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Finanzkrise | Drucken |
Das Kartenhaus wackelt
Auf der ganzen Welt brachen im August die Aktienkurse ein. Hunderte Millionen Euro Aktienwerte wurden vernichtet. Die Zentralbanken führender kapitalistischer Länder, allen voran die Europäische Zentralbank, pumpten über 450 Milliarden Euro in den Geldmarkt um ein Zusammenbruch des Bankensystems zu verhindern. Stefan Bornost beantwortet Fragen zur aktuellen Finanzkrise.

Wie kam es zu diese massiven Turbulenzen?

Ein Großteil dieser Finanzprobleme sind direkte und indirekte Folgen der Krise im US-Immobiliensektor. Sie drücken die Befürchtung aus, dass sich der Beinahe-Zusammenbruch der Kreditmärkte im Zusammenhang mit zweitklassigen Hypothekenkrediten in den USA ausbreiten könnte und es in der ganzen Wirtschaft zu einer spürbaren Kreditverknappung kommt. Gerät die Kreditvergabe nun ins Stocken, dann droht dies nicht nur in den USA, sondern weltweit eine Welle von Bankrotten bei Unternehmen, Hedgefonds, privaten Equity-Gesellschaften und großen Handels- und Investmentbanken auszulösen. Auch in Deutschland standen Banken wie die WestLB oder die IKB Deutsche Industrie Bank kurz vor der Pleite. Nur durch eine massive Finanzspritze der Regierung konnte die größte Bankenpleite der deutschen Geschichte verhindert werden.

Wie kann ein Ende des Immobilienbooms in den USA dazu führen, dass Banken in Deutschland beinah pleite gehen?
Der Kapitalismus ist ein hochgradig vernetztes Wirtschaftssystem und extrem anfällig für Krisen. Um die jetzige Panik zu verstehen muss man wissen, dass die Weltwirtschaft während der meisten Zeit dieses Jahrzehnts von Niedrigzinskrediten profitierte. Die Möglichkeit, sich günstig Geld zu leihen, hängt in erster Linie von dem Vorgehen der Zentralbanken der führenden kapitalistischen Staaten ab. In den Jahren 2000/01 senkte die US-amerikanische Notenbank angesichts der Rezession in den USA und der Angriffe vom 11. September dramatisch die Zinsraten. Durch die niedrigen Zinsen waren Kredite günstig zu erhalten. Besonders wichtig sind Kredite im Immobiliensektor. Die niedrigen Zinsen entfachten einen Bauboom. Niedrige Zinsraten verbilligten Hypotheken und erhöhten den Wert von Immobilien. Hauseigentümer konnten auf Grund der Wertsteigerung ihres Eigentums höhere Kredite aufnehmen und so mehr Geld ausgeben. Zwar hatte der Durchschnittshaushalt in den USA letztes Jahr Schulden im Wert von 129 Prozent seines verfügbaren Einkommens. Aber auf diese Weise wurde die US-Wirtschaft angekurbelt. Gleichzeitig wurde der Motor der Finanzspekulation, der den US-Kapitalismus in der zweiten Hälfte der 1990er Jahre zunehmend angetrieben hatte, auf Touren gebracht. Die Spekulation verschob sich von der Börse zu den Immobilien. Im Landesdurchschnitt stiegen die Immobilienpreise um 70 Prozent schneller als die Preise allgemein. Der Wert der Immobilien erhöhte sich jährlich um etwa 700 Milliarden Dollar. Insgesamt wurden die USA auf dem Papier durch den Immobilienboom etwa um 5 Billionen Dollar reicher. Ein beträchtlicher Teil dieses Wertanstiegs wurde zu Geld gemacht, indem die Eigenheime mit Hypotheken belastet wurden oder im Vertrauen auf ihren steigenden Wert andere Kredite aufgenommen wurden. Aber als die US-Notenbank unter dem Eindruck steigender Ölpreise und Inflationsgefahr die Zinsen wieder von 1 Prozent (2003) auf 5,25 Prozent (2006) endete der Immobilienboom. Die Immobilienpreise stagnierten oder fielen. Viele Eigentümer waren plötzlich überschuldet und konnten die Kredite oder Hypotheken nicht zurückzahlen. Die Banken warten also vergeblich auf ihr Geld. Deutsche Banken haben sich in großen Ausmaß an der Spekulation am amerikanischen Immobilien- und Hypothekenmarkt beteiligt. Auch die staatlichen Landesbanken wie die WestLB und die SachsenLB haben wohl viel Geld bei diesen Spekulationen verloren.

