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16.07.10: Rassismus |
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Alte Ansichten - neue Sündenböcke |
In
Großbritannien häufen sich rassistischen Vorfälle und die
Anhängerschaft der rechtsradikalen British National Party (BNP)
wächst. Im Fadenkreuz des »neuen Rassismus« sind vor allem
Muslime. Richard Seymour zeigt, wie sich rassistische Argumentationen
verändert haben und wie für alte Ansichten neue Sündenböcke
gefunden wurden.
Rassismus
ist laut John Denham, New-Labour-Minister für Gemeinden und
Stadtverwaltungen, auf dem Rückzug. Das sei nicht zuletzt auf die
regierungsseitige Förderung der Gleichstellung im vergangenen
Jahrzehnt zurückzuführen, sagt er.1
Denhams Behauptung ist erstaunlich angesichts der vermehrten
rassistischen Vorfälle in Großbritannien, der wachsenden
Anhängerschaft der rechtsradikalen British National Party (BNP), der
neuen gewalttätigen Straßenbanden, die unter der Bezeichnung
English Defence League (Liga zur Verteidigung Englands) auftreten und
die Denham selbst mit der British Union of Fascists von Oswald Mosley
in den 30er Jahren verglich, der wieder aufkommenden
einwanderungsfeindlichen Politik bei Arbeitskämpfen, wie bei der
Ölraffinerie Lindsey, und der von den Medien geschürten
Muslimfeindlichkeit.
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Die
Antirassisten sind nicht so hoffnungsvoll wie Denham. Der
Guardian-Journalist
Gary Younge stellt einen deutlichen Rückschritt im letzten Jahrzehnt
fest, da mit der veränderten »Betonung von Religion statt Rasse,
von Glaubensbekenntnis und Kultur statt Hautfarbe für alte Ansichten
neue Sündenböcke gefunden wurden«.2
Younges Analyse ist sehr viel überzeugender als die von Denham. Der
Umschwung zu Glaubensbekenntnis und Kultur geht aber noch weiter
zurück, nämlich auf die Neue Rechte und ihre Vorstellung von
»Rassenbeziehungen«, woraus der rechte Politiker Enoch Powell vor
allem schöpfte. Wie wir noch sehen werden, ging es bei rassistischen
Ideologien immer auch um Glaubensbekenntnis und Kultur.
Dennoch
muss die Beschleunigung dieses Umschwungs und das Neue im Rassismus
des heutigen Großbritanniens begriffen werden, wenn das Wirken von
Antirassisten Erfolg haben soll. Eine Reihe wichtiger Veränderungen
hat es hinsichtlich intellektueller Rechtfertigungen von Rassismus
und seinen Opfern gegeben. So wie Glaubensbekenntnis und Kultur in
den Vordergrund gerückt sind, knüpfen auch Ideen von Nationalität
und Staatsbürgerschaft nicht ungebrochen an ältere Ideen von
biologischer Rasse und Hautfarbe an. Die Opfer von
Einwanderungsfeindlichkeit sind nicht notwendigerweise schwarz, und
die antimuslimischen Rassisten sind nicht per se allen schwarzen
Briten feindlich gesinnt. Allein diese Tatsache macht die Diskussion
über Rassismus verworren und gibt Rassisten ein wichtiges Alibi.
Viele derjenigen, die Muslime herabwürdigen, werden ernsthaft
erklären, dass sie nichts für Rassisten übrig haben und sie
lediglich Menschenrechte oder »britische Werte« vor einer Kultur
verteidigen wollen, die all dies verletzt. Sie werden nicht selten
sagen, dass Muslime keine »Rasse« sind, als ob die Kontroverse
damit erledigt wäre.
Der
»Krieg gegen Terror« ist eine unmittelbare Ursache für viele
Aspekte dieses Rassismus. Der Versuchung, Islamophobie auf eine
Nebengeschichte des »Kriegs gegen Terror« zu reduzieren, sollte
jedoch widerstanden werden. Rassismus gegen Muslime gab es bereits
vor dem 11. September 2001 und der darauffolgenden Kriegstreiberei
und ist nicht notwendigerweise an eine Kriegsbefürwortung gebunden.
Er hat viel mehr mit innergesellschaftlichen Prozessen zu tun, als
eine eindimensionale Schuldzuweisung an den »Krieg gegen Terror«
erlaubt. Wenn Sozialisten sich gegen Rechtsradikale behaupten wollen,
müssen sie sich mit dem Inhalt einer rechten Antikriegshaltung
auseinandersetzen, die scheinbar ihrer traditionellen
imperialistischen Ideologie zuwiderläuft. Das hängt mit
Verschiebungen in rassistischen Vorstellungen in der postkolonialen
Zeit zusammen, als das aggressive globale weiße Herrenmenschentum
ersetzt wurde durch defensiven weißen Nationalismus.
Kulturchauvinismus
gegen Muslime macht auch nicht Halt an den Grenzen des Islams.
Anindya Bhattacharyya hat eine brauchbare Charakterisierung von
Islamophobie als »Speerspitze« des gegenwärtigen Rassismus
unterbreitet, die älteren Formen von Rassismus den Weg in die
Mehrheitskultur ebnet.3
Teile
der liberalen Öffentlichkeit haben die Agenda der neuen Rechten in
Bezug auf »Rassenbeziehungen« akzeptiert und dabei ihre
kulturalistischen Argumente zu Immigration und Staatsbürgerschaft,
die gegen den Multikulturalismus entwickelt wurden, oft
uneingeschränkt übernommen. Auch die linke Mitte hat zunehmend die
Idee von einem progressiven Nationalismus angenommen. Ähnlich wie
die Neue Rechte meinen sie, dass soziale Solidarität und kulturelle
Vielfalt gegensätzliche Ziele sind.4
Dem Stichwortgeber Gordon Brown folgend haben sie begonnen, eine
liberale Lesart von »britischen Werten« zu entwickeln, die
gesellschaftliche Solidarität untermauern könnte. Das hat nicht
selten zu einer Strafverfolgungsmentalität gegenüber Muslimen
geführt mit der Begründung, »Britentum« umfasse Respekt für
Feminismus, Menschenrechte und »Werte der Aufklärung«, die
allesamt angeblich mit dem Islam nicht zu vereinbaren seien, oder
zumindest nicht mit seinen ungezügelten Äußerungen. Um es zu
wiederholen: Die liberale Komplizenschaft bei dieser Art kulturellen
Chauvinismus ist nicht so ungewöhnlich, wie es den Anschein hat.
Während
konventionelle Formen von Rassismus auf der Grundlage eines
islamophoben Kulturessentialismus5
wiederbelebt werden, hat es einen bemerkenswerten Versuch gegeben,
alte beleidigende und rassistische Begriffe wieder hoffähig zu
machen. Der Leiter der Sendung »Strictly Come Dancing«, Bruce
Forsyth, verteidigte die Verwendung des Worts »Paki« für
Pakistaner durch den Wettbewerbsteilnehmer Anton Du Beke und
argumentierte: »Es gab eine Zeit, da die Amerikaner uns mit dem Wort
Limey6
bedachten, was nicht sehr nett klingt, aber wir haben trotzdem
darüber gelacht. Jeder hat einen Spitznamen.« Und als Ron Atkinson
den schwarzen Fußballspieler von Chelsea, Marcel Desailly, als
»faulen dicken Neger« bezeichnete, wurde er von Sportkommentator
Jimmy Hill verteidigt, der sagte, solche Kommentare seien nur »Spaß«.
Vermutlich
ist es kein Zufall, dass die aggressive Verfechtung solcher Begriffe,
deren Funktion darin besteht, rassistisches Verhalten zu
normalisieren, von einer Zunahme berichteter Fälle rassistischer
Belästigung und Gewalt begleitet wird. Die Statistiken sprechen ein
vernichtendes Urteil: Im Jahr 2005 wurde festgestellt, dass sich
rassistische Vorfälle in England und Wales mehr als vervierfacht
hatten, von 13.151 im Berichtsjahr 1996/97 auf 52.694 im Jahr
2003/04. Von Letzteren wurden über 35.000 als »ernsthaft«
bezeichnet, wozu Verletzung, tätlicher Angriff und Belästigung
zählten.7
Die
Zahlen steigen weiter. Im Zeitraum 2003 bis 2005 nahmen die
rassistischen Vorfälle in England und Wales um 12 Prozent zu; in den
Jahren 2005 bis 2007 erneut um 28 Prozent.8
In Schottland stieg die Zahl der rassistischen Vorfälle von 4.519 im
Berichtsjahr 2004/05 auf 5.243 im Jahr 2007/08.9
Die britische Strafverfolgungsbehörde Crown Prosecution Service
berichtet, dass die Zahl der wegen rassistischer Vorfälle in England
und Wales Angeklagten seit 1999/2000 Jahr für Jahr gestiegen ist.
Die Zahl der Angeklagten im Jahr 2006/07 war fast viermal so hoch wie
1999/2000.10
Das
rassistische Klima, das solch ein Verhalten fördert, wurde nicht
selten von der Regierung geschürt und führte zu einem Aufschwung
der Unterstützung für die Ultrarechten, die gegenwärtig ihren
letzten Höhepunkt in den 1970er Jahren noch überbieten. Das hat
auch zur Entstehung von Schlägertrupps aus Rassisten, Fußballfans
und ultrarechten Aktivisten geführt, die unter dem Namen English
Defence Leage (EDL) auftreten. Die EDL gibt vor, nur gegen Islamisten
wie Anjem Choudary zu sein. Sie sei gegen Rassismus und heiße
Nichtmuslime unabhängig von ihrer »Rasse«willkommen. Doch Proteste
der EDL rutschten oft in rassistische Gesänge ab, in
Sieg-Heil-Gesten und Angriffe auf asiatische Passanten und Geschäfte.
All das steht für die Zuspitzung des »neuen Rassismus«, eines
Trends, der von dem Philosophen Martin Barker 1981 beschrieben
wurde.11
Frei von jedem offenen Bekenntnis zum biologischen Determinismus und
jedem expliziten Glauben an die Überlegenheit der »weißen Rasse«,
konzentriert er sich auf die kulturelle Praxis ethnischer
Minderheiten und ihre angebliche Unvereinbarkeit mit der
»Mehrheitskultur«. Seine Sachwalter, ursprünglich nur harte
Anhänger von Enoch Powell, jetzt aber selbst Flügel der linken
Mitte, stützen sich auf übliche Missverständnisse über die Natur
von Rassismus, um ihren kulturalistischen Diskurs als eindeutig
unterschieden von echtem Rassismus abzugrenzen.
Rasse,
Kultur, Nation und Religion
Diejenigen,
die heute für eine unterdrückerische und ausschließende Praxis
eintreten, versuchen Anschuldigungen von Rassismus mit vorgeschobenen
Behauptungen abzuwehren. Eine davon lautet, dass sie an die Existenz
und Bedeutung rassischer Unterschiede glauben, aber nicht daran, dass
irgendeine Rasse dem Wesen nach anderen überlegen sei.12
Eine andere Variante lautet, dass sie nicht an die Existenz von
Rassen glauben und deshalb die Idee rassischer Überlegenheit für
nicht stimmig halten, aber sie glauben an Kulturen (oder
Zivilisationen), die eindeutig ungleich seien. Diese Behauptung
findet sich insbesondere bei Angriffen auf den »Multikulturalismus«
aus der liberalen Ecke. Zum Beispiel verteidigt Martin Amis seine
ungezügelten und meistens pauschalisierenden Verbalangriffe auf
Muslime gegen den Vorwurf des Rassismus mit folgender Formulierung:
»Ich liebe den Multikulturalismus. Nach meinem Geschmack kann es gar
nicht genug Zuwanderer in diesem Land geben. Ich möchte Einwanderer
vom Mars oder vom Jupiter. Aber der Multikulturalismus, glaube ich,
ist ein Schwindel. Wir können so etwas nicht mit dem Argument
rechtfertigen, es gehöre zur Tradition. Die Tradition muss
verschwinden.«13
Mit
»Tradition« meint er Praktiken wie »Ehrenmorde«, die er als
simples »islamisches« Verhalten begreift. Diese nicht
ausgesprochene Hypothese ist jedoch falsch. »Ehrenmord« ist eine
Form der patriarchalen Gewalt, die solche kulturellen Grenzen nicht
respektiert. Laut Human Rights Watch ist solche Gewalt »nicht an
Kulturen und Religionen gebunden«. Sie wird unter den
unterschiedlichsten Namen wie Mitgiftmord, Verbrechen aus
Leidenschaft etc. praktiziert, und das in Lateinamerika, Indien,
Italien, Schweden, Brasilien, Großbritannien.14
Auch ist es nicht wahr, dass zum »Multikulturalismus« gehört, Mord
an Frauen zu tolerieren, ob unter Berufung auf die Tradition oder auf
kulturelle Sensibilität. Dennoch bestätigt Amis' Argument, dass er
durch den Angriff auch solche Praktiken tatsächlich eine angeblich
undifferenzierte Kultur namens Islam angreifen will.
