Impressum  |  Kontakt 
 Home  Magazin  Medien  marx21-Netzwerk 
 
Schwerpunkt: Die arabische Revolution
Afghanistan - Kampagne gegen Krieg
DIE LINKE im Internet
marx21 kooperiert mit:
www.linksnet.de

 
   


 
90 Jahre Russische Revolution | Drucken |
Revolutionäre sind die besten Reformer
Lucia Schnell antwortet auf Wolfgang Gehrcke. Lucia Schnell antwortet auf Wolfgang Gehrcke.

Wolfgang Gehrcke erinnert zu Recht an die Russische Revolution 1917. Die Frage nach der Überwindung des Kapitalismus bleibt aktuell, weil der Kapitalismus nichts von seinen Schrecken verloren hat.

Deshalb muss die Linke antikapitalistisch sein. Das heißt aber nicht, mit dem Kopf in den Wolken zu verharren. Wolfgang Gehrke schreibt: Die Kämpfe in Europa werden sich an konkreten politischen Fragen entwickeln: Arbeit, soziale Sicherheit, Frieden. Es sei daran erinnert, dass auch die Oktoberrevolution eine einfache Botschaft hatte:Land, Brot, Frieden'." Auch heute entwickeln sich Massenbewegung an Hand konkreter Fragen in Europa wie in Lateinamerika.

Das Programm unserer Partei ist ebenfalls geprägt von konkreten Forderungen. Viele davon hätte man auch in der SPD Willy Brandts 1970 finden können: Frieden, Vollbeschäftigung, Sozialreformen, gleiche Bildungschancen für alle, ein flächendeckendes öffentliches Krankenhauswesen, eine Arbeitslosenversicherung ohne Armutsfalle. Allerdings hat sich die wirtschaftliche Gesamtsituation gegenüber 1970 entscheidend gewandelt. In den Jahren der ersten Brandtregierung (1969-72) wuchs das BIP um 5 Prozent jährlich, zwischen 2000 und 2006 wuchs es nur noch um 0,7 Prozent. Die durchschnittliche Arbeitslosenquote lag damals bei weniger als einem Prozent. Ab 2000 betrug sie etwa das Zehnfache. Mit anderen Worten: die Stagnationskrise des Kapitalismus hat eine ernsthafte Reformpolitik schwieriger durchsetzbar gemacht. Forderungen nach Arbeitszeitverkürzung, nach Abzug der Bundeswehr aus dem Ausland, gleichen Bildungschancen für alle, nach einem Leben ohne Armut im Alter haben heute wieder einen tendenziell systemsprengenden Charakter.

Deshalb macht es sich Wolfgang Gehrcke zu leicht, wenn er von der Aufhebung des Widerspruchs zwischen Revolution und Sozialreform in einem Prozess der demokratischen Transformation der Gesellschaft" schreibt. Und weiter: Den Widerspruch zwischen Rosa Luxemburg und Eduard Bernstein über Weg, Bewegung und Ziel wollen wir in einem dialektischen Sinne aufheben."

Dieser Streit zwischen Eduard Bernstein und Rosa Luxemburg ging um die Strategie der Sozialdemokratie im Kaiserreich. Bernstein schrieb 1898, dass der Kapitalismus stabiler und anpassungsfähiger sei, als Marx und Engels es in ihrer Krisentheorie analysiert hätten. Die SPD könne deshalb die Hebung des Lebensstandards der Arbeiterklasse und demokratische Reformen Stück für Stück auf parlamentarischem und gewerkschaftlichem Weg durchsetzen, statt darauf abzuzielen, den Sozialismus durch eine Revolution zu erreichen: Das Endziel, was man gemeinhin Sozialismus nennt, ist mir Nichts, die Bewegung Alles."

Luxemburg schrieb 1899 als Antwort auf Bernstein die Broschüre Sozialreform oder Revolution?". Sie warf ihrem Genossen vor, seine Theorie basiere auf der Annahme eines Stillstands in der kapitalistischen Entwicklung. Sie bezweifelte das Ausbleiben von Krisen und ging davon aus, dass sich die Widersprüche zwischen Kapital und Arbeit in der kapitalistische Entwicklung verschärfen würden. Eine stufenweise Einführung des Sozialismus, d.h. eine demokratische Transformation, hielt sie für unmöglich, weil dies eine allmähliche Reform in der Richtung auf sozialistischen Ordnung des kapitalistischen Eigentums und des kapitalistischen Staates" bedeuten würde. Sie ging davon aus, dass die Unternehmer nicht freiwillig und auch nicht durch Parlamentsabstimmungen, die Kontrolle über ihr Eigentum abgeben würden. Daher müsse die Arbeiterklasse die politische Macht ergreifen und die Enteignungen vornehmen. Sie bezeichnete die Idee Bernsteins, das Meer der kapitalistischen Bitternis durch flaschenweises Hinzufügen der sozialreformerischen Limonade in ein Meer sozialistischer Süßigkeit zu verwandeln" als abgeschmackt und phantastisch.

