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Streikposten und Protestlieder |
Tom Morello, Gitarrist der Band Rage
Against the Machine, im Gespräch mit Martin Smith über
seine Auftritte in Stadien, auf Demonstrationen und in Cafés.
Tom Morello schlendert durch die
Empfangshalle des Hotels. Er trägt eine IWW-Baseballkappe. Die
„Industrial Workers of the World" traten zu Beginn des letzten
Jahrhunderts für kämpferische, industrieweite
Gewerkschaften ein. Er hat eine akkustische Gitarre bei sich, auf
deren Oberseite die Parole „Whatever it takes" („Koste es,
was es wolle") gepinselt ist. Tom Morello ist eindeutig nicht
der durchschnittliche Rockstar.
Für diejenigen, die ihn nicht
kennen, sei erwähnt, Tom ist der Gitarrist der Gruppe Rage
Against the Machine (RATM), die mit dem Grammy ausgezeichnet wurde.
Die Band verschaffte sich in den 1990er Jahren eine große
Anhängerschaft mit ihrer bahnbrechenden Mischung aus Rap und
Hardrock, politischer Lyrik und Solidaritätsaktionen für
Niedriglohnarbeiter, politische Gefangene und den Aufstand der
Zapatisten in Mexiko.
Zu Beginn des neuen Jahrtausends
entstand aus den Überbleibseln von RATM die Gruppe Audioslave.
Jetzt, sieben Jahre später, hat Tom als „The Nightwatchman"
sein Soloalbum „One Man Revolution" aufgenommen und
veröffentlicht.
Tom erzählt: „Ich habe mit dem
Nightwatchman-Projekt vor etwa fünf Jahren angefangen. Es sollte
ein Ausgleich für die großen Rockkonzerte von Audioslave
sein. Zu der Zeit war ich auch Mitgründer einer nicht
profitorientierten Organisation namens 'Axis of Justice' (Achse der
Gerechtigkeit), die lokale politische Gruppierungen und Musikfans
weltweit vernetzen möchte.
Das reichte mir aber nicht. Ich bin
Musiker und habe als solcher das Bedürfnis, meine Ansichten
mitzuteilen und brauche den Austausch mit einem Publikum. Ich habe
mich also anonym bei Open-Mic-Nächten in Cafés
angemeldet, wo jeder auftreten kann. Zur Tarnung trat ich als 'The
Nightwatchman' auf. Es war wie eine Ein-Mann-Revolution. Ich musste
nur meine Gitarre nehmen und losmarschieren. Es gab keine
Bandtreffen, keinen Tourmanager, mit dem ich verhandeln musste. Es
fühlte sich ungeheuer befreiend an. In dem Musiktitel ,Maximum
Firepower' gibt es eine Zeile, die so geht: 'Wenn du einen Schritt in
Richtung Freiheit tust, macht sie zwei Schritte auf dich zu.' Ich
stellte fest, dass das stimmt, sowohl persönlich als auch für
die ganze Gesellschaft."
Der Titel von Toms neuer Einspielung
zeigt bereits, worum es geht: „One Man Revolution" ist ein
Protestalbum, auf dem Einflüsse von Woody Guthrie und Bob Dylon
bis zu Steve Earle zu hören sind. Es ist eines jener Alben, die
sich in dein Unterbewusstsein graben. Tom erzählt, dass viele
dieser Lieder aus seinen Erfahrungen bei Streikposten und
Demonstrationen entstanden sind.
„Den Titel 'Union Song' habe ich
geschrieben, nachdem ich bei Ausschreitungen in Miami Tränengas
abbekommen hatte. Ich war enttäuscht, dass die meiste Musik, die
bei Friedensmahnwachen und Arbeiterkundgebungen gespielt wurde, aus
den 1960er Jahren stammte oder sogar noch älter war. Ich dachte,
dass wir Lieder für heute brauchten. 'Union Song' habe ich
bewusst für die streikenden Beschäftigten der Supermärkte
in Los Angeles geschrieben. Ich war bei diesen Leuten, die in bitterer
Kälte Streikposten standen. Was sollte ich dort machen?