Ein
anderer Angriff auf den Multikulturalismus war die heftig kritisierte
Provokation von Rod Liddle, des ehemaligen Redakteurs des
Radio-4-Programms »Today«, in dem er die »überwiegende Mehrheit
von Straßen-, Messer-, Waffen- und Raubdelikten und Sexualverbrechen
in London« den »jungen Männern der afrokaribischen Gemeinde«
zuschrieb.15
Liddle äußerte etwas weniger vorsichtig dieselben Ansichten wie
Tony Blair im Jahr 2007, als er eine bestimmte schwarze Kultur, vor
allem gescheiterte schwarze Familien, für eine Serie von Messer- und
Waffenverbrechen verantwortlich machte.16
Liddles statistische Ausführungen waren jedoch schlicht falsch.17
Und hinsichtlich seiner weiteren Schlussfolgerungen reproduzierte er
wortgetreu einen Allgemeinplatz rassistischer Ideologie seit den
1950er Jahren, als Migranten aus dem Commonwealth in signifikanter
Zahl nach Großbritannien zu kommen begannen.18
Er
rechtfertigte sich mit der Behauptung, er spreche nicht von Rasse,
sondern von Kultur. »Verantwortung trägt vor allem das
Glaubensbekenntnis des Multikulturalismus, die Vorstellung, dass
Kulturen, egal wie sehr sie von der Norm abweichen oder wie
antisozial sie sind, sich ungehindert und ohne kritisiert zu werden
entwickeln können dürfen.«19
Das
ist gelinde gesagt nicht nur eine verzerrende Darstellung: Es ist ein
dürftiges Schreckgespenst. Multikulturalismus hat seinen Ursprung in
einem staatlich organisierten Versuch aus den 1980er Jahren, die
politisch rebellierenden schwarzen und asiatischen Minderheiten zu
domestizieren. Seine Grundzüge waren schon im Vorgriff von Roy
Jenkins skizziert worden, der als Innenminister im Jahr 1966 das Ziel
der »Chancengleichheit, begleitet von kultureller Verschiedenheit in
einer Atmosphäre gegenseitiger Toleranz« formulierte.20
Der Multikulturalismus hat als Antwort auf Rassismus seine Schwächen,
auch wenn damit das unhaltbare Konzept einer ethnisch »reinen«
nationalen Identität angegriffen wird. Er geht die systemischen
Wurzeln rassistischer Diskriminierung nicht ernsthaft an. Und bei dem
Versuch, unterschiedliche Kulturen auf unpolitische Weise zu
»feiern«, transformiert er Kultur von einem Prozess der Teilhabe in
ein statisches Objekt passiver Beobachtung, an dem man sich erfreuen
kann.21
Liddles
Verteidigung lässt etliche bekannte Muster der gegenwärtigen
Islamophobie erkennen. Dazu gehört die Behauptung, dass es so etwas
wie abgesonderte und weitgehend undurchdringliche Kulturen und daher
eine kulturelle »Norm« gebe, die eine problematische Minderheit
zugunsten ihrer eigenen fremden kulturellen Grundsätze verletze. Ein
wiederkehrendes Thema der Muslimfeindlichkeit heute lautet, dass die
auffallenden islamischen Symbole wie der Hidschab oder erst recht die
Burka der »Mehrheitskultur« Feindseligkeit und das Bedürfnis nach
Abgetrenntheit signalisieren. Dass solche Ideen dann die Grundlage
für einen Angriff auf einen früheren Sündenbock werden - in
diesem Fall junge schwarze Männer -, straft die selbstzufriedene
Ansicht Lügen, wonach die offizielle Feindseligkeit gegenüber dem
Islam keine weiteren Folgen für die Beziehungen zwischen den
verschiedenen Bevölkerungsgruppen habe. Ein
drittes Beispiel für solche defensiven Einlassungen stellt die
Behauptung dar, mit der Befürwortung rassistischer Praktiken werde
nur versucht, eine wertvolle soziale und kulturelle Ordnung zu
erhalten, die durch gegenseitige kulturelle Durchdringung gefährdet
sei.
Zu
diesen Verwirrungen kommt es zum Teil wegen der übertriebenen
Bedeutung, die dem »wissenschaftlichen« Rassismus zugeschrieben
wird. Kennzeichnend für diese Art von Rassismus ist der Glaube, dass
das unterschiedliche äußerliche Erscheinungsbild von Menschen eine
Hierarchie überlegener und unterlegener Rassen widerspiegelt. Der
Anthropologe C. Loring Brace sagte: »Rasse« sei ein Konzept, das
»keine schlüssige biologische Gültigkeit besitzt«. Variationen
physischer Merkmale wie Hautfarbe, Zahnlänge, Blutgruppe,
Nasenlänge, das Vorhandensein oder Nichtvorhandensein des
Sichelzellen-Hämoglobins sind nicht so verteilt, dass sich daraus
ein Rassenkonzept ableiten ließe. Der Spielraum für einen
respektablen biologischen Rassismus wurde erheblich eingeschränkt
(auch wenn er immer noch Verteidiger unter Anhängern der
»Bell-Kurve« hat, wonach schwarze Menschen von Natur aus weniger
intelligent seien als ihre weißen Gegenspieler).
Wäre
Rassismus bloß ein diskreditierter Irrglaube an ein nichtexistentes
Konstrukt, würden sich weitere Diskussionen erübrigen. Dann ginge
es nur darum, einen Fehler zu korrigieren, den nur wenige begehen
werden. Aber solch eine Auffassung von Rassismus ist sehr
irreführend. Rassistische Erzählungen beginnen und enden nicht mit
dem Körper, und die heutige Betonung kultureller Unterschiede ist
nicht so anomal wie sie zunächst erscheint. »Rasse« überschneidet
sich mit einer Reihe anderer Diskurse wie Nationalität und
Ethnizität, die nicht strikt verknüpft sind mit biologischer
Variation. Die Alltagssprache von Rassismus stützt sich auf einen
»gesunden Menschenverstand«, eine Reihe von Stereotypen und
Verallgemeinerungen über Gruppen von Menschen - seien sie eine
Nationalität, eine Glaubensgemeinschaft oder Ethnie. Im Mittelpunkt
solcher Stereotype stehen immer offensichtliche kulturelle Merkmale.
Ali Rattansi zeigt auf, dass die Stereotypisierung von angeblichen
kulturellen Merkmalen diese zum Objekt macht und zu natürlichen
Eigenschaften der so charakterisierten Gruppe. »Auf diese Weise wird
die angebliche Geldgier der Juden, die angebliche Aggressivität der
Afrikaner und Afroamerikaner, die angebliche Kriminalität der
Afrokariben oder die angebliche Schlauheit der ‚Orientalen‘ zu
einem Merkmal, das diesen Gruppen über sehr lange Zeit anhaften
wird.«22
Diese
wesensmäßige Zuschreibung wurde als »Kulturrassismus« bekannt.
Was
als Neuheit erscheint, begleitet uns tatsächlich seit Begründung
des modernen Rassismus. Aufklärungsphilosophen, die mit
Sklavenhandel und Kolonialismus konfrontiert (und teilweise
mitbeteiligt) waren, versuchten die weiße europäische Überlegenheit
in Begriffen kultureller Überlegenheit zu erklären. Der schottische
Philosoph des 18. Jahrhunderts, David Hume, ist für folgende
Äußerung bekannt: »Ich bin geneigt zu glauben, dass die Neger und
überhaupt alle sonstigen Arten von Menschen [...]
von Natur aus minderwertiger als die Weißen sind.« Das
sagte er jedoch nicht aufgrund einer biologisch abgeleiteten
Vorstellung von rassischen Unterschieden.
Er bezog sich vielmehr auf Gebräuche und Einstellungen der »Neger«,
auf ihre Eigenart, etwas zu tun - mit anderen Worten: auf ihre
Kultur.23
John
Stuart Mill hegte als Kolonialverwalter und Großbritanniens
herausragender liberaler Philosoph ähnlich kulturchauvinistische
Verachtung für Nichteuropäer, die nicht von einem biologischen
Rassismus ausging, dessen ausdrücklicher Gegner er sogar war. Er
ging davon aus, dass Subjekte kolonialer Herrschaft minderwertig
waren, aber als Erklärung für diese Minderwertigkeit zog er die
»Gesetze des Nationalcharakters« heran, die weitaus »wichtigste
Klasse soziologischer Gesetze«.24
Ein
grundsätzlicheres Problem einer engen Auslegung von Rassismus als
Diskurs über Körper ergibt sich insofern, als die Funktionsweise
der Kategorie »Rasse« missverstanden wird. Historiker des Rassismus
wie Theodore Allen, David Roediger und Noel Ignatiev zeigen, dass
Rasse eine gesellschaftlich konstruierte Kategorie ist, die
gesellschaftlich erzeugte Phänomene zu wesensmäßigen Qualitäten
unterdrückter Gruppen macht. Das Konzept von »Rasse« als
biologische Einheit hatte wenig zu tun mit der tatsächlichen
Konstruktion rassischer Hierarchien, die immer ein politischer Akt
war. Historisch war der Zweck von »Rasse«, Klassensysteme durch
Gliederung des Arbeitsmarkts entlang farbkodierter Linien zu managen.
Nach Theodore Allen war der Vorläufer dafür die Einrichtung der
protestantischen Vorherrschaft in Irland, eine eigene Form der
Klassenherrschaft, bei der ein Segment der arbeitenden Mehrheit in
eine Unterdrückergruppe integriert wird. Egal wie arm
protestantische Arbeiter im kolonialen Irland waren, sie hatten
Privilegien gegenüber ihren irisch-katholischen Mitbürgern.
Nach
einer Reihe multiethnischer Klassenaufstände gegen
Schuldknechtschaft im 17. Jahrhundert in Angloamerika, verkörpert im
Baconaufstand von 1676, gingen die herrschenden Kolonisten zu einem
System rassischer Sklaverei über, das die Differenzen zwischen der
Unterdrückung afrikanischer und europäischer Arbeiter betonte und
auf die Spitze trieb. Durch eine Reihe rechtlicher und politischer
Neuerungen, die denen in Irland ausgearbeiteten sehr ähnlich waren,
wurde eine »weiße Rasse« konstruiert im Gegensatz zu stärker
unterdrückten Afrikanern und den amerikanischen Ureinwohnern.
Rassische
Unterdrückung hing aber nicht von angeblichen physischen Differenzen
ab.25
Der Prozess der »Erschaffung von Rassen« blieb auch nach Ende der
Sklaverei wichtig für die Kapitalakkumulation in Amerika, als neue
Gruppen von Einwanderern zu rassisch »anderen« gemacht wurden.
