Seit Anfang Juni
2010 läuft der dritte Teil von Stieg Larssons »Millennium«-Trilogie
in den Kinos. Marcel Bois stellt die Romane und ihren 2004
verstorbenen Autor vor
Über Wochen haben
sie mich begleitet. Auf dem Weg zur Arbeit, im Urlaub und vorm
Schlafengehen. Fast immer waren Mikael Blomkvist und Lisbeth Salander
dabei. Als ich schließlich das dritte Buch beendet hatte, verspürte
ich einen Anflug von Wehmut, als wäre ich zweier guter Freunde
beraubt worden.Selten hat mich ein Roman so gefesselt
wie die drei dicken Bände von Stieg Larssons »Millennium«-Trilogie.
Ganz offensichtlich bin ich nicht alleine: Weltweit wurden die Bücher
über 21 Millionen Mal verkauft, in Deutschland stehen sie seit
Monaten in den Bestsellerlisten. Allein in Larssons Heimat Schweden
gingen sie 3,5 Millionen Mal über den Ladentisch - und das bei
einer Einwohnerzahl von nur knapp neun Millionen. Zudem wurden die
Bücher mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet.
Stieg Larsson hat diesen Erfolg nicht
mehr miterlebt. Kurz vor Veröffentlichung seiner Romane ist er 2004
im Alter von nur 50 Jahren an den Folgen eines Herzinfarkts
gestorben. Er hatte sich im wahrsten Sinne des Wortes zu Tode
gearbeitet. »Man kann nicht über Stieg schreiben, ohne auf seine
Schlaflosigkeit einzugehen«, meint Larssons langjähriger Freund
Kurdo Baksi. »Stieg ging meist erst ins Bett, wenn andere
aufstanden. Müde, rote Augen, unregelmäßige Atmung und immer
trägere Reflexe sprachen eine deutliche Sprache.« Zwanzig Tassen
Kaffee und mindestens ein Päckchen Zigaretten am Tag waren Larssons
Standard. »Wir sagten immer, er arbeitete von neun bis fünf: von
neun Uhr morgens bis fünf Uhr in der Nacht.«
In den Stunden nach Mitternacht ist die
»Millen-nium«-Reihe entstanden. Larsson schrieb die Bücher »zur
Beruhigung«, wie Baksi sagt. Denn tagsüber war er ein Kämpfer für
eine bessere Welt. Politisiert worden war Larsson durch den
Vietnamkrieg. In den 1970er Jahren schloss er sich der
trotzkistischen Gruppe »Kommunistiska Arbetarförbundet«
(Kommunistischer Arbeiterbund) an und ging nach Eritrea, um bei der
Ausbildung der Guerilla zu helfen.
Zeit seines Lebens war ihm sein
Großvater ein Vorbild - ein aktiver Antifaschist, der während des
Zweiten Weltkriegs einige Zeit wegen seiner Gesinnung im Gefängnis
verbringen musste. Wieder zurück in Schweden, widmete sich Larsson
in den 1980er Jahren selbst dem Kampf gegen rechts. Er schrieb
Bücher, hielt Vorträge und wurde bald zu einem angesehenen Experten
für die rechtsextreme Szene in Europa. Seit 1982 arbeitete er als
Skandinavien-Korrespondent für das britische antifaschistische
Magazin Searchlight. Nachdem Neonazis innerhalb kurzer Zeit sieben
Menschen in Schweden umgebracht hatten, gründete er 1995 die
antirassistische Stiftung Expo. Seitdem war er Herausgeber und
Redakteur der gleichnamigen Zeitschrift.
Mit seinen Aktivitäten machte er sich
viele Feinde. Die letzten 15 Jahre seines Lebens verbrachten er
und seine Lebensgefährtin Eva Gabrielsson in permanenter Gefahr.
Regelmäßig erhielt Larsson Morddrohungen. »Er wurde von Nazis
beschattet, wenn er U-Bahn fuhr, und war er in der Stadt unterwegs,
so hatten ihn die Rassisten stets auf dem Schirm. Sie wussten immer
genau, wo er sich befand«, erinnert sich Baksi. Einmal erwartete ihn
vor seinem Büro eine Gruppe rechter Skinheads mit Baseballschlägern.
Kurz nachdem 1999 der Gewerkschafter Björn Söderberg von Nazis
ermordet worden war, fand die Polizei in der Wohnung einer
Unterstützerin der rechten Szene Fotos von Larsson und Gabrielsson.