Warum spekulieren Banken aus Deutschland mit US-Immobilien und wie funktioniert diese Spekulation?

Zu Beginn war für die Banken der Immobilienmarkt ein gutes Geschäft. Das ging so lange gut wie der Anstieg der Immobilienpreise als ein Naturgesetz erschien und nicht das Einkommen der Schuldner, sondern der Preis des Hauses als Sicherheit diente. Im Verlauf dieses Booms wurden Kredite aber immer leichtfertiger vergeben. Es entstand ein Sektor von so genannte „subprime" (zweitklassigen) Hypotheken, deren Schuldner keine hohe Kreditwürdigkeit haben. Dabei handelte es sich beispielsweise um Schuldner, die in der Vergangenheit bei Krediten in Zahlungsverzug geraten waren oder die gar einen Bankrott oder eine Zwangsversteigerung mitmachen mussten. Deswegen ist der Subprime-Hypothekenmarkt sehr riskant. Also entwickelten die Spekulanten neue Finanzinstrumente, um das Risiko zu streuen. Die wichtigsten Instrumente sind dabei die Collateralized Debt Obligations (CDO‘s). Mit den sogennanten CDO‘s schützt sich der Kreditgeber gegen das Ausfallrisiko, wenn der Kreditnehmer Pleite geht, indem er einen Teil der Schulden an einen anderen Investor im Austausch gegen einen Anteil an den Zinsen verkauft. Geteiltes Risiko, geteiler Gewinn - so das Kalkül. Das Handelsvolumen von CDO‘s hat sich von 2003 bis 2006 auf 503 Mrd. Dollar mehr als verfünffacht. Bei ihnen wurden aus einer großen Anzahl von Hypothekenkrediten verschiedene Pakete (Tranchen) gebildet, die ein verschieden hohes Risiko haben sollten. Das wurde aber nicht unbedingt dadurch erreicht, dass in der einen Tranche Kredite von zuverlässigen Schuldnern und in der anderen Tranche Kredite von unzuverlässigen Schuldnern zusammengepackt wurden. Oft wurden einfach mehrere „subprime"-Hypotheken zusammengefasst, gewissermaßen eine Hypothek mit mehreren Häusern abgesichert, nach dem Prinzip „ein Teil von denen wird ja schon zahlen können". Solche Gebilde erhielten dann von den weltbekannten Ratingagenturen wie Standard & Poor's oder Moody's Bewertungen wie „AAA" („ausgezeichnet") wie sie z.B. die Staatsanleihen der mächtigen Wirtschaftsnationen bekommen. Wolfgang Münchau schrieb in der „Financial Times Deutschland": „Mit einem Haufen schlechter Kredite kann man also eine ‚AAA'-Tranche erzeugen. Man hat einen Weg gefunden, aus Mist Geld zu machen."

Wenn durch die CDO‘s das Risiko breiter gestreut wurde, warum kam es dann trotzdem zum Crash?
Zentralbanker haben bereits seit einiger Zeit darauf hingewiesen, dass CDOs nicht nur das Risiko breiter streuen, sondern auch die Instabilität, wenn etwas schief gehen sollte. Ein kluger Investmentanalyst namens Henry Maxey erklärte kürzlich in einem Brief an die Financial Times: „Subprime ist interessant (...) weil es uns etwas über die neuen Kreditschaffungsmechanismen in den USA im Allgemeinen erzählt, nämlich dass die Zentralbanken und das Kernsystem der Banken diesen Bereich nicht mehr kontrollieren." Kredite werden jetzt in riesigen Ausmaßen durch Hedgefonds und ähnliche Einrichtungen geschaffen, die Geld in die Wirtschaft pumpen. Aber, so Maxey: „Wenn dieser nicht von Banken gestützte Geldstrom aufgrund einer verminderten Risikobereitschaft austrocknet, dann kommt es zu einem Kreditschock mit schweren Folgen für die Wirtschaft." Genau das passiert jetzt. Der „Kreditschock" setzte ein, als die Zentralbanken ihre Zinsraten zu erhöhen begannen. Sie machten sich über die zunehmende Inflation Sorgen. Das größere Wirtschaftswachstum hat die Nachfrage nach Rohstoffen und Lebensmitteln erhöht. Die englische Nationalbank und etwas zögerlicher die US-Notenbank entschieden deshalb, Kredite zu verteuern, um so die Wirtschaft zu bremsen. Trotz der Vorsicht der US-Notenbank reichte der Anstieg der Zinsraten im Frühjahr, um den Subprime-Markt einbrechen zu lassen.

