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05.05.10: Sozialismus |
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Karl Marx: Vor allem war er Revolutionär |
Vor 192 Jahren wurde Karl Marx geboren. Als Analyst kapitalistischer Krisen findet er immer noch Anerkennung. Doch ebenso aktuell sind seine Ideen zur grundsätzlichen Umgestaltung der Gesellschaft.
Als junger Mann protestiert Karl Marx
mit anderen Philosophiestudenten und -lehrern, sowie Schriftstellern
gegen die Diktatur des Adels und der Kirche. Deutschland war in den
1830er und 40er Jahren in kleine Fürstentümer geteilt und
wirtschaftlich rückständig.
Die jungen Philosophen streiten für
politische Freiheiten wie das Recht auf freie Meinungsäußerung. Sie
wollen über die Irrtümer und das Schmarotzertum der Herrschenden
aufklären und die Menschen zum Kampf für einen gerechten Staat
führen. Ihr Ziel ist: »Alle Menschen werden Brüder«, wie auch
Ludwig van Beethoven in seinem Stück »An die Freude« schreibt.
Auch nach dem Studium versucht Marx,
seine revolutionären Ideen Wirklichkeit werden zu lassen. Darüber
streitet er sich mit vielen anderen fortschrittlichen Philosophen,
die sich auf Druck des Staates zurückgezogen haben.
Marx ärgert sich über seine Kollegen,
die nur über den Kapitalismus grübeln. »Die Philosophen haben die
Welt nur verschieden interpretiert, es kommt darauf an sie zu
verändern«, schreibt er später.
1841 wird Marx politischer
Enthüllungsjournalist bei der Rheinischen Zeitung. Er verfolgt im
Landtag Diskussionen über Diebstahl von Holz und schreibt über die
Diebe: arme Weinbauern, die stehlen müssen, um nicht zu erfrieren.
Der Landtag verschärft die Gesetze, weil Industrielle und
Großgrundbesitzer darauf bestehen, dass Holz Privateigentum sei, das
der Staat schützen müsse.
Marx will ein Bündnis von Philosophen
und Arbeitern aufbauen. Die besitzlosen Industriearbeiter sind für
ihn die elendste aller Klassen, nicht aber - wie er später meint -
die mächtigste. Sobald sie gemeinsam gleiches Wahlrecht für alle
erkämpft hätten, könnte ein demokratisch kontrollierter Staat
Gerechtigkeit schaffen.
Die Intellektuellen müssten den
Arbeitern jedoch erst erklären, wofür und wie sie kämpfen sollen:
»Der Kopf dieser Emanzipation ist die Philosophie, ihr Herz das
Proletariat.« Diese herablassende Meinung verwarf Marx 1844 in
Paris. Dorthin musste er wegen der staatlichen Zensur in Preußen
fliehen.
Frankreich war damals schon
industrialisiert. Anders als in Berlin oder Köln treffen sich
regelmäßig zehntausende Arbeiter in vielen kommunistischen und
sozialistischen Vereinen.
Marx ist in der Arbeiterbewegung aktiv
und studiert und analysiert ihre Erfolge und Niederlagen. Er
beschäftigt sich gleichzeitig mit Wirtschaftswissenschaft, um den
Kapitalismus zu erklären.
Von der organisierten Arbeiterbewegung
ist Marx begeistert: »Jedenfalls bereitet die Geschichte unter
diesen ‚Barbaren' das praktische Element zur Emanzipation des
Menschen vor.« Mit seinem Freund und wissenschaftlichem Partner
Friedrich Engels ist er in Arbeitervereinen aktiv, schreibt
Kampfbroschüren und Zeitungsartikel und baut die Kommunistische Liga
auf.
Gemeinsam schreiben Marx und Engels deren Programm: »Das
kommunistische Manifest«, ein Handbuch für jeden, der eine gerechte
Gesellschaft will.
Darin erklären die Autoren, warum die
Arbeiterbewegung die Kapitalisten enteignen und die besitzlose
Bevölkerung die Wirtschaft demokratisch planen muss: Der
Kapitalismus hat die Voraussetzungen dafür geschaffen, dass alle
Menschen mehr als genug haben, vorausgesetzt, der Reichtum, den die
Arbeiter herstellen, wird gerecht verteilt.
Doch die Wirtschaft
wird von einer kleinen Minderheit von Fabrikbesitzern, Managern und
Großaktionären beherrscht, deren einziges Ziel höhere Profite
sind. Die Menschen sind ihnen egal.
In der Geschichte litten die Menschen
immer wieder unter Wirtschaftskrisen. Doch »in den Krisen (des
Kapitalismus) bricht eine gesellschaftliche Epidemie aus, welche
allen früheren Epochen als ein Widersinn erschienen wäre - die
Epidemie der Überproduktion. Die Gesellschaft findet sich plötzlich
in einen Zustand momentaner Barbarei zurückversetzt; eine
Hungersnot, ein allgemeiner Vernichtungskrieg scheinen ihr alle
Lebensmittel abgeschnitten zu haben; die Industrie, der Handel
scheinen vernichtet, und warum? Weil sie zuviel Lebensmittel, zuviel
Industrie, zuviel Handel besitzt.«
Die Herren der Fabriken sind zugleich
die Herren der Welt: Sie zwingen den Regierungen ihren Willen auf.
