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KLASSIKER DES MONATS - marx21, März/April 2010 | Drucken |
Das andere Amerika
Ende Januar 2010 ist der Historiker und Politikwissenschaftler Howard Zinn gestorben. In seinem Bestseller »A People’s History of the United States« liefert er eine völlig neue Sicht auf die Geschichte der USA. Loren Balhorn stellt das Werk vor.

Für sein Meisterwerk »Eine Geschichte des amerikanischen Volkes« wählte Howard Zinn eine ganz andere Perspektive, als sie gewöhnlich in Geschichtsbüchern eingenommen wird. Zinn beschreibt die Historie der Vereinigten Staaten nicht aus der Sicht männlicher, weißer Vertreter der oberen Gesellschaftsschichten, sondern »von unten«. Beim ihm stehen die alltäglichen Kämpfe der unterdrückten Sklaven, Frauen und Arbeiter im Zentrum.

Zinns Werk ist geprägt von einer tiefen Wertschätzung für die amerikanische Bevölkerung. Er zeigt sie als eine Gemeinschaft, die nicht ohne Makel und zerrissen von Widersprüchen ist - und gerade deshalb höchst menschlich erscheint. Zinn stellt die gesellschaftlichen Konflikte in der amerikanischen Geschichte dar und zeigt auf, wie die Kämpfe der Vergangenheit die Gegenwart  maßgeblich geprägt haben. Er war der erste Historiker, der versuchte, eine versteckte Tradition von Klassenkämpfen in der US-amerikanischen Geschichte wiederzuentdecken. Dabei verlässt sich Zinn nicht auf die Quellen der herrschenden Geschichtsschreibung, sondern zitiert lieber aus Reden von bekannten Persönlichkeiten der amerikanischen Linken und aus den Dokumenten diverser Befreiungsbewegungen. Wenn er sich doch gelegentlich auf die Aussagen von Wirtschaftsbossen oder des Präsidenten beruft, dann nur, um zu zeigen, welche Interessen tatsächlich hinter ihnen standen.

Zinn scheut sich nicht, die dunkleren Seiten der amerikanischen Geschichte darzustellen. Gleich im ersten Kapitel nimmt er sich einen der größten Mythen vor: die Entdeckung Amerikas durch Christoph Kolumbus. Als Schüler auf dem Land im mittleren Westen der USA habe ich gelernt, wie Kolumbus tapfer und mutig bis zum Ende des Ozeans gesegelt ist, und dort einen neuen Kontinent voller exotischer, aber furchtbar einfacher Menschen entdeckt hat. Von Zinn werden diese Einheimischen, die Arawak, hingegen mit tiefer Menschlichkeit beschreiben. Ihre Ausplünderung und der brutale Mord an ihnen durch die Europäer wird nicht ausgespart - im Gegensatz zu vielen anderen Geschichtsbüchern. Zinn beschreibt »wie die Spanier von Tag zu Tag eingebildeter wurden und nach einer Weile überhaupt nicht mehr zu Fuß gingen. Sie ritten auf den Rücken von Indianern, wenn sie in Eile waren, oder ließen sich von Indianern, die einander beim Laufen abwechselten, in Hängematten herumtragen.« Zinn zerstört diesen Gründungsmythos der USA und zeigt sehr deutlich die Brutalität auf, mit der damals der Kontinent erobert wurde.

Als Zinns Buch 1980 erschien, behaupteten viele rechte Kritiker, das Buch sei nichts weiter als eine undifferenzierte Verleumdung des amerikanischen Volkes. Dass Zinns Werk weit davon entfernt ist, Verleumdungen zu verbreiten, zeigen unter anderem die den außerparlamentarischen Bewegungen gewidmeten Kapitel. Zinn betont stets die Notwendigkeit von Abwehrkämpfen und beschreibt im Detail die Erstehung der ersten sozialistischen Massenbewegung in den USA. Seine Beschreibungen von Millionen organisierten »Schwarzen, Feministinnen, Arbeiteraktivisten und Sozialisten« und die Berichte über die 55 sozialistischen Wochenzeitungen, die um die Wende vom 19. zum 20 Jahrhundert alleine in Texas und Oklahoma herausgegeben wurden, machen allen Lesern und Leserinnen deutlich, dass auch in der »Höhle des Löwen« die Möglichkeit zum organisierten Widerstand besteht. Zinn räumt mit dem Klischee auf, die US-amerikanische Arbeiterklasse sei faul, dumm und gekauft. Stattdessen zeigt er, wie Klassenbewusstsein und die Bereitschaft zu kämpfen mit den objektiven Verhältnissen verknüpft sind.

