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Italien | Drucken |
Der eigenen Geschichte den Rücken zugewandt
Alex Gaudillière über die Rechts-Wendung der italienischen Linkspartei Rifondazione Comunista.

Am 22. März 2002 fand die größte Demonstration in der Geschichte Italiens statt. 3 Millionen Menschen gingen auf die Straße, um den Artikel 18 des Arbeitsstatuts zu verteidigen. Dieser Artikel schützt die Beschäftigten in Unternehmen mit mehr als 15 Mitarbeitern vor missbräuchlichen Entlassungen.

Der damalige rechte Regierungschef Silvio Berlusconi wollte den Artikel streichen. Die Antwort der Straße war so stark, dass er nicht nur dieses Vorhaben zurücknehmen musste, sondern dass es ein Jahr später sogar gelang, eine Volksabstimmung für die Ausweitung des Artikels auf Betriebe mit weniger als 15 Mitarbeitern zu organisieren. 87 Prozent der abgegebenen Stimmen waren für die Ausweitung. Allerdings beteiligten sich nur 11 Millionen an der Abstimmung, die vorgeschriebene Mindestbeteiligung war damit nur zur Hälfte erreicht. Die Kampagne wurde getragen von der Partito della Rifondazione Comunista (Partei der kommunistischen Neugründung), den Basisgewerkschaften und der Metallgewerkschaft. Die anderen linken Parteien beteiligten sich nicht und die großen Dachverbände der Gewerkschaften unterstützten sie nur halbherzig oder riefen sogar zur Stimmenthaltung auf.

Am Tag nach der Abstimmung titelte „Liberazione", die Tageszeitung der Rifondazione, treffend: „Wir fangen von vorne an - mit 11 Millionen". Am selben Tag kündigte jedoch der Parteivorsitzende Fausto Bertinotti eine politische Richtungsänderung an. Bisher hatte Rifondazione maßgeblich die außerparlamentarischen Bewegungen unterstützt. Nun aber meinte Bertinotti, wenn die Bewegung nicht alleine von unten gewinnen könne, müsse man die Dinge von oben verändern. Dies bedeutete in der Konsequenz, dass man mit anderen Linken - etwa den neoliberal gewendeten Linksdemokraten (DS) - gemeinsam in die Regierung gehen müsse. So begann die Wende von Rifondazione.

Druck der öffentlichen Meinung

Die Stärke von Bertinotti lag darin, dass er ein weitverbreitetes Gefühl aufgriff: Berlusconi war verhasst, man brauchte die Einheit der Linken, um ihn zu vertreiben. Man brauchte aber auch eine andere Politik, eine linke Politik. Da nur Rifondazione in den vergangenen Jahren eine linke Alternative verkörpert hatte, war eine linke Regierung ohne Rifondazione undenkbar. Gleichfalls undenkbar war jedoch auch eine Regierung ohne Romano Prodi und ohne die neoliberale Linke. Die öffentliche Meinung verlangte die Regierungsbeteiligung - selbst wenn klar war, dass ein Bündnis mit der neoliberalen Linken, die den Krieg unterstützt hatte, zu einer Unterstützung für neoliberale Politik und Krieg führen würde, und nicht zum Aufbau einer Alternative.

Die Mehrheit der Parteimitglieder der Rifondazione folgte der Linie von Bertinotti im Wesentlichen auf der Grundlage von zwei Argumenten. Das erste war, dass die Erfahrung der antikapitalistischen Bewegung, der Demonstration gegen den G8-Gipfel in Genua 2001 und der großen Anti-Kriegsbewegung die Kräfteverhältnisse dermaßen verändert hätten, dass es möglich geworden ist, „die Achse des Mitte-Links-Bündnisses nach links zu verschieben". Tatsächlich hatte die unermüdliche Opposition von Rifondazione gegen den Irak-Krieg 2004 im Parlament zu einem gemeinsamen Votum der Opposition gegen diesen Krieg geführt. Nur wenige Monate danach war es jedoch Rifondazione, die sich in der Irak-Frage nach rechts bewegte, als sie eine mögliche Unterstützung für die Besatzung des Iraks durch italienische Truppen signalisierte, sofern sie unter UN-Führung stattfände.

