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Ein Kofferkind legt auf
Jan Maas über die Compilation »Beyond Istanbul 2 – Urban Sounds of Turkey« von DJ İpek İpekçioğlu

Für viele deutsche Politiker und einen Großteil der Medien sind Kinder türkischer Einwanderer vor allem eins: Problemfälle. Zweifellos ist es für die Betroffenen eine Herausforderung, mit verschiedenen Kulturen aufzuwachsen. Viele Immigranten berichten von der Erfahrung, weder in Deutschland noch der Türkei angenommen zu werden. Aber die Verbindung von deutschen und türkischen Einflüssen kann auch immensen kulturellen Reichtum bedeuten.

DJ İpek İpekçioğlu war so ein Kofferkind, das sich nirgends ganz zu Hause fühlte. Heute bedient  sich die Berlinerin souverän der Vielfalt der Kulturen, die sie in Deutschland und der Türkei aufgesogen hat. Sie arbeitet als DJ und Musikproduzentin. Das Münchener Label Trikont hat nun die dritte von ihr zusammengestellte Compilation veröffentlicht.

»Beyond Istanbul 2 - Urban Sounds of Turkey« präsentiert unterschiedlichste Musiker und Stile. Die persönliche Verbindung, die DJ İpek zu den Stücken hat, hält die bunte Mischung zusammen. Es ist Musik, die sie zum Lachen, zum Weinen oder zum Tanzen gebracht hat, wie sie im Begleitheft schreibt. Es spricht für die Qualität der ausgewählten Stücke, dass sie diese Empfindungen auch auslösen, wenn der Hörer den Hintergrund gar nicht kennt.

Die Band Kırıka zum Beispiel setzt sich aus Männern zusammen, die in verschiedenen Rockbands spielen und gemeinsam Volkslieder neu interpretieren. In ihrem Beitrag über das traditionelle türkische Saiteninstrument Saz (»Kaba Saz«) singen sie ironisch: »Ich war noch ganz klein, als ich die Saz zum ersten Mal in der Hand hielt, und mit 33 krieg' ich's immer noch nicht hin.«

Tieftraurig klingt dagegen das Volkslied »Yüksek Yüksek Tepelere«. Traditionell wird dieses Lied am Vorabend einer Hochzeit gesungen, wenn die Braut Abschied von ihrer Familie nimmt. »Wenn mein Vater ein Pony hätte, würde er mich besuchen kommen?« sorgt sich die Interpretin. DJ İpek hat eine hinreißend wehmütige Version der queer lebenden Sängerin Burcu Özdemir, die im kanadischen Vancouver wohnt, ausgesucht.

Den größten Anteil auf der CD nimmt jedoch elektronische Tanzmusik mit Hip-Hop-Einflüssen ein. Hier fusionieren die musikalischen Einflüsse der Metropolen Istanbul und Berlin besonders eindrucksvoll mit traditionellen Melodien oder Rhythmen. Der »Sahara Gypsy Song« des Osman İsmen Project etwa sorgt mit seinem 9/8-Takt für einen Klang, der sich wie ein Derwisch um sich selbst zu drehen scheint.

DJ İpek selbst liefert einen Beitrag mit ihrem Kollegen Pasha. »Istanbul Çocukları« remixt die Band Baba Zula, die durch den Film »Crossing the Bridge« auch in Deutschland bekannt wurde. Der Text feiert Istanbul als Kreuzungspunkt vieler Kulturen. »Die Kinder Istanbuls sind ganz wie ein Regenbogen.« So wünscht sich DJ İpek auch die deutsche Hauptstadt.

Wie sich diese Vision anfühlt, können Berliner Leserinnen und Leser auf den Gayhane-Parties im Kreuzberger Club SO 36 erfahren, wo DJ İpek regelmäßig auflegt. Wem sich die Gelegenheit eines Besuchs bietet, sollte sie sich auf keinen Fall entgehen lassen.

Die CD:
 
 
 
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marx21, Heft 24, Februar / März 2012: Titelthema: Die Eurokrise und die Linke

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