Luxemburg prophezeite, das Ergebnis der Bernsteinschen Strategie wäre nicht die Eroberung der Macht durch die Arbeiter, sondern die Eroberung der Arbeiterpartei durch den bürgerlichen Staat. Die Geschichte hat Luxemburg bestätigt und Bernstein widerlegt. Nicht der Sozialismus ist aus dem Kapitalismus erwachsen, sondern die Sozialdemokratie in den Kapitalismus hinein.

Trotz dieser revolutionären Theorie hatte der Kampf um Reformen für Luxemburg immer einen hohen Stellenwert. In ihrer Arbeit Massenstreik, Partei und Gewerkschaft" von 1905 vergleicht sie die ständige Reformarbeit mit dem griechischen Sagenhelden Sisyphos. Er war dazu verdammt, einen Felsbrocken einen Berg hinaufzuwälzen, um immer aufs Neue erleben zu müssen, wie der Stein kurz vor dem Gipfel hinabrollt. Doch Sisyphos setzt Muskeln an. Für Luxemburg ist nicht die Reform oder Lohnerhöhung an sich der eigentlich bedeutsame Schritt, sondern die erfolgreiche Erfahrung derer, die dafür gekämpft haben. Von ihr stammt der Spruch: Revolutionäre sind die besten Reformer".

Auch heute können wir, meines Erachtens, die Argumente von Luxemburg gegen Bernstein nicht beiseite schieben und die Frage von Reform und Revolution in einem Prozess der demokratischen Transformation" auflösen. Eine systematische Sozialreform", wie sie zuletzt in den ersten beiden Regierungsjahren unter Willy Brandt noch annähernd möglich war, würde heute unweigerlich zu einer politischen Machtprobe zwischen Regierung und Kapital führen. Die Unternehmer in Deutschland haben während der letzte Jahre den Abbau des Sozialstaats gefordert und mit millionenschweren Werbekampagnen wie der Initiative neue soziale Marktwirtschaft" ideologisch unterstützt. Streiks haben sie erbittert bekämpft, einen Mindestlohn lehnen sie ab gegen die Mehrheit der Bevölkerung. Schwer vorstellbar, dass sie eine Linksregierung, die Willy Brandts Handschrift trüge, widerstandslos akzeptieren würden. Die sozialistisch- kommunistische Regierung Mitterand in Frankreich kapitulierte Anfang der 80er Jahre nach einem Investitionsstreik der Unternehmer und nahm sämtliche Versprechungen gegenüber ihren Anhängern zurück. In Venezuela putschten die Unternehmer mit Unterstützung der USA gegen die gewählte Regierung Chávez 2002 als diese eine Umverteilung der Erdölprofite zugunsten der armen Bevölkerung startete. Nur ein Massenaufstand rettete Chávez und die Reformen. Auch in Bolivien boykottieren die Großgrundbesitzer und Unternehmer alle Versuche der sozialen Bewegungen und der Regierung Morales, die bolivianische Gesellschaft mittels einer Verfassungsgebenden Versammlung demokratisch zu transformieren.

Reformen sind auch heute noch möglich, aber sie sind in der Epoche der Stagnationskrise des Kapitalismus nur noch durch massive Klassenkämpfe durchsetzbar. Auf dem Höhepunkt solcher Kämpfe stellt sich auch die Frage der Macht in Staat und Betrieben. So können Reformkämpfe in revolutionäre Situationen umschlagen. Sonst rollt der Stein von Sisyphos wieder den Berg runter. Insofern hat Wolfgang Gehrcke Recht, wenn er schreibt: Der Radikalisierung der Verhältnisse sollten wir radikale Antworten der Linken entgegensetzen."

Zum Artikel:
Dieser Text bezieht sich auf einen Beitrag von Wolfgang  Gehrcke: "Zur Aktualität des Revolutionsbegriffs"

Zur Person:
Lucia Schnell ist Mitglied im Sprecherkreis der Sozialistischen Linken, einer gewerkschaftsnahen Strömung innerhalb der LINKEN.
 
 
 
AKTUELLES HEFT
marx21, Heft 24, Februar / März 2012: Titelthema: Die Eurokrise und die Linke

marx21-Magazin abonnieren


Jetzt spenden für marx21
VOR ORT

marx21-Veranstaltungen

marx21-campus
SOCIAL MEDIA

RSS-Feed

marx21-Twitter

marx21 bei Facebook

FOTOS: marx21 bei Flickr

VIDEOS: marx21 bei YouTube

VIDEOS: marx21 bei Vimeo

NEWSLETTER

Um den marx21-Online-Newsletter zu erhalten, trage deine E-Mail-Adrese hier ein. Du erhälst dann eine Mail von uns mit einem Bestätigungslink...




TERMINE

17.- bis 20. Mai 2012:
»MARX IS MUSS«-Kongress in Berlin (Infos folgen noch)

Weitere Termine ...