|
 |
 |
 |
 |
| |
|
07.06.10: Gaza |
| Drucken |
|
|
Die Medien und die Gaza-Friedensflotte |
Christine Buchholz,
friedenspolitische Sprecherin der Fraktion DIE LINKE und Niema
Movassat, MdB, DIE LINKE widerlegen Behauptungen, die in einigen
Medien gegen die Free-Gaza-Friedensflotte ins Feld geführt
werden. (UPDATE 8. Juni)
Wer sind die Organisatoren der
Free-Gaza-Bewegung? Waren die Organisatoren nicht Islamisten?
Die Free-Gaza-Bewegung hat zahlreiche
internationale Unterstützerinnen und Unterstützer aus verschiedenen
Ländern. Menschen aus unterschiedlichen politischen Bewegungen,
Sprachen und Religionen eint das Ziel, die Blockade Gazas zu beenden.
Unter den 700 internationalen Aktivisten befanden sich unter anderem
der schwedische Krimiautor Henning Mankell und die beiden
Bundestagsabgeordnete der LINKEN, Annette Groth und Inge Höger, der
irische Nobelpreisträger Mairead Corrigan-Maguire and der ehemalige
UN-Koordinator für humanitäre Hilfe im Irak, Denis Halliday.
Der türkischen Hilfsorganisation IHH,
Stiftung für Menschenrecht und Freiheit, die das von Israel
angegriffene Boot »Mavi Marmara« gechartert hatte, wird von einigen
Medien vorgeworfen, eine islamistische Organisation zu sein. Die IHH unterhält unter anderem ein
Büro im Gaza-Streifen, das auch mit der seit 2006 gewählten
Hamas-Regierung in Kontakt steht. Auch die EU, die Türkei und die UN
unterhalten Beziehungen zur Hamas. Als Regierung ist die Hamas für
die IHH der Ansprechpartner für die Hilfslieferungen im Gaza. Die
IHH berät unter anderem den Wirtschafts- und Sozialrat der Vereinten
Nationen.
Die zur Hilfe für die Opfer des
Bosnien-Krieges in den 90er Jahren gegründete Stiftung ist in mehr
als 120 Ländern weltweit aktiv - auch in Regionen, wo der Islam
keine Rolle spielt. Sie hat unter anderem 30.000 Augenerkrankungen in
Afrika behandelt, unterstützt Nichtregierungsorganisationen in den
kurdischen Gebieten und schickte dieses Jahr 33.000 Tonnen Hilfsgüter
nach Haiti. »Dort haben wir Hilfsgüter für eine Million Dollar
verteilt«, sagt IHH-Vize Dede. »Und zwar in einer Kirche.« Dass seitens der israelischen Regierung
nun versucht wird, die IHH als IslamistInnen zu bezeichnen, ist
leider keine Überraschung. In einem politischen Klima in Europa, in
dem Muslime häufig pauschal als gewaltbereite Terroristen
dargestellt und von verschiedenen Seiten Islamfeindlichkeit und
antimuslimischer Rassismus geschürt wird, ist dies eine Möglichkeit
für Israel, die internationale Solidarität mit der
Free-Gaza-Bewegung zu schwächen. Die Hetze gegen Muslime hat dazu
geführt, dass muslimische Opfer leicht zu Tätern umgedeutet werden.
Die Quellen, die den »Islamismus« der IHH und einzelner Passagiere
der Mavi Marmara belegen sollen, sind neben einem israelischen
Terrorismusinstitut der französische Geheimdienst und ein weiterer
sog. Terrorismusexperte. Es handelt sich also in keinster Weise um
Quellen, deren Recherche man unhinterfragt übernehmen kann.