Um seine Lebensgefährtin nicht in Gefahr zu bringen, führte das
Paar nach außen hin ein getrenntes Leben. Es gab keine gemeinsamen
Konten und offiziell auch keine gemeinsame Wohnung. Öffentlich
zeigten sich die beiden nie zusammen.
Angesichts Larssons Biografie
verwundert es nicht, dass die Romane der »Millennium«-Reihe mehr
sind als einfach nur Krimis. Oberflächlich betrachtet handelt es
sich bei den drei Teilen um Polizeiromane oder Politthriller -
allesamt enorm intelligent, detailreich und vor allem ungeheuer
spannend geschrieben. Doch Larsson liefert zudem eine tiefgehende
Gesellschaftskritik und zeichnet dabei ein finsteres Bild des
sozialdemokratischen Musterlandes Schweden. Von der heilen
»Bullerbü«-Welt, die Astrid Lindgren in ihren Büchern beschrieben
hat, bleibt bei ihm nicht viel übrig.
Damit steht Larsson in der Tradition
von schwedischen Krimiautoren wie Maj Sjöwall, Per Wahlöö oder
Henning Mankell. Sjöwall, die in den 1970er Jahren mit Romanen um
die Figur des Kommissars Beck berühmt wurde, erklärte vor einigen
Jahren in einem Interview: »Im Krimi kann man verschiedene
Gesellschaftsschichten hervorragend schildern. Es soll ja immer die
Guten und die Bösen geben. Außerdem bietet der Kriminalroman die
Möglichkeit, gewisse Milieus genau zu schildern.« Genau das macht
Larsson.
In »Verblendung« beispielsweise
beauftragt der greise Großunternehmer Henrik Vanger den Journalisten
Mikael Blomkvist damit, den Verbleib seiner Nichte Harriet
aufzuklären. Seit 1966 ist sie spurlos verschwunden. Vanger
vermutet, dass sie von einem Mitglied seiner Familie ermordet wurde.
Blomkvist begibt sich auf die verschneite Insel Hedeby, auf der der
Vanger-Clan in aller Abgeschiedenheit lebt. Henrik warnt ihn: »Meine
Familie besteht größtenteils aus Räubern, Geizkragen, Tyrannen und
Taugenichtsen. Ich habe das Unternehmen fünfunddreißig Jahre
geführt - fast die ganze Zeit in unversöhnlichem Konflikt mit
allen anderen Familienmitgliedern. Sie waren meine schlimmsten
Feinde.« Tatsächlich trifft Blomkvist auf einen Familienclan,
hinter dessen bürgerlicher Fassade sich eine dunkle
Familiengeschichte verbirgt. Einige Mitglieder waren in den 1930er
Jahren glühende Anhänger der Nationalsozialisten und haben bis
heute ihre Gesinnung nicht aufgegeben. Mit Hilfe der begnadeten
Researcherin Lisbeth Salander deckt Blomkvist aber noch ganz andere
Geheimnisse der Vangers auf.
Larsson schildert in der Trilogie
diverse gesellschaftliche Missstände. Er schreibt über kriminelle
Großunternehmer, die Scheinfirmen in Osteuropa aufbauen, um
staatliche Gelder einzustreichen. Es geht in seinen Büchern um
Polizisten, die Zwangsprostitution unterstützen, und um eine große
Verschwörung in den Reihen des Nachrichtendienstes. Für Larssons
Lebensgefährtin Gabrielsson macht gerade das den Erfolg der Werke
aus: »Die Verkaufszahlen sagen etwas über unsere Welt aus. Die
Menschen scheinen in dem, was in den Büchern beschrieben ist, etwas
wiederzuerkennen: den Kampf gegen Korruption, die Rohheit und
Diskriminierung, die Feigheit der Medien, die Blindheit und
Korruption der Politiker. Das scheint universal zu sein. Ich
interpretiere es immer als eine Art Wahl: Sie stimmen für Stiegs
Ideale.«
Ein weiteres Thema, das alle drei Bände
durchzieht, ist Gewalt gegen Frauen. Zu Beginn eines Kapitels von
»Verblendung« erfahren die Leser, dass 46 Prozent aller
schwedischen Frauen über fünfzehn schon einmal Opfer männlicher
Gewalt geworden sind. Passend lautet der Originaltitel des Buchs
»Männer, die Frauen hassen«. Diese Frage war Larsson in seiner
politischen Aktivität genauso wichtig wie sein Kampf gegen Nazis.
