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Schwerpunkt: SPD in der Krise - Konsequenzen für die Linke | Drucken |
Interview: "Beck hält an der Agenda fest"
Die SPD-Führung hat sich nicht von der Agenda-Politik gelöst, meint Werner Dreibus im Gespräch mit Stefan Bornost.

Werner Dreibu
s ist Mitglied des Bundestages und gewerkschaftspolitischer Sprecher der Fraktion DIE LINKE.
 
marx21: „Beck verspielt Schröders Erbe“ lautete kürzlich eine Schlagzeile. Gibt es eine grundlegende Wende der SPD-Führung weg von der Agenda-Politik?
Werner Dreibus, Mitglied des Bundestages und gewerkschaftspolitischer Sprecher der Fraktion DIE LINKE (Foto: www.werner-dreibus.de)
Werner Dreibus, Mitglied des Bundestages und gewerkschaftspolitischer Sprecher der Fraktion DIE LINKE (Foto: www.werner-dreibus.de)
Werner Dreibus: Derzeit sehe ich dafür keine Anzeichen. Die Führungsriege um Steinmeier, Steinbrück, Müntefering und Platzeck hat in den letzten Wochen immer wieder deutlich gemacht, dass sie an der Agenda 2010 festhält. Dass Beck jetzt für eine Verlängerung des Arbeitslosengeldes wirbt, ist eher ein taktisches Manöver und nicht der Einsicht geschuldet, dass die Sozial- und Arbeitsmarktpolitik der Sozialdemokraten unter Schröder und Müntefering vom Grundsatz her falsch war und noch immer noch falsch ist. Becks Popularitätswert ist im Keller, Teile der SPD stellen offen seine Eignung als Vorsitzender in Frage, die LINKE sitzt ihm im Nacken und die Gewerkschaften sagen ihm inzwischen sehr deutlich, dass sie von der Agenda 2010 gar nichts halten, weil sie ein Angriff auf die Rechte und den Lebensstandard der Beschäftigten ist. In dieser Situation ist die Verlängerung des Arbeitslosengeldes für Beck der politische Strohhalm, den er braucht, um nicht unterzugehen. Und er klammert sich an diesen Strohhalm ja auch mit einigem Erfolg, wie man sieht.

Der Merkel-Regierung wird von konservativer Seite vorgeworfen, sie sei durchgehend sozialdemokratisch, weil die CDU in der Großen Koalition „sozialdemokratisiert“. Wie siehst du das?
Angela Merkel ist in den Bundestagswahlkampf 2005 mit Forderungen nach weiteren Kürzungen beim Arbeitslosengeld, bei der Rente, in der Gesundheitsversorgung und bei anderen Sozialleistungen gezogen. „Weniger Sozialstaat, mehr Eigenverantwortung“ war ihr Motto. Das hat ihr dann fast den schon sicher geglaubten Wahlsieg gekostet. Weil die Wähler und Wählerinnen die Botschaft sehr wohl verstanden haben. Und die lautete: Weniger soziale Gerechtigkeit. Merkel hat das sehr schnell begriffen und ihren Kurs korrigiert. Natürlich war das in erste Linie eine Korrektur der Symbole und der Sprache. Die Bilanz ihrer Politik sieht ganz anders aus: Rentenkürzung durch die Rente mit 67, der Versuch, die Gesundheitsvorsorge auf die sozial ungerechte Kopfpauschale umzustellen, neue Schikanen für die Empfänger und Empfängerinnen von Arbeitslosengeld II, die Umverteilung von unten nach oben durch die Unternehmenssteuerreform etc. Wenn Merkels Politik also tatsächlich sozialdemokratisch geworden sein sollte, dann allenfalls in der schlechten Variante sozialdemokratischer Politik, wie sie die SPD seit der Agenda 2010 praktiziert.

SPD-Parteichef Beck schlägt konkret vor, die Bezugsdauer des Arbeitslosengeld I zu verlängern. Wie steht die LINKE zu diesem Vorschlag?
Wir haben uns – damals noch als WASG und PDS – immer gegen die Kürzungen des Arbeitslosengeldes ausgesprochen, weil das bei den Betroffenen zu einer Verschlechterung des Lebensstandards führt. Faktisch kommt die Kürzung der Enteignung von Arbeitslosen gleich, die vorher über viele Jahre in die Arbeitslosenversicherung eingezahlt haben. Deshalb begrüßt die LINKE Becks Vorstoß. Wir sagen aber auch ganz klar, dass es nicht ausreicht, das Arbeitslosengeld nur für die Älteren zu verlängern. Junge Menschen, die länger als ein Jahr arbeitslos sind, müssen auch länger Arbeitslosengeld beziehen. Und für alle muss wieder der Qualifikationsschutz eingeführt werden, damit Arbeitslose nicht weiter gezwungen werden können, jede auch noch so schlechte und schlecht bezahlte Arbeit anzunehmen. Und natürlich dürfen wir die Menschen nicht vergessen, die mit dem mickrigen Arbeitslosengeld II über die Runden kommen müssen. Von denen spricht die SPD überhaupt nicht mehr, die hat sie vollkommen aufgegeben. Die LINKE setzt sich daher für eine völlig neu soziale Grundsicherung ein, die diesen Namen auch verdient. Und um den Betroffen schnell zu helfen, muss das Arbeitslosengeld II sofort auf mindestens 435 Euro angehoben werden.