Irische, ungarische, polnische, italienische und jüdische Arbeiter,
die heute als »weiß« gelten würden, wurden rassisch
kategorisiert, um sie von den Privilegien des »Weißseins«
auszuschließen, während sie gleichzeitig in Konkurrenz miteinander
wie auch mit chinesischen Einwanderern und Afroamerikanern gesetzt
wurden. Zu »Rassenmanagement«-Strategien des US-amerikanischen
Kapitals gehörte die beständige Anpassung und Übernahme rassischer
Kategorien und Stereotype, sodass die Grenzziehungen des
»wissenschaftlichen« rassistischen Diskurses nicht so von Belang
waren.26
Statt
nach Bezügen auf angeblich statische Einheiten namens »Rasse« zu
suchen, um rassistische Akte zu definieren, ergibt es mehr Sinn, die
Schaffung rassischer Kategorien als beständigen Prozess zu
betrachten. So wie Faschismus eine notorische »Aasfresser«-Ideologie
ist, die sich opportunistisch ideologische Bausteine von anderen
Weltsichten und Traditionen einverleibt, so werden rassistische
Ideologien beständig aus verschiedensten Elementen nationaler,
regionaler, religiöser, sektionaler und auf Klasse gestützter
Stereotype konstruiert und rekonstruiert. Was sie gemeinsam haben,
ist ihr Verhältnis zur Praxis rassischer Unterdrückung, wo eine
Minderheit systematisch von den Chancen und Rechten normaler
Bürgerschaft ausgeschlossen ist. Sie sind auch nicht strikt in Worte
gefasst. Rassismus operiert großteils durch Anspielungen und
Verschmelzungen: Beachtet die Geschwindigkeit, mit der »asiatisch«
durch »Muslim« ersetzt wurde, als es um die Zielgruppe
rassistischer Polemiken nach dem 11. September 2001 ging. Gerade
diese Verschiebung sagt uns, dass der Kulturrassismus, der sich
zurzeit gegen Muslime richtet, in der Tradition etlicher Generationen
von einwanderungsfeindlichem Rassismus und davor von imperialem
Rassismus steht.
Einwanderungspolitik
und Neue Rechte
Solange
Großbritannien ein Weltreich war, bevorzugte seine herrschende
Klasse »freie« Einwanderung, da die Nachfrage nach Arbeitskräften
schier unerschöpflich schien. Imperialistischer Rassismus
rechtfertigte eher die Beherrschung statt den Ausschluss
nichteuropäischer Arbeitskräfte. Um die Wende zum 20. Jahrhundert
wurden erste Schritte unternommen, die Arbeitsmobilität zu
beschränken. Das Fremdengesetz von 1905 wurde vor dem Hintergrund
einer Welle antisemitischer Schmähungen in Parlament und
Boulevardpresse, begleitet von Protesten und Aufständen anlässlich
der Einwanderung russischer und osteuropäischer Juden nach
Großbritannien, verabschiedet. Politischer Antisemitismus war bis
zum Zweiten Weltkrieg das ideologische Rückgrat organisierter
Rassisten und Faschisten überall in Europa, auch in Großbritannien.
Aber mit der Niederlage des Dritten Reichs und den Enthüllungen über
seine Barbarei verlor solch ein Antisemitismus seinen Nutzen für
Rekrutierung und Wachstum. Und als europäische Länder mit großem
Arbeitskräftemangel Menschen aus den Kolonien zu importieren
begannen - in Frankreich aus Nordafrika, in Großbritannien aus der
Karibik -, erfolgte eine Verschiebung hin zum
einwandererfeindlichen Rassismus.27
Bis
1962 gab es beträchtliche Bewegungsfreiheit für Arbeitskräfte
innerhalb des britischen Commonwealth sowohl zu als auch aus den
Kolonien. Bürger des Commonwealth galten als Untertanen der
britischen Monarchie und wurden mit einem Gesetz von 1948 als Bürger
des »Vereinigten Königreichs und der Kolonien« bestätigt. Dennoch
versuchte die Nachkriegsregierung unter der Labour Party die auf über
1,25 Millionen Menschen geschätzte Arbeitskräfteknappheit vor allem
mit weißen europäischen Arbeitskräften aus Irland und Polen zu
bewältigen. Es wurde von den Konservativen wie von Labour
angenommen, dass eine Masseneinwanderung nur verwaltet werden konnte,
wenn die Immigranten »aus gutem Hause« kamen und fähig waren, mit
der übrigen Bevölkerung zu verschmelzen. Diesem Ansatz lag
unausgesprochen der Glaube zugrunde, dass weiße und schwarze
Menschen nicht als Gleiche miteinander leben könnten. Dennoch kam es
auch zu einer begrenzten Einwanderung von den Karibischen Inseln.28
Mit
dem Commonwealth-Einwanderungsgesetz von 1962 wurden erste
Beschränkungen verhängt, ergänzt durch weitere im Weißbuch von
1965 und die folgende Gesetze von 1968 und 1971. Die staatliche
Regulierung des Zustroms einwandernder Arbeitskräfte reflektierte im
Großen und Ganzen die Schwankungen der Nachfrage nach Arbeitskräften
in der Wirtschaft, auch wenn in der Zeit der ersten Beschränkungen
die Nachfrage noch nicht am Abflauen war.29
Eine wichtige Überlegung bei der Wahl des Zeitpunkts für diese
Gesetze bestand darin, einen Weg zu finden, flexible Kontrollen
einzuführen, abhängig von politischen und wirtschaftlichen Faktoren
und offenkundig ohne Ansehen der Hautfarbe. De facto sollte jedoch
eine Diskriminierung zugunsten der Einwanderer des Old Commonwealth
möglich sein. Trotzdem erlaubten die gesetzlich eingeführten
Kontrollen weiterhin den Zustrom von mehr Migranten des New
Commonwealth (den nichtweißen Staaten, die früher zum Kolonialreich
Großbritanniens gehörten), als während der 1950er Jahre ins Land
gekommen waren. Im Jahr 1982 waren nicht weniger als 80 Prozent der
in Großbritannien lebenden schwarzen und asiatischen Einwanderer
nach Verabschiedung des Gesetzes angekommen. Was die neuen Kontrollen
bewirkten, war keine reduzierte Einwanderung, sondern die Verankerung
institutionellen Rassismus auf neue Weise: Bürgerrechte, die bis
dahin Bürgern des Vereinigten Königreichs und der Kolonien gewährt
worden waren, wurden beschnitten und Rechtsansprüche auf Leben und
Arbeit in Großbritannien zum Gegenstand der Nachfrage von
Unternehmern nach ihrer Arbeitskraft gemacht.30
Labour
hatte in der Opposition noch versprochen, sich der Verabschiedung des
Gesetzes zu widersetzen, weil es rassistisch sei. Als die Partei
jedoch im Amt war, machte sie eine Kehrtwendung, begrüßte das
Gesetz und verschärfte die Bestimmungen noch.31
In
diesem Klima begannen sich die Elemente der Neuen Rechten mit ihrer
Rassenideologie zu sammeln. Die Transformation ist bestens verkörpert
im Aufstieg von Enoch Powell. Während seiner Zeit in der Regierung
als konservativer Gesundheitsminister wurden tausende von
Arbeitskräften aus der Karibik rekrutiert und er ließ nicht ein
einziges Mal durchblicken, dass er gegen diese Einwanderung sei. Er
sprach sich im Jahr 1956 und 1964 gegen Einwanderungskontrollen aus
und sagte, er könne es nicht befürworten, »zwischen einem Bürger
dieses Landes und einem anderen aufgrund seiner Herkunft zu
unterscheiden«.32
Nachdem
er 1965 die Wahl für die Führung der Konservativen Partei an Ted
Heath verloren hatte, diente er im Schattenkabinett, ehe er mit einem
neuen Anliegen die Bühne betrat, einem, das durch seine Rede in
Birmingham im April 1968 über »Ströme von Blut«
berühmt-berüchtigt wurde.33
Mit dieser beschwor er geschickt rassistische Hysterie unter
Verwendung von Anekdoten, die ihm angeblich von seiner Wählerschaft
zugetragen worden waren. Besonders wichtig für Powells Zwecke war
seine Behauptung, dass »Tausende, ja Hunderttausende dasselbe sagen
und denken« wie er.34
Das
Argument, für eine bisher schweigende Bevölkerung zu sprechen,
stellte einen wichtigen Schritt bei der Artikulierung des »neuen
Rassismus« dar. Theoretiker des »neuen Rassismus« wie Martin
Barker und Paul Gilroy haben erklärt, dass der Rassismus der Neuen
Rechten nicht mehr von der Behauptung einer weißen Überlegenheit
oder von wichtigen biologischen Unterschieden zwischen »Rassen«
ausging. Stattdessen zeichnete er ein Bild der menschlichen Natur,
demnach gesellschaftliche Solidarität nur unter denen möglich ist,
die der »Ingroup« oder dem »Stamm« zugerechnet werden. Dieser
ideologischen Annahme wurde der Schein der theoretischen
Respektabilität durch die Arbeiten der Soziobiologie und
Verhaltensforschung gegeben. Schwarze oder asiatische Menschen waren
demnach nicht minderwertig, aber sie konnten eben nicht der weißen
britischen Nation assimiliert werden. Die instinktiven Leidenschaften
von Menschen, die ihre traditionelle Lebensweise, mit anderen Worten
ihre »Kultur«, erhalten wollten, waren demnach der Vernunft oder
Verhandlung nicht zugänglich. Bei einer übermäßigen Einwanderung
von Nichtweißen - Rassisten wie Powell betonten, die Zahl der
Einwanderer werde in die Katastrophe führen - würde es
unweigerlich zu blutigen Konflikten kommen. Deshalb könnte ein
defensiver weißer Nationalismus als Antwort des »gesunden
Menschenverstands« auf Immigration gelten, wobei »freiwillige«
Rückführung und autoritäre Grenzkontrollen eine angemessene Lösung
wären.35
Die
unmittelbaren Nutznießer von Powells Hetze war die faschistische
National Front (NF), der Vorläufer der heutigen British National
Party. Fast das ganze folgende Jahrzehnt verzeichnete die Partei
Zuwachs, bis sie mit über 17.000 Mitgliedern im Jahr 1976 ihren
Höhepunkt erreichte. Sie gewann Wählerstimmen und begann einen
Straßenkampfkader unter der Bezeichnung »Ehrengarde« aufzubauen,
der schwarze Menschen, Gewerkschafter und die Linke terrorisierte.
Die instinktive Reaktion von Tory- wie Labour-Regierungen bestand
darin, mit der NF in der Frage von Immigration und Rasse zu
konkurrieren. Die Regierung Heath führte mit dem Einwanderungsgesetz
von 1971 neue Beschränkungen ein, Deportationen stiegen unter der
nachfolgenden Labour-Regierung, und Einwanderungsbehörden führten
Jungfräulichkeitstests für asiatische Frauen ein. Obwohl die
faschistische Bedrohung durch eine Kampagne abgewehrt wurde, die sehr
viel mehr Menschen anzog - die Antinaziliga verfügte über 250
Ortsgruppen mit 50.000 Mitgliedern und konnte eine halbe Million
Menschen auf ihrem Höhepunkt mobilisieren -, floss der Diskurs,
der hinter dem Erfolg der NF stand, auch in die Angriffe der Neuen
Rechten auf das multikulturelle Großbritannien mit ein.36
Margaret Thatcher
schlug 1978 einen Ton an, der eindeutig in Powells Richtung ging, als
sie sagte: Das
Volk hat ziemliche Angst, dass dieses Land von Menschen mit einer
anderen Kultur überschwemmt wird, und wissen Sie, der britische
Charakter hat so viel für die Demokratie getan, für das Recht, so
viel auf der ganzen Welt, dass es bei einem Gefühl der Angst vor
einer Überschwemmung reagieren und denen, die ins Land kommen, mit
ziemlicher Abneigung begegnen wird. Vor
allem die schrille Sprache vom »Überschwemmtwerden« wurde
aufgegriffen, aber der Kern hier war ein angeblicher gesunder
Menschenverstand und eine besondere Konzentration auf »Kultur« als
mögliche Quelle des Konflikts.37
Gute Beziehungen zwischen den Bevölkerungsgruppen hingen demnach von
der Reduzierung der Zahl der schwarzen und asiatischen Menschen in
Großbritannien ab. Dieser Ansatz wurde nicht nur von der Neuen
Rechten vertreten, auch die verschiedenen Regierungen gingen bei
ihrem Umgang mit Beziehungen zwischen Bevölkerungsgruppen davon aus.
