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März/April 2010, Heft 14 | Drucken |
Das Gift des Antisemitismus
Zum Artikel »Eine notwendige Debatte« von Reuven Neumann (Heft 13)

Ich möchte noch einen Kritikpunkt zu dem Buch von Gehrcke, Grünberg und Freyberg hinzufügen. Leider werden dort die theoretischen und praktischen Schwächen der Sozialdemokratie vor 1914 betont, weniger aber ihre viel wichtigere Leistung, große Teile der Arbeiterklasse gegen das Gift des Antisemitismus zu immunisieren.

Eduard Bernstein beschreibt in seiner »Geschichte der Berliner Arbeiterbewegung« (1909), wie die illegale Sozialdemokratie von 1881 bis 1883 einen erfolgreichen Abwehrkampf gegen den Versuch der Gründung einer »Christlich-Sozialen-Arbeiterpartei« auf antisemitischer Grundlage führte.

Umgekehrt findet der Antisemitismus in Wien etwa zur gleichen Zeit eine Massenbasis und war wesentlich erfolgreicher als in Berlin, weil die österreichische Arbeiterbewegung erst später (1889) als die deutsche zu einer wichtigen nationalen politischen Kraft wurde.

Gegen Paul Singer, Abgeordneter der SPD von 1884 bis 1911, wurden wiederholt antisemitische Kampagnen geführt, seiner enormen Beliebtheit in der Berliner Arbeiterschaft tat dies keinen Abbruch. Die Arbeiterbewegung trat hier das Erbe der Aufklärung und des bürgerlichen Liberalismus an, der den Juden Emanzipation und gleiche Rechte versprochen hatte, dieses Versprechen jedoch nicht einhielt. Die Ideen einer internationalen Klassensolidarität, in der die Arbeiter aller »Rassen« und Nationen gemeinsam gegen die Kapitalisten aller »Rassen« und Nationen kämpften, übten gerade auf unterdrückte Minderheiten wie die Juden große Anziehung aus.

So war die Sozialdemokratie vor 1914 nicht nur keine antisemitische Partei, sondern sie erwies sich als Bollwerk gegen das Vordringen des Antisemitismus - trotz aller theoretischer und praktischer Schwächen.

Es ist auch nicht zutreffend, dass die jüdische Religion im revolutionären Russland 1917 unterdrückt wurde, die Autoren sind da den Beweis schuldig geblieben.

Volkhard Mosler, Frankfurt a.M.
 
 
 
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