Welche Folgen hatte der Zusammenbruch des „Subprime-Marktes"?

Der US-Immobilienmarkt und die Bauindustrie rutschten in die Rezession. Die Banken und Investmentfonds, die dort spekuliert haben, wurden mitgerissen. Der US-Hypothekenfinanzierer Homebanc hat 4,9 Milliarden Dollar Schulden und stellte den Antrag auf Gläubigerschutz nach US-Insolvenzrecht. Zu den Gläubigern gehören Großbanken wie die US-Bank JP Morgan, die französische BNP Paribas und in Deutschland Commerzbank und Deutsche Bank. Zuvor hatte auch der Hypothekenfinanzierer American Home Mortgage Investment, zu dessen Gläubigern auch die Deutsche Bank gehört, Antrag auf Gläubigerschutz gestellt. Die Hypothekenbank Countrywide räumte ebenfalls massive Finanzierungsprobleme ein. Von der IKB wurde bekannt, dass sie sie mit 7,8 Milliarden Euro stärker auf dem US-Hypothekenmarkt engagiert war als angenommen. Die WestLB gab an, 1,25 Milliarden Euro in Subprime-Hypotheken investiert zu haben, die Postbank gab an, mit 600 Millionen Euro am IKB-Rhineland-Fonds beteiligt zu sein. Diese Banken, die jahrelang glänzend an Spekulationen verdient haben, werden jetzt, wo es schiefgegangen ist, versuchen, die Kosten der Allgemeinheit aufzubürden. Der Prozess läuft schon, die Pleite der IKB wurde durch eine Geldspritze der staatlichen KfW Bankengruppe abgewendet. Die Banken bauen darauf, dass der Staat aus Angst vor den Folgeschäden des Zusammenbruchs von Banken Geld in die Hand nimmt, um die Spekulationsverluste auszugleichen. Bei den betroffenen Landesbanken könnte sich ein Szenario wie bei der Berliner Bankgesellschaft wiederholen, wo Spekulationsverluste durch Zuzahlungen und Bürgschaften aus dem Landeshaushalt ausgeglichen werden - wofür dann der Öffentliche Dienst geradestehen soll. Gewinne werden privatisiert, Steuerzahlungen möglichst vermieden, Verluste aber sozialisiert - das ist Verhältnis von Kapital und Staat, das die Banken mögen.

Aber irgendwas muss doch getan werden?
Selbstverständlich wäre es falsch eine staatliche Intervention, die den Zusammenbruch des Bankensystems abwenden soll, abzulehnen - eine Wiederholung der Weltwirtschaftskrise von 1929 mit ihrer Massenverelendung und den politischen Folgen wäre schließlich eine Katastrophe. Klar ist aber auch, dass die Linke nicht einfach Beifall klatschen kann, wenn Steuerzahler für die Fehler von Spekulanten mit Milliarden Euro aufkommen müssen. Stattdessen sollten die Verursacher der Krise die Folgen bezahlen. Das wäre möglich, wenn Banken und Konzerne hoch besteuert würden, um die Mittel für die Rettungsaktionen herbeizuschaffen. Grundsätzlich sieht es so aus, dass ohne eine weitgehende Verstaatlichung des Bankensektors und einen damit einhergehenden Bruch mit der Praxis, dass sich staatliche Banken am Markt ebenso wie private Banken verhalten, immer wieder die Bedingungen für eine Krise geschaffen werden. „Enteignet die Bankrotteure" wäre ein guter Slogan für die Linke und würde die Debatte in Richtung Antikapitalismus lenken. Die jetzige Krise beleuchtet die destruktive Dynamik unseres Wirtschaftssystems - selbst Finanzexperten haben größte Probleme, das entstehende Geflecht aus Hedge Fonds, Hypothekenhandel, Derivaten etc. zu durchschauen, geschweige denn zu kontrollieren - deswegen kann auch niemand eine verlässliche Aussage zur weiteren Entwicklung machen. Es ist wie Billiardspielen im Dunkeln - man hört die Kugeln klicken, aber keiner weiß, wohin sie sich bewegen und wie das Gesamtbild aussieht. Deswegen muss eine grundsätzliche Alternative zum Kapitalismus auf die Tagesordnung.

Zum Autor:
Stefan Bornost ist leitender Redakteur von marx21
 
 
 
AKTUELLES HEFT

marx21, Heft 23, Winter 2011/2012: Titelthema: Strategien gegen Bankenmacht

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