Wie wir sehen, geht diese Rechnung
teilweise auf: Statt den Fokus auf den israelischen Akt der Piraterie
von Israel zu setzen, verlangen Teile der Presse und des Fernsehens
von der internationalen Solidaritätsbewegung mit Gaza, sich von der
IHH zu distanzieren. Teilweise wird ihnen sogar unterstellt , es
wäre ihre eigene Absicht gewesen, zu Märtyrern zu werden. Der Angriff der israelischen Armee auf
das Schiff einer muslimischen Hilfsorganisation wie die IHH ist
genauso ungerechtfertigt, wie ein Angriff auf ein Schiff einer
christlichen, jüdischen oder atheistischen Organisation. Denn das
Völkerrecht kennt keine Ungleichbehandlung aufgrund der Religion -
im Gegenteil, eine Diskriminierung anhand von Religion wird
ausdrücklich verurteilt.
War die Aktion der israelischen Armee
nicht Selbstverteidigung oder Notwehr, wie die israelische Regierung
sagt?
Die israelischen Soldaten waren die
Angreifer. Sie kamen mit Hubschraubern und Kriegsschiffen, um eine
Fähre mit Hunderten von Passagieren, die sich in internationalen
Gewässern befand, zu entern. Bereits bevor die Soldaten auf den
Schiffen landeten, töteten sie einen Schiffspassagier aus der Luft.
Einige Passagiere wehrten sich mit Stöcken gegen die auf das Schiff
dringende Armee und versuchten, sie zu entwaffnen. Die Passagiere
hatten jedes Recht, sich gegen diesen Akt der Piraterie zu
verteidigen. Da die israelische Armee das türkische Schiff auf
internationalen Gewässern, mehr als 70km von der Küste Gazas
entfernt überfiel, kann dieser Überfall sogar als kriegerischer Akt
Israels gegenüber der Türkei gewertet werden. Die türkische
Regierung hätte nach dem Völkerrecht daher sogar Schiffe schicken
können, um den Angriff auf das türkische Schiff mit Waffengewalt
abzuwehren.
Aber wie sollten sich die Passagiere
ernsthaft verteidigen?
Die Angreifer hatten modernste
Militärausrüstung, die Verteidiger waren unbewaffnete Zivilisten.
Das israelische Militär präsentierte uns Bilder von Kämpfen an
Bord des Schiffes. Passagiere hatten versucht, den Soldaten die
Waffen abzunehmen, die enternden Soldaten von Deck zu drängen. Dabei
konnte man auch Personen sehen, die mit Stangen oder Latten
zuschlugen. Das war Selbstverteidigung, nicht andersherum.
Von einem Akt der Notwehr seitens
Israel zu sprechen dagegen ist vollkommen abwegig. Die israelische
Marine hat die Free Gaza Boote aus eigenem Antrieb und freiwillig
geentert. Das Leben der israelischen Soldaten war zu keinem Zeitpunkt
in Gefahr. Drei Soldaten wurden von den Free-Gaza-Passagieren nach
Augenzeugenberichten selbst in das eigene improvisierte
Schiffslazarett gebracht. Einer der Soldaten war leicht am Arm
verletzt, die beiden anderen zeigten keine äußeren Verletzungen und
hatten wohl einen Kreislaufkollaps. Leider steht momentan nur das
israelische Filmmaterial zur Verfügung. Alle Kameras an Bord wurden
konfisziert. Deswegen gibt es keine Bilder von den Schüssen, von der
Brutalität der Soldaten, von den Toten. Die absolute Bildhoheit
liegt bei der israelischen Armee. Was es allerdings gibt, sind die
ersten gerichtsmedizinischen Gutachten über die ermordeten
Passagiere. So wurde beispielsweise ein 19 jähriger amerikanischer
Passagier, Furkan Dogan, aus nächster Nähe durch vier Schüsse in
den Kopf und einen in die Brust von den israelischen Soldaten
regelrecht exekutiert.
Trotz der Durchsuchungen haben die
israelischen Soldaten keine Waffen auf der »Mavi Marmara« gefunden.
