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Berlin | Drucken |
Ein Jahr Rot-Rot - Eine kritische Bilanz
Werner Halbauer und Klaus-Dieter Heiser setzen sich mit der politischen Strategie des Berliner Landesvorstands von DIE LINKE auseinander.

Die Abgeordnetenhauswahlen im September 2006 brachten für die Linkspartei ein schockierendes Ergebnis: insgesamt nur 13,4 Prozent der Wählerstimmen, im Westteil Berlins durchschnittlich knapp unter fünf Prozent der Stimmen und im Ostteil eine Halbierung der Wählerstimmen. Dies war nur zum Teil auf den konkurrierenden Wahlantritt der WASG zurückzuführen, denn nur 4000 von 181.000 verlorenen Stimmen sind direkt an die WASG übergegangen. Bei den Abgeordnetenhauswahlen 2001 erhielt die PDS 23 Prozent. Nach Jahren der Großen Koalition in Berlin bestand mit der Stimmabgabe für die Gysi-Partei die Hoffnung auf einen Politikwechsel. Bei den Bundestagswahlen im September 2005 erreichte die Linkspartei in Berlin dagegen 16,4 Prozent.

In einer bemerkenswerten Wahlanalyse durch den Landesvorstand Berlin wurde deutlich, dass vor allem die sozialen Erwartungen in die Linkspartei enttäuscht wurden. Aber auch der Mangel an innerparteilicher Demokratie und insgesamt das mangelnde linke Profil wurden beklagt. Die Untersuchung stellt auch die mangelnde Verankerung in gesellschaftlichen Strukturen wie Verbänden, Gewerkschaften und außerparlamentarischen Bewegungen fest.

Die Landesvorstand verteidigte jedoch fast alle sozialen Angriffe der Landesregierung offensiv mit dem Argument, dass die Haushaltskonsolidierung und die damit eventuell mögliche Entschuldung Berlins durch den Bund überhaupt erst den finanziellen Spielraum für politische Gestaltung in der Zukunft eröffne. Diese Hoffnung war auf Sand gebaut. Berlin hat über 61 Milliarden Euro Schulden eine Pro-Kopf-Verschuldung von rund 18.000 Euro.

Die erneute Beteiligung an einer Regierung unter SPD-Hoheit in Berlin muss sich darin messen lassen, in wieweit es gelungen ist, Politik im Interesse der Masse der Bevölkerung, d.h. vor allem der Lohnabhängigen und Arbeitslosen und deren Familien umzusetzen bzw. zur Stärkung der Kräfte beizutragen, die einen grundsätzlichen Politikwechsel und eine radikale Umverteilung des Reichtums von oben nach unten auf Bundesebene durchsetzen könnten. Die Regierungspolitik darf sich in wesentlichen Fragen auch nicht im Widerspruch zur Linken im Bund bewegen, weil sonst die Perspektive eines allgemeinen gesellschaftlichen Aufbruchs konterkariert wird.

Die Referenzprojekte

Zwei wesentliche Referenzprojekte, mit denen die Regierungsbeteiligung an der Seite der SPD unter anderem begründet wurde, waren die Einführung eines Öffentlichen Beschäftigungssektors (ÖBS) und des Modellprojektes Gemeinschaftsschule.

Mit dem Einstieg in einen ÖBS sollten verschiedene Mittel der Arbeitslosenverwaltung zusammengefasst werden, um so 2000 Dauerarbeitsplätze zu Tarifbedingungen im öffentlichen Sektor zu schaffen. Dieses Projekt wurde im August beerdigt. Stattdessen steigt der Senat in das Förderprogramm des Bundes für schwer vermittelbare Langzeitarbeitslose mit einer Kofinanzierung von 50 Millionen ein. Der Bund trägt 150 Millionen. Die so geschaffenen Stellen für 10.000 Langzeitarbeitslose sind auf ein Jahr befristet und werden mit 1.300 Euro brutto im Monat entlohnt. Aber das machen auch konservativ regierte Länder.

Gleichzeitig wird der Kampf gegen die Massenarbeitslosigkeit in Berlin durch den Plan des Senates konterkariert, bis 2013 weitere etwa 20.000 Stellen im Öffentlichen Dienst abzubauen.

Der im Koalitionsvertrag vereinbarte Einstieg in die Gemeinschaftsschule soll durch die Finanzierung von je einer Modellschule in den 12 Bezirken Berlins gefördert werden. Dafür sind insgesamt 22 Millionen in den Jahren 2008 bis 2011 vorgesehen, also rund 458.000 Euro pro Schule und Jahr. Derzeit haben sich 56 Schulen beworben, aber kein einziges Gymnasium. Wie so das dreigliedrige Schulsystem in Berlin aufgebrochen werden soll, ist das Geheimnis des Senates. Darüber hinaus droht, dass private Bildungsträger ausgewählt werden, wenn sie das über die Förderung hinaus benötigte Geld mitbringen.