Beck möchte auch Änderungen bei der Rente mit 67 durchsetzen. Geht die LINKE da mit?
Auch hier sagen wir: Schön, wenn Beck das wirklich machen will. Aber warum haben er und die SPD dann überhaupt die Rente mit 67 gegen das Volk durchgesetzt? Es war doch von vornherein klar, dass das nichts als eine groß angelegte Rentenkürzung ist. Nicht nur wir, sondern auch die Gewerkschaften, Kirchen und Sozialverbände haben darauf im Vorfeld der Bundestagsentscheidung hingewiesen. Und die Kollegen und Kolleginnen aus den Betrieben haben vor dem Bundestag demonstriert. All das hat die SPD nicht davon abgehalten, die Rente mit 67 zu beschließen. Deshalb – und weil das nicht die erste Entscheidung gegen die Interessen der Beschäftigten war – traue ich Beck und der SPD nicht, wenn sie über Korrekturen bei der Rente redet. Da müssen erst Taten folgen. Alles andere ist ein verantwortungsloses Spiel mit den Ängsten und Hoffnungen der Menschen, die zukünftig eine niedrigere Rente erwartet.

Die SPD startet eine Kampagne „Gute Arbeit“, die sich hauptsächlich um die Einführung eines Mindestlohns dreht. Kommen wir damit dem Mindestlohn endlich näher?
Wenn die SPD den gesetzlichen Mindestlohn tatsächlich einführen wollte, hätte sie das schon längst tun können. Denn im Bundestag existiert dafür eine Mehrheit, wenn man die Stimmen von SPD, Grünen und der LINKEN zusammen nimmt. Dafür braucht die SPD keine Kampagne. Aber sie hat sie dennoch offensichtlich nötig, um ihre Passivität im Parlament zu kaschieren. Die geht im Übrigen so weit, dass die SPD-Fraktion nicht einmal einem Antrag der LINKEN zustimmte, in dem wir den SPD-Aufruf „Deutschland braucht Mindestlöhne“ wortwörtlich übernommen haben. Im Klartext: Im Parlament tut die SPD das Gegenteil von dem, wofür sie in der Öffentlichkeit eintritt. Das ist in höchstem Maße unaufrichtig und zynisch gegenüber Millionen Menschen, die heute zu Hungerlöhnen arbeiten.

Im Begleitschreiben der Kampagne nennt Beck Errungenschaften der Arbeiterbewegung, für welche die SPD der Garant sei: Der gesetzliche Kündigungsschutz, die Mitbestimmung im Betrieb, die Tarifautonomie und das Streikrecht der Gewerkschaften. Wie siehst du die Bilanz der SPD in diesen Bereichen?
Beck kann nur zustimmen, wer die heutige Realität in der Arbeitswelt partout nicht zur Kenntnis nehmen will. Unter Führung der SPD wurden in den vergangenen Jahren das Arbeitslosengeld gekürzt, der Kündigungsschutz für Betriebe mit bis zu 10 Beschäftigten abgeschafft, dem Lohndumping per Leiharbeit die Tür geöffnet, mit der Möglichkeit der sachgrundlosen Befristung der Kündigungsschutz ausgehöhlt, mit den schlechten Minijobs gute Arbeitsplätze verdrängt. Das alles schwächt auch die Arbeitskampfkraft der Gewerkschaften erheblich. Denn mit Kollegen und Kolleginnen, die Angst haben müssen, bei der kleinsten Gegenwehr rauszufliegen und dann nach kurzer Zeit mit Arbeitslosengeld II abgespeist zu werden, sind Arbeitsniederlegungen viel schwieriger geworden. In den Betrieben macht sich eine Kultur der Angst breit. Und dafür ist die SPD in hohem Maß mitverantwortlich. Die SPD, der Garant der Arbeitnehmerrechte – das ist leider heute ein schlechter Witz. Und ich sage ausdrücklich leider! Denn mir wäre es lieber, die SPD hätte ihre Wurzeln nicht gekappt. Dann ginge es den Beschäftigten und Arbeitslosen heute wesentlich besser.

Vielen Dank für das Gespräch.

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marx21, Heft 24, Februar / März 2012: Titelthema: Die Eurokrise und die Linke

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