Die israelische Armee wusste, dass die Schiffe bereits von den
türkischen Zollbehörden durchsucht worden waren. Die Organisatoren
hatten sich zudem öffentlich auf Gewaltfreiheit verpflichtet. Die israelische Armee präsentierte den
Fernsehteams der Weltöffentlichkeit das »Waffenarsenal«, das sie
an Bord gefunden hatte und das beweisen sollte, mit welch bösartigen
Absichten die Aktivisten angereist waren. Darunter fanden sich
Messer, abmontierte Geländerstangen und Holzlatten. All das sind
Gegenstände, die auf jedem größeren Schiff, auf dem Menschen
natürlich auch Kochen und Essen, zu finden sind. Nicht zu sehen
waren Pistolen, obwohl die israelische Armee behauptet hatte, zwei
Pistolen seien an Bord gewesen - und selbst wenn es Leuchtpistolen
gab, so gehört das zur normalen Ausrüstung eines Schiffes. Murmeln
wurden als Steinschleudergeschosse dargestellt, anstatt als das was
sie sind: Kinderspielzeug.
Die Passagiere waren schlicht und
einfach unbewaffnet. Warum hätten sie sich auch bewaffnen sollen?
Hätten sie annehmen sollen, dass sie die israelische Armee
militärisch schlagen, sich ihren Weg durch Kriegsschiffe hindurch
kämpfen könnten - mit Küchenmessern und Murmeln? Und in der
ganzen Diskussion gilt es noch einmal festzuhalten: Die Passagiere
hätten ohnehin jedes Recht gehabt, sich sogar mit echten Waffen zu
verteidigen. Von diesem Recht haben sie zu keinem Zeitpunkt Gebrauch
gemacht.
Warum hat die Free-Gaza-Bewegung die
Hilfsgüter nicht auf dem Landweg geliefert, was Israel den
Organisatoren angeboten hatte? Täglich werden doch tonnenweise
Hilfsgüter nach Gaza geliefert?
Der Free-Gaza-Bewegung ging es darum,
auf die anhaltende Blockade des Gaza-Streifens aufmerksam zu machen,
und einen Beitrag zu leisten, sie zu beenden. Das Hauptanliegen der
Flottille war also ein Politisches. Natürlich sollten zudem auch
noch dringend benötigte Waren geliefert werden. Angesichts der Lage
im Gaza-Streifen kann das aber immer nur ein Tropfen auf den heißen
Stein sein. Die Flotte hatte rund 10.000 Tonnen Güter an Bord, aber
der tägliche Bedarf an humanitärer Hilfe liegt bei über 20.000
Tonnen.
Israel lässt nur ein Bruchteil der
benötigten Hilfsgüter in den Gazastreifen. Selbst die UNO kann nur
einen Teil ihrer Hilfsgüter liefern. Diese Waren kommen über
Israel in den Gaza-Streifen. Israel verlangt für die
Sicherheitsüberprüfung pro Container 1.500 US-Dollar. Die Prüfung
kann Wochen dauern. Während dieser Zeit verlangt Israel weitere
Lagerungsgebühren. Leicht verderbliche Ware, wie frisches Obst und
Gemüse, kann unter diesen Umständen praktisch nicht geliefert
werden. Letzten Endes entscheiden dann die israelischen Beamten vor
Ort, was durch kann und was nicht - Schulbänke und Rollstühle
werden beispielsweise nicht hineingelassen. Gefrorene Lachshälften
wiederum werden durchgelassen, Instantkaffee aber als Luxus zurück
gewiesen.