Das zweite Argument war, dass die Partei nicht überleben würde ohne die Beteiligung an der Regierung, die von ihren Wählern verlangt wurde. Heute ist es gerade die Regierungsbeteiligung und die praktische Unterstützung von neoliberaler Politik und Krieg, die das Überleben der Partei infrage stellen. Unter dem Druck der öffentlichen Meinung war es damals nicht zu einer Diskussion über Alternativen zur Regierungsbeteiligung, etwa eine Tolerierung, gekommen.

Der Parteitag

Anderthalb Jahre lagen zwischen dem Richtungswechsel der Parteiführung und dem Parteitag von 2005. Ein weiteres Jahr dauerte es vom Parteitag bis zum Eintritt in die Regierung Prodi. Vor dem Parteitag veränderte sich die Debatte in der Partei. Einerseits begann Rifondazione, sich das Image einer Regierungspartei zu geben, um ihren zukünftigen Bündnispartnern Sicherheit zu geben. Als beispielsweise zwei Mitarbeiterinnen von Hilfsorganisationen im Irak entführt wurden, nahm Bertinotti an einer von Berlusconi geleiteten Versammlung aller Parteien teil und erklärte, die Frage des Truppenrückzugs sei zu einer nachrangigen Frage geworden. Anstatt richtige Minderheitenpositionen gegen die öffentliche Meinung zu verteidigen, versuchte Bertinotti die öffentliche Mehrheitsmeinung wiederzugeben, oder was er dafür hielt, um an öffentlicher Zustimmung zu gewinnen. In Genua 2001 war dies anders gewesen. Nach dem Tod des Demonstranten Carlo Giuliani hatte Bertinotti zu Massendemonstrationen aufgerufen, obwohl viele sagten, man müsse die für den Folgetag geplante Demonstration absagen. Nun begann er, für den Fall einer Besatzung des Irak unter UN-Führung, Unterstützung zu signalisieren.

Die Auswirkungen auf die Bewegung waren katastrophal. Diese Politik schwächte die Mobilisierungen, weil die Partei zunehmend darauf setzte, Bündnisse von oben zu bilden: Das wichtigste Ereignis auf dem Fest der Parteizeitung „Liberazione" im Jahr 2004 war eine Podiumsdiskussion mit Prodi und Bertinotti. Noch zwei Jahre zuvor war der Endpunkt des Festes eine Demonstration mit 100.000 Teilnehmern gewesen. Die neue Partei-Linie führte zur Spaltung der Bewegung. Es kamen die ersten Stimmen auf, die fragten, ob Rifondazione, da sie nicht mehr Teil der Lösung war, nicht vielleicht als Teil des Problems betrachtet werden müsse.

Auf dem Parteitag selbst zeigte sich, dass eine neue Dynamik nach rechts im Gange war. Die Bewegung hatte nicht zur Erneuerung der Partei geführt, sie war eher eine Partei zahlender Mitglieder als eine Partei von Aktivisten. Nur sechzig Prozent der eingetragenen Mitglieder beteiligten sich an den Abstimmungen - darunter viele Neumitglieder, die auf der Grundlage der neuen politischen Linie beigetreten waren. Der Antrag von Bertinotti erhielt 60 Prozent der Stimmen. Weitere 26 Prozent müssen noch hinzugerechnet werden, welche eine Strömung aus der stalinistischen Tradition auf sich vereinigen konnte. Diese Strömung unterstützte das Regierungsbündnis, äußerte jedoch Kritik an der geplanten Form der Einigung mit den anderen Regierungsparteien. Die traditionelle innerparteiliche Opposition erhielt sieben Prozent, und die „Kritische Linke" („Sinistra Critica") - eine Strömung, welche die Mehrheitsentscheidungen des vorangegangenen Parteitages teilte, sich aber gegen die Regierungsbeteiligung wandte - erhielt ebenfalls sieben Prozent, was 3.200 Stimmen entsprach.

