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90 Jahre Russische Revolution | Drucken |
Zur Aktualität des Revolutionsbegriffs
Wolfgang Gehrcke über den Jahrestag des "Russischen Oktober".

Karl Marx schrieb in der Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie von der uneingelösten Verheißung, "dass der Mensch das höchste Wesen für den Menschen" sei, und vom kategorischen Imperativ, "alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist", und an deren Stelle eine Gesellschaft zu setzen, "in der die Freiheit eines jeden Voraussetzung für die Freiheit aller ist" (Marx/Engels im Kommunistischen Manifest).

Verheißung, Aufgaben und Zukunftsvorstellungen, denen wir uns als DIE LINKE verpflichtet fühlen. Unsere Partei ist jung, aber unsere Wurzeln reichen weit zurück. Die deutsche Arbeiterbewegung, die Sozialdemokratie spaltete sich an der Frage Krieg oder Frieden, Revolution oder Sozialreform. Die Gründung der neuen linken Partei war möglich, weil es uns gelang, diese Spaltungsgründe aufzuheben. Für die neue linke Partei ist eine konsequente Antikriegspolitik konstituierend ebenso wie die Aufhebung des Widerspruchs zwischen Revolution und Sozialreform in einem Prozess der demokratischen Transformation der Gesellschaft. Den Widerspruch zwischen Rosa Luxemburg und Eduard Bernstein über Weg, Bewegung und Ziel wollen wir in einem dialektischen Sinne aufheben: Der Weg, die Bewegung wird sich im Ziel ausdrücken, deswegen müssen das Ziel wie der Weg dahin demokratisch sein. Mit undemokratischen Mitteln ist kein demokratisches Ziel zu erreichen. Freiheit und Gleichheit - beide liegen auf unserer Seite der Waagschale unseres Kampfes. Ohne Gleichheit gibt es keine Freiheit, sondern Ausbeutung. Ohne Freiheit erstarrt die Gleichheit zum autoritären Staat.

Erstmals nach 1919 ist in Gesamtdeutschland eine Partei links von der SPD entstanden, die Einfluss in weiten Teilen der Bevölkerung hat und diesen ausbauen kann. Eine Partei, die nicht stalinistisch deformiert und nicht in die Verwaltung des kapitalistischen Staates integriert ist. "DIE LINKE stellt die Systemfrage", schrieben viele Kommentatoren der großen Zeitungen nach dem Gründungskongress. Es gibt tausendfache Gründe, einer sozialistischen Gesellschaft als Alternative zum Kapitalismus Raum zu schaffen. Der Kapitalismus ist nicht das Ende der Geschichte, wie es seine Verfechter nach der Implosion des realen Sozialismus in Europa erhofften. Aber Vorsicht! Suchen wir auch bei dieser Prognose Rat bei Karl Marx: "Es genügt nicht, dass der Gedanke zur Verwirklichung drängt, die Wirklichkeit muss sich selbst zum Gedanken drängen." (Karl Marx in der Kritik zur Hegelschen Rechtsphilosophie). Die vergangenen zwei Jahrzehnte lassen uns eine Wirklichkeit erkennen, die zum Gedanken einer anderen, besseren Ordnung drängt. "Eine andere Welt ist möglich" - so formuliert es die weltweite globalisierungskritische Bewegung.

Der Kapitalismus verantwortet im Kampf um Naturressourcen drei große Kriege - Jugoslawien, Afghanistan, Irak. Seine Führungsmacht, die USA, beansprucht für sich Weltherrschaft, die sie allerdings immer weniger einlösen kann. Die Europäische Union, ein einstmals nicht-militärischer Zusammenschluss europäischer Länder, ist inzwischen zu einem weiteren imperialen Block mutiert, der indessen nicht oder noch nicht in der Lage ist, die Welt mit Kriegen zu überziehen.

Der moderne Kapitalismus hat Teile der Welt und große Teile der Menschheit abgeschrieben als unnütz für Profit, Umsatz und Produktion. Seiner Verwertungslogik unterwirft er die Familien, Gesundheit und Pflege, Kunst und Kultur, Pflanzen und Tiere, schließlich den Menschen in seiner Ganzheit, selbst seine Gene. Der Kampf gegen die Klimakatastrophe und die ökologische Selbstvernichtung und um die verbliebenen Naturressourcen wie Öl, Gas und Wasser wird weltweit erbittert geführt. Die Entwicklung von Produktivkräften ist immer mehr in die Herausbildung von Destruktivkräften umgeschlagen.

