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Wenn die Kasse zweimal klingelt |
Recyclingwahn in Hollywood.
US-amerikanische Studios setzten immer häufiger auf Fortsetzungen
und Neuverfilmungen. Jüngstes Opfer: Stieg Larssons »Verblendung«.
Von Marcel Bois
 Lisbeth Salander (Rooney Mara) pflegt Mikael Blomkvist (Daniel Craig) (Foto: 2011 Sony Pictures Releasing GmbH) Hollywood scheinen die Ideen
auszugehen. Achtziger-Jahre-Klassiker wie »Karate Kid« oder
»Freitag der 13.« wurden kürzlich neu verfilmt und von
erfolgreichen Blockbustern erscheinen zahllose Fortsetzungen. Allein
im nächsten halben Jahr werden weitere Folgen von »Men in Black«,
»Ice Age« und »Resident Evil« in die Kinos kommen, wenig später
folgen Batman und James Bond.
Auch am europäischen Filmmarkt
bedienen sich die US-Studios gerne. So nun geschehen mit Stieg
Larssons »Millenium«-Trilogie. Das Remake des ersten Teils der
Reihe, »Verblendung«, ist gerade in Deutschland angelaufen. Die
Besonderheit hier: Das Original - eine deutsch-skandinavische
Co-Produktion - ist gerade einmal drei Jahre alt.
Untertitel unzumutbar
Weltweit spielte der Film von Regisseur
Niels Arden Oplev über 100 Millionen Euro ein. In den USA fand er
allerdings nur wenige Zuschauer. Dort lief er im Original mit
Untertiteln. Für die amerikanische Filmindustrie ein klarer Fall: So
etwas könne man dem Publikum nicht zumuten, auch eine
Synchronisierung käme nicht in Frage: Die Schauspieler des Films
seien in den USA zu unbekannt, Filmästhetik und Sehgewohnheiten
seien andere.
Also ereilte »Verblendung« das
gleiche Schicksal wie etliche ausländische Filme vorher: Die
Produktionsfirma Sony nahm viel Geld in die Hand, engagierte
Erfolgsregisseur David Fincher und James-Bond-Darsteller Daniel Craig
und verfilmte die Geschichte neu.
Dunkle Familiengeschichte
Ähnlich wie das europäische Original
bleibt die US-Version von »Verblendung« nahe am Roman. Es geht um
den Großunternehmer Henrik Vanger (Christopher Plummer), der den
Enthüllungsjournalisten Mikael Blomkvist (Daniel Craig) damit
beauftragt, den Verbleib seiner Nichte Harriet aufzuklären. Seit
1966 ist die spurlos verschwunden. Vanger vermutet, dass sie von
einem Mitglied seiner Familie ermordet wurde.
Blomkvist begibt sich zum Familiensitz,
der verschneiten Insel Hedeby. Unterstützt wird er von der ebenso
intelligenten wie eigentümlichen Hackerin Lisbeth Salander (Rooney
Mara). Auf der Insel treffen die beiden auf einen Clan, hinter dessen
bürgerlicher Fassade sich eine dunkle Familiengeschichte verbirgt.
Zu glatt trotz Tattoo
Regisseur Fincher hat als Macher von
»Sieben« und »Fight Club« bewiesen, dass er ein Händchen für
die Inszenierung anspruchsvoller Thriller hat. Auf den ersten Blick
fällt seine Interpretation von »Verblendung« noch düsterer aus
als die Verfilmung von Oplev: Die winterliche Insel Hedeby erscheint
als unwirtlicher Ort, das Ambiente ist in kalten Blautönen gehalten.
Hierzu passt auch der von Nine-Inch-Nails-Frontmann Trent Reznor
komponierte Soundtrack des Films.
Doch trotz der aufwendigen Produktion
gelingt es Fincher nicht, die Stimmung des Romans einzufangen.
Besonders deutlich wird das bei der Figur Lisbeth Salander.
Zweifelsohne liefert Rooney Mara eine solide Darstellung ab, aber sie
reicht zu keiner Zeit an die phänomenale Leistung von Noomi Rapace
aus der ersten Verfilmung heran. Rapaces Salander merkte man in jeder
Sequenz ihre innere Zerrissenheit an, beeindruckend stellte die
Schauspielerin die autistische Art Salanders dar. Maras Lisbeth
hingegen ist zu glatt und - trotz aller Piercings und Tattoos -
fast zu gewöhnlich.
Krise in Hollywood
Das trifft auch auf den gesamten Film
zu: Es fehlen die Ecken und Kanten. Finchers »Verblendung« ist zwar
in Schweden gedreht worden, aber er könnte auch an jedem anderen Ort
der nördlichen Erdhalbkugel spielen. Alles ist westlich-chic
durchgestylt. Das mag im Haus des Millionärs Martin Vanger durchaus
angebracht sein, lächerlich wird es aber, wenn auch die
Redaktionsräume der kleinen, linken Zeitschrift »Millenium«
aussehen, als stammten sie aus dem Designerkatalog.
Nervig ist zudem das aggressive Product
Placement. Permanent werden dem Zuschauer Produkte großer
US-amerikanischer Firmen präsentiert. Hier wird überdeutlich, dass
es bei diesem Remake und überhaupt bei Hollywoods Recyclingwahn ums
Geld geht. Die Krise ist auch in der Traumfabrik angekommen. Im
vergangenen Jahr gingen so wenig Menschen in die US-Kinos wie seit
1995 nicht mehr. Vor drei Jahren haben die Studios 22.000 Beschäftige
entlassen. Was liegt also näher als den Erfolg zu planen?
Das funktioniert am besten, indem man
auf Geschichten setzt, die schon einmal bewiesen haben, dass sie das
Publikum begeistern können. »Verblendung« ist ein Beispiel dafür
- zugegeben: ein gelungenes. Dafür sorgt schon die Geschichte, auf
der der Film basiert. Doch wer die Originalverfilmung kennt, kann
sich guten Gewissens den teuren Kinobesuch inklusive
Überlängenzuschlag sparen.
Angaben zum Film:
Verblendung
Regie: David Fincher
USA 2011
158 Minuten
Seit dem 12. Januar im Kino
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