Es gelang jedoch nicht, durch den Aufbau von Sinistra Critica Einfluss auf die politische Neuorientierung der Partei zu nehmen. Rifondazione beteiligte sich immer weniger an der konkreten Mobilisierung der Bewegungen. Zunächst konzentrierte sich die Partei auf die Stabilisierung der Kräfteverhältnisse innerhalb des Wahlbündnisses (das von Rifondazione bis zu Teilen der ehemaligen Christdemokraten, die sich gegen Berlusconi gewandt hatten, reichte), indem Bertinotti für den Vorsitz des Bündnisses kandidierte. Anschließend verschob sie jegliche mögliche Änderung auf die Zeit nach den Wahlen. Der Aufbau von Sinistra Critica hielt jedoch die Möglichkeit einer alternativen Linken lebendig, die noch wenige Monate zuvor von Rifondazione verkörpert worden war.

Die Kritische Linke

Die Strömung wurde von Aktivisten aufgebaut, die in der vorangegangenen Phase an der Parteiführung beteiligt waren und die zu Recht der Meinung waren, dass die Wende zur Regierungsbeteiligung eine Verneinung der jüngsten Geschichte der Partei darstellte. Darin waren sie sich mit Hunderten von Aktivisten einig, die in den vorangegangenen Jahren Mitglied geworden waren, weil sie in der Bewegungsorientierung eine wirkliche Neugründung der Politik und in der Partei ein konkretes Werkzeug zur Förderung der antikapitalistischen Bewegung und der Bewegung gegen den Krieg gesehen haben. Die Aktivisten der Vierten Internationale, die in der Tradition des revolutionären Sozialismus stehen, waren und sind von zentraler Bedeutung für den Aufbau der Plattform. Da das Ziel, die Richtung einer kommunistischen Neugründung fortzusetzen, von vielen Mitgliedern der Partei geteilt wurde, gelang es, eine Strömung aufzubauen, die weit mehr Mitglieder umfasst als die bisherigen revolutionären Strömungen.

Entscheidend ist, dass selbst im schlimmsten Fall, wenn ein politisches Projekt wie Rifondazione scheitert, die gesammelte Erfahrung sowohl beim Aufbau einer alternativen Linken als auch bei der Mobilisierung von Widerstand nicht fallengelassen wird. Auf der Grundlage dieser Erfahrung wurde Sinistra Critica gegründet. Sie ist heute, unter den erschwerten Bedingungen einer Regierungsbeteiligung, ein entscheidendes Instrument des Widerstands gegen Neoliberalismus und Krieg.

Rifondazione in der Regierung


2006 gewann das Wahlbündnis gegen Berlusconi die Wahlen und Rifondazione trat in die Regierung ein. Der Wahlsieg war so knapp, dass zwei Senatoren über das Schicksal der Regierung entscheiden. Unter diesen Umständen geriet die Partei bereits zwei Monate nach den Wahlen in die erste Krise, als die Abstimmung über die Finanzierung des Militäreinsatzes in Afghanistan anstand: Ihre Abgeordneten stimmten dafür.

Die Parteiführung brachte zwei Arten von Argumenten vor. Erstens erklärte sie, dass die Regierung um jeden Preis bestehen bleiben muss, um die Rückkehr der Rechten zu verhindern. Zweitens brachte sie Verhandlungen über die Anzahl der Soldaten ins Spiel und präsentierte deren Verringerung als Sieg. Zudem wies sie auf die Trennung des italienischen Einsatzes von der US-geführten Operation Enduring Freedom hin. Faktisch wurde die Zahl der italienischen Soldaten in Afghanistan erhöht, die UNO-Mission findet heute unter einheitlichem US-Kommando statt. In der Abgeordnetenkammer, in der aufgrund der Mehrheitsverhältnisse ihr Abstimmungsverhalten nicht entscheidend war, stimmten drei Genossen gegen den Einsatz. Acht weitere Senatoren, darunter zwei Genossen von Sinistra Critica, stellten sich gegen die Argumentation der Partei, drohten mit einer Ablehnung und brachten damit den Fortbestand der Regierung in Gefahr. Letztlich stimmten sie bei der Abstimmung über den Krieg, die mit der Vertrauensfrage verbunden war, doch mit Ja und kündigten an, sie würden es nicht noch einmal tun. Dadurch verschwand jedoch jede sichtbare politische Opposition gegen den Krieg, was zu Verwirrung, Demoralisierung und Spaltungen in der Anti-Kriegsbewegung führte.

