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Luxemburg und Lenin - zwei radikale Demokraten
Ulla Plener argumentiert, dass der Kampf um Demokratie die Voraussetzung für den Sozialismus darstellt.

Dieser Text ist eine stark gekürzte und leicht überarbeitete Fassung eines Vortrages, den die Autorin im Berliner Bildungsverein "Helle Panke" am 21. Juni 2007 gehalten hat. Der ungekürzten Vortrag inklusive Zitatbelege steht HIER zum Download bereit (PDF, 12 Seiten, 82 KB)

Auf den Umgang seiner Kollegen mit Rosa Luxemburg bezogen formulierte der Historiker Jörn Schütrumpf einmal sehr treffend: Es solle für sie „das gelten, was für alle anderen auch gilt: dass man sich mit dem auseinandersetzt, was sie gemeint hat, und nicht mit dem, was man selbst meint, dass sie gemeint haben sollte." Über Jahrzehnte sei Luxemburg „zu einer Karikatur uminterpretiert worden, um dann ‚kritisiert' werden zu können".

Heute gilt dies für Lenin. Zumeist werden seine Positionen mit den Worten und in der Interpretation Dritter, auch Rosa Luxemburgs, widergegeben. Sie werden häufig aus dem jeweiligen Zusammenhang gerissen und es wird auch nicht berücksichtigt, ob er an dem einmal unter bestimmten Bedingungen Geäußerten später festgehalten und es gar zu einem ewigen Prinzip erhoben hatte - oder nicht.

Beide - Luxemburg und Lenin - werden in der aktuellen Literatur überwiegend als Kontrahenten gerade in der Demokratiefrage behandelt. Dies geht jedoch an den Tatsachen vorbei. Beide waren radikale Demokraten. Sozialismus war für sie verwirklichte radikale Demokratie - sowohl dem sozialen Inhalt nach als auch den Weg und die Methoden betreffend, ihn zu erreichen. Beim sozialen Inhalt geht es um die verwirklichte Einheit der politischen und sozialen Rechte und Freiheiten für alle, also auch für die arbeitende Bevölkerungsmehrheit. Diese kann schließlich nur mit demokratisierten Eigentumsbedingungen erreicht werden.

Bei Weg und Methoden, d. h. der Frage, wie Sozialismus als radikale Demokratie zu erreichen ist, ging und geht es vor allem um drei miteinander verbundene Erfahrungen:

1. Nur im Kampf um und auf dem Boden der bürgerlichen Demokratie erlangen Lohnarbeiterschaft und andere Werktätige die Fähigkeit, die sozialistische Umwälzung zu vollziehen.

2. Eine vollständige, also radikale Demokratie kann nur über breiteste Massenaktionen, breite demokratische Bewegungen erreicht werden - es geht vor allem um Demokratie von unten, aus der Gesellschaft heraus. Es geht um das demokratische Schöpfertum der Massen, um Basisdemokratie.

3. Radikale (sozialistische) Demokratie heißt: breiteste Teilnahme der arbeitenden Massen an Entscheidungen in Politik, Staat und Wirtschaft.

Rosa Luxemburg und Lenin stimmten, wie im folgenden gezeigt werden soll, in diesen Punkten völlig überein. Lediglich in einigen Fragen der strategischen Orientierung gab es Differenzen, die sich aus den unterschiedlichen Wirkungsfeldern - hier das industrialisierte Deutschland, dort das vorwiegend bäuerliche Russland - folgten. Sie rechtfertigen keinesfalls eine frontale Gegenüberstellung der beiden Denker und Politiker.

Voraussetzung: Bürgerliche Demokratie

Rosa Luxemburg und Lenin verfochten gleichermaßen die Position, dass die Arbeiterklasse (für beide - im Gefolge von Marx und Engels - das revolutionäre Subjekt) nur im Kampf um Demokratie auf dem Boden des Kapitalismus die Fähigkeit erlangen könne, die sozialistische Umwälzung durchzusetzen.

Luxemburg nannte 1903 den Zusammenhang des Kampfes um Demokratie und des Kampfes um Sozialismus den „dialektischen Prozess des Klassenkampfes des Proletariats", das in seinem demokratischen Kampf „für den sozialistischen Umsturz" reift.