Aber die entscheidende Frage ist nicht,
ob humanitäre Hilfe durchgelassen wird oder nicht. Die Menschen im
Gaza-Streifen sind auf diese nur deshalb angewiesen, weil Israel sie
seit über drei Jahren belagert. Israels Blockade unterbindet einen
normalen Warenaustausch mit der Außenwelt. Selbst die
Baumaterialien, die gebraucht werden, um die Schäden der
Bombardierungen vor mittlerweile 18 Monaten zu beheben, lässt Israel
nicht durch. Die gelieferten Mengen Treibstoff hält Israel
willkürlich gering, so dass Fahrzeuge nicht regelmäßig benutzt
werden können, Baumaschinen nicht funktionieren, und aufgrund der
Bombardierung des Elektrizitätswerkes in Gaza durch Israel die
Stromversorgung regelmäßig unterbrochen ist. Deswegen sind etwa 80 Prozent der
Bevölkerung von UNO-Hilfen abhängig. Deswegen liegt die
Arbeitslosigkeit bei über 70 Prozent. Deswegen müssen die Menschen
dort Wasser trinken, das nach internationalen Standards kein
Trinkwasser ist. Gegen dieses Verbrechen zu
protestieren, das war das wesentliche Ziel der Free Gaza Flotte.
Die Behauptung, die Waren hätten auch
nach Israel und von dort auf dem Landweg nach Gaza gebracht werden
können, ist falsch. Das Angebot war, die Waren der UNO zu übergeben,
wo sie das selbe Schicksal aller anderen Hilfslieferungen erlitten
hätten - ohne die Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit. Da die
Schiffe zu einem Großteil Beton und andere Baumaterialien geladen
hatten, wäre diese eben nicht nach Gaza gekommen. Jetzt, wo die Welt
auf diese Güter blickt, haben die israelischen Behörden tatsächlich
angeboten, sie durch zu lassen. Aber was ist mit all den anderen
Waren, die am Grenzübergang warten? Auf die schaut niemand und
deshalb werden sie auch nicht durchgelassen.
Die einzige wirkliche Hilfe für die
PalästinenserInnenwäre es, wenn die internationale Gemeinschaft den
Druck auf Israel so erhöht, dass Israel endlich die Blockade und die
militärische Sperrzone aufhebt. Dazu gehört auch, dass es
palästinensischen Fischern wieder ermöglicht wird, in
palästinensischen Hoheitsgewässern zu fischen. Denn was den
Passagieren der Gaza Flottille passiert ist, passiert
palästinensischen Fischern fast jedes Mal, wenn sie vor der Küste
Gaza unterwegs sind: Israel beschießt ihre Boote. Die Blockade
kostet auf verschiedene Art viele Menschenleben. Unter anderem
starben in den Tunnel am Grenze zu Ägypten, die der notdürftigen
Versorgung dienen, nach Angaben der Vereinten Nationen allein seit
Beginn dieses Jahres 27 Palästinensern und 48 wurden verletzt -
durch Explosionen, Einstürze und Luftangriffe Israels.
Warum richtet sich die
Free-Gaza-Bewegung nicht gegen Ägypten, das doch auch die Blockade
Gazas unterstützt?
Richtig ist, dass Ägypten an der
Blockade des Gaza-Streifens beteiligt ist. Das haben die rund 1.400
Aktivisten aus über 40 Ländern der Gaza Freedom Bewegung am eigenen
Leib erfahren müssen, als sie sich im Dezember 2009 in Kairo
versammelten, um von dort aus nach Gaza zu fahren. Die Regierung hat
sie mit Polizeigewalt daran gehindert.
Ägypten ist eine Diktatur, in der
jeder 14. Erwerbstätige für die staatlichen Unterdrückungsorgane
arbeitet. Die ganzen letzten Wahlen ließen den Wählern nur einen
Kandidaten zur Wahl. Gleichzeitig ist Ägypten ein wesentliche
Verbündeter des Westens, eines der wenigen arabischen Länder, das
enge Beziehungen zu Israel pflegt. Ägypten ist drittgrößter
Empfänger von US-Militär- und Wirtschaftshilfen; Israel steh auf
Platz eins, Kolumbien belegt den zweiten Platz.
