard York, dass es ohne fundamentale
Änderung der gesellschaftlichen Beziehungen keine Lösung
für diese Probleme gibt. Mit Technologie allein sind sie nicht
zu bewältigen. Denn im Kapitalismus führen Effizienzgewinne
zwangsläufig zur Expansion der Produktion, einem damit
einhergehendem Anstieg in der Vernutzung von natürlichen
Ressourcen und Energie. Daraus folgen höhere Belastungen der
Biosphäre.
Dies ist als das Jevons' Paradoxon [2]
bekannt, nach dem Volkswirt William Stanley Jevons, der es 1865 in
seinem Buch "Die Kohlefrage" über die allmähliche
Erschöpfung der britischen Kohlelager darlegte.
Die technologische Entwicklung, folgern
daher Clark und York, könne nur einen Beitrag leisten, wenn sie
vom Diktat der kapitalistischen Beziehungen befreit wird.
Die einzig wirkliche, nämlich
„nachhaltige" Lösung des globalen Bruchs zwischen Mensch und
Umwelt erfordert, in Marx' Worten, eine Gesellschaft der
„assoziierten Produzenten"[1], die "ihren Stoffwechsel mit
der Natur rationell regeln, unter ihre gemeinschaftliche Kontrolle
bringen, statt von ihm als von einer blinden Macht beherrscht zu
werden; ihn mit dem geringsten Kraftaufwand und unter den ihrer
menschlichen Natur würdigsten und adäquatesten Bedingungen
vollziehn."[3]
Freiheit von Unterdrückung und
ökologische Nachhaltigkeit sind daher untrennbar miteinander
verbundene Ziele. Sie erfordern den Aufbau eines Sozialismus des 21.
Jahrhunderts.
(Aus dem Englischen von Carla Krüger)
Zum Autor:
John
Bellamy Foster ist Professor für Soziologie an der Universität
Oregon (USA) und einer der Herausgeber des sozialistischen Magazins
"Monthly
Review".
Er hat viele Bücher und Artikel zu politischer Ökonomie und
Ökologie geschrieben, zum Beispiel "Marx's
Ecology".
Fußnoten:
[1] durch Arbeiter, die kollektiv den
gesamten gesellschaftlichen Produktionsprozess kontrollieren
(Anmerkung der Redaktion).
[2] Jevons' Paradoxon:
Technologischer Fortschritt, der die effizientere Nutzung eines
Rohstoffes erlaubt, führt zu einer erhöhten Nutzung dieses
Rohstoffes, statt zu einer Senkung.
Derzeit spielt Jevons' Paradoxon in der
Debatte um Energieeffizienz eine große Rolle. Denn aus ihm kann
abgeleitet werden, dass trotz aller Energieeinsparungen der
Gesamtenergieverbrauch wahrscheinlich zunehmen wird.
[3] MEW, Das Kapital, Band 3, S. 828
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