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Afghanistan - marx21, März/April 2010 | Drucken |
»Das schnürt einem den Hals zu«
Christine Buchholz war Anfang Februar in Afghanistan und hat dort mit den Opfern des Luftangriffs von Kundus gesprochen.

Spätestens beim Abflug aus Masar-i-Scharif ist klar: Wir sind im Kriegsgebiet. Im steilen Zick-Zack steigt die Transall auf - um Raketen kein leichtes Ziel zu bieten. Genau so steil geht es in Kundus beim Landeanflug runter. Dort am Flughafen: Schwerbewaffnete Bundeswehrsoldaten, die unseren Konvoi ins PRT-Lager begleiten.

Christine Buchholz ist Bundestagsabgeordnete der LINKEN und gehört dem parlamentarischen Untersuchungsausschuss zur Kundus-Affäre an. Mit ihrem Fraktionskollegen Jan van Aken reiste sie vom 29. Januar bis 3. Februar nach Afghanistan. (Fotoquelle: www.christinebuchholz.de)
Christine Buchholz ist Bundestagsabgeordnete der LINKEN und gehört dem parlamentarischen Untersuchungsausschuss zur Kundus-Affäre an. Mit ihrem Fraktionskollegen Jan van Aken reiste sie vom 29. Januar bis 3. Februar nach Afghanistan. (Fotoquelle: www.christinebuchholz.de)
PRT, kurz für Provincial Reconstruction Team. Das soll nach Wiederaufbau klingen, ist aber ein Militärlager - mit stark befestigten hohen Mauer. Hier ist ein Teil des Bundeswehr-Kontingents in Afghanistan stationiert. Der gepanzerte Konvoi fährt mit hoher Geschwindigkeit. Auf dem Weg sehe ich kurz ein Schild: Dyncorp. Ein US-amerikanisches Sicherheitsunternehmen, das hier Polizisten ausbildet.

Mein Kollege Jan van Aken und ich sind nach Afghanistan gekommen, um uns selbst ein Bild zu machen. Ein Bild von der allgemeinen Situation im Land am Hindukusch. Aber vor allem ein Bild von den Folgen der blutigsten von Deutschen befohlenen Militäraktion nach dem Zweiten Weltkrieg. Am 4. September vergangenen Jahres wurden gegen zwei Uhr Ortszeit zwei von Taliban gestohlene Tanklastwagen bombardiert. Tatort: Eine Sandbank etwa fünfzehn Kilometer südlich der Stadt Kundus im Norden Afghanistans. Erst hieß es, die Bundeswehr habe einen »erfolgreichen Einsatz« durchgeführt und zahlreiche Taliban getötet. Später wurden auch zivile Opfer eingestanden. Mittlerweile ist davon auszugehen, dass die überwiegende Mehrzahl der Opfer Zivilisten waren - eine Annahme, die sich auch mit unserer Recherche vor Ort deckt.

Der Bundestag hat einen Untersuchungsausschuss zur Kundus-Bombardierung eingerichtet, dem auch Jan van Aken und ich als Abgeordnete der LINKEN angehören. Es geht dort um minutiöse Details, um die militärische Verantwortlichkeit und um politische Verantwortlichkeit. Wir wollten dazu eine Perspektive einholen, die in der Debatte sonst überhaupt nicht im Zentrum steht: Die Perspektive der Opfer. Wir wollen ihnen ein Gesicht und eine Stimme geben.

Unsere Recherche führt uns zu zwei Frauen: Dr. Habibe Erfan und Korshid Zaka, beide Mitglied im örtlichen Provinzrat. Als ihnen bei der Trauerfeier für die Opfer der Bombardierung das Ausmaß der Katastrophe klar geworden war, begannen sie eine Untersuchung. Rund um die Sandbank, auf der die Tanklastzüge feststeckten, liegen sechs Dörfer. Die Frauen zogen von Haus zu Haus um herauszufinden, wer Angehörige verloren hat, wer verletzt wurde. Ihr Ergebnis: 143 Menschen sind bei dem Angriff umgekommen, davon 26 Kinder im Alter von 10 bis 16 Jahren. 91 Witwen hat der Angriff hinterlassen. Ihre Untersuchung ist seriös - die Bundeswehr selbst hat die Opferliste von Erfan und Zaka als Grundlage für ihre Soforthilfe genommen.

Hinter jedem Toten steht ein Schicksal. Laila zum Beispiel hat zwei Söhne bei dem Angriff verloren. Sie war schon vorher Witwe. Die beiden Söhne gingen noch zur Schule. Der eine kümmerte sich zudem um das Feld, der andere um die Kuh der Familie. Nun bleibt dies alles an Laila hängen - außerdem muss sie ihre kleinen Töchter versorgen. Hilfe hat sie nur von ihren Brüdern, die ihr manchmal Öl und Reis vorbeibringen.

