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15.12.07: Umwelt und Markt | Drucken |
Marx als Ökologe
Karl Marx' Kritik des Kapitalismus enthält eine noch heute wichtige Analyse des Verhältnisses von Mensch und Natur und der Umweltzerstörung, meint John Bellamy Foster.

Kapitalistische Produktion hinterlässt Unmengen Müll. Trotz der Verseuchungsgefahr müssen ihn die Ärmsten als Einkommensquelle nutzen. (Foto: Julius Mwelu/IRIN)
Kapitalistische Produktion hinterlässt Unmengen Müll. Trotz der Verseuchungsgefahr müssen ihn die Ärmsten als Einkommensquelle nutzen. (Foto: Julius Mwelu/IRIN)
Die Ökologie, die Wissenschaft von der Interaktion zwischen lebenden Organismen und ihrer Umwelt, wird oft als eine jüngere Erfindung betrachtet.

Aber die Idee, dass der Kapitalismus die Umwelt in einem Maße zerstört, das die Armen und die kolonisierten Völker unverhältnismäßig stark beeinträchtigt, kam bereits im 19. Jahrhundert in den Werken von Karl Marx und Friedrich Engels zum Ausdruck.

Ihre Erörterungen der Ökologie gingen weit über das allgemeine Verständnis ihrer Zeit hinaus.

Heutzutage lesen sich die ökologischen Fragen, die sie ansprechen - wenn auch manchmal nur im Vorübergehen - wie eine Litanei auch unserer dringendsten ökologischen Probleme, von der Spaltung zwischen Stadt und Land direkt bis hin zu Klimawandel und Hungersnot.

"Raubsystem"

Im Jahre 1867 publizierte Marx den ersten Band des „Kapitals", seines Hauptwerkes, das die Gesetze des Kapitalismus darlegt. Es enthält einen Abschnitt über Englands ökologischen Imperialismus gegenüber Irland, worin er feststellt, dass England nun bereits für anderthalb Jahrhunderte indirekt Irlands Erde exportiert, ohne ihren verbleibenden Bestellern die Möglichkeit zu geben, die Grundbestandteile der somit erodierten Böden wiederherzustellen.

In einem früheren Abschnitt desselben Bandes beruft sich Marx auf die Arbeit des deutschen Chemikers Justus von Liebig. Im Jahre 1862 hatte Liebig argumentiert, dass Großbritannien anderen Ländern die Grundbedingungen der Fruchtbarkeit ihrer Böden raubt und Großbritanniens systematische Ausbeutung irländischer Böden als wichtigstes Beispiel angeführt.

Liebigs Ansicht zufolge könnte ein Produktionssystem, das mehr von der Natur nimmt, als es ihr zurück gibt, als „Raubsystem" bezeichnet werden, und er benutzte diesen Begriff zur Beschreibung der industrialisierten kapitalistischen Landwirtschaft.

Im Sinne von Liebig, wie auch anderer Analytiker der Auslaugung der Böden im 19. Jahrhundert, argumentierte Marx, dass wichtige Nährstoffe für die Böden wie Stickstoff, Phosphor und Pottasche in Form von Nahrung und Stofffasern in die Städte gesandt würden.

Hier verseuchten diese Nährstoffe, anstatt zur erneuten Nutzung aufs Land zurückgeleitet zu werden, nun die städtischen Zentren, mit schrecklichen Konsequenzen für die menschliche Gesundheit.

Auslaugung der Böden

Angesichts der zunehmenden Verarmung seiner Böden importierte Großbritannien Knochen von den Napoleonischen Schlachtfeldern und aus den römischen Katakomben, außerdem Guano aus Peru, all dies in einem verzweifelten Versuch, den Feldern neue Nährstoffe zuzuführen.

Später gelang es durch die Entdeckung synthetischer Düngestoffe, das Nährstoffdefizit zu beseitigen. Aber dies führte zu zusätzlichen Umweltproblemen, wie zum Beispiel die Verseuchung der Umwelt durch überschüssigen Stickstoff aus den Düngemitteln.

In seiner Analyse dieser Umweltthemen beschrieb Marx den ökologischen Widerspruch zwischen Natur und kapitalistischer Gesellschaft als einen „irreparablen" Bruch in den voneinander abhängigen Prozessen des gesellschaftlichen Stoffwechsels. Dabei berief er sich auf Liebig.

Ausbeutung von Mensch und Natur

"Die kapitalistische Produktion", erklärte Marx, "entwickelt daher nur die Technik und Kombination des gesellschaftlichen Produktionsprozesses, indem sie zugleich die Springquellen alles Reichtums untergräbt: die Erde und den Arbeiter."

Dieser Bruch im Stoffwechsel zwischen Menschheit und Natur könne nur überwunden werden, argumentierte Marx, indem dieser Stoffwechsel systematisch wieder hergestellt wird als regulierendes Gesetz der gesellschaftlichen Organisation.

Aber dies erfordere die rationelle Regelung des Arbeitsprozesses durch die assoziierten Produzenten [1] in Übereinstimmung mit den Bedürfnissen zukünftiger Generationen.

Der Arbeitsprozess an sich kann als ein Stoffwechsel zwischen den Menschen und der Natur betrachtet werden.

