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Tarifstreit bei der Bahn | Drucken |
Einheit um jeden Preis?
Die Streikbereitschaft der Lokführer hat zu einer Debatte um die Zukunft der Einheitsgewerkschaften und deren Politik geführt. Yaak Pabst beleuchtet die Hintergründe des Arbeitskampfes.

Die Lokführer wehren sich gegen Arbeitszeit­verlängerung und fordern höhere Löhne. Doch während 70 Prozent der Bevölkerung Verständnis für den Streik äußern, laufen nicht nur die Bahnbosse gegen die Gewerkschaft der Lokführer (GDL) Sturm. Gesamtmetall-Chef Martin Kannegiesser warnt angesichts des drohenden Streiks: „Gerade in einer eng vernetzten Wirtschaft muss gelten, dass Streiks nur das letzte Mittel in Tarifauseinandersetzungen sein dürfen. Sonst wird daraus ein gefährlicher Sprengsatz. Die große Stärke der deutschen Industrie liegt bisher in den besonders vielfältigen Entwicklungs- und Wertschöpfungsketten zwischen verschiedenen Unternehmen. Wer die Friedensfunktion des Flächentarifs gefährdet, setzt diese Stärke aufs Spiel.“ Arbeitgeberpräsident Dieter Hundt fordert die große Koalition auf, einer „Aufspaltung der Belegschaften“ durch Streiks von Minderheiten einen gesetzlichen Riegel vorzuschieben: „Es muss sichergestellt werden, dass grundsätzlich auch in Zukunft für ein Unternehmen nur ein Tarifvertrag gilt.“ Der Gesetzgeber müsse daher klarstellen, wann Arbeitskämpfe „einer kleinen, spezialisierten Minderheit zu Lasten der Mehrheit der Beschäftigten unverhältnismäßig und unzulässig“ seien.

Ein Flächentarifvertrag, der kaum einer mehr ist

Der Vorwurf der Arbeitgeber, die GDL würde den Flächentarifvertrag bedrohen, ist an Heuchelei kaum zu überbieten. Die Erfahrungen der letzten zwei Jahrzehnten zeigen, dass es gerade die Arbeitgeber sind, die mit Hochdruck an der Aushebelung des Flächentarifvertrages arbeiten.

Dabei waren sie ziemlich erfolgreich. Der Flächentarifvertrag, der ursprünglich dafür sorgen sollte, der Konkurrenz zwischen den Arbeitern entgegenzuwirken, ist so löchrig wie ein Schweizer Käse. In jeder Branche konnten die Arbeitgeber Öffnungsklauseln durchsetzen. Einige ausgewählte Beispiele:
  • Im Bauhauptgewerbe kann im Osten die Tarifvergütung um bis zu 10 Prozent abgesenkt werden. Allerdings war es nach der Einheit 1990 hier und in den meisten anderen Branchen den Gewerkschaften nicht gelungen, das Ost-Westgefälle auch nur annähernd aufzuheben.
  • In der chemischen Industrie gibt es zeitlich befristete Niedriglohntarife für Neueinstellungen sowie Öffnungsklauseln zur befristeten Reduzierung von Tarifstandards.
  • In der Druckindustrie können Sonderzahlung und Urlaubsgeld reduziert werden.
  • Im Großhandel, der Recycling- und Entsorgungswirtschaft und der Textilindustrie besteht die Möglichkeit zur befristeten Unterschreitung der tariflichen Vergütungssätze um bis zu 15 Prozent.
  • In der Metall- und Elektroindustrie ist eine Abweichungen von tariflichen Mindeststandards möglich. Der so genannte „Pforzheimer Abschluss“ von 2004 lässt zum Beispiel Kürzungen von Sonderzahlungen und die Erhöhung oder Absenkung der Arbeitszeit ohne vollen Lohnausgleich zu.
  • In der Süßwarenindustrie besteht die Möglichkeit zur Arbeitszeitverlängerung ohne Lohnausgleich. Eine allgemeine Härtefallklausel erlaubt die Absenkung der tariflichen Leistungen.
Dies sind nur einige Beispiele einer allgemeinen Tendenz. Ein Resultat dieser Öffnungsklauseln in den Flächentarifverträgen ist der massive Rückgang der Reallöhne. Sie sind in Deutschland in den vergangenen zehn Jahren um 0,9 Prozent gesunken. Damit liegt die Bundesrepublik an letzter Stelle der 15 alten EU-Länder. Im Durchschnitt sind die Reallöhne in der EU-15 in diesem Zeitraum um 7,4 Prozent.