Als beispielsweise im Januar 2002 die junge kurdischstämmige Frau
Fadime Sahindal von ihrem Vater ermordet wurde, löste dies in
Schweden eine große Debatte über »Ehrenmorde« aus. Larsson
veröffentlichte ein Buch hierzu. Gegen die rassistischen Untertöne
in der Diskussion verwahrte er sich. Stattdessen erklärte er, Gewalt
gegen Frauen geschehe »in Südafrika, Saudi-Arabien, Norwegen,
Mexiko, Tibet und im Iran. Unterdrückung von Frauen hat nichts mit
Religion oder ethnischer Zugehörigkeit zu tun.« In den »Millennium«-Romanen werden
mehrere Frauen misshandelt, vergewaltigt oder sogar ermordet. Larsson
schildert das teilweise sehr detailliert und realistisch, und auch in
der Verfilmung wird mehr gezeigt, als es vermutlich manchem Zuschauer
lieb ist. Das mag schockierend sein, doch bringt es einem die Leiden
der Frauen nahe. Zugleich schildert Larsson - und das ist seine
Stärke - die Gewalt gegen Frauen immer eingebettet in soziale
Zusammenhänge. Bei ihm hassen nicht alle Männer Frauen, sondern es
sind stets Männer, die ihre gesellschaftliche Macht ausnutzen, um
sexuelle Gewalt auszuüben, so beispielsweise ein Anwalt, der eine
unter seiner Vormundschaft stehende junge Frau vergewaltigt. Jedoch
stellt Larsson seine Frauen nicht nur als Opfer dar. Allen voran
Lisbeth Salander, die seit Kindertagen viele schreckliche Erlebnisse
durchstehen musste, wehrt sich stets gegen ihre Peiniger. Selten tut
sie dies in Einklang mit den schwedischen Gesetzen und doch, oder
gerade deswegen, gewinnt sie die Sympathien der Leser.
Video:
Überhaupt machen die beiden
Hauptfiguren einen großen Teil des Erfolgs der Bücher und der
Verfilmungen aus. Mikael Blomkvist ist Herausgeber und Redakteur des
kleinen, linken Magazins mit dem Namen Millennium, einer
»aufgehübschten Version« von Larssons Zeitschrift Expo, wie es der
Guardian formuliert hat. Blomkvist hat sich als Enthüllungsjournalist
einen Namen gemacht. Bei Lisbeth Salander handelt es sich um eine
gepiercte, tätowierte und bisexuelle Computerhackerin mit einem
fotografischen Gedächtnis. Sie ist hochintelligent, ihr Verhalten
trägt leicht autistische Züge, und sie setzt einmal gefällte
Beschlüsse mit einer Konsequenz um, die einen neidisch machen
könnte. Weder Blomkvist noch Salander sind Superhelden, sondern sie
haben Ecken und Kanten. Genau das erleichtert die Identifikation mit
ihnen.
Dieser Aspekt ist auch in der
Verfilmung, vor allem des ersten Teils, sehr gut umgesetzt. Die
einzelnen Figuren werden ausführlich charakterisiert und sind bis in
die Nebenrollen hervorragend besetzt. Herausragend ist Noomi Rapace
als Lisbeth Salander. Nicht umsonst wurde sie für den Europäischen
Filmpreis als beste Darstellerin nominiert. Monatelang hat sie sich
auf die Rolle der zähen, zierlichen Kämpferin vorbereitet -
mental und körperlich. Sie trainierte Thai- und Kickboxen, machte
einen Motorradführerschein und ließ sich eigens für den Film
piercen.
Soeben ist mit »Vergebung« der dritte
Teil der Trilogie in die Kinos gekommen. Der Rummel um Stieg Larsson
wird also weitergehen. Die Welt bezeichnete ihn kürzlich als den
»Heath Ledger der Krimiautoren«. Tatsächlich hat »Millennium«
mittlerweile sogar Hollywood erreicht, für 2011 ist dort eine
Neuverfilmung der Bücher geplant. Das lässt nichts Gutes hoffen und
wäre vermutlich auch kaum in Larssons Sinne gewesen. Der Autor, der
höchst ungern als Gast in Talkshows auftrat, konnte mit besonderer
Aufmerksamkeit für seine Person nie viel anfangen. Dementsprechend hätte ihn der Erfolg
wohl auch nicht verändert, vermutet Kurdo Baksi: »Er hätte weiter
seine Zigaretten geraucht, schlecht gegessen, zu wenig geschlafen und
noch mehr Bücher geschrieben. Und vor allem hätte er weiterhin ein
wachsames Auge auf Intoleranz in der Gesellschaft gehabt.«
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