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04.06.10: Henning Mankell berichtet |
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»Das war ein Akt der Seepiraterie« |
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Seite 1 von 3 Der schwedische Autor Henning Mankell berichtete beim Auftakt seiner
Lesereise in Berlin von seinen Erlebissen beim israelischen Angriff auf
den Free-Gaza-Konvoi. Auf einer Pressekonferenz stellte er sich den
Fragen der Journalisten. Manche griffen ihn als naiv oder nützlichen
Idioten an. Aus Sicht der marx21-Redaktion ein gründliches
Missverständnis der Aufgabe von Journalisten. Unsere kritischen Fragen
richten sich vor allem auf herrschende Machtstrukturen. Deshalb, und um
die Aussage Mankells vollständig zu dokumentieren, haben wir uns
entschlossen, die vollständige Pressekonferenz zu transkribieren, zu
übersetzen und zu veröffentlichen.
 Ruhig und geduldig schilderte Henning Mankell die Ereignisse an Bord des Frachtschiffes "Sophia" (Fotos: Jan Maas) Ich bin nicht verpflichtet, diese
Stellungnahme abzugeben. Aber wie der Zufall es will, bin ich heute
in Berlin und ich wollte, wenn möglich, einige Journalisten treffen.
Denn ich hatte schon gesehen, dass viel veröffentlicht worden war,
was aber vielleicht nicht ganz richtig ist. Ich habe etwas, dass sie
nicht haben: Ich war dort.
Ich war an Bord eines der Schiffe, die
mitten in der Nacht angegriffen wurden. Ich habe es gesehen. Ich habe
es gehört. Ich habe es miterlebt. Ich habe nicht alles gesehen. Es
gibt vieles, worüber ich nicht reden kann, weil ich es nicht gesehen
habe. Aber von den Dingen, die ich gesehen, gehört und erlebt habe,
kann ich Zeugnis ablegen.
Und ich kann ihnen eins versprechen:
Ich werde ihnen nichts erzählen, was nicht wahr ist. Ich beteilige
mich seit fast 40 Jahren an der politischen Diskussion in Schweden
und der Welt. Ich habe mein Herz niemals an irgendeine Lüge gehängt.
Ich glaube nicht, dass die Lüge ein Mittel der Demokratie ist.
Deswegen ziehe ich es vor, zu sagen: Ich weiß es nicht, ich kann das
nicht beantworten oder ich habe nicht die leiseste Ahnung, bevor ich
ihnen eine halbwahre Antwort gebe. Das werde ich nicht tun. Wir haben nicht mehr als eine Stunde,
weil ich heute Abend noch etwas vorhabe. Und ich möchte noch etwas
essen. Aber ich erzähle ihnen kurz, was am Montagmorgen im
Mittelmeer geschah.
Wie sie alle wissen, ist die Idee des
Konvois aus dem Krieg gegen Gaza heraus entstanden, der die
Palästinenser im Gazastreifen hinter der Blockade wie hinter einer
Mauer völlig isolierte. Vor ungefähr einem Jahr entstand der
Wunsch, diese Blockade gegen die Palästinenser in einem Akt der
Solidarität und der humanitären Hilfe zu brechen, um deutlich zu
machen, dass sie unrechtmäßig und unmenschlich ist. Das konnte nur
auf dem Seeweg gelingen. Deswegen nannten wir die Kampagne »Ein
Schiff nach Gaza«.
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Ich war an Bord eines Schiffes namens »Sophia«. Es war ein Frachtschiff, ein kleines Fahrzeug. Ich war
nicht auf dem größeren Passagierschiff, deswegen kann ich nicht
bezeugen, was dort passiert ist. Aber von der kleinen »Sophia«
aus sahen wir, was dort in etwa einem Kilometer Entfernung geschah.
Ich war auf der »Sophia«, weil sie sozusagen ein schwedisches
Schiff war. Es ist mit schwedischem Geld finanziert worden. Viele
haben kleine Summen gespendet, um das möglich zu machen. Es hatte
Zement, Baumaterial und Fertighäuser geladen.
Wir waren etwa 25 Personen an Bord. Die
Besatzung bestand aus Griechen, außerdem aus mir, einem schwedischen
Arzt, einem schwedischen Abgeordneten der Grünen und anderen. Wir
befanden uns in internationalen Gewässern und waren auf dem Weg, die
Blockade zu brechen. Wir gingen aber davon aus, dass wir noch etwa
zwei Stunden weiterfahren mussten, bevor wir uns den von Israel
beanspruchten Gewässern nähern würden.
Um 4 Uhr morgens wurde ich von jemandem
geweckt, der mir mitteilte, dass die »Mavi Marmara« angegriffen
wurde. Wir konnten die Scheinwerfer von Hubschraubern sehen und
Gewehrfeuer hören. Wir konnten aber nicht herausfinden, was genau
geschah, weil die Kommunikation lahmgelegt war. Wir konnten unsere
Telefone nicht benutzen und uns auch sonst nicht verständigen. Das
hatte das israelische Militär besorgt. Erst zwei Tage später, als
ich an Bord des Lufthansa-Flugzeugs ging, erfuhr ich, dass zehn
Menschen getötet worden waren. Das wusste ich vorher nicht.
