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20.05.10: Islamophobie |
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Im Juli 2009 wurde die Ägypterin Marwa el-Shirbini vor einem Gericht in Dresden von einem antiislamischen Fanatiker ermordet. Der zu Hilfe eilende Ehemann Marwa el-Shirbinis wurde vor Gericht von einem Polizeibeamten angeschossen und schwer verletzt. Unterlag der Polizeibeamte selbst rassistischen Klischees oder islamophoben Denkmustern? Dr. Sabine Schiffer, Leiterin des Institut für Medienverantwortung, wurde wegen »übler Nachrede« angezeigt, weil sie solche Fragen in der Diskussion um den Mord stellte. Ende März wurde sie von allen Vorwürfen freigesprochen. Francis Byrne befragte sie zum Thema Islamophobie.
Francis Byrne: Frau
Dr. Schiffer, wie haben sie die gegen sie erhobenen Vorwürfe
empfunden War nicht das Recht auf freie Meinungsäußerung und die
Freiheit der Wissenschaft bedroht?
Dr. Sabine Schiffer: Ja,
diese Bedrohung habe ich empfunden und so wie ich auch ein
Aktionsbündnis,
das sich kurz nach der Zustellung des Strafbefehls gegen mich
gegründet hatte und online eine enorme Resonanz hervorrief.
Offensichtlich haben viele Menschen es so empfunden und verstanden,
dass hier grundsätzlich die rassismuskritische Forschung in Frage
steht, die natürlich unangenehme Themen ansprechen muss.
Ich habe mich ja – übrigens wie einige
Journalistenkollegen auch – in mehreren Interviews und auch einer
konkreten Pressemitteilung zu dem Polizistenfehlschuss auf Elwy Okaz
geäußert und bin nach wie vor der Meinung, dass dieser von einer
unabhängigen Stelle untersucht werden muss. Wie ich in meiner
Erklärung vor Gericht verlas, steht es meiner Einschätzung nach
außerdem noch an, alle Unterlassungen und Fahrlässigkeiten in
Dresden zu untersuchen, vielleicht außerhalb des Dresdner
Langerichts.
Bei all den Ankündigungen des Mörders
drängt sich meiner Meinung nach die Frage auf, ob ein Muslim, der
sich ähnlich geäußert hätte wie Herr Wiens, auch ohne
Durchsuchung und mit Rucksack in den Gerichtssaal spaziert wäre?
Ist
ein Aspekt der Anti-Islam Kampagne der westlichen Länder die
Rechtfertigung der Angriffskriege gegen Afghanistan und
Irak?
Zumindest scheint es mir so, dass von Regierungsseite
antiislamische Stimmungen hingenommen werden - so ist
Islamfeindlichkeit kein Thema im Koalitionsvertrag und auch bei der
Einberufung einer neuen so genannten Islamkonferenz wurde an das
Thema nicht gedacht. Das hat mehrere »Vorteile«, wenn ich
es mal so provokant bezeichnen darf.
Erstens scheint die
Anti-Einwanderungspolitik gerechtfertigt zu sein durch ein höheres
Sicherheitsbedürfnis – so beschreibt Liz Fekete vom Institute of
Race Relations u.a. die Quasi-Abschaffung des Asylrechts für ganz
Europa. Ängste und Frustrationen aus der Wirtschaftskrise lassen
sich ebenso auf die markierte Gruppe der Muslime abwälzen.
Dann gibt es den Widerstand der
Mehrheit der Deutschen gegen die Kriege im Ausland. Langfristig wird
es auch in einer parlamentarischen Demokratie mit wenig direkter
Mitbestimmung schwierig, ständig gegen das Volk zu entscheiden – da
ist es nützlich und für viele verwirrend, wenn man mit dem Verweis
auf »die muslimsche Frau«, die man bei einem Truppenabzug
im Stich lassen würde, für die Verlängerung von Mandaten zu
werben.
