|
 |
 |
 |
 |
| |
|
27.01.12: Eurokrise |
| Drucken |
|
|
Der Fehler liegt im System |
»Spekulanten«,
»Krisengewinner«, »Schmarotzer«: Der Finanzsektor steht am
Pranger. Volkhard Mosler erklärt in seinen elf Thesen zur Krise, woher
die neue Macht des Finanzkapitals kommt und warum die Unterscheidung
zwischen »bösen Banken« und »guter Realwirtschaft« wenig
hilfreich ist
 Fabrikneue Autos warten auf die Auslieferung (Foto: Flickr.com/Jeremy Brooks CC BY-NC) 1. Es scheint unter
Kritikern des Kapitalismus fast unumstritten, dass die gegenwärtige
Krise daraus resultiert, dass sich das Finanzkapital von der
Realwirtschaft gelöst hat. Daher könne sie - vereinfacht
ausgedrückt - durch eine Rückführung und Anbindung des
Finanzsektors an die »reale« Wirtschaft überwunden werden. Ich
vertrete dagegen den Standpunkt, dass eine Trennung von Finanzkapital
und Industriekapital nicht möglich ist und dass die
Verselbständigung des Finanzkapitals nur Ausdruck einer zeitlich und
ursächlich vorangegangenen Überakkumulation und daraus
resultierender Realisierungsengpässe des Kapitalismus insgesamt war.
2. Der Finanzsektor ist
bis zur Wirtschaftskrise 2008/09 in bis dahin nie gekanntem Ausmaß
gewachsen. Die Werte aller Aktien des Finanzsektors betrugen im Jahr
2004 in den USA 29 Prozent der Aktienwerte der Realwirtschaft. Damit
lagen sie viermal so hoch wie der Vergleichswert von 1979. Im Jahr
2005 betrugen die Finanzwerte weltweit 316 Prozent des (jährlichen)
Weltsozialprodukts, 1980 lag ihr Wert nur bei 109 Prozent. Mit
anderen Worten: Seit Beginn der 1980er Jahre ist der Finanzsektor
etwa drei bis vier mal so schnell gewachsen wie die »Realwirtschaft«.
3. Die wachsende
Bedeutung des Finanzsektors hinterließ in der Weltwirtschaft
deutliche Spuren. Jeder Aufschwung in den Konjunkturzyklen dieser
Zeit war von Finanzspekulationen begleitet: Sie schlugen sich in
massiven »Übertreibungen« (oder »Blasen«) auf den Aktienmärkten
in den USA und Großbritannien (Mitte der 1980er und Mitte der 1990er
Jahre) nieder, ebenso in einem gewaltigen Anstieg der Aktien- und
Immobilienwerte in Japan Ende der Achtziger, im Boom der neuen
Technologien (»dotcom«) zum Ende der Neunziger und schließlich im
noch gewaltigeren Immobilien- und Häuserboom in den USA und großen
Teilen Europas in den ersten sieben Jahren des neuen Jahrhunderts.
Eine weitere Begleiterscheinung waren Wellen von Übernahmen und
Zusammenschlüssen riesiger Firmen, finanziert durch Kredite der
Finanzwirtschaft.
4. Zugleich wuchs die
allgemeine Verschuldung von Regierungen, großen Firmen der
Realwirtschaft und Konsumenten. Das Kreditwesen wuchs um ein
vielfaches im Vergleich zur Realwirtschaft. Das Kreditvolumen
verdoppelte sich in den USA und verdreifachte sich in Japan in den
1980er Jahren. Der massive Boom im Eigenheimsektor in der Mitte des
ersten Jahrzehnts des 21. Jahrhunderts (2005/06) wurde in den USA,
Großbritannien, Spanien und Irland von massiver Verschuldung des
Mittelstands und der Arbeiterklasse »finanziert«. Der italienischer
Marxist Riccardo Bellofiore nannte diese Entwicklung treffend
»privatisierten Keynesianismus«. Zusätzliche effektive Nachfrage
wurde nicht durch Staatsverschuldung, sondern durch Verschuldung von
privaten Haushalten erreicht.
5. Das Wachstum des
Finanzsektors geschah nie losgelöst vom produktiven Sektor. Es war
das Produkt der Internationalisierung des Kapitalismus einerseits und
einer auf lange Sicht allmählichen Verlangsamung der Akkumulation
von Kapital andererseits. In den ersten Jahrzehnten nach dem Zweiten
Weltkrieg wuchs das Finanzkapital im Gleichklang mit der realen oder
produktiven Wirtschaft. Auch auf die weniger industrialisierten
Staaten wirkte der neue Finanzsektor. Seit den späten 1970er Jahren
hatten Anleihen des IWF und von Banken eine endlose Kette aus
Schulden, Zinsen, Tilgung und darauf folgenden
»Umschuldungsprogrammen« geschaffen. Im Jahr 2003 betrug die
Schuldenlast des globalen Südens 2,5 Billionen Dollar.
