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Kolumne von Arno Klönne | Drucken |
Stieglers Spalter
Ludwig Stiegler, Vorsitzender der bayerischen SPD und ein Spitzenmann in Partei und Bundestagsfraktion, liebt starke Worte. So auch bei seinen Attacken auf die LINKE, in der er „alle schrägen Vögel versammelt" sieht. Dass der Mann mit dem roten Pullover als gelernter Soldat eine konkurrierende Partei schneidig angeht, ist nicht verwunderlich. Bemerkenswert ist aber die geschichtspolitische Waffe, mit der Stiegler „die neue USPD" niederzustrecken sucht: Hier zeige sich, verkündete er über die Medien, wieder einmal „der Fluch einer Spaltung der Arbeiterbewegung", die historisch doch nur Unheil gebracht" habe.

Ob ein solcher Schreckensruf beim breiten Publikum Aufmerksamkeit finden kann, ist zweifelhaft. Gedanken an die Arbeiterbewegung und ihre Geschichte gehören nicht gerade zu den Vorzugsthemen im gegenwärtigen öffentlichen Diskurs in der Bundesrepublik, was wiederum seine Gründe gerade auch in der Entwicklung jener Partei hat, deren Interessen Stiegler vertritt. Dieser zielt denn auch mit seiner Rede vom „Fluch der Spaltung" eher auf Gefühle einer linken Minderheit im sozialdemokratisch-gewerkschaftlichen Terrain, die er von einer Hinwendung zur LINKEN abhalten möchte.

Aber was kann Stiegler meinen, wenn er historisierend „Spalter" unter Anklage stellt und suggeriert, in SPD-„Einheit" hätte die Arbeiterbewegung ihr Heil finden können?

In den ersten Jahren nach dem Ende des deutschen Faschismus hatte das Verlangen nach gemeinsamer Politik der deutschen Linken, nach „Einheit der Arbeiterbewegung", eine authentische Grundlage bei zahlreichen Aktiven an der Basis, bei Sozialdemokraten, Linkssozialisten und Kommunisten. Dem lag die Erkenntnis zugrunde, dass die katastrophale Niederlage der deutschen Arbeiterorganisationen gegenüber den zur Macht drängenden Nazis hätte vermieden werden können, wenn die deutsche Linke nicht mit ihren Kämpfen untereinander beschäftigt gewesen wäre, wenn sie ein alternatives gesellschaftspolitisches Konzept entwickelt und gemeinsam gehandelt hätte.

In den Westzonen des besetzten Deutschlands wurde dieser Einheitsdrang vor allem von der Führung der SPD unterdrückt, die einen Linksruck befürchtete und - gemeinsam mit den Besatzungsmächten - das Heft in der Hand behalten wollte. In der sowjetischen Besatzungszone wurde der Einheitsgedanke instrumentalisiert zugunsten der SED, in der schon bald eine bestimmte Gruppe von Kommunisten herrschte, die sich der Regie der sowjetischen Besatzung unterworfen hatten.

So kam es, dass die historische Trennlinie in der deutschen Linken nach 1945 bestehen blieb und sich festigte, nun eingefügt in die deutsche Teilung, den West-Ost-Konflikt und den Kalten Krieg.

Von alledem spricht ein „Spaltungskritiker" wie Ludwig Stiegler nicht, und er kann es auch nicht; täte er's nämlich, würde das Geschichtsinteresse sich auch den fragwürdigen politischen Weichenstellungen der westdeutschen Sozialdemokratie zuwenden müssen.

Stiegler hat bei seinen verbalen Schlägen gegen die LINKE offenbar zwei andere historische Phasen im Sinn: Erstens die „Abspaltung" der innerparteilichen Opposition von der Sozialdemokratie im Ersten Weltkrieg und den Zustrom zur USPD in den Jahren nach 1918, der dann zum großen Teil in die KPD einmündete und diese zur Massenpartei machte; zweitens die „gespaltene" Aufstellung der deutschen Arbeiterbewegung in der letzten Periode der Weimarer Republik, das feindliche Nebeneinander von SPD und KPD nebst der SAP als erfolgloser Neugründung.

Folgt man dem Kraftspruch von Stiegler, so wäre in der Geschichte der Arbeiterbewegung „Unheil" vermieden und Heil entstanden, wenn nur die gesamte Linke stets treu und brav im Gehege der SPD verblieben und deren Politik Gefolgschaft geleistet hätte. Das ist ein groteskes Bild von Geschichte.

Hätte die deutsche Arbeiterbevölkerung 1914-1918 bis zum bitteren Ende der Kriegspolitik sozialdemokratischer Führer nachlaufen sollen - Gehorsam üben gegenüber einer „vaterländischen" Politikerkaste, die dazu beitrug, dass die militärische Mordmaschinerie in Gang blieb und an der „Heimatfront" Hunger und Elend sich ausbreiteten? Hätten sozialdemokratische Oppositionelle unentwegt weiter Kriegskredite bewilligen sollen? Hätte Karl Liebknecht statt „Nieder mit dem Krieg!" ausrufen sollen: „Hoch die Oberste Heeresleitung"?

Und 1918 bis 1920: Hätten die geschundenen Proleten Beifall geben sollen für das Bündnis sozialdemokratischer Führer mit einer demokratiefeindlichen Militärclique? Hätten sie ohne Protest zuschauen sollen, wie Wirtschaftsbarone und Rüstungsindustrielle ihre Macht wieder befestigten - unter Duldung der SPD-Parteioberen?

Schließlich die Lage am Ende der Weimarer Republik: Welchem Politikentwurf der SPD-Führung in Zeiten dramatischer sozialer Nöte und des Auftriebs einer faschistischen Massenbewegung hätten diejenigen, die zur SAP und vor allem zur KPD überwechselten, denn Vertrauen schenken können? Etwa der dümmlichen Aufforderung, „Disziplin" für die Partei zu üben und "Ruhe zu bewahren"; nur durch Treue zur SPD auf deren wahlpolitischen Wege sei Besserung zu erhoffen?

Es kann bei solchen Fragen nicht darum gehen, die Politik der linken Konkurrenzen zur SPD, etwa die der KPD, außer Kritik zu stellen. Aber in der Stiegler'schen Version von Geschichte sind Wirkungen und Ursachen vertauscht, auf demagogische Weise. Gespalten wurde damals die deutsche Arbeiterbewegung durch die in der SPD zur herrschenden Lehre gebrachte Politik und deren praktische Verhaltensmuster: Mitläuferei bei der Kriegspolitik und Unterwürfigkeit gegenüber den Herren der kapitalistischen Wirtschaft.

Zum Autor:
Arno Klönne ist emeritierter Professor für Soziologie an der Universität Paderborn und Autor zahlreicher Bücher zur Geschichte der Arbeiterbewegung. Er beleuchtet regelmäßig für marx21 Sternstunden und Niederlagen der Arbeiterbewegung.
 
 
 
AKTUELLES HEFT
marx21, Heft 24, Februar / März 2012: Titelthema: Die Eurokrise und die Linke

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