In dieser Situation fiel Sinistra Critica, Speerspitze der Opposition gegen die Kriegsfinanzierung bis zum Vortag der Abstimmung, dem Druck der öffentlichen Meinung zum Opfer. Gerechtfertigt wurde das Abstimmungsverhalten damit, dass die Mehrheit der Wähler des Wahlbündnisses nicht wollte, dass die Regierung stürzt. Im besten Fall wurde argumentiert, dass die Strömung dem drohenden Schock nicht gewachsen gewesen wäre, im schlimmsten Fall wurde das Argument des „kleineren Übels" bemüht. Die gleiche Debatte kehrte im November bei der Abstimmung über das Haushaltsgesetz wieder.

Der Aufbau der Alternative

Obwohl jegliche politische Opposition gegen den Krieg verschwunden war, sorgten die Einwohner der kleinen Stadt Vicenza im Februar für die Wiedergeburt der Bewegung. Prodi wollte dort eine neue US-Militärbasis bauen lassen, doch die Einwohner der Stadt riefen zu einer landesweiten Demonstration mit dem Slogan „Wir werden eine Minute länger Widerstand leisten" auf. 200.000 Menschen demonstrierten in Vicenza, die Einwohnerzahl hatte sich damit an diesem Tag verdoppelt.

Die Demonstration war der letzte Test für die Strategie von Rifondazione, zugleich „Partei der Bewegung und Partei der Regierung" sein zu wollen. Die Partei mobilisierte nach Vicenza, stimmte aber vier Tage nach der Demonstration dem Bericht des Außenministers zu, der sich für den Bau der Militärbasis aussprach. Der einzige Genosse von Rifondazione, der sich im Senat widersetzte, war Franco Turigliatto von Sinistra Critica. Nach der Abstimmung brach die Regierung auseinander. Eine Woche später stand sie wieder, aber Franco Turigliatto wurde aus der Rifondazione ausgeschlossen. Seit diesem Moment stand Sinistra Critica am Anfang des Projektes, die alternative Linke wiederaufzubauen, aber Rifondazione hatte die Scheidung von der Bewegung noch nicht vollständig vollzogen.

Als für den 9. Juni ein Besuch von George W. Bush angekündigt wurde, riefen die Bewohner von Vicenza gemeinsam mit anderen Bürgerinitiativen, Basisgewerkschaften und Sinistra Critica zu einer Demonstration gegen Bush und die Umsetzung derselben Politik durch Prodi auf. Rifondazione organisierte daraufhin ein Konzert zur gleichen Zeit, das sich ebenfalls gegen Bush richtete, ohne jedoch ein Wort über die Politik seines Gastgebers zu verlieren. Bei dem Konzert waren 300 Zuhörer, bei der Demonstration waren wir mehr als 100.000.

Der Erfolg der Demonstration am 9. Juni und die Hoffnung, die sie mit sich trug, sind Ergebnis der Mobilisierung von Genua, der Anti-Kriegsbewegung, der Erfahrungen von Rifondazione Comunista, der Parteitagsdebatten und der Überzeugung, dass der Weg einer alternativen Linken offen gehalten werden muss. Die Geschichte von Rifondazione zeigt uns, dass die Verwirklichung dieser Hoffnung von der Offenheit und dem Zusammenhalt der alternativen Linken abhängt, und der Entstehung einer revolutionären Tradition, die dem Druck der öffentlichen Meinung widerstehen kann.

Zum Autor:
Alex Gaudillière ist Mitglied der italienischen Rifondazione Comunista. Dort arbeitet er in der Strömung Sinistra Critica mit.
 
 
 
AKTUELLES HEFT
marx21, Heft 24, Februar / März 2012: Titelthema: Die Eurokrise und die Linke

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