Er schlug sich unter der Regierung Thatcher im britischen
Nationalitätengesetz von 1981 nieder. Damit wurde die schon
bestehende Praxis durch Aufsplitterung der Kategorie
»Staatsbürgerschaft des Vereinigten Königreichs und der Kolonien«
in neue Kategorien abgesegnet, sodass die meisten
Commenwealth-Einwohner nicht mehr das Recht auf Niederlassung in
Großbritannien hatten. Zu dieser Zeit war die Primäreinwanderung
faktisch zum Stillstand gekommen.
Die
offiziellen Maßnahmen zur Unterbindung der Einwanderung von
Schwarzen und Asiaten waren begleitet von einer Reihe von Gesetzen
über »Rassenbeziehungen«, um rassistische Diskriminierung zu
verbieten. Damit wurde ein Muster geschaffen, das bis heute Bestand
hat. Seit den 1960er Jahren haben Regierungen eine widersprüchliche
Politik verfolgt, mit der einerseits »Rassenbeziehungen« von
Einwanderung getrennt wurde und andererseits das Thema
»Rassenbeziehungen« benutzt wurde, um immer schärfere
Einwanderungskontrollen zu rechtfertigen. Eine Hauptbegründung für
Einwanderungskontrollen lautet, sie seien ein Garant für gute
ethnische Beziehungen. Die Logik lautet, dass mit der Eindämmung der
Ängste der weißen Bevölkerung die Integration der nicht weißen
Minderheit Großbritanniens einfacher wird. Das von einer solchen
Politik ausgehende Signal heißt jedoch, Großbritannien sei in
gewisser Hinsicht bedroht durch die Anwesenheit von Immigranten, vor
allem der nicht weißen. Roy Hattersley, einst Vertreter strikter
Einwanderungskontrollen, gab vor über einem Jahrzehnt mit Blick auf
das 1996 von der Tory-Regierung verabschiedete Asyl- und
Einwanderungsgesetz zu: »Es sind Maßnahmen wie das Asyl- und
Einwanderungsgesetz - und die begleitenden Reden -, die den
Eindruck erwecken, dass ‚wir es uns nicht leisten können, sie
reinzulassen‘. Und wenn wir es uns nicht leisten können, sie
reinzulassen, dann richten diejenigen, die bereits da sind,
zweifellos Schaden an.«38
Dieser
Widerspruch zwischen einwanderungsfeindlichen Maßnahmen und der
Politik für ethnische Beziehungen wurde historisch dadurch gelöst,
dass die Einwanderungspolitik von den Regeln der antirassistischen
Gesetzgebung ausgenommen wurde.39
Die Gesetzesänderung von New Labour aus dem Jahr 2000 weitete den
Geltungsbereich der ursprünglichen Gesetzgebung von 1976 aus und
verbot Diskriminierung aufgrund von »Rasse« oder Nationalität
durch öffentliche Behörden wie der Polizei und dem Einwanderungs-
und Nationalitätenamt. Dennoch ist in bestimmten Fällen
Diskriminierung aus ethnischen und nationalen Gründen erlaubt, wenn
dies per Gesetz oder Ministerialanweisung gefordert wird.40
Staatsbehörden können so eine rassistische Einwanderungspolitik
verfolgen und umsetzen, während sie formell antirassistische
Positionen in anderen Politikbereichen beibehalten.
Obwohl
im Mittelpunkt des offiziellen Rassismus ursprünglich die
Einschränkung der Einwanderung aus dem New Commonwealth stand,
gerieten durch veränderte Muster der Arbeitsmigration und sich
ändernde politische Einstellungen neue Ziele ins Visier. In den
1990er Jahren wurde zunehmend die Asylfrage zum Anlass für
gesetzliche Beschränkungen. Mit der Transformation Europas durch den
Zusammenbruch der Sowjetunion und der angestrebten Aufhebung der
Grenzkontrollen zwischen Mitgliedstaaten der Europäischen
Gemeinschaft wurden die Asylsuchenden zur größten
Einwanderungskategorie in Großbritannien. Asylsuchende hatten
gesetzliche Rechte, die der britische Staat aufgrund früherer
rassistischer Gesetzgebung nicht allen Immigranten gewährte. Die
Labour-Regierung unter John Major versuchte das durch das Asyl- und
Einwanderungs-Berufungsgesetz von 1993 zu ändern, indem sie den
Katalog der Ablehnungsgründe bei Asylanträgen erweiterte und den
Zugang zu Sozialleistungen und Rechtsbeistand einschränkte. Dem
folgte eine weitere Gesetzgebung im Jahr 1996, mit der der Zugang zu
Beschäftigung und öffentlichen Diensten für Asylsuchende
beschränkt wurde.
All
diese Maßnahmen sollten gleichzeitig nicht in Konflikt mit den
staatlichen Verpflichtungen laut Genfer Flüchtlingskonvention von
1951 geraten, und die schließlich verfolgte Strategie bestand darin,
Asylsuchende in normale Einwanderungskandidaten, oder
»Wirtschaftsmigranten«, zu verwandeln. Wenn eine große Zahl von
Asylanträgen »unberechtigt« war - angeblich die Mehrheit der
Anträge, wie der damalige Innenminister Michael Howard im Jahr 1992
in einer Debatte über das Gesetz behauptete -, dann konnten sie
als Einwanderungsanwärter behandelt und deportiert werden.41
New Labour hatte in der Opposition dieses Gesetz noch abgelehnt,
schlug aber als Regierungspartei im Jahr 1999 noch schärfere
Maßnahmen vor und setzte sie auch um.
So
wie frühere Ankömmlinge in Großbritannien für eine Bedrohung der
britischen Identität und Schmarotzer gehalten wurden, die das
Wohlfahrtssystem aushöhlen, so wurden Leistungen für Asylsuchende
als schädlicher Abfluss von Mitteln im Wohnungsbereich und bei den
Wohlfahrtsleistungen gesehen. Statt als Menschen in Not, die
vielleicht auch viel einbringen könnten, galten sie als Konkurrenten
um knappe Mittel und Quelle sozialschädlichen Verhaltens. Diese
Themen wurden zunächst von verschiedenen Regierungen in die Welt
gesetzt, aber dann von der britischen Presse begierig aufgegriffen -
mit vorhersehbaren Folgen für die öffentliche Meinung.42
In Umfragen stimmten 67 Prozent der Befragten zu, dass weniger als
ein Viertel der Asylsuchenden echte Flüchtlinge seien. Nach
Forschungsergebnissen der Universität Swansea flüchten die meisten
Asylsuchenden vor Kriegen, suchen sich nicht speziell Großbritannien
aus und haben vor ihrer Ankunft keine Ahnung vom britischen
Sozialsystem. Der Flüchtlingsrat stellte fest, dass es in der
Öffentlichkeit laut Umfragen zwar Mitleid mit Asylsuchenden gibt,
die Zahl der in Großbritannien lebenden Flüchtlinge allerdings um
das Zehnfache zu hoch geschätzt wird. Nach einer Studie dachten die
Befragten, dass Großbritannien 23 Prozent der Flüchtlinge der Welt
beherberge, obwohl die tatsächliche Zahl eher bei zwei Prozent lag.
Und die Mehrheit der Öffentlichkeit, fast zwei Drittel, unterstützte
den Vorschlag der Tories von 2005, die Unterzeichnung der Genfer
Flüchtlingskonvention von 1951 zurückzuziehen. Eine neuere Umfrage
ergab, dass zwei Drittel der Briten glauben, das Land habe ein
»Einwanderungsproblem« und 47 Prozent - doppelt so viel wie in
Europa - befürworten Diskriminierungen gegen legale Einwanderer in
Form beschränkten Zugangs zu Sozialhilfen.43
Der
Rassismus gegen Einwanderer aus Osteuropa, insbesondere die
Hetzkampagnen gegen asylsuchende Roma, hat auch polnische
Arbeitskräfte getroffen und konnte während des Arbeitskampfs in der
Ölraffinerie Lindsey Anfang 2009 begrenzt, aber doch gefährlich Fuß
in der organisierten Arbeiterbewegung fassen. Dort lautete eine der
Hauptparolen: »Britische Arbeit für britische Arbeiter!« Dass
jedoch Argumente der Neuen Rechten zu Einwanderung und Integration
von Teilen der linken Mitte aufgegriffen wurden, hat mit der
ausgeprägten Islamophobie zu tun.
Islamophobie
und die Wiederkehr des »Integrationismus«
Islamophobie
oder muslimfeindlicher Rassismus repräsentiert den Höhepunkt eines
Trends, der sich in den 1990er Jahren entwickelte, als
Muslimfeindlichkeit sich mit einem etwas diffuseren Rassismus gegen
Asiaten mischte. In nördlichen Städten wie Oldham, Burnley,
Bradford und Leeds verband sich der institutionalisierte Rassismus
mit der völligen Zerschlagung der lokalen Wirtschaft durch den
Neoliberalismus und führte zu ernsthaften rassistischen Spannungen.
Die
Stadt- und Bezirksverwaltungen hatten eine Politik faktischer
Trennung bei der Wohnungszuweisung verfolgt, weshalb asiatische
Familien in ärmeren Wohngegenden lebten und von ihren weißen
Nachbarn abgeschnitten waren. Nach Verabschiedung des
Bildungsreformgesetzes von 1988, mit dem eine homogene weiße
christliche Kultur in den Schulen begünstigt werden sollte, begannen
etliche weiße Eltern ihre Kinder von Schulen mit zu vielen
asiatischen Schülern zu nehmen. In einigen Bezirken bestand der
Einzugsbereich fast ausschließlich aus einer ethnischen Gruppe. Die
Arbeitslosigkeit war infolge der Zerstörung arbeitsintensiver
Fertigungsindustrien gestiegen. Davon waren alle Arbeiter betroffen,
aber nicht gleichermaßen, und etwa 54 Prozent der pakistanischen und
Bangladescher Haushalte des Landes waren von Sozialhilfe abhängig.
Rassistische Banden zettelten Streit mit asiatischen Jugendlichen vor
Ort an, dennoch wurde von Polizei wie Medien den asiatischen
Jugendlichen die Schuld dafür in die Schuhe geschoben. Im Februar
2001 machte der Polizeichef von Oldham, Eric Hewitt, die asiatischen
Jugendlichen für den Großteil der rassistischen Gewalt
verantwortlich.
Im
Februar 2001 kam es in den nördlichen Städten zu Aufruhr, nachdem
eine Gang aus 200 weißen Rassisten ein überwiegend von Asiaten
bewohntes Gebiet im Oldhamer Stadtteil Glodwick angegriffen hatte.
Als die Polizei in Aufstandsbekämpfungsmontur Asiaten ins Visier
nahm, die sich gegen den rassistischen Angriff wehrten, kam es zu
einer stundenlangen Schlacht zwischen hunderten von Jugendlichen und
einer Hundertschaft Polizisten. Eine ähnliche Konfrontation fand
statt, als eine Bande von Rassisten und Fußballhooligans, darunter
auch Mitglieder der National Front, Combat-18-Kämpfer und, auch wenn
sie es leugnen, Anhänger der BNP, durch ein von Asiaten bewohntes
Gebiet in Burnley marschieren wollten. Als die Einwohner sich
versammelten, um den Marsch zu verhindern, rückte Aufstandspolizei
gegen sie vor und es kam zu einer weiteren Aufstandsnacht. Ähnliches
ereignete sich in Bradford.
Die
offizielle Antwort, der Bericht des Leiters der
Untersuchungskommission Ted Cantle, machte die »Selbstabschottung«
der verschiedenen Gemeinschaften verantwortlich und lobte den
Stadtrat von Oldham für den Versuch, den sozialen Zusammenhalt der
Stadt zu fördern. In dem Bericht gab es eine systematische
Weigerung, rassistische Unterdrückung wahrzunehmen. Qua Implikation
wurden die »Gemeinden« als symmetrisch gesehen und das Problem war
demnach nur, miteinander klarzukommen. Die vorgeschlagenen Lösungen
bestanden nicht darin, Wege zur Bekämpfung rassistischer
Unterdrückung aufzuzeigen, sondern gemeinsame »Werte« auf der
Grundlage einer britischen Staatsbürgerschaft zu entwickeln. Die
Regierung interpretierte das so, dass vor allem
Minderheitsgemeinschaften ihre Hausarbeit machen müssten.