Ähnlich argumentierte Lenin. 1915 schrieb er zum Beispiel: „Die sozialistische Revolution ist keineswegs eine einzige Schlacht, sondern im Gegenteil eine Epoche, bestehend aus einer ganzen Reihe von Schlachten um alle Fragen der ökonomischen und politischen Umgestaltungen, die nur durch die Expropriation der Bourgeoisie vollendet werden können. Eben im Namen dieses Endziels müssen wir einer jeden unserer demokratischen Forderungen eine konsequent revolutionäre Formulierung geben (...) Es ist ganz undenkbar, dass das Proletariat (...) die Bourgeoisie besiegen könnte, wenn es dazu nicht vorbereitet wird durch die Erziehung im Geiste des konsequentesten und revolutionär entschiedensten Demokratismus." Ein Jahr später betonte er: „(...) ohne die restlose Verwirklichung der Demokratie kann der siegreiche Sozialismus seinen Sieg nicht behaupten".

Massenaktionen - demokratischer Weg zum Sozialismus

In Bezug auf Rosa Luxemburg gibt es in der Literatur keine Zweifel darüber, dass sie auf die Massen und deren Aktion gesetzt hatte. Gegenüber Lenin kursiert hingegen die These, er habe vorwiegend (oder gar ausschließlich) auf die „Avantgarde"-Partei gesetzt, wollte gar, nur auf diese gestützt, den „Sozialismus einführen" - und das gegen die Mehrheit der Bevölkerung. Tatsächlich war es aber auch Lenins Position, dass demokratische Änderungen, die schließlich an Sozialismus heranführen, nur durch Massenaktionen, nur durch die Aktivität der breiten Massen erreichbar sind. So schrieb er 1916: „Die einzige wirkliche Kraft, die Änderungen erzwingt, ist eben nur die revolutionäre Energie der Massen".

Nicht anders als Rosa Luxemburg hob Lenin die Rolle der Massenaktionen, darunter der Massenstreiks, hervor - als demokratischen Weg und Hebel, demokratische Veränderungen durchzusetzen. Dazu gehörte für ihn auch die Geburt der Sowjets „als einer neuen Form des Massenkampfes und der Massenorganisation der vom Kapitalismus unterjochten Klassen".

Lenin war sich vollkommen darüber im Klaren, dass die Machtergreifung nur mit der Mehrheit und nicht gegen sie möglich ist: „Das Volk kann man nicht übergehen. Nur Träumer, Verschwörer haben geglaubt, eine Minderheit könne der Mehrheit ihren Willen aufzwingen. Das war die Meinung des französischen Revolutionärs Blanqui - und er hatte unrecht. Wenn die Mehrheit des Volkes, weil es ihr noch an Einsicht mangelt, die Macht nicht in ihre Hände nehmen will, dann kann die Minderheit, wie revolutionär und klug sie auch sei, der Mehrheit des Volkes nicht ihren Willen aufzwingen."

Genau wie Rosa Luxemburg betonte Lenin, dass die Massen aus Erfahrung, aus der Praxis lernen. So erklärte er: „Damit aber wirklich die ganze Klasse, damit wirklich die breiten Massen der Werktätigen und vom Kapital Unterdrückten zu dieser Position (Unterstützung der Kommunisten - U.P.) gelangen, dazu ist Propaganda allein, Agitation allein zuwenig. Dazu bedarf es der eigenen politischen Erfahrung dieser Massen. Das ist das grundlegende Gesetz aller großen Revolutionen (...)" An anderer Stelle: „Natürlich kann ohne revolutionäre Stimmung unter den Massen und ohne Bedingungen, die das Anwachsen einer solchen Stimmung fördern, die revolutionäre Taktik nicht in die Tat umgesetzt werden (...)" Im Herbst 1917 existierte in Russland eine solche Stimmung - deshalb konnte die Oktoberrevolution siegen.

Aus den Schriften Lenins lässt sich auch kein Gegensatz zu Rosa Luxemburg in der Frage über das Verhältnis Massen - Partei herauslesen. Luxemburg verstand die Rolle der Partei folgendermaßen: Die „selbständige Klassenpolitik einschlagen (...), das ist die Rolle der Sozialdemokratie als der Vorhut des kämpfenden Proletariats". Nahezu identisch formulierte es Lenin, der die Partei als „seinen klassenbewussten Teil" verstand. Sie sollte „wirklich in ständiger Fühlung mit den Massen" sein „und es verstehen, die Massen zu führen".