Armeen führen ihren Konkurrenzkampf um Märkte und Rohstoffe mit
Waffen, wenn »friedliche Mittel« nicht mehr wirken.
Nicht
gewählte Polizeipräsidenten, Richter, Gefängnisvorsteher
misshandeln und sperren alle weg, die ihren Hunger »illegal«
stillen und damit das Privateigentum nicht hinnehmen. Eine gerechte
Gesellschaft kann nur geschaffen werden, wenn die besitzlose Mehrheit
den Staat stürzt, entwaffnet und die Macht in die eigenen Hände
nimmt.
Für Marx sind auch jetzt Arbeiter und
Angestellte die wichtigste gesellschaftliche Gruppe. Jedoch nicht
mehr, weil er sie für bedauernswert, sondern weil er sie für
mächtig hält.
Der Grund ist, dass nur durch ihre
Arbeit die Kapitalisten reich werden: »Die Bedingung des Kapitals
ist die Lohnarbeit«, oder wie die Globalisierungskritikerin
Arundhati Roy es heute ausdrückt: »Sie (die Kapitalisten) brauchen
uns mehr, als wir sie brauchen.«
Außerdem sind die Arbeiter die erste
unterdrückte Klasse, die eine solidarische Gesellschaft erkämpfen
kann. Weil sie jeden Kampf gegen ihre Ausbeuter nur gemeinsam
gewinnen können, kann aus der Arbeiterbewegung eine erfolgreiche
revolutionäre Massenbewegung entstehen: mit Demonstrationen,
Streiks, Betriebsbesetzungen, bis sie die wirtschaftliche und
politische Macht in die Hand nehmen.
Um den Kapitalismus zu stürzen, müssen
alle Arbeiter sich an der Revolution beteiligen. Sie müssen
Vorurteile ablegen und gegen jede Art von Unterdrückung vorgehen.
Die Arbeiterbewegung kann nur gewinnen, wenn Heterosexuelle
solidarisch mit Homosexuellen, Weiße solidarisch mit Schwarzen und
Männer solidarisch mit Frauen kämpfen.
»Alle früheren Klassen, die sich die
Herrschaft eroberten, suchten ihre schon erworbene Lebensstellung zu
sichern. Die Proletarier haben nichts von dem Ihrigen zu sichern. Die
proletarische Bewegung ist die selbständige Bewegung der ungeheuren
Mehrzahl im Interesse der ungeheuren Mehrzahl.«
Unmittelbar nach der Veröffentlichung
des »Kommunistischen Manifests« brechen 1848 in ganz Europa
Revolutionen aus, die vom Bürgertum angeführt werden. Doch von
Palermo bis Berlin, von Budapest bis Paris kämpfen auch Arbeiter auf
Straßen und Barrikaden für den Sturz der Monarchie und soziale
Gerechtigkeit.
Marx und Engels kämpfen mit und müssen nach
England fliehen. In den folgenden Jahren gibt es kaum noch Aufstände
und die beiden Revolutionäre arbeiten an politischen Theorien, die
sie teilweise aus den erlebten Kämpfen ableiten. In anderen Fällen
lernen Marx und Engels von britischen Arbeitern, die für den
10-Stunden-Tag kämpfen, von schwarzen Amerikanern, die gegen die
Sklaverei aufstehen und von vielen anderen.
1871 schaffen die Pariser die erste
Arbeiterdemokratie der Geschichte. Marx sammelt jede noch so kleine
Nachricht.
Die diktatorische französische Regierung flieht mit
der Armee nach Versailles und lässt die Stadt ungeschützt vor den
anrückenden deutschen Truppen. Die Arbeiter beschließen, Paris
selbst zu verteidigen und gründen eine revolutionäre bewaffnete
Stadtregierung: die Pariser Kommune.
Die Abgeordneten sind ihren Wählern
rechenschaftspflichtig und können jederzeit abgesetzt werden. Auch
Polizei- und Gerichtsbeamte werden gewählt und können ebenfalls
jederzeit abgesetzt werden. Alle bekommen den gleichen Lohn wie die
Arbeiter.
Marx ist Feuer und Flamme: »Wunderbar
war die Verwandlung, die die Kommune an Paris vollzogen hatte! Paris
war nicht länger der Sammelplatz von britischen Grundbesitzern, amerikanischen Ex-Sklavenhaltern, russischen Ex-Leibeignenbesitzern.
Keine Leichen mehr in der Morgue, keine nächtlichen Einbrüche und
fast keine Diebstähle mehr; und das ohne Polizei.
Paris,
arbeitend, denkend, kämpfend, über seiner Vorbereitung einer neuen
Gesellschaft fast vergessend der Kannibalen vor seinen Toren,
strahlend in der Begeisterung seiner geschichtlichen Initiative«,
schreibt er in »Der Bürgerkrieg in Frankreich«.
Die französische Armee schlug die
Pariser Kommune blutig nieder. Doch sowohl die Übel des Kapitalismus
als auch die Macht der Arbeiterklasse, ihn zu stürzen, sind bis
heute geblieben.
Karl Marx kannte den Weg, diese Welt zu
verändern. Wer die Welt verändern will, sollte Karl Marx kennen.
Mehr auf marx21.de:
- Marx als Ökologe: Karl Marx' Kritik des Kapitalismus enthält eine noch heute wichtige Analyse des Verhältnisses von Mensch und Natur und der Umweltzerstörung, meint John Bellamy Foster.
Buchtipp:
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