'Kumbaya, my Lord' singen? Ich habe 'Union Song' auch bei
Kundgebungen von Reinigungskräften gespielt, die in Los Angeles
für ihre Gewerkschaftsrechte kämpften, und auf den
Streikposten und Kundgebungen der Immokalee-Arbeiter, die es mit der
multinationalen Fast-Food-Kette Taco Bell aufnahmen. Ich wollte Teil
des kulturellen Aspekts dieser Kämpfe sein. Ich will der
schwarze Woody Guthrie sein.
Woody Guthrie (1912-1967) war einer der wichtigsten Folk- und Protestliedsänger seiner Generation. Aber auch heute ist er Vorbild für Künstler wie Bob Dylan, Bruce Springsteen, Bono, Willie Nelson oder Tom Morello.
Mit seinen Liedern, die sich an den sozialen Interessen der Arbeiter orientierten und zum Kampf für die Verbesserung der Gesellschaft aufriefen, wurde er zum „Sprachrohr der kleinen Leute". Sein wohl berühmtestes Lied heißt „This Land Is Your Land".
Mit seiner Band, den Almanac Singers, zog er von einem Gewerkschaftstreffen zum nächsten, spielte auf kleinen und großen Streikversammlungen. Während des 2. Weltkrieges engagiert er sich in der Armee. Auf seiner Gitarre prangt die unmissverständliche Aufschrift „This Machine kills Fascists" („Diese Maschine tötet Faschisten“).
Zu den Auszeichnungen, die Guthrie nach dem Tod erhielt, gehören der Einzug in die Songwriter Hall Of Fame und die Rock'n'Roll Hall Of Fame sowie ein Grammy 1998.
(Fotoquelle: wikimedia commons)
Vor zwei Tagen habe ich vor 50.000
Jugendlichen auf dem Anti-G-8-Protest in Rostock gespielt. Ich war
der einzige Amerikaner, der in dieser Nacht auftrat, und ich fragte
mich, ob ich die Menge packen und die Bestie zähmen könnte.
Die einzige Bestie, die gezähmt werden musste, war dann aber die
Polizei, die die Menge am Anfang meines Auftritts mit Wasserkanonen
und Tränengas bombardierte. Das Nightwatchman-Projekt hat mich
etwas gelehrt: Du darfst absolut keine Angst haben - egal ob du vor
12 Leuten in einem Café spielst, vor 100 streikenden Arbeitern
oder vor 50.000 Leuten bei einem antikapitalistischen Protest - es
gibt keinen Grund, die Wahrheit nicht so zu erzählen, wie du sie
siehst."
Tom schöpft auch aus der
Geschichte seiner Eltern. Seine Mutter, Mary Morello, ist eine
amerikanisch-italienisch-irische Bürgerrechtlerin und
Verteidigerin der Meinungsfreiheit, sein Vater der kenianische
Revolutionär Ngethe Njoroge. Für viele Streikende sind
seine Lieder eine Inspiration. Tom erzählt mir Geschichten über
unzählige Streikposten und Streikkundgebungen, bei denen er
gespielt hat: „Die Kampagne ‚'Gerechtigkeit für
Reinigungskräfte' in Los Angeles hat mich und tausende andere
beflügelt. Sie waren die unsichtbaren Leute, die
Downtown-Los-Angeles stilllegten. Die meisten Putzleute sind
Migranten, viele von ihnen so genannte illegale Einwanderer. Sie
haben wirklich ihre Muskeln spielen lassen und gezeigt, dass die
ungeputzten Büros geschlossen bleiben müssen. Sie haben
mehrere Streikwellen organisiert und konnten fast all ihre
Forderungen durchsetzen. Wir haben aber auch einige Rückschläge
erlebt. Jahrelang habe ich mit Unite, der Textilarbeitergewerkschaft,
gegen die Sweatshop-Verhältnisse bei Guess-Jeans
zusammengearbeitet. Wir standen kurz vor einer Wende in der Kampagne,
aber Guess hat den Laden dichtgemacht und ist nach Mexiko gegangen.