Notfalls engagiert man noch die ein
oder andere eigens gegründete NGO, um entsprechende Stimmung zu
machen und auch kritischen Journalisten zu signalisieren, dass die
Menschen vor Ort für den Krieg seien. Das hat auf dem Balkan schon
funktioniert und könnte langsam mal durchschaut werden – leider
entpuppen sich immer mehr Menschenrechtsorganisationen als verdeckte
Propagandainstitutionen und mit diesem Missbrauch werden wir für die
Universalität der Menschenrechte nicht werben können.
Soll
ein Sündenbock ausgeguckt werden, der es den Herrschenden gestattet,
in der Krise von Sozialabbau abzulenken?
Da braucht es wohl
nicht mehr viel. Durch die jahrelange fokussierte Minderheit in der
Minderheit werden viele Menschen glauben, das sei das Problem. Das
hätten Wirtschaftsverantwortliche wohl gern. Denn so können sie von
systemischen Fehlern ablenken und noch länger so weiter machen, wie
bisher.
Nun, viele beschäftigen sich mit der
Systemkrise, aber ich habe noch keine neuen Konzepte gefunden - da
wäre Handlungsbedarf und der würde uns allen gut tun. Zur Zeit
können wir beobachten, dass gerade auf die erfolgreichen Muslime und
anders markierte losgegangen wird - sie bedrohen die Privilegien der
so genannten Mehrheitsgesellschaft und vielfach sind Kopftuchverbote
und ähnliches Reaktionen darauf und haben nicht mit
Gleichberechtigung oder anderen vorgeschobenen »Werten« zu
tun.
Wie wird das Feindbild Islam geschaffen und wie stark
sind die Medien beteiligt?
Unsere Medien haben hier einen
nicht unwesentlichen Beitrag geleistet – es ist ihr »Verdienst«,
bestimmte Phänomene aus der so genannten islamischen Welt so
vergrößert zu haben, dass man außer diesen kaum noch etwas
wahrzunehmen in der Lage ist. Neben einem großen Missverständnis,
sehe ich unsere Medien auch teilweise als Opfer von Denkfabriken und
PR-Aktivititäten. Immer schneller ist man dabei, einen Missstand »dem Islam« zuzuschreiben, sozusagen als omnipräsentes
Erklärungsmuster – ganz so, als würde man angesichts der aktuellen
Missbrauchsdebatte in den Kirchen von »Pädophilieproblemen
innerhalb des Christentums« sprechen. Dabei ist über die Jahre
ein kohärentes Bild entstanden: Der Muslims ist angeblich
gewaltbereit, rückständig, frauenunterdrückend und wenn er das
nicht ist, lügt er.
So ist keine Verständigung mehr
möglich. »Der Muslim an sich« ist als »unverbesserlich«
definiert – das ist zwar antiaufklärerisch, aber das fällt den
lautesten Schreiern kaum auf.
Wie schätzen sie das
Minarettverbot der Schweiz ein?
Die Ermutigung der rechten
nativistischen Parteien scheint mir eine Folge der erwarteten
Konsensfähigkeit mit dem Mainstream zu sein. Es ist eine gute
Beobachtung, dass ein gewisses antiislamisches Ressentiment als
angeblich »vernünftig« und fast unwidersprochen gilt.
Gerade die ausbleibenden (bzw. aufs Ausland beschränkten Reaktionen)
unserer Regierungsverantwortlichen anlässlich des antiislamisch
motivierten Mordes an Marwa El-Sherbini ist ein nicht zu
unterschätzendes Signal - leider das falsche.
Zur Person:
Dr. Sabine Schiffer ist Leiterin des
Instituts für Medienverantwortung in Erlangen. Zusammen mit
Constantin Wagner schrieb sie das Buch »Antisemitismus und
Islamophobie – ein Vergleich«, das 2009 im HWK-Verlag
erschienen ist.
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