Die Dezentralisierung und Verbetrieblichung der Tarifpolitik durch Härtefallregelungen, Nottarifverträge, Öffnungsklauseln, Korridorlösungen und betriebliche Bündnisse haben den meisten Flächentarifverträgen viel ihres ursprünglichen Inhalts geraubt. Gerade deshalb sind sie für die Arbeitgeber ein willkommenes Instrument zur Durchsetzung ihrer Interessen geworden: der Angleichung der Löhne und Arbeitsbedingungen nach unten. Für die im Allgemeinen tariffeindlich gesinnten Arbeitgeber bietet der Flächentarifvertrag so eine Ordnungsfunktion. Der Arbeitgeberverband Gesamtmetall schreibt in einer Informationsbroschüre über die Flächentarifverträge: „Die wichtigsten Beweggründe für die Anwendung des Flächentarifvertrags sind die Verlagerung von Konflikten aus dem Betrieb, Rechts- und Planungssicherheit sowie die Minderung von Regelungskosten.“

Was genau damit gemeint ist, wird bei einem Blick auf die Streikzahlen in Deutschland deutlich. Zwischen 1996 und 2005 fielen in der Bundesrepublik im Jahresdurchschnitt 2,4 Arbeitstage pro tausend Beschäftigte aus. Das war noch weniger als in der Schweiz (siehe Grafik). Allein im letzten Jahr gab es einen leichten Anstieg: Pro tausend Beschäftigte fielen 12,4 Arbeitstage durch Streik oder Aussperrung aus. Dies ist der höchste Wert seit 1993 – damals lag der Ausfall bei 17,5 Tagen. Im europäischen Vergleich ist Deutschland aber nach wie vor ein sehr streikarmes Land. Dazu trägt nach Analyse vieler Forscher der Flächentarif ebenso bei wie die „sozialpartnerschaftliche Einbindung“ der Gewerkschaften. Für die Bosse bleibt Deutschland ein Paradies: niedrige Steuern, im europäischen Vergleich im Mittelfeld liegende Arbeitskosten und wenige Streiks.

Sozialpartnerschaftlich in die Kapitulation?

Weil die Lokführer diesem Abwärtstrend für sich und das restliche Zugbegleitungspersonal stoppen wollen, sind die Arbeitgeber nervös. Bisher bekommt ein Lokführer rund 1500 Euro netto im Monat. Die GDL verlangt, dass die Löhne der Lokführer um 31 Prozent steigen. Sie fordert ein Anfangsentgelt für Lokführer von 2500 Euro, 2180 Euro für Zugbegleiter und 1820 Euro für Gastronomieangestellte – außerdem die Verkürzung der Arbeitszeit von 41 auf 40 Wochenstunden. Ein Sieg der Lokführer wäre ein Sieg für alle Beschäftigten. Denn bei einem Erfolg der Lokführer wären auch die anderen Gewerkschaften, vor allem Transnet, gezwungen, höher Löhne zu fordern. Bei einem höheren Abschluss müsste nämlich der jetzt ausgehandelte Tarifvertrag zwischen Transnet und Bahn neu verhandelt werden. Wenn dieses Beispiel Schule macht, könnten sich auch andere Teile der Arbeiterklasse ermutigt fühlen, ähnliche Forderungen zu stellen. Eine Horrorvorstellung für die Bosse.

Trotzdem wurde die GDL auch von Seiten der Gewerkschaften kritisiert. Norbert Hansen, der Vorsitzende der anderen Bahngewerkschaft Transnet, organisierte sogar eine Unterschriftenaktion gegen die Urabstimmung der GDL und wirft ihr die „Spaltung der Belegschaft“ vor. Selbst Verdi-Chef Frank Bsirske klagte: „Wenn einzelne Beschäftigtengruppen in einem Unternehmen, wie eben die Lokführer bei der Bahn, ihre eigene Tarifpolitik betreiben, wird die Tarifeinheit untergraben.“

Dass nun gerade den Lokführern von den Gewerkschaftsführern der größten Einheitsgewerkschaften vorgeworfen wird, die Tarifeinheit zu untergraben, stellt die Realität auf den Kopf. Denn das eigentliche Problem ist, dass die Gewerkschaften den oben skizzierten Entwicklungen der faktischen Abschaffung des Flächentarifvertrags nichts entgegengesetzt haben. Bernd Riexinger, Verdi-Geschäftsführer des Bezirks Stuttgart, schreibt: „Das Konzept der Gewerkschaften, auf betrieblicher oder auch tariflicher Ebene durch ständige Zugeständnisse und weiteres Zurückweichen die Flächentarifverträge zu retten bzw. Regelungskompetenz zu demonstrieren, wird weiter zur Erosion derselben beitragen. Vielfach gelingt es den Gewerkschaften nicht mehr, überhaupt noch Tarifverträge oder nur noch zu den vom Kapital diktierten Bedingungen abzuschließen. Die Gegenseite gibt keine Ruhe, und es ist eine Illusion zu meinen, dass dem Konflikt mit der Kapitalseite ausgewichen werden kann. Höchstens unter völliger Aufgabe der eigenen Positionen und Stellung.“

