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16.07.10: Betrieb & Gewerkschaft |
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Einheit im Widerstand oder im Verzicht? |
Bei Daimler wehren sich kritische
Gewerkschafter gegen Ausschlußverfahren aus der IG Metall. Karl
Neumann sprach mit Tom Adler, Betriebsrat im Daimler-Werk
Untertürkheim über die Hintergründe
Karl Neumann: Sie
unterstützen den Protest gegen die Ausschlußverfahren von Berliner
Daimler-Kollegen aus der IG Metall. Was sind die Hintergründe?
Tom Adler: Im Daimler-Werk
Berlin hat die Betriebsratsmehrheit in den vergangenen Jahren einen
extrem am Komanagement orientierten Kurs gefahren. Gegen den
Ausverkauf der Interessen der Belegschaft hat sich unter den
IG-Metall-Vertrauensleuten und -Betriebsräten sowie aus der
Belegschaft heraus eine Opposition entwickelt. Die Kritiker wurden in
der Vergangenheit permanent mit administrativen Mitteln und Tricks
kaltgestellt. Als Konsequenz daraus sind die Kollegen mit einer
eigenen Liste zur diesjährigen Betriebsratswahl angetreten. Aus
Anlaß dieser Kandidatur hat der Berliner Ortsvorstand der IG Metall
ein Untersuchungsverfahren wegen »gewerkschaftsschädigenden
Verhaltens« eingeleitet.
Es wird damit argumentiert, dass die
Einheit der Gewerkschaft verteidigt werden müsse.
Das ist in dieser Abstraktheit
natürlich immer richtig. Die Einheit der Gewerkschaft wird aber
gerade durch die Politik der Betriebsratsspitzen untergraben, zum
Beispiel durch die Schaffung unterschiedlicher Standards für
Altbeschäftigte und Neueingestellte. Die so geschaffene Spaltung
geht viel tiefer als eine politische Auseinandersetzung um Mehrheiten
in einem Betriebsrat jemals gehen könnte. Insofern fällt der
Vorwurf der Spaltung denen, die diese Politik vertreten, voll auf die
Füße.
Sollten Gewerkschaften und
Betriebsräte nicht dennoch – insbesondere in Krisenzeiten –
einheitlich auftreten?
Die Frage ist immer: Einheit wofür?
Einheit im Widerstand oder im Verzicht? Hierzu hatte die Stuttgarter
Delegation beim Verbandstag der Deutschen Metallarbeiter-Verbandes
1930 einen Antrag eingebracht, in dem es heißt: »Die Einheit der
Arbeiterklasse ist in solcher Lage ein dringendes Gebot. Diese
Einheit kann aber nicht die Kampffähigkeit und Schlagkraft der
Arbeiterbewegung erhöhen, wenn sie der Koalitionspolitik und der
Arbeitsgemeinschaft dienstbar gemacht werden soll. Eine solche
Einheit ist weder wünschenswert noch möglich, sie ist nur
erreichbar, wenn die Gewerkschaften und insbesondere der DMV die
Arbeiterklasse für ihre nächstliegenden Interessen (…) in die
außerparlamentarische Aktion führen wird.« Das gilt meiner Ansicht
noch heute.
Geht die IG Metall generell mit
Ausschlüssen gegen Mitglieder vor, die auf eigenen Listen zur
Betriebsratswahl kandidieren?
Nein, damit wurde und wird sehr
unterschiedlich umgegangen. Daß sich Strömungen von Gewerkschaftern
zu Betriebsratslisten formieren, die für ihren jeweiligen
strategischen Ansatz stehen, gibt es zum Beispiel bei Opel seit
vielen Jahren – ohne daß das solche Sanktionen nach sich gezogen
hätte. Ähnlich bei Karmann und in vielen anderen Betrieben. Ob so
etwas als »gewerkschaftsschädigendes Verhalten« eingestuft wird,
hängt stark damit zusammen, wie der IG-Metall-Apparat die örtlichen
Kräfteverhältnisse einschätzt.
Aktuell scheint es einen gewissen
Zuwachs oppositioneller Betriebsratslisten zu geben. Worauf führen
Sie das zurück?
Ich weiß nicht, ob es tatsächlich
eine Zunahme eigenständiger Kandidaturen gibt. Auf jeden Fall aber
wächst die Unzufriedenheit mit der von der IG Metall in der Krise
verfolgten Politik, die die von Betriebsräten verfolgte Strategie
des Komanagements quasi auf die gewerkschaftliche Ebene überträgt.
Weil sie die Belegschaften spaltet und nicht in der Lage ist, die
Standards bei Einkommen und Arbeitsbedingungen zu verteidigen, stößt
diese Politik zunehmend auf Kritik. Oppositionelle Kandidaturen bei
Betriebsratswahlen sind ein Ausdruck dessen.
Zum Text:
Das Interview erschien zuerst in der
Jungen Welt vom 27.05.2010
Mehr auf marx21.de:
- Ausschlussverfahren gegen Metaller
stoppen: In verschiedenen Daimler-Werken (Berlin, Sindelfingen,
Kassel) werden Ausschlussverfahren und Funktionsverbote aus der IG
Metall gegen Kolleginnen und Kollegen vorbereitet, die auf einer
nicht von der Gewerkschaft autorisierten Liste zur Betriebsratswahl
kandidiert haben. Auf marx21.de Protest-Resolution downloaden,
unterzeichnen und weitergeben
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