Innenminister David Blunkett schlug vor, einen »Britischtest« für
Neuankömmlinge einzuführen, und sagte britischen Asiaten später,
sie müssten zu Hause Englisch sprechen, wenn sie sich ernsthaft
integrieren wollten. Damit waren die Themen gesetzt, die dann von
denen aufgegriffen wurden, die später auf Muslime einprügelten.44
Der
Aufstieg des muslimfeindlichen Rassismus wurde in unzähligen Studien
dokumentiert.45
Eine Studie aus dem Jahr 2004, verfasst von der Kommission für
britische Muslime und Islamophobie, zeigte ein ganzes Spektrum von
Diskriminierungen auf, darunter den fehlenden Rechtsschutz, den
andere Religionsgemeinschaften genießen, Diskriminierung auf dem
Arbeitsmarkt, Feindseligkeit gegen Muslime in den Medien und verbale
wie physische Angriffe auf Muslime. Eine Umfrage des Britischen
Meinungsforschungsinstituts ergab kürzlich, dass 45 Prozent glauben,
»religiöse Unterschiede« seien schädlich für Großbritannien.
Fünfundfünfzig Prozent äußerten sich gegen den Bau einer großen
Moschee in ihrem Stadtviertel verglichen mit nur 15 Prozent, die
etwas gegen den Bau einer großen Kirche hätten. Nur ein Viertel
äußerte »positive« Gefühle über Muslime, während ein Drittel
sagte, Muslime seien ihnen »gleichgültig«.46
Die Medien tragen in erheblichem Maß Verantwortung für dieses
Ergebnis. Im Jahr 2007 ergab eine Untersuchung von Schlagzeilen
überregionaler Zeitungen im Verlauf einer einzigen Woche, dass 91
Prozent der auf Muslime bezogenen negativ waren.47
Dieser
Trend hat sich durch den Krieg gegen den Irak noch einmal zugespitzt.
Eine detaillierte Untersuchung der britischen Druckmedien (vor allem
der Qualitätspresse, unter Ausschluss besonders ätzender Blätter
wie der
Express und
der Star)
ergab, dass die größte Kategorie der islambezogenen Geschichten im
Jahr 2003 von Terrorismus, Terrorismusbekämpfung und »Extremismus«
handelte. Solche Berichte kreisten um Bedrohung der Sicherheit
Großbritanniens durch britische Muslime, die Bedrohung der
akzeptierten »britischen Werte« und die Erzeugung von Spannungen
aufgrund ihrer kulturellen Differenzen zu anderen Briten. Die Studie
ergab auch, dass vor dem 11. September 2001 in den Medien eher nicht
über Muslime diskutiert wurde, weil sie keinen Nachrichtenwert
besaßen. Gab es jedoch Berichte, wurden Muslime im Rahmen von
»Fundamentalismus«, Kriminalität, muslimischer Politik, den
Auswirkungen muslimischer Schulen, Zwangsheirat und - zunehmend -
»Ehrenmord« diskutiert, also eher im Sinne einer
Nichtkompatibilität mit der Mehrheitskultur. Die Konstruktion dieser
Nachrichten tendierte dahin, Muslime als prinzipiell im Konflikt mit
einer wünschenswerten Norm darzustellen.48
Auch das sollte eine Warnung sein, die Feindseligkeit gegenüber
Muslimen reduziert als Ergebnis des »Kriegs gegen Terrorismus« zu
sehen.
Die
gegenwärtige Welle von Islamophobie hat durch die Politik der
europäischen Regierungen unter dem Vorzeichen der »Integration«
von Minderheiten, insbesondere Muslimen, einen offiziellen Anstrich
bekommen. Als Teil des staatlichen Vorgehens gegen politisch lästige
Einwanderergemeinden hat sich ein Muster von Maßnahmen wie
Sprachtests, Loyalitätstests und im Falle eines deutschen
Bundeslands sogar Fragen nach privaten Ansichten in Bezug auf
Sexualität herausgeschält. New Labour hat eine Reihe von
Initiativen zur Förderung der Integration muslimischer Gemeinden
ergriffen. So wie Asiaten früher herausgepickt wurden, um ihnen
beizubringen, welche Sprache sie zu sprechen haben, wen sie heiraten
und welche Werte sie vertreten sollten, hat die Regierung sich
zunehmend auf die angeblich mangelnde Integrationsbereitschaft von
Muslimen eingeschossen, vor allem nach den Anschlägen auf die
Londoner U-Bahn am 7. Juli 2005.49
Zum
Musterbeispiel wurde die Antwort der Regierung auf den
Macpherson-Bericht über den Umgang der Polizei mit dem Mord an
Stephen Lawrence. Der Innenminister David Blunkett protestierte gegen
die Vorstellung von einem »institutionellen Rassismus« in
Großbritannien und wandte sich gegen Vorschläge in dem Bericht für
eine antirassistische Bildung, weil die Briten schon zu lange ihre
Kultur geringgeschätzt hätten. Seiner Ansicht nach »müssen wir
den Stolz auf das, was wir haben, wieder stärken«. Dieses Programm
wurde mit einem Weißbuch von 2002 fortgesetzt, in dem behauptet
wurde, dass der Zustrom von Migranten »Spannungen« verursacht habe,
die durch ein »gemeinsames Gefühl der Zugehörigkeit und Identität«
überwunden werden müssten, im Gegensatz zum alten Kanon der
kulturellen Verschiedenheit. Das sollte durch Einbürgerungstests,
Sprachtests und Ablegung des Eids auf die Königin erreicht werden.50
In
der Folge gab es Bemühungen, die schwindende Popularität der
Regierung mit plumpen Appellen an Nationalismus aufzuhalten. Gordon
Brown verkündete im Januar 2005, es sei Zeit, mit den
Entschuldigungen für das Britische Reich aufzuhören: »Wir sollten
unsere Vergangenheit eher feiern, als uns für sie zu entschuldigen«,
sagte er. »Und wir sollten über dauerhafte britische Werte reden,
weil sie für einige der größten Ideen der Geschichte stehen:
Toleranz, Freiheit, Bürgerpflicht, die in Großbritannien blühten
und die übrige Welt beeinflussten.«51
Das ist eine Vision von »Britischsein«, die eine große Zahl von
Briten abstoßend finden würden: Es konnte kaum erwartet werden,
dass die Nachkommen afrokaribischer, pakistanischer, bengalischer und
indischer Einwanderer dem zustimmen würden.
Nach
dem 7. Juli wurde die Förderung »britischer Werte«, die immer sehr
nebulös definiert wurden, zur obersten Priorität erhoben. Blair
bestand im Gegensatz zu Geheimdienstberichten und der öffentlichen
Meinung darauf, dass die Angriffe auf London nichts mit dem Krieg im
Irak zu tun gehabt hätten. Sie seien, sagte er, motiviert durch eine
»Ideologie des Bösen«, eine Perversion von Islam. Muslime wurden
mit der Aufgabe betraut, »dieses Böse in der muslimischen Gemeinde«
mit Stumpf und Stiel auszurotten, und er versuchte, »gemäßigte«
muslimische Führungspersonen für diese Aufgabe zu gewinnen. Die
Botschaft lautete, dass die einzig akzeptablen »gemäßigten«
Muslime in den Augen der Regierung diejenigen sind, die kein Wort der
Kritik an der Regierungspolitik äußern. Das wurde noch durch die
Reaktion auf einen Brief von drei muslimischen Abgeordneten betont,
die die Außenpolitik Großbritanniens kritisierten. Die Regierung
sagte, das sei »Munition für Extremisten«, während die
Labour-freundliche Tageszeitung Daily
Mirror »muslimische
Erpressung«
kreischte.52
Während
jedoch Muslime als besonders integrationsunfähig an den Pranger
gestellt wurden, demonstrierten britische Muslime in Umfragen
größeren »Patriotismus« als ihre nicht muslimischen Mitbürger.
Zum Beispiel fand eine Gallup-Umfrage vom Mai 2009 heraus, dass 77
Prozent der Muslime sagten, sie »identifizieren sich mit
Großbritannien«, verglichen mit nur 50 Prozent der
Allgemeinbevölkerung - dasselbe Muster wiederholte sich übrigens
in ganz Europa.53
Solch ein Ausdruck von Loyalität kann teils als defensive Antwort
auf offiziell erfahrene Schmach interpretiert werden. Und die
Tatsache, dass solche Fragen an Muslime gerichtet werden, weist schon
an sich auf die Atmosphäre eines Tribunals hin. Wenn jedoch eine
Hälfte der Öffentlichkeit sich nicht so wahnsinnig Gedanken macht
über Patriotismus oder Loyalität, warum sollten Muslime dann anders
sein? Die Forderung nach »Integration« ist heuchlerisch und soll
letztendlich Menschen politisch zum Schweigen bringen.
Liberale
haben viel zu oft dieser besonderen Form von Rassismus Ansehen
verliehen. Nach den Attentaten im Jahr 2001 begann die linke Mitte
Argumente von nationaler Identität und Immigration zu verfechten,
mit denen sie die Neue Rechte nachäffte. David Goodhart,
Leitartikler und Herausgeber des Magazins Prospect,
kramte
Argumente von Powell wieder hervor, wonach der Sozialstaat durch
übermäßige Vielfältigkeit bedroht sei. Er betonte, dass der
wohlfahrtsstaatliche Konsens bedroht sei, weil die Menschen weniger
bereit seien, Mittel zur Unterstützung von Menschen zur Verfügung
zu stellen, die anders als sie seien und deren Werte sie nicht
teilten. Das Fazit lautete, die Regierung solle nicht nur die Grenzen
kontrollieren, sondern müsse härter daran arbeiten, Minderheiten zu
»integrieren«. Deshalb applaudierte er David Blunkett mit seiner
Forderung, dass asiatische Familien auch zu Hause Englisch sprechen
sollten. Er verlieh der Angst Ausdruck, dass »wir in zwanzig Jahren
aufwachen und feststellen werden, dass wir eine Gesellschaft
US-amerikanischen Stils geworden sind mit scharfen ethnischen
Spannungen und einem schwachen Sozialstaat«.54
Trevor
Phillips von der Kommission für Rassengleichstellung (jetzt die
Kommission für Gleichstellung und Menschenrechte) verurteilte
anfangs Liberale vom Schlage Goodharts als »liberale Powellisten«,
später jedoch revidierte er seine Position und gab den Rat, jetzt
endlich »Multikulturalismus« aufzugeben, weil dieser »Trennungen«
impliziere. Er sagte, es sei notwendig, für einen »Kern von
Britischsein« zu kämpfen, der die Gesellschaft vereine, und wurde
von der liberalen Kolumnistin Polly Toynbee verteidigt. Er warnte
davor, dass Großbritannien mit der Entwicklung »ausgewachsener
Ghettos schlafwandelnd in die Segregation« gehe. Als Antwort auf
diese Art alarmistischer Behauptungen legten zwei Experten der
Universität Manchester eine Studie vor, die ergab, dass es keinen
Beweis für das Auseinanderfallen der Gesellschaft entlang rassischer
Linien gab. Denn die meisten jungen Menschen aus
Minderheitengemeinden hatten zur Hälfte oder mehr weiße Freunde,
weniger als ein Fünftel der in Großbritannien geborenen
Minderheiten hat Freunde nur in ihrer Kohorte (viel weniger als
Weiße), und asiatische Muslime, Sikhs und Hindus heiraten ebenso
häufig jemand außerhalb ihrer Gruppe wie weiße Christen.55
In
dem Maße, wie Liberale in diesen Diskurs eingestiegen sind, fühlte
sich die Rechte sehr viel selbstbewusster, diese Themen für sich zu
nutzen. Lord Carex verkündete beispielsweise, dass Migration die
»DNA« der Nation bedrohe. Diese »DNA« bestand seiner Ansicht nach
aus »liberalen demokratischen Werten«, die von »demokratischen
Institutionen wie der Monarchie, dem Parlament, der Justiz, der
Kirche von England, unserer freien Presse und der BBC« hochgehalten
werden. Er sagte weiter, »einige Gruppen von Zuwanderern stehen
solchen Institutionen zwiespältig gegenüber oder sind ihnen sogar
feindlich gesinnt«. Er forderte auch eine Kampagne, um den für die
nächsten 20 Jahre prognostizierten Bevölkerungszuwachs in
Großbritannien von 15 Prozent zu verhindern. David Cameron
unterstützte die Forderung und behauptete, solch ein hoher
Einwanderungsgrad würde zulasten der öffentlichen Dienstleistungen
gehen. Camerons Hauptpolitik mit Blick auf die anstehenden Wahlen
besteht in scharfen Einschnitten bei öffentlichen Ausgaben!