Eine ausreichende Aufstockung der Mittel im Bildungsbereich ist nicht vorgesehen. Für die Bildung von Excellenz- Clustern an den Universitäten wurden demgegenüber 250 Millionen Euro bewilligt. Michael Müller, SPD-Landes- und Fraktionsvorsitzender: „Unsere Schwerpunkte liegen in der Wissenschaftspolitik, beim Thema demografische Entwicklung und mit dem neu gegründeten Berlin-Board machen wir einen großen Schritt in Richtung internationaler Marketingstrategie z.B. für mehr Firmenansiedlungen in unserer Stadt."

Während in Exzellenz investiert wird, fällt der Unterricht aus, verfallen die Schulgebäude und die Lehrer wandern aufgrund der schlechten Bezahlung in andere Bundesländer ab.

Die Bilanz der „Kümmererpartei"


In einem Interview sagte der Landesvorsitzende Klaus Lederer: „Die PDS hat sich ausgezeichnet als ‚Kümmerer- Partei', die war, wo andere nicht mehr waren. Das ist die Herausforderung: Sind wir nur auf Gewerkschaftskundgebungen unterwegs, oder suchen wir eine breitere Verankerung in der Gesellschaft?"

Wie die bisherige soziale Bilanz der Regierungsbeteiligung zeigt, hat sich die Suche nach breiterer gesellschaftlicher Verankerung durch Haushaltskonsolidierung als wenig erfolgreich herausgestellt. Dem Sozialticket von 33 Euro, der Theaterkarte für 3 Euro und der weitgehenden Vermeidung von Zwangsumzügen wegen ALG II stehen in der Summe erhebliche soziale Angriffe gegenüber, aber auch die geplante Einschränkung von Mitbestimmungs- und Bürgerrechten. Die Linkspartei hat sich an einer weiteren Regierung beteiligt, ohne die Priorität der SPD nach Fortsetzung der Haushaltskonsolidierung in Berlin öffentlich zu bekämpfen oder auch nur zu hinterfragen.

Es ist richtig, dass die Schulden Berlins erdrückend sind. Die Ursachen der Berliner Finanzkrise sind zum großen Teil nicht direkt in Berlin zu suchen. Viele Probleme haben ihre Ursache im Vereinigungsvertrag, in dem die strukturellen und finanziellen Folgen der Vereinigung zweier Systeme in einer Großstadt nur ungenügend berücksichtigt wurden. Der Berliner Bankenskandal ist eigentlich nicht nur ein Berliner Skandal, denn das Konstrukt der Verflechtung von Privatbank mit Landesbank durch den CDU/SPD-Senat in den 1990er Jahren wurde von der Bundesfinanzaufsicht zugelassen und viele Banken Deutschlands haben ihre Immobilienspekulationen über dieses Konstrukt risikofrei abgewickelt.

Mit dem Risikoabschirmungsgesetz der rot-roten Regierung wurde so 2002 ein bundesweiter Bankenskandal auf die Berliner Bevölkerung abgeladen, um unter andern vor der Bundestagswahl die Schröder-Regierung nicht damit zu belasten.

Daneben leidet Berlin wie fast alle Kommunen unter der Steuer-Umverteilungspolitik der letzten Bundesregierungen. Diese reduzierten die Steuerlasten der Konzerne und Reichen im dreistelligen Milliardenbereich, fuhren anschließend mit dem Argument leerer Staatskassen Ausgaben für Soziales zurück und wälzten die Folgen im großen Stil auf die Länder und Kommunen und die Masse der Bevölkerung.

Die Berliner Politik der LINKEN muss in eine bundesweite Strategie eingebettet sein. Diese muss den Aufbau einer Gegenmacht gegen Neoliberalismus und für Steuergerechtigkeit – und damit gegen die SPD – zum Ziel haben. Anders kann die LINKE keine sozial ausgewogene Politik betreiben.

