|
 |
 |
 |
 |
| |
|
14.06.10: Kultur |
| Drucken |
|
Auch im
sechsten Teil seiner Untoten-Saga lotet Horror-Altmeister George A.
Romero die Abgründe der US-amerikanischen Gesellschaft und den
Zerfall sozialen Zusammenhaltes aus. Frank Eßers über den Film
»Survival of the Dead«
 Eine schrecklich nette Familie: Dass Zombies sich nicht bekriegen, ist der Hauptgrund, warum sie in Romeros Untoten-Saga die Menschen verdrängen. (Foto: Magnolia Pictures) In »Survival
of the Dead« (Überleben der Toten) entwirft
Romero eine Endzeitvision, die den amerikanischen Gründungsmythos
beerdigt. Plum Island, der Ort des Geschehens, ist eine Insel vor der
Küste des US-Bundesstaates Delaware. Sie steht als Symbol für
alles, wovor die ersten Siedler aus Europa eigentlich geflohen sind:
(religiöse) Intoleranz, Unfreiheit und Ausbeutung. Delaware hatte
1787 als erster Staat der 13 Kolonien die Verfassung der USA
ratifiziert. Von den damit verbundenen Hoffnungen ist auf Plum Island
nichts mehr übrig: Keine Spur von Unabhängigkeit oder dem Aufbau
eines »Landes der unbegrenzten Möglichkeiten«. Romero packt seine
Kritik in einen im Heute spielenden Zombie-Western - reichlich
gespickt mit Ironie.
Mit Pistole und Bibel in den
Untergang
Auf der Insel leben nur zwei
Großgrundbesitzerfamilien, die O‘Flynns und die Muldoons, beide
Nachkommen irischer Einwanderer. Deren Anführer, zwei
rechthaberische, sturköpfige Patriarchen, sind hoffnungslos
zerstritten über die Frage, wie man mit den Zombies umgehen soll,
die sich seit Kurzem in den ganzen USA - und selbst auf der Insel -
»vermehren«.
Der eine, Patrick O'Flynn, kennt kein Pardon
und jagt jedem Wiedergänger eiskalt eine Kugel in den Kopf - was
auch Untote nicht überleben. Das stößt nicht bei allen
Inselbewohnern auf Verständnis, sind doch die Zombies auf Plum
Island keine »Fremden« (die hier niemand duldet), sondern ehemalige
Familienangehörige. Als O‘Flynn, zwei untote Kinder zu erschießen
versucht, verjagen ihn die Muldoons von der Insel - auf Betreiben
von O‘Flynns eigener Tochter.
Der andere, Seamus Muldoon,
behauptet, dem Wort Gottes zu folgen und deshalb die auf
Menschenfleisch versessene Ex-Verwandtschaft »domestizieren« zu
wollen bis ein Heilmittel gefunden ist. Er legt sie in Ketten und
beginnt ein entsprechendes »Training«.
Ein Gnadenakt ist
dieser »fromme« Wunsch Muldoons allerdings nicht. Denn der reiche
Farmer beabsichtigt, aus der Katastrophe einen geschäftlichen
Vorteil zu ziehen, indem er aus den Wiederauferstandenen willige und
billige Arbeitssklaven macht. Dass er mit diesem Experiment die noch
Lebenden der Gefahr aussetzt, von Untoten gefressen oder infiziert zu
werden, stört ihn nicht.
Doch O‘Flynn gelingt es, auf die
Insel zurückzukehren. Hier setzt er alles daran, Rache zu üben und
seinen Kontrahenten Muldoon zu erledigen. Jener lässt sich nicht
lange bitten und ruft seine »Cowboys« zu den Waffen. Ein groteskes
Bild: Auch angesichts des drohenden Untergangs der Menschheit
bekriegen sich die beiden Clans.
Duell bei High Moon
Das
Ableben der beiden streitsüchtigen Nachkommen der »Gründerväter«
von Plum Island ist damit unvermeidlich. Und dieses zeichnet Romero
in einem witzigen Duell - eine »High-Moon«-Szene, die wert ist,
in die Geschichte des Horrorfilms einzugehen.
So ist es in
allen Teilen der Romero-Saga: Gewöhnt an Macht und Herrschaft,
entsolidarisiert durch den Alltag in einer Klassengesellschaft
benötigen die Lebenden eigentlich keine Untoten, um zu sterben.
Zuverlässig blasen sie sich gegenseitig das Licht aus.