Abgesehen von der Tatsache, dass Migranten nicht nur öffentliche
Dienstleistungen in Anspruch nehmen, sondern arbeiten und Steuern
zahlen können, wird der Großteil des künftigen
Bevölkerungswachstums auf Geburten, nicht Einwanderung
zurückzuführen sein. Im Allgemeinen sind Migranten gebildet und
beruflich qualifiziert und bringen mehr Steuern auf, als sie an
öffentlichen Dienstleistungen und staatlichen Zuwendungen
verbrauchen.56
Die
strukturelle Logik der liberalen Feindseligkeit gegen den Islam ist
zudem fast identisch mit der von Kräften, die sehr viel weiter
rechts stehen. Grundsätzlich funktioniert sie wie folgt: Wir haben
nichts gegen den Islam, nur gegen Extremismus. Aber zufällig ist der
Islam an sich extrem, deshalb ist es notwendig, Muslime zu
disziplinieren und Europa vor einer Überbevölkerung mit Muslimen -
sei es durch Geburten oder Einwanderung - zu schützen.
Manchmal
sind die Bedenken gegen Muslime anscheinend rein humanitärer Art,
vor allem, wenn Liberale gegen die Unterdrückung von muslimischen
Frauen wettern. Indem jedoch patriarchale Aspekte des Islams selektiv
in den Vordergrund gerückt werden, haben islamophobe Liberale
faktisch in Diskurse eingestimmt, die das Leben muslimischer Frauen
erschweren. Einige waren sogar bereit, eine diskriminierende
Beschäftigungspraxis zu verteidigen. Denkt an den Fall von Bushra
Noah, der eine Stelle in einem Friseursalon verweigert wurde, weil
sie einen Hidschab trug. Sie bekam vom Gericht bestätigt, dass sie
Opfer von Diskriminierung war, was unzufriedene Äußerungen von
einigen Liberalen nach sich zog.
Der
vorgeblich humanitäre Ansatz von Liberalen, die sich über die
Lebensbedingungen von Frauen mit Hidschab oder Nikab Sorgen machen,
ist verwoben mit einer Moralhysterie über Muslime, die »nicht zu
uns passen«. Für Liberale wie für Reaktionäre ist der »Schleier«
Zeichen für kulturellen Separatismus, islamistische Agitation und
letztendlich terroristische Absichten. Joan Smith zum Beispiel
reichert ihre feministisch begründete Ablehnung von Nikab und Burka
mit der schrillen Verurteilung von angeblichem Separatismus an. Zum
Beispiel behauptet sie, dass es »kaum eine andere Art von Kleidung
gibt, die so stark politisiert ist - oder die Zurückweisung der
Mehrheitskultur so deutlich zum Ausdruck bringt«.57
Was
Smith jedoch mit der »Zurückweisung der Mehrheitskultur« meint,
zeigt sich, wenn sie von Islamisten redet, die Terrorakte aushecken,
während sie »gewissen Erfolg haben, muslimische Frauen vom Tragen
des Nikabs und Dschilbabs« zu überzeugen.
In einer paranoiden Wendung ihrer Fantasievorstellungen behandelt
Smith solche Kleidung,
als sei sie die
Erweiterung einer »islamistischen« Agenda, um die liberale
Demokratie zu unterwerfen.58
Auch das ist ein gesamteuropäischer Trend. Die feministische
Schriftstellerin Joan Wallach Scott hat beschrieben, wie in
Frankreich der »Schleier« als »Feindesfahne« in der Republik
dargestellt wird.59
Die Versuche der Regierung Sarkozy sind der Beweis dafür.
Die
Konstruktion eines Islams als »innerer Feind« geht über in ein
gefährliches Argument, dass Muslime Europa allein kraft ihrer Zahl
»kolonisieren«. Lord Pearson, der Führer der Unabhängigkeitspartei
des Vereinigten Königreichs (UKIP), behauptet, Großbritannien
werde
angesichts der derzeitigen Geburtenraten
bei Muslimen in zehn oder zwanzig Jahren seine Fähigkeit verlieren,
sein »eigenes« System der Regierungsführung zu bestimmen.60
Niall Ferguson hat von der »schleichenden muslimischen Kolonisierung
der europäischen Städte« gesprochen.61
In
ganz Europa schöpft die rechtslastige Feindschaft gegen Muslime aus
solchen Behauptungen. Zum Beispiel hat die Lega Nord in Italien eine
Anzeigenkampagne organisiert, in der die Folgen der »Einwanderung«
auf die amerikanischen Ureinwohner gezeigt wird: »Jetzt leben sie in
Reservaten«, heißt es auf dem Plakat.62
Die
Metapher der Kolonisierung wurde bildlich dramatisiert durch die
erfolgreiche Schweizer Kampagne für ein Minarettverbot. Auf den
Kampagnenplakaten wurde eine Schweizer Flagge gezeigt, die vom einen
zum anderen Ende mit bedrohlichen schwarzen Minaretts bedeckt war. Im
Vordergrund war eine »verschleierte« Muslima zu sehen, ebenfalls in
Schwarz.
Dieses
Gerede auf eine demagogische Spitze getrieben erklärt die BNP, die
»islamische Kolonisation« Großbritanniens
laufe auf einen »unblutigen Genozid« hinaus.63
Die Rede von der Kolonisation beinhaltet, dass die angemessene
Antwort ein »nationaler Befreiungskampf« sei. Mit solch einer
kriegerischen Konnotation mögen die liberalen Islamophoben sich
nicht anfreunden können, aber das ist die Botschaft, die von den
Möchtegernbombern der extremen Rechten begierig aufgegriffen wird.
Der Neonazi Martin Gilleard, der Nagelbomben für solch einen Kampf
bastelte, sagte: »Macht
euch keine Illusionen, wir sind im Krieg. Und das ist ein Krieg, den
wir böse verlieren [...]
Es macht mich krank und ich bin es
müde zu hören, wie Nationalisten davon reden, Muslime zu töten,
oder Moscheen zu sprengen, Widerstand zu leisten [...]
Die Zeit,
Reden
zu schwingen,
ist vorbei, jetzt muss gehandelt werden.«64
Ein
Gründer der English Defence League (EDL) empfindet ähnlich. In
einem Kommentar über hetzerische Graffiti an einem indischen
Restaurant behauptete er: »Ich persönlich warte auf den Tag, da wir
Nachrichten über Kriegshandlungen gegen die moslemische Gemeinde
verbreiten und nicht nur Graffiti.«65
Diese
Nahtstellen zwischen
der autoritären Politik der europäischen Staaten, der
Medienpropaganda und den rassistischen Prioritäten der
Rechtsextremen haben zur Anhebung des Profils
fremdenfeindlicher und regelrecht faschistischer Parteien auf dem
ganzen Kontinent beigetragen. In Italien teilt sich die Lega Nord die
Macht in einer hart rechten Koalition. In Belgien ist der weit rechts
stehende Vlaams Belang die größte Einzelpartei. In Dänemark ist
die Dänische Volkspartei die drittstärkste Partei und regiert in
einer
Koalition mit der rechtsliberalen
Konservativen
Volkspartei. In Holland ist die zweigrößte Partei die
»Freiheitspartei« von Geert Wilders. Und in Großbritannien stehen
wir vor der doppelten Bedrohung eines Wahlaufschwungs der BNP und
hässlichen Gewaltäußerungen
auf der Straße
durch verschiedene rechtsradikale Aktivisten und rassistische
Hooligans,
die als EDL firmieren.
Die
Rechtsextremen
Die
Rechtsextremen
in Großbritannien haben zurzeit die besten Wahlergebnisse seit dem
Zweiten
Weltkrieg. Die BNP hat die besten Ergebnisse der National Front Mitte
der 1970er Jahre noch übertroffen. Bei den landesweiten Wahlen im
Jahr 2001 konnte die Partei insgesamt 47.129 Stimmen gewinnen,
überwiegend in lokalen Nischen des Nordostens
und
nach
rassistischen Krawallen. In den landesweiten Wahlen des
Jahres
2005 war
die Zahl
bereits auf 192.746 Stimmen gestiegen. Bei der Londoner Wahl von 2008
gewann die Partei mit 130.714 Stimmen
zum ersten Mal einen
Sitz in der Ratsversammlung. Und bei den Wahlen zum Europäischen
Parlament brachte die BNP zwei Abgeordnete durch
und erhielt landesweit 943.598 Stimmen. Vom Beginn bis
zum
Ende des vergangenen Jahrzehnts
hatte die BNP mit anderen Worten ihre Gesamtstimmenzahl um über
2.000 Prozent auf fast eine Million Stimmen gesteigert. Im Jahr 2008
hatte die Partei über 10.000 Mitglieder.66
Dieses
gute Abschneiden ist erst recht schockierend angesichts der
schismatischen Natur rechtsextremer
Politik und der
Spaltungen, die
die
BNP in den vergangenen Jahren erlebte.
Es
gab immer eine Tendenz, die Unterstützung für die BNP auf
unzufriedene »weiße Arbeiter« zu reduzieren, zu denen angeblich
ehemalige Labour-Anhänger gehören, die mit der nachsichtigen
Haltung der Partei zur Einwanderung nicht einverstanden seien. Die
Schlussfolgerung einiger Labour-Minister
lautet, dass die Partei
die
»politisch
korrekte« Gleichstellungsgesetzgebung aufgeben und weiße Arbeiter
ansprechen sollte
durch Zugeständnisse an eine
einwanderungsfeindliche Stimmung.67
Eine Studie, die sich auf verschiedene Umfragen stützte, scheint
dieses Bild bis zu einem
gewissen Grad zu bestätigen. Darin werden typische BNP-Unterstützer
als weiße Männer mittleren Alters identifiziert, die in
Facharbeiterberufen
tätig sind. Sie sind nicht unbedingt die ärmsten Arbeiter, aber
typischerweise
die am meisten gekränkten. Im Gegensatz zu NF-Unterstützern in den
1970er Jahren
sind sie älter, haben weniger Sympathien für die konservative
Tory-Partei
und sind
viel
wütender über den Zustand der Gesellschaft. Sie teilen signifikante
demografische Kriterien mit Labour-Unterstützern und »52 der 58
Ratssitze, die die BNP seit
2005 gewonnen
hat,
gingen auf Kosten von Amtsinhabern der Labour-Party.«68
Andere
Studien kommen allerdings zu anderen Ergebnissen. An erster Stelle
ist hier die Democratic
Audit
Study
aus dem Jahr 2004 zu erwähnen, die ergab, dass die Mehrheit
der BNP-Wähler eher ehemalige Tories sind als ehemalige
Labour-Anhänger. »Tatsächlich gewinnt die BNP am meisten von den
Konservativen und am wenigsten von Labour«, heißt es. In der Studie
wird die Klassenherkunft faschistischer Wähler, von denen eine
überproportional große Zahl aus der »unteren Mittelschicht«
stammt, auch komplexer dargestellt.69
Eine weitere Studie, diesmal von YouGov im vergangenen Jahr,
war breit
genug
angelegt,
um einen
repräsentativen Querschnitt der BNP-Wähler darzustellen. Hier wurde
bestätigt, dass die BNP zwar erheblich in die Arbeiterklasse
eindringen konnte, ihre Wähler in der Vergangenheit dennoch
mehrheitlich konservativ gewählt hatten und nicht Labour.70
In der Tat ist die traditionelle Basis der Labour Party, die
organisierte Arbeiterbewegung, am resistentesten von allen
gesellschaftlichen Gruppen gegen Ideen der BNP.71
Ein
anderes Klischee lautet, dass BNP-Wähler nicht so sehr Rassismus
äußern als Unzufriedenheit mit der Zahl der Einwanderungen, oder
eine diffuse Wut über ihre schwindenden wirtschaftlichen Aussichten.