Da Berlin außer der Gewerbesteuer und der Grundsteuer keine eigenen nennenswerten Einnahmequellen hat, läuft Haushaltskonsolidierung in erster Linie auf Einschränkungen im öffentlichen Dienst und auf Gebührenerhöhungen bei kommunalen Einrichtungen hinaus. Und so sieht auch die Bilanz nach einem Jahr Regierungsbeteiligung in Berlin aus. Während sich der Landesvorstand teilweise an bundesweiten Kampagnen wie für den Mindestlohn von 8 Euro und auch an Protesten gegen Betriebschließungen privater Konzerne in Berlin beteiligte, ist uns nicht ein sozialer Konflikt mit dem Senat in Berlin bekannt, bei dem sich die Linkspartei öffentlich mit den Protesten solidarisierte – ganz zu schweigen von einer Beteiligung an der Mobilisierung an der Seite der Betroffenen.

Gerechtfertigt wird diese Politik auf Landes- und Bezirksebene damit, dass eben kein Geld da sei und die Beteiligung an der Regierung noch größeres Übel verhindere. Der Privatisierung von Wohnungsbeständen durch Mobilisierung der Bevölkerung wie in Freiburg oder Dresden entgegenzutreten, gegen Lohnkürzungen im Öffentlichen Dienst an der Seite der Beschäftigten zu protestieren, scheint außerhalb der politischen Vorstellungskraft der Mehrheit des Landesvorstandes zu liegen.

Der Landesvorstand verweilt in der Regierung ohne eine Strategie zu entwickeln, die politischen Kräfteverhältnisse zugunsten der Linken zu verschieben. Der Gewinner dieser Politik ist die SPD, weil links von ihr kein Widerstand in Berlin sichtbar wird. Noch schlimmer, auf Bundesebene wird damit indirekt die Große Koalition von CDU und SPD gedeckt. So liegt die Linke in Berlin in den Meinungsumfragen nur noch bei 15 Prozent und muss sich die Proteste der Gewerkschaften und von den Betroffenen der Kürzungen gefallen lassen.

Die strategische Falle der Regierungsbeteiligung


Die LINKE findet bundesweit in breiten Teilen der Bevölkerung zunehmend Unterstützung für ihre sozialen und politischen Forderungen. Die Masse der Bevölkerung hat begriffen, dass sie für die Profitinteressen der Konzerne und Reichen abgezockt werden soll. Die Streiks und Proteste haben in den letzten Jahren deutlich zugenommen und zur Schwächung der SPD geführt.

Oskar Lafontaine betont zu Recht immer wieder die Notwendigkeit des politischen Streiks, um die Kräfteverhältnisse real zu verändern. Anträge im Parlament schaffen noch keine Gegenmacht. Alle großen politischen Reformen der Vergangenheit sind letztendlich durch massive Streikbewegungen erzwungen worden – meistens unter konservativen Regierungen. Das ist die strategische Orientierung, die politischen Rahmenbedingungen zu verändern. Der Beschluss des Bezirks LINKE.Neukölln, die Proteste der Beschäftigten des Öffentlichen Dienstes zu unterstützen, oder des Bezirks Tempelhof-Schöneberg, alle drei Volksbegehren gegen die Politik des Senates zu unterstützen, zeigen, dass der bundesweite Aufbruch für eine Neue Linke auch die Basis der Partei in Berlin erreicht.

Eine Fortsetzung der Koalitionspolitik an der Seite der SPD in Berlin und die Ignoranz gegenüber den Protesten gegen Neoliberalismus untergraben die soziale und politische Basis für eine grundlegende Umverteilung des gesellschaftlichen Reichtums in Deutschland. An der Seite der SPD, die sich auf Bundesebene in der Koalition mit der CDU dem neoliberalen Kreuzzug gegen die Masse der Bevölkerung verschrieben hat, gibt es keinen nennenswerten Gestaltungsspielraum für linke Projekte.

Die Linke in Berlin steht jetzt mit den Kampfmaßnahmen der Gewerkschaften gegen Tarifflucht und Abbau der Mitbestimmung am Scheideweg: entweder weitere Haushaltskonsolidierung an der Seite der SPD oder Kampf für Lohnerhöhung an der Seite der Beschäftigten. Die SPD hat zwar andere Koalitionsoptionen, aber sie wird sich angesichts ihrer kritischen Situation genau überlegen müssen, ob sie die Koalition an dieser Frage scheitern lassen will. Die LINKE in Berlin sollte in Zukunft das Motto der erfolgreichen holländische Linkspartei SP beherzigen: „keine Fraktion ohne Aktion; keine Aktion ohne Fraktion!"

Zu den Personen:

Klaus-Dieter Heiser und Werner Halbauer sind Mitglieder der LINKEN und des Koordinationskreises der "Sozialistischen Linken" in Berlin, einer gewerkschaftlich orientierten Strömung innerhalb der Partei.
 
 
 
AKTUELLES HEFT
marx21, Heft 24, Februar / März 2012: Titelthema: Die Eurokrise und die Linke

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