6. Die allmähliche und
langfristige Verlangsamung der Akkumulation ist selbst Ausdruck des
Rückgangs der Profitraten von der unmittelbaren Nachkriegszeit bis
Ende der Siebziger. Im Jahr 1973 waren die Profitraten weltweit auf
ein so niedriges Niveau gefallen, dass eine Rohstoffkrise (Erste
Ölkrise), verursacht durch einen Krieg im Nahen Osten, mit
steigenden Ölpreisen ausreichte, um die erste Weltrezession seit
1945 auszulösen. Die Durchschnittsprofitrate aller Länder
(Bruttogewinn im Verhältnis zum eingesetzten Kapital) betrug 1950
noch 22 Prozent. Sie fiel allmählich auf einen Tiefpunkt von nur 3
Prozent im Jahr 1986, stieg bis 2006 wieder auf 14 Prozent, um bis
2009 erneut auf 5 Prozent zu sinken.
7. Die Ursache der
sinkenden Profitrate können hier nur angedeutet werden. Karl Marx
hat mit seinem »Gesetz vom tendenziellen Fall der Profitraten« (Das
Kapital, 3. Band) eine Erklärung für dieses Phänomen geliefert: Da
nur die lebendige Arbeit Quelle von Wert sei, Maschinen und Anlagen
im Laufe ihrer Lebenszeit ihren Wert nur auf die Produkte übertragen
(»Abschreibung«) und weil der technische Fortschritt tendenziell
mit einer Verdrängung der lebendigen durch »tote« Arbeit
(Maschinen) einhergehe, wachse die »organische Zusammensetzung« des
Kapitals, das heißt das Wertverhältnis von konstantem zu variablen
Kapital (oder: »fixe Kosten« zu Arbeitskosten). Dass die
Profitraten seit Mitte der 1980er Jahre wieder angestiegen sind, ist
die Folge von erhöhten Ausbeutungsraten (Verhältnis bezahlter zu
unbezahlter Arbeit) durch Lohnabbau, Arbeitszeitverlängerung und
Deregulierungsmaßnahmen der Unternehmer in der Zeit des
Neoliberalismus.
8. Die relative Erholung
der Profitraten in den 1980er und 1990er Jahren nahmen eine Reihe
kritischer Ökonomen (Heiner Flaßbeck, Michael Houston, Michael
Schlecht) zum Anlass zu argumentieren, dass es gerade die »zu hohen«
Gewinne im Vergleich zu Löhnen und damit Massenkonsum seien, die zur
Krise geführt hätten. Nach dieser als Unterkonsumtionsthese
bezeichneten Annahme müssten eigentlich die Perioden mit einem
relativ hohem Anteil der Arbeitnehmer am Volkseinkommen (Lohnquote)
auch solche mit hohem Wirtschaftswachstum sein und umgekehrt müssten
Perioden mit niedrigen Lohnquoten auch solche mit niedrigem Wachstum
oder Kriseneinbrüchen sein. In der Realität war es aber genau
umgekehrt. Im Durchschnitt der 1950er Jahre betrug die Lohnquote der
Bundesrepublik 59,4 Prozent und das jährliche Wachstum des
Bruttoinlandsprodukts (BIP) 8 Prozent. In den 1970er Jahren war die
Lohnquote auf durchschnittlich 72,2 Prozent gestiegen, das jährliche
BIP-Wachstum dagegen auf 3 Prozent zurückgegangen. Es gibt kein
Jahrzehnt nach dem Zweiten Weltkrieg, in dem die Einkommensverteilung
so ungleich war wie in den 1950er Jahren und umgekehrt so hohe
BIP-Wachstumsraten erzielt wurden. Umgekehrt waren die 1970er Jahren
einerseits von den höchsten Reallohnzuwächsen und andererseits von
einer Rückkehr von Wirtschaftskrisen geprägt. Höhere Lohnquoten
waren also mit niedrigerem Wachstum verbunden. Marx' These, dass
steigende Löhne (im Verhältnis zu den Unternehmergewinnen)
historisch als »Sturmvogel der Krise« oder als Vorboten der Krisen
auftreten bestätigt sich also. Hohe Profitraten treiben die
Akkumulation von Kapital an, niedrige lähmen sie. Damit soll
freilich nicht die Unternehmerthese verteidigt werden, die auch bei
Schröders Agenda 2010 Pate stand, dass nämlich die Senkung der
Löhne und der Lohnstückkosten der Schlüssel zur Überwindung von
Krisen seien. Marx' Krisentheorie geht gerade umgekehrt davon aus,
dass nicht die steigenden oder fallenden Lohnkosten die langfristig
wirkende Ursache von Krisen sind, sondern die fixen oder
Kapitalkosten. Deren langfristig steigende Tendenz im Verhältnis zum
eingesetzten Gesamtkapital führt zum Fall der Profitraten und damit
zur Krisenanfälligkeit des Systems.