In Kalifornien entwickelt sich ein
neues Kampfmodell. Als Erstes ging es darum, den 1. Mai
zurückzuerobern. Obwohl der 1. Mai seinen Ursprung in Chicago
hatte, hat er für die USA keine Bedeutung. Ich meine, du kriegst
nicht einmal frei an dem Tag. Der 1. Mai ist jetzt zum ,Tag der
Immigrantenrechte' geworden. Vor zwei Jahren habe ich auf dem Marsch
für Immigrantenrechte in Los Angeles mit einer Million
Teilnehmern gespielt. Die Idee war, dass alle Immigranten oder
Abkömmlinge von Immigranten am Ersten Mai nicht zur Arbeit gehen
sollten. Es war unglaublich -
eine Million Menschen mit weißen
T-Shirts, die die Straßen von L.A. blockierten. Es war ein
fröhlicher und friedlicher Protest. Auf der diesjährigen
Mai-Demonstration für Immigrantenrechte in L.A. mit 125.000
Teilnehmern habe ich ebenfalls gespielt. Dabei kam es zu heftigen
Übergriffen der Polizei, als sie Spanisch sprechende
Journalisten verprügelte. Beide Demonstrationen erinnern uns
daran, dass dieses Land nur auf Grund der Arbeit von Immigranten
funktioniert.
Solidarität ist in den USA ein
schmutziges Wort. Und das absolut unaussprechliche Wort mit fünf
Buchstaben lautet ,Class'. Deshalb ist es schier unglaublich,
hunderttausende von Menschen aus der Arbeiterklasse auf den Straßen
von L. A. zu sehen, die ihre Rechte einfordern. Nur etwa 15 Prozent
der Zuhörer auf den Streikposten, vor denen ich auftrete, können
Englisch. Deshalb kann es dich schon überwältigen, wenn du
auf einem Pritschenwagen vor einem Meer von
Mexikanern und Guatemalteken stehst.
Ich bin froh, dass ,Union Song' auch eine spanische Zeile enthält:
,Si nos quedemos / Juntos vamos a ganar? Si!' (,Werden wir gewinnen,
wenn wir zusammenhalten? Ja!') Von diesen Protestauftritten nehme ich
sehr viel mehr mit als von allem anderen, was ich so tue.
Vor gerade acht Monaten wurde ich von
der Hotelarbeitergewerkschaft in Los Angeles angerufen und gebeten,
an einer Massenkampagne zivilen Ungehorsams teilzunehmen.
Hotelarbeiter in L. A. verdienen 20 Prozent weniger als ihre Kollegen
in anderen Regionen, und ihre Trinkgelder fließen direkt in die
Taschen der Bosse. Wir blockierten mit über 400 Leuten die
Autobahn. Ich wurde verhaftet und verbrachte eine Nacht in der Zelle.
Durch den Protest kam das Anliegen der streikenden Hotelarbeiter auf
die Titelseite jeder Zeitung von L. A. Für mich geht das Hand in
Hand, Musiker zu sein und gleichzeitig ein Aktivist."
"Der Nightwatchman ist ein
Botschafter, der euch sagt, dass es Millionen Amerikaner gibt, die
George Bush für einen Kriegsverbrecher halten. Dieser Krieg ist
kein Fehler, er ist ein Kriegsverbrechen. Der Erstschlag gegen eine
souveräne Nation ist ein Begriff aus den Nürnberger
Prozessen. Die US-Regierung sanktioniert Folter und Geheimprozesse -
Orwell würde sich im Grabe umdrehen. Mein neues Album enthält
den Song ,No One Left', den ich kurz nach 9/11 verfasst habe. In
diesem Lied vergleiche ich die Menschen, die wegen 9/11 leiden
mussten, mit den Leidtragenden im Irak. Unsere Regierung lässt
die irakischen Zivilopfer nicht einmal zählen. Ich wollte ein
wahres Bild der Opfer von Terrorismus zeichnen - ob sie nun Mütter,
Väter oder Söhne in den Zwillingstürmen von New York
oder Mütter, Väter oder Söhne in Falludschah sind. In
dem Moment, wo du den Opfern der US-Aggression ein menschliches
Gesicht gibst, entsteht ein Mitgefühl für sie, das
hoffentlich Bestand hat.