Die Spur der Zerstörung, die der Neoliberalismus weltweit hinterlässt, hat aber auch Gegenkräfte hervorgebracht, die international immer besser verbunden sind. Besonders deutlich in Lateinamerika, einer Region, die die USA immer als ihren Hinterhof ansahen. Der Sozialismus als gesellschaftliche Alternative gewinnt erneut an Strahlkraft.

Der Blick nach vorn ist aber nicht tragfähig, wenn er nicht die Erfahrungen der Vergangenheit aufnimmt. Im 20. Jahrhundert waren die russische Oktoberrevolution und der Sieg der Anti-Hitler-Koalition über den Faschismus die Ereignisse, die die Welt am tiefsten veränderten und vor der Barbarei retteten. Die Oktoberrevolution war das erste Wetterleuchten, dass die Welt des Kapitals brüchig wurde. Sie hat in der Tat die Welt verändert und wirkt bis heute ebenso fort, wie der Zusammenbruch des ‚realen Sozialismus' in Europa die Linke in ihre tiefste Krise stürzte. Auch diese wirkt bis heute fort.

In Folge des Sieges über den deutschen Faschismus etablierte sich in Europa ein staatliches System, dass sich selbst den Namen "realer Sozialismus" gab. In anderen Teilen der Welt entstanden sozialistische Staaten aus anderen Wurzeln, in Kuba gegen koloniale Ausplünderung, in Vietnam im Kampf gegen den US- Imperialismus. Das Kolonialsystem zerbrach. In Europa sei an die Nelken-Revolution in Portugal, die Befreiung von faschistischen Regimes in Spanien und Griechenland, aber auch an neue Konzeptionen der sozialen Revolution wie den Euro-Kommunismus erinnert. Daran zu erinnern, heißt aber auch immer, die Auseinandersetzung mit dem eigenen Versagen, mit dem Stalinismus als System und Struktur zu suchen. Die Geschichte der Länder des ‚realen Sozialismus' und der kommunistischen Parteien auf den Stalinismus zu verkürzen, ist abzulehnen. Abzulehnen ist aber auch, die Auseinandersetzung mit dem Stalinismus auszublenden. Wir müssen uns mit den Verbrechen und der Vernichtung von politischer Kultur auseinandersetzen. Wir haben uns selbst ärmer gemacht. Die retuschierten Bilder aus der Geschichte, Lenins Mitstreiter, die Un-Personen geworden waren, die Bücher, die nicht gelesen werden sollten, die sozialistischen Theorien, die nicht gedacht werden sollten - all die "weißen Flecken" müssen wieder gefüllt werden. Viele emanzipatorische Ansätze verschwanden. Zum Beispiel auch der der Frauen, die die Oktoberrevolution als einen ungeheuren Freiheitsgewinn empfanden und neue Formen des Zusammenlebens entwickelten, die auf die ganze Welt ausstrahlten.

Mühevoll sind wir dabei, uns die Geschichte zurückzuerobern. Der Bruch mit dem Stalinismus, der für uns Anti-Sozialismus ist, ist für DIE LINKE konstituierend. Sozialismus und Demokratie werden eine Einheit sein, sonst wird Demokratie nicht sozial sein, also formal bleiben und der Sozialismus nicht demokratisch, also von einer wesentlichen Inhaltsbestimmung entleert sein. Der Sozialismus des 20. Jahrhunderts ging von Europa aus. Der Sozialismus des 21. Jahrhunderts kann seinen Ausgangspunkt in Lateinamerika haben. Hier, wo die neoliberale Zerstörung am weitesten vorangeschritten ist, haben sich vielfältige Gegenkräfte herausgebildet. Lateinamerika hat viele neue Akzente in die Debatte und in das praktische politische Leben eingebracht. Eine Vielfalt der Eigentumsformen, neue Formen von Genossenschaften, die Nationalisierung von Naturressourcen, die selbst organisierte Rückkehr der indigenen Bevölkerung in die Gesellschaft. Die Kämpfe in Europa werden sich vor diesem Hintergrund an konkreten politischen Fragen entwickeln: Arbeit, soziale Sicherheit, Frieden. Es sei daran erinnert, dass auch die Oktoberrevolution eine einfache Botschaft hatte: "Land, Brot, Frieden". Der Radikalisierung der Verhältnisse sollten wir radikale Antworten der Linken entgegensetzen.

Zum Artikel:
Dieser Text basiert auf einer Rede, die Wolfgang Gehrcke bei einer Konferenz der Rosa-Luxemburg-Stiftung im Juli 2007 in St. petersburg gehalten hat

Zur Person:
Wolfgang Gehrcke ist Bundestagsabgeordneter und Mitglied des Bundesvorstands von DIE LINKE.

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marx21, Heft 24, Februar / März 2012: Titelthema: Die Eurokrise und die Linke

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