Als die Aktivisten zum Jahreswechsel
2009/2010 in Kairo festgehalten wurden, haben sie selbstverständlich
auch gegen diese Maßnahme der ägyptischen Regierung demonstriert.
Aber klar ist auch, dass nicht Ägypten, sondern Israel die Blockade
verhängt hat. Ägypten ist dabei nur ein Erfüllungsgehilfe. Das
Mubarak-Regime stützt sich auf die Wirtschafts -und Militärhilfe
der USA und Israels, um die eigene Bevölkerung in Schach zu halten
und ihre Proteste gewaltsam zu unterdrücken.
Nicht Ägypten, sondern Israel besetzt
völkerrechtswidrig palästinensische Territorien, baut Siedlungen
darauf und drangsaliert die palästinensische Bevölkerung mit
Checkpoints, Ausgangssperren, Häuserabrissen und Landenteignungen.
Nicht Ägypten, sondern Israel hat den Gazastreifen bombardiert und
dabei rund 1.400 Menschen umgebracht.
Es ist die Verantwortung des
Mubarak-Regimes, den Rafah-Übergang nach Gaza zu öffnen. Aber es
ist die Verantwortung Israels, die anhaltende Besatzung des
Gaza-Streifens endlich zu beenden. Und darum geht es der
Free-Gaza-Bewegung.
Unterstützt die Free-Gaza-Bewegung mit
der Aktion die Hamas?
Das Ziel der Free Gaza Bewegung ist es,
die Besatzung durch Israel zu beenden. Das ist auch das wesentliche
Ziel der Hamas, wie es auch der anderen palästinensischen Parteien,
der palästinensischen Bevölkerung und der globalen Friedensbewegung
. In dieser Interessenübereinstimmung eine Unterstützung für das
politische Programm oder die Weltanschauung der Hamas zu sehen, ist
konstruiert.
Der sogenannte »Osloer
Friedensprozess« hatte den Palästinensern eine drastische
Verschlechterung ihrer Lage gebracht. 16 Jahre lang hatten die Fatah
und die PLO Zeit, zu zeigen, dass Verhandlungen mit Israel eine
Perspektive haben.
Der Grund, warum Hamas und nicht die -
zudem korrupte - Fatah 2006 demokratisch gewählt wurde, waren denn
auch nicht die religiöse Agenda oder das Versprechen auf eine
bessere Welt nach dem Tod: Hamas hatte den »Osloer Friedensprozess«
immer abgelehnt und für die Fortführung des Kampfes nach
Selbstbestimmung und einem Ende der Besatzung argumentiert. Deswegen
sind sie der israelischen Regierung ein Dorn im Auge. Und deswegen
sind sie unter PalästinenserInnen so beliebt. Doch das Ziel der
israelischen Regierung ist es, jeglichen Widerstand zu brechen - egal
ob gewaltfrei oder militärisch, politisch oder ökonomisch. Der
Gedanke an einen palästinensischen Staat alleine schon ist zu viel
des Widerstandes. Denn wenn der israelische Ministerpräsident
Benjamin Netanjahu nicht von der Westbank, sondern von Judäa und
Samaria spricht und wenn jede israelische Regierung am Siedlungsbau
in der Westbank festhält, bedeutet dies, dass Israel keinen
lebensfähigen palästinensischen Staat zulassen will und das
israelische Staatsgebiet bis zum Jordan ausdehnen will.
Im Übrigen trägt die Free Gaza
Bewegung durch die Beteiligung von Aktivisten aus vielen
unterschiedlichen Ländern und mit verschiedenen religiösen und
nichtreligiösen Überzeugungen dazu bei, jeglichen Vorstellungen
einen Riegel vor zu schieben, der Konflikt verlaufe zwischen
Religionen oder »Kulturen«. Auch das ist ein Beitrag gegen Ignoranz
und Fundamentalismus.
Ist die Blockade von Gaza nicht
gerechtfertigt, um den Waffenhandel nach Gaza zu unterbinden?