Die Antikriegsbewegung in den USA hat
hunderttausende Menschen auf die Straße gebracht. Inzwischen
haben viele US-Künstler Songs gegen den Krieg im Irak
eingespielt. Aber die Hauptaufgabe besteht darin, diesen kulturellen
Ausdruck mit der Antikriegsbewegung zu verbinden. Und an dieser Front
haben wir noch einiges zu tun. Vor dem mächtigen Monolith, den
Bushs Machtstruktur darstellt, fühlt sich die Antikriegsbewegung
mitunter ohnmächtig. Im vergangenen Jahr hat das Land die
Demokraten gewählt, weil es ein Ende des Kriegs wollte. Und Bush
sagte in seinem anmaßenden Ton: 'Ihr wollt den Krieg beenden?
Dann müsst ihr mehr Truppen in den Irak schicken.' Und was haben
die Demokraten getan? Sie überschlugen sich wie Schoßhunde,
die sie ja auch sind, und erfüllten ihm seinen Wunsch."
Tom macht sich keine Illusionen über
die Demokratische Partei: „Ich habe zwei Jahre lang für den
demokratischen kalifornischen Senator Alan Cranston gearbeitet. Er
war einer der fortschrittlichsten Senatoren, den die USA je hatten.
Er war großartig, wenn es um Einwandererrechte und Themen wie
Umwelt ging. Er verbrachte aber die meiste Zeit damit, seine reichen
Kumpels anzurufen und um Geld für seinen Wahlkampf zu bitten.
Für einen Präsidentenwahlkampf brauchst du hunderte
Millionen Dollar. Das Geld kommt nicht von Lehrern, Schauerleuten
oder Tischlern, es kommt von Leuten, die über hunderte Millionen
Dollar verfügen und es nicht ohne Gegenleistung abgeben.
Ich lebe in einem Einparteienstaat - es
gibt nur eine kapitalistische Partei mit zwei rechten Flügeln.
Uns bleibt nicht die Wahl des minderen Übels, sondern nur das
Übel des Minderen. Ich glaube, wir leben unter der schlimmsten
Regierung der Geschichte unserer Republik. Ich will nicht behaupten,
dass es gar keine unterschiedlichen Schattierungen zwischen den
Parteien gibt, aber wirkliche Veränderungen erfordern einen
Umbau der Gesellschaft und wir müssen uns fragen, wie wir die Welt unter unserer Regie
gestalten wollen.
Solange wir uns mit diesem System
zweier Schattierungen zufrieden geben, haben wir das, was wir
verdienen. Um aus diesem Schlamassel herauszukommen, brauchen wir
mutige Schritte."
Tom blickt optimistisch in die Zukunft.
Er führt die Entstehung einer neuen Bewegung auf die Proteste
von 1999 gegen das Treffen der Welthandelsorganisation in Seattle
zurück. Er fügt aber hinzu: „9/11 und das Klima der
Angst, das Bush verbreitet, haben der globalisierungskritischen
Bewegung den Wind aus den Segeln genommen. In den vergangenen Jahren
haben wir den Aufschwung einer Reihe von sozialen Bewegungen erlebt.
Zuerst kam die Antikriegsbewegung und
jetzt stehen Bewegungen gegen den
Klimawandel und Kämpfe der eingewanderten Arbeiter auf der
Tagesordnung."
Abschließend meint er: „Ich
möchte den Sozialisten in Europa sagen, dass ihr nicht allein
seid. Selbst in der Höhle des Löwen gibt es hunderttausende
wie uns, die für eine gerechte Welt kämpfen. Ich habe das
Gefühl, dass sich das Blatt wendet."
(Aus dem Englischen von Rosemarie Nünning und David Paenson)
Zur Person:
Tom Morello ist Gitarrist der Band Rage
Against the Machine. Solo ist er unter dem Pseudonym „The
Nightwatchman" tätig.
Zum Autor:
Martin Smith ist Mitglied der Socialist
Workers Party in Großbritannien und Autor des Buches „John
Coltrane: Jazz Racism And Resistance - Extended Version"
(Redwords 2003). Sein Interview mit Tom Morello wurde erstmals in
Socialist Review, Juli/August 2007 abgedruckt.
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