Die Lektüre von Zinns Text kann einen durchaus dazu verleiten, frustriert die katastrophale Lage der amerikanischen Linken im 21. Jahrhundert wahrzunehmen. Doch sein Buch erweckt auch Hoffnung, wenn man in lebhafter Schilderung erfährt, wie eine revolutionäre Arbeiterbewegung  innerhalb von zwei Jahrzehnten mehr oder weniger aus dem Nichts entstanden ist und eine Zeit lang sogar drohte, das System auf den Kopf zu stellen.

Einen großen Schwachpunkt hat Zinns Buch jedoch. Nach seiner Analyse waren die meisten politischen Reformen des 20. Jahrhunderts scheinheilige Verbesserungen »von oben«, die nur dazu dienten, aktivistische Arbeiter an das System zu binden und ihren Widerstand zu brechen. Obwohl Reformen tatsächlich gelegentlich dazu führen können, dass die Kampfbereitschaft der Klasse abnimmt, darf man trotzdem den dialektischen Prozess nicht übersehen, durch den es zu Reformen kommt: Sie resultieren immer aus Druck von unten und tragen daher dazu bei, das Bewusstsein einer Bewegung zu stärken - indem deren Aktivisten konkrete Erfolgen erzielen und dadurch lernen, dass es sich lohnt, für bessere Bedingungen zu kämpfen. Alle diese Erfolge der Arbeiterbewegung als Betrug der herrschenden Klasse zu erklären, ist politisch falsch.

»Eine Geschichte des amerikanischen Volkes« hat die Geschichts­lehre an amerikanischen Universitäten und zum Teil sogar an Schulen maßgeblich und dauerhaft verändert. Endlich existiert ein Gegenpart zu der offiziellen Version der Geschichte, der die Perspektive »von unten« ernsthaft behandelt. Für zahllose US-Amerikaner war Zinns Buch ein wichtiger erster Schritt zu einem kritischen Umgang mit der amerikanischen Gesellschaft und oft auch der erste Schritt zur konkreten politische Aktivität. Auch mich als jungen, verzweifelten Linken im mittleren Westen der USA hat das Buch damals stark beeindruckt.

Zinn war einer der hervorragendsten Vertreter der Geschichtsschreibung von unten, aber er war nicht nur das. Er war auch ein Sozialist und ein Aktivist. Es ist tragisch, dass die nächste Generation von Sozialistinnen und Sozialisten, die in den USA gegenwärtig aufwächst, nicht mehr von seiner Weisheit begleitet wird. Aber man kann sicher sein, dass die Tradition des Widerstands, für die auch Zinn stand, nicht aussterben wird. Ganz im Gegenteil: Wie er im letzten Kapitel seines Buches (»Die kommende Revolte«) schrieb: »Wir haben gelernt, zu Stars, Anführern, Experten jeder Fachrichtung aufzuschauen, und haben damit unsere Stärke preisgegeben, unsere eigenen Fähigkeiten herabgesetzt und unser Selbst ausradiert. Doch von Zeit zu Zeit weisen die Amerikaner diese Idee von sich und rebellieren.« Das ist doch mal eine Ansage.

Zum Autor:
Loren Balhorn ist in den USA aufgewachsen, lebt derzeit in Berlin und ist aktiv bei Die Linke.SDS an der Humboldt-Universität.

Das Buch:
  • »A People's History of the United States« (Harper & Row 1980) wurde in den USA seit der Erstveröffentlichung über eine Million mal verkauft. Auf Deutsch ist das Buch 2007 unter dem Titel »Eine Geschichte des amerikanischen Volkes« (Schwarzerfreitag) erschienen. Siehe auch: www.howardzinn.org.

 
 
 
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