Erschüttert haben mich auch die Gespräche mit Eltern, die ein oder mehrere Kinder bei dem Angriff verloren haben. Wir bekommen die Schulzeugnisse der gestorbenen Kinder gezeigt. Es schnürt einem die Kehle zu.

Was haben diese Leute nachts um zwei auf einer Sandbank zu suchen? So und ähnlich wurde nach dem Angriff Misstrauen geschürt. Wer außer Taliban-Kämpfern sollte sich bei den Tanklastzügen aufhalten?

Bei unseren Gesprächen erhalten wir plausible Antworten auf diese Fragen. Die Nacht des Angriffs war im Ramadan, die Dorfgemeinschaften kamen gerade aus der Moschee, die Frauen bereiten das gemeinsame Mahl, das vor Tagesbeginn eingenommen werden sollte. Da macht das Gerücht die Runde, dass unten in der Furt ein Tanklaster festsitzt - dass es Benzin gibt! Die ersten machen sich mit Schalen und Kanistern auf den Weg, andere folgen, auch aus Neugier.
So versammelten sich schließlich rund 200 Personen auf der Sandbank. Sie fühlten sich sicher, seit Stunden schon kreiste ein Aufklärungsflugzeug über der Stelle und nichts war passiert. Niemand rechnete mit dem Angriff. Dann fielen die Bomben. Die Tanklastzüge explodierten, der Feuerball war noch Kilometer weiter zu sehen.
Die Schicksale der Opfer zeigen auch, wie sehr die Armut und systematische Unterentwicklung des Landes mit dem Krieg verschränkt sind. Drei von Bulbuls Enkelkindern starben am 4. September. Sie klagt: »Wär' ich nicht arm, hätten wir kein Benzin gebraucht«.

Nicht einmal mehr das Verteidigungsministerium behauptet, alle Opfer seien Taliban gewesen. Zu Recht: Angehörige zeigen uns Dokumente, unter anderem Wahlausweise der Toten - die Taliban hatten zum Wahlboykott aufgerufen.

Überhaupt ist der Sammelbegriff »Taliban« wenig hilfreich. Viele Menschen leisten den westlichen Truppen Widerstand aus unterschiedlichsten Motiven, nicht immer aus religiösen. Wahrscheinlich sind durch das Massaker von Kundus viele weitere dazugekommen, das Ansehen der Bundeswehr hat jedenfalls schwer gelitten.

Natürlich sprechen wir während unser Zeit in Kundus auch mit vielen Bundeswehr-Angehörigen, mit Kommandeuren ebenso wie mit einfachen Soldaten. Es gibt durchaus einige unter ihnen, die den Anspruch haben, zu helfen und die Sympathien der Afghanen zu gewinnen. Doch die Realität ihres Einsatzes ist folgende: Sie sind in eine Festung einbunkert, die sie nur in schwer gepanzerten Konvois verlassen. Und sie bekämpfen einen Widerstand, der Unterstützung von bedeutenden Teilen der Bevölkerung erhält. Ein aussichtsloses Unterfangen. Vielleicht ist das der Grund, warum einige mir sagten, sie wären froh, wenn ihre Einsatzzeit endlich vorbei ist.

Die Afghanen, mit denen ich sprechen konnte, wollen den Wiederaufbau des Landes und sind dankbar für jede Hilfe. Doch momentan wird die Situation so sehr durch die militärische Konfrontation bestimmt, dass ein wirklicher Wiederaufbau unmöglich ist. Verteidigungsminister Guttenberg behauptet: Ohne Militär kein Aufbau, die Taliban machen gleich alles wieder kaputt. Vor Ort hat sich das aber anders dargestellt. Die Bundeswehr setzt auf die »zivil-militärische Zusammenarbeit«. Das heißt, dass Einheiten der Bundeswehr mit zivilen Helfern ausrücken - eine Maßnahme, die die Armee beliebter machen soll. Doch oftmals macht gerade die Verknüpfung des Aufbaus mit dem Militär die Einheimischen misstrauisch und unkooperativ. Woher sollen sie wissen, ob nicht die Erkenntnisse der »Helfer« militärisch verwendet werden? Ob auf Brunnenbohrer Bomber folgen?

Dass es auch anders geht, zeigt ein Beispiel aus der zentralafghanischen Provinz Orusgan. Dort wurde erfolgreich eine Straße gebaut - ganz ohne militärische Absicherung, aber in enger Verhandlung und Abstimmung mit den Dorfältesten. Es gibt also durchaus eine Perspektive für den Aufbau ohne Militär. Wenn das gesamte Geld, das für diesen Krieg ausgegeben wird, in die zivile Hilfe fließen würde, hätte Afghanistan tatsächlich eine Zukunft.
Auf dem Rückflug haben wir Zeit, über die Eindrücke und Erkenntnisse zu reden. Ich bin überzeugter denn je: Die Forderung der LINKEN nach einem sofortigen Abzug der Bundeswehr ist richtig.
 
 
 
AKTUELLES HEFT
marx21, Heft 24, Februar / März 2012: Titelthema: Die Eurokrise und die Linke

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