Genau das ist bei der Bahn passiert. Die Politik von Transnet war eine Politik der Kapitulation. Sie stimmte nicht nur der Privatisierung der Deutschen Bahn (DB) kampflos zu, sondern setzte auch dem damit verbundenen massiven Arbeitsplatzabbau nichts entgegen. Seit der ersten Stufe der Bahnprivatisierung im Jahr 1994 haben die Arbeitgeber mehr als die Hälfte der Arbeitsplätze vernichtet – von damals 380.000 existieren nur noch 180.000. Während die Beschäftigten seit 1994 einen Reallohnverlust von 9,5 Prozent in Kauf nehmen mussten, wurden die Bezüge der Vorstandsmitglieder laut des DB-Geschäftsberichts 2006 um 62,5 Prozent, die der Aufsichtsratsmitglieder um fast 300 Prozent angehoben. Bahnchef Hartmut Mehdorn zufolge hat die DB von Januar bis Mai ihren Gewinn im Vergleich zum Vorjahreszeitraum verdoppelt. In den ersten fünf Monaten dieses Jahres erzielte das Unternehmen einen Gewinn von 668 Millionen Euro nach Zinsen und Steuern. Die mit der Zustimmung von Transnet geplante weitere Privatisierung der Bahn wird mit Sicherheit zu einer weiteren Aufweichung und Zersplitterung der Tariflandschaft bei der Bahn führen. Die jüngste Entwicklung bei der privatisierten Telekom, bei der die Arbeitgeber 50.000 Beschäftigte in Service-Agenturen auslagern konnten, sollte eine Warnung sein.

Die Lokführer als Klassenkämpfer

Im Jahr 2003 verließ die GDL auf massiven Druck der Kolleginnen und Kollegen an der Basis die Tarifgemeinschaft mit Transnet. Denn die Ergänzungstarifverträge, die Transnet mit dem Bahnvorstand ausgehandelt hatte, sahen eine Verschlechterung der Arbeits- und Einkommensbedingungen für Lokführer und Zugbegleiter vor. Beide Berufsgruppen unterliegen den gleichen Arbeitszeitbedingungen. Sie haben unregelmäßigen Schicht- und Wechseldienst mit Dienstbeginn und -ende zu jeder Tages- und Nachtzeit. Der Arbeitsort im Zug bedeutet ständige Ortswechsel und regelmäßige auswärtige Übernachtungen, was wiederum die Teilnahme am gesellschaftlichen und das familiäre Leben stark einschränkt.

Die Übernahme des jetzigen Transnet-Tarifvertrages würde bedeuten, dass Lokführer maximal 50 Euro monatlich mehr im Portemonnaie hätten. An den harten Arbeitsbedingungen würde sich nichts ändern. Durch massenhaften Personalabbau bei der Bahn sind diese sogar noch deutlich schlechter geworden. Speziell die Lokführer arbeiten mit 41 Stunden pro Woche 2 Stunden länger als andere Kolleginnen und Kollegen.

Bei den Forderungen der GDL geht es eindeutig nicht um „privilegierte Standesinteressen“, sondern um die Verbesserung der Arbeitsbedingungen und Angleichung der Löhne an den europäischen Standard. Das sehen die Kolleginnen und Kollegen in anderen Betrieben auch so. In einer Solidaritätsadresse an die Lokführer schreibt Gerhard Kupfer, Mitglied des Betriebsrates des DaimlerChrysler-Werks in Bremen, im Namen des Vertrauensleutekörpers: „Als aktive IG Metaller halten wir Euren Streik für absolut gerechtfertigt, zumal Ihr nichts anderes einfordert, als einen Facharbeiterlohn, als menschenwürdige Arbeitsbedingungen in einer hoch verantwortungsvollen Arbeit. Ja, wir sind entschiedene Befürworter einer einheitlichen Gewerkschaftsbewegung. Wir brauchen sie, um schlagkräftig zu sein (und wir bräuchten sie, um jetzt z.B. dem Nürnberger Gericht und Herrn Mehdorn die gemeinsame deutliche Antwort aller Arbeiter zu geben, egal, ob Lokführer oder Metallarbeiter). Wer im Verein mit Mehdorn von Spaltung redet, sich gleichzeitig offen für die Privatisierung der Bahn ausspricht und dann noch öffentlich zum Streikbruch aufruft, der hat in einer Gewerkschaft nichts zu suchen. In diesem Sinne: Lasst Euch nicht entmutigen und macht weiter! Unsere Kollegen schauen auf Euch mit großer Sympathie. Wir versprechen Euch, alles dafür zu tun, dass das Wort ‚Solidarität’ keine hohle Phrase bleibt!“

Zum Autor:
Yaak Pabst ist Politologe und hat seine Diplomarbeit über „Die Zusammenarbeit von Gewerkschaften und globalisierungskritischer Bewegung“ geschrieben. Er arbeitet als Redakteur für marx21 und ist aktiv bei Die Linke.SDS an der Humboldt-Universität Berlin.

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