|
 |
 |
 |
 |
| |
|
23.01.12: Syrien |
| Drucken |
|
|
Eine ungewisse Zukunft für die Revolution |
Nebras Dalloul berichtet
aus seiner Heimatstadt in Syrien über die Atmosphäre im Land und
die Debatten innerhalb der Bewegung gegen das Assad-Regime
 Demonstration gegen das Assad-Regime in Baniyas (Foto: Flickr.com/Syria-Frames-Of-Freedom CC BY) Diese Woche markiert den
zehnten Monat seit Beginn der syrischen Revolution. Sie ist ein
wichtiger Teil des arabischen Frühlings und hat Auswirkungen auf den
ganzen Nahen Osten.
Doch als ich im Dezember
auf dem Flughafen von Damaskus landete, sah ich nur kleine Anzeichen
der Revolution. Ich hatte Syrien ein Jahr zuvor verlassen, ein paar
Monate bevor der Aufstand begann. Damals hing nur ein großes Porträt
von Präsident Baschar al-Assad in dem Gebäude. Jetzt hing der ganze
Flughafen voller Assad-Porträts, selbst die kleinen Kabinen, in
denen die Polizeibeamten sitzen, um die Pässe abzustempeln.
Wie ein Schlachtfeld
Damaskus, die syrische
Hauptstadt, gilt als eine der wichtigsten Stützen des Regimes. Ich
fuhr weiter in meine Heimatstadt Salamiyah. Sie liegt bei Homs und
Hama - den beiden großen Städten, die sich im Aufstand gegen das
Regime befinden. Ich passierte vier Militär-Checkpoints zwischen
Homs und Salamiyah, voll mit schweren Waffen und Panzern. Die Gegend
glich einem Schlachtfeld.
An einem Punkt bestiegen
Soldaten meinen Bus und durchsuchten ihn sehr gründlich. Sie waren
nicht auf der Suche nach Terroristen oder Dissidenten. Sie suchten
nach jungen Männern, die im Jahr 1992 geboren sind, um sie sofort
für den allgemeinen Wehrdienst zu verpflichten.
Doch diese neue Generation
junger Männer verweigert den Wehrdienst. Sie wollen weder ihre
eigenen Leute töten, noch durch die Hand der bewaffneten Elemente
des Aufstandes sterben. Dies gilt vor allem für Jugendliche aus den
Brennpunkten der Revolution : Homs, Hama, Deir ez-Zor und Idlib.
Verwandelt
Bei der Ankunft in
Salamiyah spürte ich eine Freiheit, die ich noch nie zuvor in meinem
Leben erlebt hatte. Meine Bekannten hatten sich im Verlauf weniger
als eines Jahres völlig verwandelt.
Und dies trotz der
Tatsache, dass sich die Streiks und Proteste gegen das Regime seit
Anfang September auf einem relativ niedrigen Niveau bewegten. Damals
führten die Polizei, Sicherheitskräfte und Söldner, die als
»Shabiha« - Arabisch für Geister - bekannt sind, eine gemeinsame
Operation durch, um die Oppositionsbewegung in der Stadt zu
zerschlagen. Sie gingen drei Tage von Haus zu Haus und verhafteten
Einwohner.
»Wir wollen unsere Würde
zurück«
Die meisten der Aktivisten
sind Arbeiter, darunter ein großer Anteil aus dem öffentlichen
Dienst. Einer ihrer wichtigsten Slogans ist: »Wir sind nicht
hungrig, aber wir wollen unsere Würde zurück.«
Am 15. Dezember besuchte
ich ein Treffen von linken Aktivisten in Salamiyah, die eine Reihe
von Flüchtlingen aus Homs empfingen. Alle Fragen rund um die
Revolution wurden offen diskutiert, vor allem die Frage der
Intervention von außen in Syrien.
Die Idee der Intervention
von außen gewinnt an Unterstützung, vor allem in den Brennpunkten
der Revolution. Aber ich und zwei andere Aktivisten sprachen sich
gegen jede Form der internationalen Intervention aus. Wir wollen
Syriens diktatorisches Regime stürzen, aber wir wollen Syrien nicht
zu einem Beuteknochen machen, um den sich die internationalen Mächte
zanken.
Gespaltene Linke
Andere Kräfte auf der
linken Seite, muss ich leider sagen, bleiben dem Regime treu. Die
syrische Kommunistische Partei hat sich 1986 gespalten, aber beide
Fraktionen unterstützen Assad, obwohl die Zahl der Todesopfer in
Syrien auf 6.000 steigt. Die KP kritisiert die Opposition mit
Verschwörungstheorien. Als Ergebnis dieser Haltung hat eine große
Anzahl von kommunistischen Aktivisten die Partei verlassen.
Ein Assad-Unterstützer
fragte mich: »Du bist ein Linker, der Venezuelas Präsident Hugo
Chávez gegen die Imperialisten unterstützt. Warum unterstützt du
dann nicht auch Chávez' Verbündeten Assad?«
Ich antwortete, dass dies
eine Revolution gegen das Regime in Syrien sei. Ich bin für die
Menschen und gegen die Imperialisten. Unterstützung für die
Revolution bedeutet nicht, ein Bündnis mit Imperialisten zu
schließen oder für ihre Absichten blind zu sein. Ich will kein
Eingreifen von außen, ich will, dass Assad auf die zornigen Massen
hört und mit der Oppositionsbewegung verhandelt, anstatt sie zu
unterdrücken.
Aufgebauschte Gefahr
Der Assad-Unterstützer
wandte ein, dass ein Teil der Opposition - der syrische Nationalrat
(SNC), im vergangenen Oktober in Istanbul unter der Schirmherrschaft
der USA, der Europäischen Union und der Golfstaaten gegründet -
aktiv imperialistische Interessen unterstützt.
Aber ich wies darauf hin,
dass sich die Opposition nicht auf den SNC beschränkt.
Wenn Assad möchte, dass
die Opposition ihn gegen die imperialistischen Mächte unterstützt,
sollte er aufhören, Aktivisten der Opposition zu töten und die
Menschen demokratisch entscheiden lassen, wer über uns herrscht.
Stattdessen bauscht Assad die Gefahr einer Intervention von außen
auf, um zu versuchen, unter den Linken Zwietracht zu säen.
Kalaschnikows und
Pump-Guns
Die Zukunft Syriens ist
zutiefst unsicher. Das Regime bewaffnet seine Anhänger mit
Kalaschnikow-Gewehren und Pump-Gun-Schrotflinten. Teile der
Opposition tun das gleiche mit Hilfe der der Nachbarstaaten.
Das syrische Regime muss
verstehen, dass sich die Regeln geändert haben.Wenn es ernsthaft
eine Intervention von außen vermeiden will, dann muss es sich selbst
ändern.
Zur Person:
Nebras Dalloul ist
ein syrischer linker Aktivist, der derzeit in den Vereinigten
Arabischen Emiraten lebt. Sein Artikel ist zuerst erschienen auf
www.socialistworker.co.uk.
Mehr auf
marx21.de:
- Der syrische Aufstand und die Linke: Die Geschichte Tunesiens und Ägyptens
zeigt, dass der Westen stets dazu bereit war, antidemokratische und
autoritäre Regimes zu tolerieren und zu unterstützen, wenn dies im
Einklang mit den eigenen Interessen stand. Doch dieser Schluss kann dann
zu Verwirrungen führen, wenn Regime, die sich offiziell in Opposition
zur westlichen Dominanz im Nahen Osten befinden, von Innen
herausgefordert werden. Von Leandros Fischer
|
|
|
|
 |
|