Zombies
kennen keine Klassen
Dagegen sind Zombies geradezu harmlos
und liebenswert. Sie erscheinen tolerant und egalitär. Hautfarbe
spielt keine Rolle und Klassenunterschiede existieren bei ihnen
nicht. Selbst beim Fressen kommen sie ohne Rangfolge aus. Dass
Zombies sich nicht bekriegen, ist auch der Hauptgrund, warum sie in
Romeros Filmen nach und nach die Menschen verdrängen.
Mitleid
mit dem arg in Bedrängnis geratenen Homo »sapiens« will beim
Zuschauer deshalb nicht so recht aufkommen. Eher wünscht man den
Zombies guten Appetit. Dabei deutet Romero in seinen Filmen immer
wieder an, dass eine Koexistenz von Untoten und Lebenden durchaus
möglich wäre. Doch Letztere verspielen jede sich bietende
Chance.
Linksliberaler Splatter
Dass Splatter
auch linksliberal sein kann, hat Romero mehrfach bewiesen. Sein
Erstling »Night of the Living Dead« (Die Nacht der lebenden Toten),
mitten im Vietnamkrieg 1968 entstanden, ist eine Anklage gegen
Rassismus und Militarismus. Der Film hat den Sprung vom Kult zum
Klassiker geschafft und ist in die Filmsammlung des Museum of Modern
Art aufgenommen worden.
Im zweiten Teil («Dawn of the Dead«
- deutscher Titel: Zombie) kritisiert Romero die Konsumgesellschaft,
im dritten («Day of the Dead« - Zombie 2), auf dem Höhepunkt des
Wettrüstens zwischen den USA und der UdSSR, das Militär.
Esst
die Reichen
Mit »Land of the Dead«, dem vierten Teil aus
dem Jahr 2005, hat Romero seinen Frust über die Bush-Administration
verfilmt. Thema ist die wachsende Schere zwischen Arm und Reich. Drei
Jahre nach Ausbruch der Zombie-Epidemie leben die letzten Menschen in
einer befestigten Stadt. Während sich wenige Reiche in einem
luxuriösen Hochhaus verschanzt haben und eine eigene Polizei
besitzen, muss die Mehrheit in Slums ums Überleben kämpfen.
Kontrolliert wird dieses »Refugium« von dem skrupellosen
Bürgermeister Kaufman, der die Stadt führt wie einen Konzern. Er
schickt regelmäßig seine Leute aus, um außerhalb der Stadt
Lebensmittel und Güter für die Reichen zu besorgen. Dabei töten
die Söldner zahlreiche Zombies, obwohl diese keine Gefahr
darstellen.
Es sei kein Zufall, dass die Untoten wie
Obdachlose angezogen seien, sagte Romero in einem Interview. In »Land
of the Dead« stehen sie auf der untersten sozialen Stufe und werden
von Menschen terrorisiert.
Letzlich schließen sie sich unter
Führung des Zombie »Big Daddy« zusammen, um das Hochhaus der
Reichen zu stürmen und diese - natürlich - aufzuessen.
Hatte
Romero in »Day of the Dead« unserer schlecht durchbluteten
Artverwandtschaft bereits die Fähigkeit gegeben, zu lernen, so sind
sie in »Land of the Dead« sogar in der Lage, sich zu
organisieren.
In »Diary of the Dead«, dem fünften Teil,
nimmt er das sinnentleerte Infotainment einer Mediengesellschaft aufs
Korn, die zwar viele Informationen zugänglich macht, aber nur wenig
Erkenntnis produziert. Alles wird gefilmt und ins Internet gestellt,
aber keiner weiß wirklich, was geschieht. Neue Medien wie Blogs
enthalten dabei für Romero nicht weniger Manipulation und
Sensationsgier wie die "Mainstreammedien".
Der
nun erschienene »Survival of the Dead« ist sehenswert, wirkt aber
blass gegen andere Teile der Saga. Viele Gags sind platt und es
mangelt nicht an plumpen Charakteren. Aber Romero liefert dennoch
einen Film, der anderen des Genres überlegen ist.
Dabei
sollte man allerdings trotz aller gesellschaftskritischen Elemente
keine ausgefeilte Analyse erwarten. Denn einen Widerspruch kann auch
ein so solider filmischer Handwerker wie Romero nicht lösen: Mit den
Mitteln des auf Gewalt angewiesenen Zombiefilms lässt sich der reale
Horror im Kapitalismus nur schwer kritisieren.
Mehr zum
Film:
|
|
|
|
 |
|