Philip Davies, Tory-Abgeordneter für Shipley, behauptet, dass die
»meisten« BNP-Wähler »nicht Rassisten« seien.72
Tatsächlich ergab die YouGov-Studie, dass die Mehrheit der
BNP-Wähler, etwa 72 Prozent, die »freiwillige« Rückführung von
Einwanderern unterstützt, wie sie im Wahlprogramm der BNP gefordert
wird und was ein wichtiger Eckstein ihres Programms für ein
»reinweißes Großbritannien« darstellt. Vierundneunzig Prozent
möchten, dass die Einwanderung ganz beendet wird, und 58 Prozent
schreiben den Einwanderern die meisten Verbrechen zu. Nur 35 Prozent
der BNP-Wähler stimmen zu, dass nicht weiße britische Bürger, die
in diesem Land geboren wurden, genauso »britisch« sind wie ihre
weißen Mitbürger. Das ist eine Schicht von Menschen, die ein Land
nicht mit schwarzen oder asiatischen Menschen teilen wollen. Eine
signifikante Zahl von ihnen ist auch bereit, ausdrücklich
Strafmaßnahmen gegen nicht weiße Briten zu unterstützen, und 49
Prozent möchten, dass Arbeitgeber aufgrund von »Rasse«
diskriminieren sollen.
BNP-Wähler
glauben auch überproportional an antisemitische
Verschwörungstheorien, 9 Prozent glauben, dass es eine
internationale Verschwörung von Juden und Kommunisten gibt, um die
christlichen Werte in westlichen Ländern auszuhöhlen. Weitere 24
Prozent glauben, dass es solch eine Verschwörung gibt, ihr Ausmaß
aber »übertrieben« wird. Dabei handelt es sich nicht einfach um
harte rassistische Ideen. Sie sind sogar noch extremer als das, was
die BNP der Öffentlichkeit präsentieren würde.73
BNP-Wähler
neigen auch dazu, einen Opfermythos zu formulieren, wonach die
»echten« Opfer von Rassismus weiße Menschen sind.
Bestärkt
werden
sie dabei von
Medien und Politikern,
die sich heuchlerisch
über die »weiße Arbeiterklasse« auslassen. Laut YouGov-Umfrage
glauben 77 Prozent der BNP-Wähler,
dass Weiße diskriminiert werden. Siebzig Prozent glauben, Muslimen
kämen unfaire Vorteile zugute,
und 62 Prozent glauben, dass Nichtweiße im Allgemeinen bevorzugt
werden. Damit knüpft die BNP aber an viel breitere Schichten an. Der
Glaube, dass Weiße die Opfer von
Diskriminierung sind, erhielt mit 40 Prozent die höchste
Zustimmungsquote, 39 Prozent glauben, dass Muslime unfair bevorteilt
werden,
und 36 Prozent glauben, Nichtweiße erhielten unfairerweise
Sozialhilfen. Vierundvierzig Prozent glauben, der Islam sei selbst in
seinen gemäßigteren Formen eine »ernsthafte Gefahr« für die
»westliche Zivilisation«. Einundsechzig Prozent der Öffentlichkeit
teilen die Auffassung, die Einwanderung nach Großbritannien
müsse ganz unterbunden werden.
Über ein Viertel wünschen
sich,
dass die Regierung »Migranten und ihre Familien ermutigt«,
Großbritannien zu verlassen, selbst wenn sie hier geboren
wurden. Natürlich sind es die weit rechts stehenden Wähler, die
diese Ansichten vertreten, aber sie werden auch von einer nicht
unerheblichen Zahl von Labour-Anhängern
geteilt. Beachtet die Überschneidung zwischen den rassistischen
Haltungen gegen Muslime und dieselbe Einstellung zu anderen
Minderheiten. Das sind keine getrennten, sondern parallele
Phänomene.74
Die
Art des Herantretens der BNP an künftige Wähler wurde entscheidend
durch das über den »Krieg
gegen Terror« geschaffene neue internationale politische Klima
begünstigt. In dieser Hinsicht imitiert sie fremdenfeindliche und
faschistische Parteien in ganz Europa, indem sie das Sperrfeuer auf
Muslime umlenkt und ihre Botschaft entsprechend zuschneidet, um
öffentliche Äußerungen von Antisemitismus zu vermeiden.
Zum ersten Mal
in ihrer Geschichte äußert
sie sogar
Unterstützung für den Staat Israel. Das erste Zeichen
einer Änderung gab es im Jahr 2006, als Lee Barnes, der Justiziar
der BNP, diese Position mit Blick auf den Einmarsch Israels in den
Libanon darlegte: »Ich
unterstütze Israel zu
100
Prozent bei seiner Auseinandersetzung mit der Hisbollah. [...]
Ich hoffe, sie radieren die Hisbollah von der libanesischen Landkarte
und bomben sie aus, bis nur noch große fettige Krater in den Städten
übrig bleiben, wo vorher ihre islamisch-extremistischen
Terrorquartiere standen.«
Die Partei erklärte,
aus Gründen »nationalen
Interesses
mit
Stolz« an der Seite Israels zu stehen: Israel sei Teil einer
»westlichen, wenn nicht
europäischen« Zivilisation, und seine Gegner »versuchten die Welt
zu erobern und sie ihrer Religion zu unterwerfen«. In einem Artikel
auf der BNP-Webseite wurde erklärt, die Partei habe »die Fußfesseln
der Verschwörungstheorien und den kaum verhüllten Antisemitismus,
der die Partei zwei Jahrzehnte lang zurückhielt, abgeschüttelt«.
Der Parteiführer der BNP, Nick Griffin, erklärte die neue Strategie
und schalt jene, die weiterhin Juden in den Mittelpunkt stellen
wollten, indem er sagte: »Wir sollten uns so positionieren, dass wir
für unsere Zwecke die wachsende Welle öffentlicher Feindseligkeit
gegen den Islam, wie sie durch die Massenmedien aufgepeitscht wird,
nutzen können.«75
Daraus
folgte aber nicht die Unterstützung des »Kriegs gegen Terror«,
auch nicht notwendigerweise die ausdrückliche Befürwortung
israelischer Aggression. Die BNP äußerte sich gegen die Kriege in
Afghanistan und im Irak und erklärte sich zur »einzigen Partei, die
ernsthaft für den sofortigen Abzug aus Afghanistan eintritt«.
Gleichzeitig nutzt sie aber soldatenfreundliche Stimmungen und stellt
sich in Gemeinden, wo Soldaten gestorben sind, zur Wahl. Griffin
tauchte sogar in dem Marktflecken Wootton Bassett auf, wo regelmäßig
Paraden an den Särgen gestorbener Soldaten abgehalten werden. Bei
der Operation »Gegossenes Blei« der israelischen Armee gegen Gaza
im Januar 2009 erklärte Nick Griffin seinen Unterstützern, dass es
zwar im allgemeinen Interesse Großbritanniens liege, wenn Israel
seine Gegner schlage, die BNP aber keine Meinung zu Israels Angriff
auf Gaza habe, weil es nicht die Angelegenheit Großbritanniens sei,
wie die beiden Seiten miteinander umgehen.
Wenn
die BNP sagt, die Truppen sollten zurückgebracht werden, um die
Grenzen Großbritanniens zu bewachen, versucht die BNP eine rechte
Antikriegsstimmung aufzugreifen, deren Kern lautet, dass
Großbritannien weder zu Hause noch sonst wo etwas mit Muslimen zu
tun haben sollte. Offensichtlich repräsentiert dies nicht eine
Konversion zum Antiimperialismus. Die BNP geht zurück auf eine
Nachkriegsorganisation namens League of Empire Loyalists, und auf
ihrer Website »British Pride« feiert sie das Britische Reich als
»edles« und »gütiges« Unterfangen. Was die BNP kennzeichnet, ist
erstens ihre Feindseligkeit gegenüber den Vereinigten Staaten und
zweitens ihre Anpassung an die Wende vom ausdrücklich prokolonialen
Rassismus zu einem konservativeren weißen Nationalismus. Die
Behauptung, dass muslimische »Kolonialisten« in Großbritannien
einen »Völkermord ohne Blutvergießen« verüben, spiegelt die
Absicht der Militarisierung der britischen Gesellschaft wider, aber
auf eine ganz andere Weise als die von der Regierung angestrebte.76
Um
die »von den Massenmedien geschürte öffentliche Feindschaft gegen
den Islam zu nutzen«, ist es unter den Rechtsextremen zu einer
Arbeitsteilung gekommen. Lee Barnes hat erklärt: »Die BNP hat kein
Interesse daran, zu Straßenaktivitäten zurückzukehren, deshalb ist
der Weg frei für die National Front, in Großbritannien die
Hauptorganisation zur Organisierung von Nationalisten zu werden, die
nicht an Wahltaktiken interessiert sind, sondern an
Straßenaktivismus.« Tom Linden, ein Organisator der National Front,
hat das erstaunlich ähnlich formuliert. Die Formierung der English
Defence League, die erklärtermaßen eine Antwort auf den
»islamischen Extremismus« ist, repräsentiert hier eine Chance. Die
EDL und die BNP halten formell organisatorische Distanz. Beide geben
sich gleichermaßen angewidert über die Idee, dass sie irgendetwas
miteinander zu tun haben könnten. Die EDL leugnet, dass sie wie die
BNP rassistisch sei, und die BNP ist so weit gegangen, die EDL zu
beschuldigen, »im Dienste des Zionismus« zu stehen.
Die
Wahrheit ist jedoch, dass die beiden Organisationen auf verschiedene
Weise miteinander verbunden sind. Chris Renton, einer der wichtigen
EDL-Organisatoren, ist bekannter BNP-Aktivist. Davy Cooling, ein
Mitglied der BNP, ist ebenfalls aktiv in der Hooligangruppe »Men in
Gear« (Ledermänner) und ein Hauptaktivist der EDL-»Division« in
Luton. Sean Corrigan, der das EDL-Onlineforum betreibt, ist
BNP-Aktivist von St. Albans. Etliche Mitglieder der BNP wurden auf
EDL-Protesten gesehen. Die EDL akzeptiert auch Nazis anderer Couleur
wie die »Britische Freiheitsbewegung« und gibt offen zu, dass
gewalttätige Mitglieder von Combat 18 an ihren Protesten teilnehmen.
Einer ihrer Hauptfinanziers und Hauptstrategen ist ein weit rechts
stehender Geschäftsmann namens Alan Lake, der zuvor mit den
faschistischen »Schwedischen Demokraten« zusammengearbeitet hat.77
Wie
es aussieht, wird das organisatorische und »intellektuelle«
Rückgrat von organisierten Nazis gestellt, während die Fußtruppen
aus dem Fußballmilieu und anderen gewalttätigen rechten Gruppen
kommen, die aber nicht unbedingt Nazis sind. Das ist nicht das erste
Mal, dass solch eine Taktik verfolgt wurde. Die National Front hatte
in den 1970er Jahren die Skinheadszene und Gruppen von
Fußballhooligans infiltriert und aktiviert, um die Linke und
zugewanderte Minderheiten anzugreifen. Das entspricht auch der
allgemeinen Taktik von faschistischen Organisationen,
paramilitärische Gruppen, von denen viele ideologisch keine harten
Faschisten sind, als Waffe gegen Gegner und als
Sozialisierungseinrichtung zu nutzen, die dazu beitragen können,
einen disziplinierten faschistischen Kader aufzubauen.78
Das ist einer der Gründe, warum es ein Fehler ist, die EDL einfach
als Schläger abzutun, als Angelegenheit der öffentlichen Ordnung,
für die die Polizei zuständig ist.