9. Eine Folge fallender
Profitraten war, dass die Konzerne und Unternehmen keine oder
verringerte Gewinnchancen sahen und daher dazu tendierten, weniger in
der Realwirtschaft zu investieren und stattdessen nach »anderen«
Anlageformen im Finanzsektor suchten, wo höhere Gewinne in Aussicht
standen. Der Soziologe und Geldtheoretiker Christoph Deutschmann
schreibt: »Weil die Profitabilität der Unternehmen stagnierte, kam
es nicht zu einem Anwachsen der Realinvestitionen, die die
anwachsenden Finanzvermögen hätten verwerten und in den
gesamtwirtschaftlichen Kreislauf zurücklenken können.«
(Kapitalistische Dynamik, Wiesbaden 2008, S. 164) Volkswagen, General
Motors, Siemens und viele andere Weltkonzerne haben seit den 1980er
Jahren einen zunehmenden Teil ihrer Gewinne im Finanzsektor
»investiert«. Die daraus entstandenen Gewinne sind freilich nur
Papiergewinne, ihnen entsprechen keine wirklichen Werte. Dies stellt
sich allerdings erst heraus, wenn die Finanz- (beispielsweise
Derivate), Immobilien- und andere Spekulationsblasen (Dotcom)
platzen, die in Erwartung von endloser Wertsteigerung durch die hohe
Nachfrage nach solchen »Werten« entstehen, und sie in der
Vernichtung von solchen Versprechungen auf zukünftige Wertsteigerung
der realen Wirtschaft münden.
10. Eine Trennung von
»gutem« und »schlechtem« Kapital, von produktiver Realwirtschaft
und unproduktivem Finanzsektor, macht keinen Sinn, wenn das Wachstum
der Finanzwirtschaft nur Ausdruck und Folge einer Krise der
Realwirtschaft ist. Umgekehrt: Das Wachstum des Finanzsektors und
damit verbundener spekulativer Nachfrage nach bestimmten Anlagewerten
(Gold, Kunstgegenstände, Nahrungsmittel, Immobilien oder neue
Technologien) hat dazu beigetragen, die Krise der Realwirtschaft
hinauszuzögern. Allerdings geschah das zu dem Preis, dass von Mal zu
Mal die Einsätze steigen und damit auch die Risiken und Verluste -
ähnlich wie bei Drogenabhängigen. Dementsprechend können die
Krisen nicht mit Lohnerhöhungen und Steigerung des Massenkonsums
überwunden werden, so wünschenswert diese Maßnahmen auch sind. Der
Kampf für höhere Löhne kann von zwei gegensätzlichen Perspektiven
geführt werden. Aus der unterkonsumtionistischen oder
keynesianischen Perspektive führt er nicht nur zur Erhöhung von
Löhnen und zu einem besseren Lebensstandard der Arbeiterklasse.
Zugleich stellt er den Weg aus der Krise dar, indem er die
Massenkaufkraft steigert. Doch diese Perspektive geht letztlich von
einem gemeinsamen Interesse von Arbeit und Kapital aus. Die
marxistische Perspektive hingegen unterstützt den Kampf für höhere
Löhne nicht minder, aber er wird mit der Perspektive eines
unversöhnlichen Gegensatzes zwischen den beiden zentralen Klassen
geführt. Der Kampf für höhere Löhne und Sozialreformen schwächt
die Kapitalistenklasse und stärkt die Arbeiterklasse.
11. Kapitalismus ist die
Steuerung von Investitionen und Konsum vermittels des Profits am
Markt. Dieses System hat abgewirtschaftet. Der
Investitionsverweigerung stehen weltweit Mangel, Hunger und Not
gegenüber. Deshalb muss die Produktion am Bedarf statt am Profit
orientiert werden. Eine progressive Millionärssteuer
(»Reichensteuer«) und eine demokratische Entscheidung über die
daraus finanzierten staatlichen Investitionen wäre ein erster
Schritt in diese Richtung.
Mehr auf marx21.de:
- Zwitter zwischen Markt und Staat: Ist die Macht der
Ratingagenturen grenzenlos, wie die Bild-Zeitung ängstlich
feststellt? Thomas Walter schildert, was es mit diesen Institutionen
auf sich hat
- Die Fesselung der Giganten: Die Macht der Banken muss
gebrochen oder zumindest eingeschränkt werden - darin sind sich
von Occupy und Attac über DIE LINKE bis hin zu SPD und Grünen alle
einig. Doch wie soll das funktionieren, fragt Stefan Bornost
- »Wir haben nicht das Interesse, die Währungsunion zu retten«: Griechenland soll raus aus
dem Euro und die deutsche Linke dringend ihre Haltung zu Europa
überdenken. Costas Lapavitsas ist nicht nur Professor für Ökonomie,
sondern auch ein Freund der klaren Worte. Ein Interview, das
reichlich Diskussionsstoff liefert
|
|
|
|
 |
|