Für Teilnahme der Mehrheit an Politik und Staat

Rosa Luxemburg schrieb 1918, die Diktatur des Proletariats müsse „auf Schritt und Tritt aus der aktiven Teilnahme der Massen hervorgehen, unter ihrer unmittelbaren Beeinflussung stehen, der Kontrolle der gesamten Öffentlichkeit unterstehen, aus der wachsenden politischen Schulung der Volksmassen hervorgehen." Und: „Das Wesen der sozialistischen Gesellschaft besteht darin, dass die große arbeitende Masse aufhört, eine regierte Masse zu sein, vielmehr das ganze politische und wirtschaftliche Leben selbst lebt und in bewusster freier Selbstbestimmung lenkt."

Damit übereinstimmend - und konkreter, da gestützt auf eine reale Bewegung im Lande - waren die Positionen von Lenin 1917, im Jahr der Revolution. In den April-Thesen orientierte er auf den Übergang zur zweiten, der sozialistischen Etappe der Revolution. Diese verstand er als demokratischen Prozess von unten, nicht als sofortigen Willensakt von oben. Und deshalb sollte der Übergang unter demokratischen Losungen erfolgen: Frieden den Völkern, Boden den Bauern, Brot für alle, Arbeiterkontrolle in Betrieben, Selbstbestimmungsrecht für die Nationen - alles Maßnahmen, die in den ersten Dekreten nach der Oktoberrevolution ihren Niederschlag gefunden haben.

Zur Frage des Staatsaufbaus und der Staatsverwaltung schrieb Lenin: „Es genügt nicht, Demokratie zu predigen, es genügt nicht, sie zu verkünden und zu beschließen, es genügt nicht, ihre Verwirklichung den ‘Vertretern' des Volkes in den Vertretungskörperschaften anzuvertrauen. Die Demokratie muss sofort aufgebaut werden, von unten her, durch die Initiative der Massen selber, durch ihre aktive Teilnahme am gesamten staatlichen Leben, ohne ‘Überwachung' von oben, ohne Beamte (...) Demokratie von unten, Demokratie ohne Beamte, ohne Polizei, ohne stehendes Heer, öffentlicher Dienst in der ausnahmslos bewaffneten, aus dem ganzen Volk zusammengesetzten Miliz - das ist die Gewähr für eine Freiheit, die keine Zaren, keine wackeren Generale, keine Kapitalisten mehr zurücknehmen können."

Die Sowjets erläuterte Lenin im September 1917 als den neuen Staat (Staatsapparat), der „enge, untrennbare, leicht zu kontrollierende und zu erneuernde Verbindung mit den Massen des Volkes" schaffe; der „dank der Wählbarkeit und Absetzbarkeit seines Bestandes ohne bürokratische Formalitäten und nach dem Willen des Volkes viel demokratischer als frühere Apparate" sei und der „die Vorteile des Parlamentarismus mit den Vorteilen der unmittelbaren und direkten Demokratie" vereinige. Durch die Sowjets würden Millionen und aber Millionen Menschen „in die Politik, in die Demokratie, in die Leitung des Staates einbezogen".

Unmittelbar nach der Oktoberrevolution, auf dem 2. gesamtrussländischen Sowjetkongress führte Lenin bei der Begründung des Dekrets über den Boden aus: Als demokratische Regierung könne man das Verlangen der Bauern nach Aufteilung des Großgrundbesitzes nicht umgehen, auch „wenn wir mit ihm nicht einverstanden wären."

Bei dem in Russland eingeschlagenen Weg ginge es um die reale Demokratie - als Beispiel nannte er das Versammlungsrecht, das für die Mehrheit erst dann garantiert sei, wenn ihr auch die entsprechenden materiellen Bedingungen - Versammlungsräume etwa - kostenlos zur Verfügung stünden.

Kampf gegen Bürokratismus

Bei der praktischen Umsetzung der Basisdemokratie stießen Lenin und die Bolschewiki jedoch bald auf Hindernisse - sehr wohl durch ausländische Intervention und Bürgerkrieg, der im Land tobte, bedingt, worauf Rosa Luxemburg hingewiesen hatte. Aber die Probleme steckten auch und sehr gravierend im niedrigen kulturellen Niveau der Bevölkerungsmehrheit. Schon im März 1918, mitten im Bürgerkrieg, musste Lenin feststellen: „Dieses niedrige kulturelle Niveau bewirkt, dass die Sowjets, die nach ihrem Programm Organe der Verwaltung durch die Werktätigen sein sollen, in Wirklichkeit Organe der Verwaltung für die Werktätigen sind, einer Verwaltung durch die fortgeschrittene Schicht des Proletariats, nicht aber durch die Werktätigen Massen selbst." Weil das Kulturniveau ungenügend sei, „nehmen die (von der Revolution verjagten, U.P.) Bürokraten die alten Plätze ein". Sie könnten „nur verdrängt werden, wenn das Proletariat und die Bauernschaft in einem viel größeren Umfang als bisher organisiert werden und zugleich die Maßnahmen zur Heranziehung der Arbeiter zur Verwaltungstätigkeit wirklich zur Durchführung gelangen". Aber das sei eine langwierige Aufgabe.