Die Blockade betrifft zwar auch Waffen,
aber vor allem Güter des täglichen Bedarfs, Lebensmittel,
Schulmaterialien, Medizin, Baumaterial etc. Es handelt sich daher um
eine Kollektivbestrafung der palästinensischen Bevölkerung dafür,
dass sie im Jahr 2006 Hamas in die Regierung gewählt haben. Die
israelische Regierung behauptet, die palästinensische Bevölkerung
solle mittels der Blockade so frustriert werden, dass sie sich gegen
die regierende Hamas erhebt. Diese Rechnung geht jedoch in keiner
Weise auf - Für die humanitäre Krise wird nicht Hamas, sondern die
Seite verantwortlich gemacht, die die Blockade verhängt hat: Israel
und die westlichen Regierungen, die Israel unterstützen.
Der bewaffnete Widerstand ist nur ein
Vorwand für die Blockade: Im Jahr 2008 gab es ein
Waffenstillstandsabkommen zwischen Hamas und Israel, das auf ein
halbes Jahr angelegt war. Teil des Abkommens war, dass Israel die
Blockade aufheben sollte. Dies ist aber zu keinem Zeitpunkt
geschehen. Die Hamas-Regierung hielt den Waffenstillstand ein.
Einzelpersonen bzw. andere palästinensische Gruppierungen schossen
während des Waffenstillstandes trotzdem einige Kassamraketen
Richtung Israel ab; dabei kamen keine Menschen zu Schaden. Hamas hat
sich eindeutig von diesen Raketenabschüssen distanziert und zum
Einhalten des Waffenstillstandes aufgerufen. Insgesamt gab es einen
Rückgang der Raketen um 98 Prozent. Zu glauben, Hamas könnte in
Gaza soviel Kontrolle ausüben, dass niemand selbstgebastelte Raketen
abschießen kann, ist absurd. Es ist vollkommen inakzeptabel, die
gesamte Bevölkerung und ihre Regierung für die Handlungen einzelner
militanter Gruppen verantwortlich zu machen. Die israelische
Regierung hat allerdings neben der Beibehaltung der Blockade dann im
November 2008 den Waffenstillstand zusätzlich durch eine
Kommandoaktion gebrochen, bei der sie fünf Palästinenser in Gaza
tötete. Daraufhin wurden wieder vermehrt Raketen abgeschossen. Ende
Dezember begann Israel dann mit der Offensive »Gegossenes Blei«, im
Laufe derer sie nach Angaben des Flüchtlingswerks der Vereinten
Nationen UNRWA mehr als 1400 PalästinenserInnen tötete und
Infrastruktur und zahlreiche Häuser in Gaza zerstörte. Die
Begründung für den Angriff lautete wie so oft: Selbstverteidigung -
ungeachtet der Tatsache, dass die israelische Regierung selbst den
Waffenstillstand gebrochen hatte.
Ein weiterer Punkt in der Debatte um
die Blockade und die Waffeneinfuhr nach Gaza sind die
Waffenlieferungen der westlichen Regierungen an Israel. Sie sehen
kein Problem darin, Israel mit Waffen zu beliefern, obwohl Israel
jede Woche tödliche Angriffe auf PalästinenserInnen ausübt. Warum
also die weit überlegene Militärmacht Israel offiziell mit Waffen,
sogar mit atomwaffenfähigen U-Booten ausgestattet wird und
gleichzeitig über Gaza -unter dem Vorwand der Verhinderung der
Einfuhr von Waffen - eine komplette Blockade verhängt wird, ist
nicht nachvollziehbar. Als LINKE sind wir generell gegen
Rüstungsexporte und gegen jede Form von Doppelstandards. Solange
Israel von den USA und von Europa mit den modernsten Waffen beliefert
wird - unter dem Vorwand des Rechts auf Selbstverteidigung - ist es
unglaubwürdig, den PalästinenserInnen in Gaza das Recht auf
Selbstverteidigung und Waffenimporte nicht zuzugestehen. Den
semantischen Trick, einerseits von legaler Aufrüstung eines Staates
(Israel) und andererseits vom Waffenschmuggel an Terroristen
(PalästinenserInnen) zu sprechen, lehnen wir ab.