Schlussfolgerung
Der
Umschwung innerhalb eines Jahrzehnts von der optimistischen Stimmung
nach der Untersuchung des Todes von Stephen Lawrence, der 1993 von
Rassisten ermordet wurde,79
zur heutigen desolaten Lage war nicht unvermeidlich. Zu einem
erheblichen Grad wurde Rassismus durch Politik und Medienreaktionen
befördert. Im Gegensatz zu den unhistorischen Analysen von
Rassismus, die darin eine instinktive Reaktion auf »Anderssein«
sehen - und durch Naturalisierung von Rassismus die Kritik daran
untergraben -, ist Rassenzuschreibung ein politischer Akt, und
Rassismus eine politische Unterdrückungsstruktur. In diesem Sinne
ist die Wiederauferstehung des Powell'schen Rassismus, der »neue
Rassismus«, das Ergebnis verschiedener Regierungsstrategien für den
Umgang mit unliebsamen Minderheiten, damit Einwanderung zugunsten der
Kapitalakkumulation wirkt, und der Entpolitisierung von
Antirassismus, damit er nutzbar wird für den Neoliberalismus.
Es
wäre jedoch ein Fehler, das als einen Prozess zu sehen, der nur von
oben nach unten verläuft. Rassistische Ideen konnten greifen, weil
sie in gewisser Hinsicht die Erfahrungen der Menschen mit der Welt
erklären, und sie sind besonders populär unter denen, für die die
Welt durch Konkurrenz um knappe Ressourcen strukturiert ist. Diese
Gruppe naturgemäß rechter Wähler ist es, die von der UKIP und der
BNP angezogen werden. Der »Krieg gegen Terror« hat zur
Radikalisierung dieser Ideen beigetragen und ihnen eine gefährlich
Stoßrichtung verliehen, aber diese nicht geschaffen und auch nicht
in erster Linie gespeist.
Um
Rassismus zu bekämpfen, ist es wichtig die Mehrheiten gegen den
Krieg und gegen Rassismus mobilisiert und die benebelnde Propaganda
der rechten Presse muss bekämpft werden. Aber auch der grundlegende
Klassenwiderspruch, der die Gesellschaft strukturiert, und die
Notwendigkeit der Einheit der Arbeiterklasse dagegen müssen
hervorgehoben werden. Mit der tiefsten Rezession seit den 1920er
Jahren, durch die Millionen ihre Arbeitsplätze verlieren werden, die
Lohnsenkung und das Ausweiden von öffentlichem Dienst und
Sozialstaat mit sich bringen wird, wird das zu einer immer
wichtigeren Aufgabe.
Zum
Text:
Der Text erschien zu erst auf Englisch in dem britsichen
Theoriejournal »International
Socialism« (No 126, 15. April 2010). Aus dem Englischen von
Rosemarie Nünning, David Paenson
Fußnoten:
1Guardian,
14. Januar 2010.
2Guardian,
28. Dezember 2009.
3Bhattacharyya,
2009 a & 2009 b.
4Kundnani,
2007, S. 121-140.
5»Essentialisten«
gehen davon aus, dass etwas wesenhaft im Gegensatz zu
gesellschaftlich geprägt ist; R. N.
6Für
die große Seefahrernation war Skorbut lange ein Problem. Damit den
Seeleuten wegen des Vitamin-C-Mangels nicht reihenweise die Zähne
ausfielen, stattete die britische Navy ab 1795 jedes Schiff mit
»Lime Juice«, Zitronensaft, aus. Daher der Spitzname »Limeys«.
7Independent,
2. August 2005.
8Daily
Mail, 30. März 2006; Independent, 9. Juli 2008.
9Scottish
Executive, 2009.
10Crown
Prosecution Service Management Information Branch, 2007.
11Barker,
1981.
12BNP,
2002.
13Wente,
2009.
14Mayell,
2002.
15Liddle,
2009 a.
16Guardian,
12. April 2007.
17Erstaunlicherweise
veröffentlichten einige Zeitungen Statistiken, die im Widerspruch
zu Liddles Behauptungen standen, und behaupteten dennoch, dass diese
ihn stützen würden; Bentham, 2009. Tatsächlich bezogen sich die
Statistiken des Justizministeriums, die Bentham zitiert, nicht auf
die Hauptstadt, was Liddle aber tat, und bestätigten nicht, dass
die »überwiegende Mehrheit von Straßen-, Messer-, Schusswaffen-
und Raubdelikten und Sexualverbrechen« in London oder andernorts
von »jungen Männern aus der afrokaribischen Gemeinde verübt«
wurden. Was die Zahlen zeigten, war, dass in bestimmten
Verbrechenskategorien schwarze Briten überrepräsentiert waren,
während ihre weißen Mitbürger unterdurchschnittlich verhaftet und
vor Gericht gestellt wurden, was etwas völlig anderes ist. In Bezug
auf die Art der Statistiken listet der Parlamentarische Ausschuss
für Inneres (Select Committee on Home Affairs) detaillierte und
umfangreiche Vorbehalte auf. Unter anderem weist es auf Ergebnisse
von Verbrechensstatistiken hin, wonach »männliche Weiße im Alter
von 10 bis 25 Jahren ‚viel eher‘ eine Straftat innerhalb des
vergangenen Jahrs begangen haben als männliche Jugendliche anderer
ethnischer Gruppen (28 Prozent verglichen mit etwa 12 bis 19 Prozent
bei Letzteren)«, während »junge Schwarze«, die einmal eine
Straftat begangen haben, »eher ins Blickfeld der Polizei geraten«.
Siehe Innenministerium, 2007. Zudem gibt es seit Langem
Schwierigkeiten mit der Interpretation solcher Statistiken. Eine
detaillierte Untersuchung des Problems bieten Drew, 1982, und
Walker, 1984.
18Gilroy,
1987, S. 95-104.
19Liddle,
2009 b.
20Jones,
2001, S. 148.
21Kundnani,
2004, S. 105-112; und Kundnani, 2007, S. 44-47.
22Rattansi,
2007, S. 104-105.
23Barker,
1981, S. 54-77.
24Pitts,
2005, S. 133-162; Bogues, 2005, S. 217-234.
25Allen,
1994; Roediger, 2008; Roediger, 1999.
26Esch
und Roediger, 2009, S. 3-43; Jacobson, 2001. Über Rassisierung
und den von den Irisch-Amerikanern verfolgten Weg zum »Weißsein«
siehe Ignatiev, 1995.
27Macmaster,
2001, S. 172-177.
28Macmaster,
2001, S. 177; Joshi und Carter, 1984.
29Hardy,
2009.
30Spencer,
1997, S. 82-133; Macmaster, 2001, S. 177-182.
31Spencer,
1997, S. 133-136; Macmaster, 2001, S. 80.
32Zitiert
nach Hillmann, 2008.
33Powell,
1967; Powell, 1968 a.
34Powell,
1968 b.
35Barker,
1981; Gilroy, 1987; Brown, 2005.
36Davidson,
2006; Anjum, 1999; siehe Renton, 2006.
37Thatcher,
1978.
38Zitiert
nach Spencer, 1998, S. 77.
39Spencer,
1998, S. 78.
40Grenzbehörde
des Vereinigten Königreichs, 2006.
41Schuster,
2003, S. 131-134, 147.
42Greenslade,
2005.
43BBC
News, 14. Januar 2010; Flüchtlingsrat, 2002; MORI, 2003; YouGov,
2003; YouGov, 2005; Schuster, 2003, S. 152; Guardian, 3. Dezember
2009.
44Kundnani,
2007, S. 40-54; BBC News, 11. Dezember 2001; Kundnani, 2001;
Cantle, 2001; BBC News, 2001; Independent, 16. September 2002;
Lowles, Hope Not Hate, http://www.hopenothate.org.uk/.
45Eine
außerordentlich nützliche Quelle zur Verfolgung des
antimuslimischen Rassismus ist die regelmäßig aktualisierte
Website Islamophobia Watch: www.islamophobia-watch.com.
46Daily
Telegraph, 9. Januar 2010.
47Press
Association, 2007.
48Poole,
2006, S. 89-102.
49Fekete,
2006.
50Innenministerium,
2002.
51Kundnani,
2007, S. 128-132; Brown, 2005.
52BBC
News, 13. Juli 2005; BBC News, 19. Juli 2006; Kundnani, 2007, S.
181-182; BBC News, 12. August 2006; Daily Mirror, 16. August 2006.
53Dunt,
2009; Ha'aretz, 7. Mai 2009.
54Goodhart,
2004; Casciani, 2004.
55Phillips,
2004; Guardian, 7. April 2004; 23. September 2005; Finney und
Simpson, 2009, S. 96-99.
56Times,
10. September 2008; 7. Januar 2010; Financial Times, 10. Januar
2010; Guardian, 11. Januar 2010; Finney und Simpson, 2009, S. 82-86.
57Smith,
2010.
58Smith,
2007.
59Scott,
2007.
60Pearson,
2009.
61Ferguson,
2004.
62Israely,
2009.
63BNP,
2009.
64Githens-Mazer
und Lambert, 2010.
65Ray,
2007. »Moslem« gilt heute allgemein als abschätziges Wort für
Muslim.
66Guardian,
18. November 2008.
67Andy
Burnham und Margaret Hodge haben beide auf dieser Linie
argumentiert. Burnham reagierte auf die Zugewinne für die BNP im
Jahr 2009 mit dem Argument, dass es »natürlich Bedenken wegen der
Einwanderung gibt. Die Regierung muss auf diese Bedenken eingehen.
[...] Wir müssen die Leute, die BNP gewählt haben, verstehen und
sie ansprechen, und niemals ihre Handlung nur zurückweisen.«
Zitiert nach Bhattacharyya, 2009 c. Hodge hat das Profil der BNP
deutlich angehoben, indem er vorschlug, dass Regeln für die
Zuweisung von Sozialwohnungen geändert werden sollten, um die
»grundlegende Ungerechtigkeit« der Bevorzugung von Einwanderern zu
beseitigen, weil sonst die BNP Zulauf bei den Wahlen bekäme; BBC
News, 21. Mai 2007. Ähnlich reagierte ein Minister auf die
Niederlage von New Labour bei den Nachwahlen in Henley, 2008, als er
über das von Harriet Harman vorgeschlagene »Gleichheitsgesetz«
schäumte: »Crewe hat gezeigt, dass wir ein Problem mit den Stimmen
der weißen Arbeiter haben. Und was macht Harriet ausgerechnet am
Wahltag? Sie verkündet, dass wir Gesetze einbringen werden, mit
denen sie diskriminiert werden. Das ist eindeutig nicht sehr
hilfreich«; Daily Telegraph, 27. Juni 2008.
68Ford
& Goodman, 2010.
69Ein
wichtiger Einwand gegen diese Ergebnisse lautet, dass die Autoren
des Berichts sich auf eine Aufschlüsselung nach
»Schichtzugehörigkeit« stützen und die C1- und C2-Wähler als
»untere Mittelschicht« einordnen. Das heißt, dass neben
Vorarbeitern, Abteilungsleitern, unteren Managern, kleinen
Geschäftsleuten und Freiberuflern auch Facharbeiter und Angestellte
zur »unteren Mittelschicht« gezählt werden. John, Margetts,
Rowland und Weir, 2004.
70YouGov,
2009.
71John,
Margetts, Rowland und Weir, 2004.
72Daily
Mail, 6. Februar 2007.
73YouGov,
2009; Der BNP-Führer Nick Griffin hat versucht, seine Partei in der
Öffentlichkeit von dieser tiefsitzenden Neigung zu antisemitischen
Verschwörungstheorien zu distanzieren, trotz seiner früheren
wortgewaltigen Holocaustleugnung; Guardian, 10. April 2008.
http://www.guardian.co.uk/politics/2008/apr/10/thefarright.race.
74YouGov,
2009.
75Morning
Star, 20. September 2006.
76Griffin,
2009; Channel 4 News, 16. November 2009; Independent, 29. März
2003; Times, 10. November 2009; British Pride, 2008.
77Barnes,
2009; Linden, National Front Website; Lowles, Searchlight, 2009;
Cressy, Hope-Not-Hate-Website; This Is Lancashire, 30. Januar 2010;
Tweedie, 2009.
78Thurlow,
1998, S. 252-255; Dunning, Murphy & Williams, 1988, S.
182-183; Mann, 2004, S. 26-29.
79Das
Ergebnis der Untersuchung des Falls Stephen Lawrence ist hier zu
finden:
http://www.archive.official-documents.co.uk/document/cm42/4262/4262.htm.
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