Sind diese Aussagen Lenins, deren Reihe anhand seiner Schriften noch fortgesetzt werden könnte, wirklich nur „volksfreundliche Bemerkungen", „momentane Zugeständnisse", „das vorzeitige Anerkenntnis einer volkhaften Demokratie, der aber die Bolschewiki als staatstragende Partei nicht die Treue hielten", wie ein Historiker meint?

Lenins Aussagen waren seine grundlegenden, strategischen Positionen. Und: Für die Jahre 1918-1922, als er noch politisch aktiv sein konnte, galt noch seine im Januar 1918 getroffene Feststellung: „Kein Zweifel, im Entwicklungsprozess der Revolution, der durch die Kraft der Sowjets ausgelöst worden ist, werden alle möglichen Fehler und Missgriffe vorkommen - aber es ist für niemanden ein Geheimnis, dass jede revolutionäre Bewegung stets unvermeidlich von vorübergehenden Erscheinungen des Chaos, der Zerrüttung und Unordnung begleitet ist."

Zu diesen Erscheinungen gehörte der Bürokratismus. Mit diesem, einem der größten Hindernisse auf dem Weg zu einer „volkhaften Demokratie", setzte sich Lenin immer wieder - bis zu seinem Tode - auseinander. Im Februar 1920 wies er auf der Parteilosenkonferenz (!) eines Moskauer Stadtbezirks auf einen „der wichtigen Beschlüsse des Gesamtrussländischen ZEK (Zentrales Exekutivkomitee" hin, dem nach seiner Ansicht „ernste Beachtung" geschenkt werden müsse. Dies war der Beschluss „über den Kampf gegen den Bürokratismus in unseren Institutionen". Es sei „notwendig, dass die Arbeiter in alle staatlichen Einrichtungen kommen, dass sie den ganzen Staatsapparat kontrollieren. Und das sollen die parteilosen Arbeiter tun, die ihre Vertreter auf den Parteilosenkonferenzen der Arbeiter und Bauern wählen müssen. Es gilt, den Kommunisten zu helfen, denn die Last übersteigt ihre Kräfte. Wir müssen in diesen Apparat möglichst viel Arbeiter und Bauern hineinnehmen. Wir werden ans Werk gehen, wir werden es vollenden und so den Bürokratismus aus unseren Institutionen vertreiben. Die breiten Massen der Parteilosen müssen alle Staatsangelegenheiten kontrollieren und es lernen, selber zu regieren."

Die von Lenin geforderte und versuchte demokratische Praxis bewegte sich in seinen letzten Lebensjahren im Widerspruch zwischen strategischer Basisorientierung und - praktisch notwendiger - Institutionalisierung des Produktionsprozesses, der staatlichen Verwaltung und anderer Bereiche des gesellschaftlichen Lebens. Das basisorientierte Demokratiekonzept wurde nach Lenins Tod verworfen. Die Analyse der realen Dynamik gesellschaftlicher Prozesse unterblieb, die politische Theorie erstarrte in Dogmen. Jetzt, unter Stalin, erfolgte tatsächlich der Treuebruch der Bolschewiki - und das in Friedenszeiten, als die Gesellschaft in Sowjetrussland sich auf dem Wege der Neuen Ökonomischen Politik Schritt um Schritt aus dem Chaos herausarbeitete...

In den oben genannten drei Punkten - die Rolle des Kampfes um bürgerliche Demokratie, der entscheidende Stellenwert der Massenaktionen für gesellschaftliche Veränderungen, die breiteste Teilnahme der Massen an der Staats- und Wirtschafsverwaltung - stimmten, wie schon gesagt, Rosa Luxemburg und Lenin überein, und diese Positionen wiesen sie beide als radikale Demokraten aus.

Zur Autorin:
Ulla Plener ist Historikerin und Redakteurin des "Jahrbuchs für Forschungen zur Geschichte der Arbeiterbewegung" und von "Utopie kreativ".
 
 
 
AKTUELLES HEFT
marx21, Heft 24, Februar / März 2012: Titelthema: Die Eurokrise und die Linke

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