Waren die Passagiere von Free Gaza
nicht naiv?
Die Passagiere und die
OrganisatorInnen der Free-Gaza-Schiffe haben nach eigenen Aussagen
nicht mit der Anwendung derartiger Gewalt seitens Israels gerechnet.
Da sie sich auf dem Boden des Völkerrechts bewegten, hatten sie dazu
auch keinen Grund. Nach Israels langer Geschichte von
Völkerrechtsbrüchen hatten sie dennoch erwartet, dass Israel
beispielsweise versuchen würde, die Schiffe nach Israel abzudrängen
und die Passagiere dort festzunehmen. Auch das wäre illegal, aber
eben nicht tödlich gewesen. Es kann niemandem vorgeworfen werden,
dass er illegale und mörderische Szenarien nicht vorhersieht oder
sich von solchen nicht einschüchtern lässt. Wann immer Regierungen gegen Recht
verstoßen - mag es nun das Völkerrecht oder das Grundgesetz sein -
haben Menschen das Recht, sich dagegen zu erheben. Nichts anderes
haben die internationalen AktivistInnen von Free Gaza getan.
Auch die Reisewarnungen des Auswärtigen
Amtes dürfen kein Anlass sein, sich von einer Fahrt in die besetzten
palästinensischen Gebiete abschrecken zu lassen. Wie Norman Paech
richtig feststellte: Diese Reisewarnungen des Auswärtigen Amtes sind
Teil der deutschen Unterstützung der Blockade von Gaza. So kann
verhindert werden, dass sich Deutsche selbst ein Bild von der
Situation in Gaza machen können. Gefährdet sind internationale
BeobachterInnen und AktivistInnen durch die israelische Armee, nicht
durch die palästinensische Seite. Keine internationalen
BeobachterInnen, JournalistInnen oder AktivistInnen kamen im
Gaza-Streifen bisher durch Gewalt von Seiten der PalästinenserInnen,
ob Hamas oder Fatah, ums Leben.
Wenn alle Schiffe aufgebracht wurden,
warum gab es nur auf dem Schiff der IHH so starke Gegenwehr?
Die Mavi Marmara war bei Weitem das
größte Schiff im Verband. Kein anderes Schiff ist mit solcher
Gewalt angegriffen worden. Und nur auf dem großen Schiff waren so
viele AktivistInnen, dass es ihnen überhaupt in den Sinn kommen
konnte, nicht sofort zu kapitulieren, sondern zu versuchen, sich und
das Schiff zu verteidigen.
Auf die Mavi Marmara ist schon
geschossen worden, als die SoldatInnen noch nicht an Bord waren. Die
israelische Armee tötete bereits vor dem Entern einen Passagier. Das
Hissen einer weißen Fahne an Bord wurde von der israelischen Marine
ignoriert. Statt dessen wurden bewaffnete SoldatInnen auf dem Schiff
abgesetzt. In dieser Situation war die Notwehr einiger Passagiere
durchaus angebracht, um die Armee davon abzuhalten, noch mehr
Menschen zu erschießen. Die Waffen, die den Soldaten dabei
abgenommen wurden, warfen die Free-Gaza- Aktivisten ins Meer und
versorgten die Soldaten auf der improvisierten Krankenstation des
Schiffes. Eine Absicht, die SoldatInnen zu töten gab es nicht. Die
israelische Armee hingegen ermordete laut medizinischer Gutachten
mehrere Aktivisten gezielt per mehrfachem Kopfschuss oder
Nackenschuss.
Mehr im
Internet:
Mehr auf marx21.de:
|
|
|
|
 |
|