Selbst eine ganze Gesellschaft, eine Nation oder alle gemeinsam existierenden Gesellschaften zusammen sind Marx zufolge nicht Eigentümer der Erde. Sie sind nur ihre Besitzer, ihre Nutznießer und müssen sie zukünftigen Generationen verbessert hinterlassen.

Marx sah die materialistische Konzeption der Geschichte als mit der materialistischen Konzeption der Natur verbunden an, die Wissenschaft der Geschichte sei verbunden mit der Wissenschaft der Natur.

Er füllte seine naturwissenschaftlichen Notizbücher mit Untersuchungen aus Geologie, Chemie, Agrarwissenschaft, Physik, Biologie, Anthropologie und Mathematik.

Er nahm an Vorlesungen des in Irland geborenen Physikers John Tyndall an der Royal Institution in London teil. Marx war fasziniert von Tyndalls Experimenten mit Strahlungswärme, einschließlich der Streuung von Licht.

Treibhauseffekt

Es ist sogar möglich, dass er unter den Zuhörern war, als Tyndall in den frühen 1860ern zum ersten Mal Resultate seiner Experimente präsentierte, die bewiesen, dass Wasserdampf und Kohlendioxid zusammen einen Treibhauseffekt produzieren, der dazu führt, Wärme in der Erdatmosphäre zu halten.

Damals vermutete noch niemand, dass der Treibhauseffekt im Zusammenspiel mit dem durch Nutzung fossiler Brennstoffe produzierten Kohlendioxid zu einem vom Menschen verursachten Klimawandel führen würde.

Diese Hypothese wurde zum ersten Mal durch den schwedischen Wissenschaftler Svante Arrhenius im Jahre 1896 vorgebracht.

Heute wird das dialektische Verständnis der Wechselbeziehungen zwischen Natur und Gesellschaft, wie es Marx und Engels beschrieben haben, bedeutsam für uns alle - aufgrund der beschleunigten globalen Umweltkrise und vor allem wegen der globalen Erwärmung.

Soziale und ökologische Nachhaltigkeit

Jüngere Forschungen der Umweltsoziologie haben die Marxsche Theorie des Bruches im Stoffwechsel auf gegenwärtige ökologische Probleme wie Überdüngung, das Sterben der Ozeane und den Klimawandel angewandt.

In ihren Artikeln zu den Ursachen der mit der Nutzung fossiler Brennstoffe verbundenen Probleme, argumentieren Brett Clark und Richard York, dass es ohne fundamentale Änderung der gesellschaftlichen Beziehungen keine Lösung für diese Probleme gibt. Mit Technologie allein sind sie nicht zu bewältigen. Denn im Kapitalismus führen Effizienzgewinne zwangsläufig zur Expansion der Produktion, einem damit einhergehendem Anstieg in der Vernutzung von natürlichen Ressourcen und Energie. Daraus folgen höhere Belastungen der Biosphäre.

Dies ist als das Jevons' Paradoxon [2] bekannt, nach dem Volkswirt William Stanley Jevons, der es 1865 in seinem Buch "Die Kohlefrage" über die allmähliche Erschöpfung der britischen Kohlelager darlegte.

Die technologische Entwicklung, folgern daher Clark und York, könne nur einen Beitrag leisten, wenn sie vom Diktat der kapitalistischen Beziehungen befreit wird.

Die einzig wirkliche, nämlich „nachhaltige" Lösung des globalen Bruchs zwischen Mensch und Umwelt erfordert, in Marx' Worten, eine Gesellschaft der „assoziierten Produzenten"[1], die "ihren Stoffwechsel mit der Natur rationell regeln, unter ihre gemeinschaftliche Kontrolle bringen, statt von ihm als von einer blinden Macht beherrscht zu werden; ihn mit dem geringsten Kraftaufwand und unter den ihrer menschlichen Natur würdigsten und adäquatesten Bedingungen vollziehn."[3]

Freiheit von Unterdrückung und ökologische Nachhaltigkeit sind daher untrennbar miteinander verbundene Ziele. Sie erfordern den Aufbau eines Sozialismus des 21. Jahrhunderts.

(Aus dem Englischen von Carla Krüger)

Zum Autor:
John Bellamy Foster ist Professor für Soziologie an der Universität Oregon (USA) und einer der Herausgeber des sozialistischen Magazins "Monthly Review". Er hat viele Bücher und Artikel zu politischer Ökonomie und Ökologie geschrieben, zum Beispiel "Marx's Ecology".

Fußnoten:
[1] durch Arbeiter, die kollektiv den gesamten gesellschaftlichen Produktionsprozess kontrollieren (Anmerkung der Redaktion).

[2] Jevons' Paradoxon: Technologischer Fortschritt, der die effizientere Nutzung eines Rohstoffes erlaubt, führt zu einer erhöhten Nutzung dieses Rohstoffes, statt zu einer Senkung. Derzeit spielt Jevons' Paradoxon in der Debatte um Energieeffizienz eine große Rolle. Denn aus ihm kann abgeleitet werden, dass trotz aller Energieeinsparungen der Gesamtenergieverbrauch wahrscheinlich zunehmen wird.

[3] MEW, Das Kapital, Band 3, S. 828
 
 
 
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