Wir stellten also fest, dass das
israelische Militär sich entschieden hatte, den Konvoi in
internationalen Gewässern zu attackieren. Um 4.35 Uhr griffen sie
dann unser Frachtschiff an. Wir hatten uns entschieden, keinerlei
Widerstand zu leisten. Wir standen auf der Brücke. Dann enterten die
Kommandosoldaten das Schiff. Sie trugen Maschinenpistolen und waren
alle maskiert. Ich weiß nicht, wie viele es waren, aber es waren
auch Frauen darunter. Sie kamen hoch auf die Brücke, waren sehr
aggressiv und riefen: »Ihr müsst hier runter!«
Wir hatten auch ältere Leute unter
uns, die vielleicht nicht so schnell zu Fuß waren. Einem von ihnen
wurde mit einem Elektroschocker in den Arm geschossen und er ging vor
Schmerzen zu Boden. Ein anderer Mann wurde von einem Gummigeschoss
getroffen und ging ebenfalls zu Boden. Dann wurden wir nach unten an
Deck gebracht und mussten uns zusammen hinsetzen. Die Soldaten
durchsuchten das Schiff.
Nach einer gewissen Zeit - ich kann
nicht sagen, wie viel - kamen sie zurück und einer sagte auf
Englisch: »Wir haben Waffen an Bord gefunden!« Wir fragten: »Was
für Waffen? Es gibt keine Waffen an Bord dieses Schiffes.« Dann
zeigte er uns einen Nassrasierer. Meinen Rasierer. Dann zeigte er ein
kleines Kartonmesser aus der Küche, das dem ägyptischen Koch dazu
diente, Vorratskartons zu öffnen. »Ihr werdet jetzt hier sitzen
bleiben und wir bringen das Schiff nach Israel.«
Das geschah in internationalen
Gewässern und das heißt, dass die Soldaten wie Piraten gehandelt
haben. Das war ein Akt der Seepiraterie. Und in dem Moment, als sie
das Schiff übernahmen, wurden wir nach internationalem Recht
praktisch entführt. Wir saßen elf Stunden lang am selben Ort. Ohne
Verpflegung, wir hatten nur Wasser und trockenes Brot in der Sonne.
Dann wurden wir irgendwo hingebracht, ich weiß immer noch nicht, wie
der Hafen heißt.
Als wir an Land gebracht wurden,
geschah etwas, das ich nie vergessen werde. Wir wurden einer nach dem
anderen in einem wahren Spießrutenlauf in das vorgesehene Gefängnis
geführt. Zu beiden Seiten standen Soldaten. Überall waren Kameras,
aber nur vom Militär, soweit ich sehen konnte. Alles illegal. Das
habe ich gesehen, das ist mit mir geschehen.
Außerdem kann ich bezeugen, dass die
Soldaten sich niemals ausgewiesen haben. Sie haben uns die ganze Zeit
gefilmt, obwohl die Genfer Konvention vorschreibt, dass Zivilisten
nicht so behandelt werden dürfen. Und ich kann bezeugen, dass sie
alles gestohlen haben, was ich hatte. Sie haben meine Kamera
gestohlen, mein Telefon, mein Geld, meine Kreditkarte, meine
Kleidung, alles. Und sie haben auch die Computer und Telefone der
anderen gestohlen.
Ein Polizist sprach mich an -
jedenfalls nehme ich an, dass er einer war, er trug Zivilkleidung: »Entweder schieben wir sie ab oder sie kommen ins Gefängnis.«
Ich fragte: »Wessen werde ich denn beschuldigt?« Er sagte: »Sie
sind illegal nach Israel eingereist.« Ich antwortete: »Wovon
reden sie? Ich wurde entführt und gezwungen, herzukommen.« Danach
weigerte er sich, weiter mit mir zu reden.
Ich wurde in ein Abschiebegefängnis
gebracht. Wir waren zu acht in einem sehr kleinen Raum. Wir bekamen
etwas zu essen und etwas Wasser. Wir wurden nicht geschlagen. Wir
warteten darauf, Kontakt zu unserer Botschaft aufnehmen zu können.
Ich war mit dem schwedischen Abgeordneten zusammen, dem es
schließlich gelang, Kontakt zur Botschaft herzustellen.
Wir blieben eine Nacht in dem Gefängnis
und wurden am nächsten Tag zum Lufthansa-Flug gebracht. Ich bin ohne
Socken an Bord gegangen, weil sie auch meine Socken gestohlen hatten.
Eine sehr interessante Situation, muss ich zugeben. In der Business
Class war aber eine sehr nette Dame, die mir ein Paar Socken gab.
Wenigstens konnte ich Israel mit Socken an den Füßen verlassen.
Was ich ihnen jetzt erzählt habe, ist
die Wahrheit. Das ist mit mir geschehen. Ich bin Zeuge. Wir wurden in
internationalen Gewässern angegriffen. Wir wurden entführt, nach
Israel gebracht und abgeschoben.
Wenn diese Leute uns wirklich aufhalten
hätten wollen, hätten sie es dort tun sollen, wo die
Territorialgewässer von Israel und Palästina beginnen. Und sie
hätten es sehr leicht tun können, indem sie Ruder und Propeller des
Schiffes beschädigen. Dann hätten wir nichts tun können und sie
hätten uns hinschleppen können, wo sie wollen. Aber sie zogen es
vor, Kommandotruppen zu schicken, um uns anzugreifen. Das war die
Entscheidung Israels.
Ich kann Ihnen nicht erklären, was auf
dem Schiff passiert ist, auf dem die zehn Menschen starben. Aber ich
kann Ihnen sagen, dass die zehn Toten keine Israelis sind. Sie sind
Menschen, die mit Gütern für die Palästinenser in Gaza kamen.
Jetzt nehme ich gerne ihre Fragen entgegen.
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