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22.03.10: Nahost |
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Wie kann man Angst zählen? |
Trotz internationalen Protesten setzt
die rechtskonservative Regierung in Israel den Siedlungsbau und die
Blockade des Gazastreifen fort. Die israelische Journalisten Amira
Hass über einen ganz »normalen« Tag in Palästina.
»Das Jahr 2009 war vom Standpunkt der
Sicherheit für die Israelis das Ruhigste und für die Palästinenser
das Gewalttätigste, hinsichtlich der Angriffe von Seiten der Siedler
in der Westbank.« Als er dies gerade gesagt hatte - als ein
Beispiel für die Absurditäten, die die politische Situation
charakterisieren - empfängt der palästinensische
Landwirtschaftsminister Ismail Daiq einen Anruf aus dem Jeniner
Distrikt: fünf artesische Brunnen im Dorf Daan seien an diesem
Morgen zerstört worden. Eine Person sei beschossen worden und am
Unterleib verletzt worden, als er versuchte, die Pumpe zu heben, um
sie vor Schaden zu bewahren. Dies war kein Angriff der Siedler,
sondern ein Überfall der Armee.
Und dies war nicht das einzige
Routineereignis am Mittwoch, den 24. Februar. Die
Verhandlungsabteilung der PLO sammelt täglich aus allen Distrikten
der besetzten Gebieten (Gaza und Westbank und Ost-Jerusalem) und
veröffentlicht in einem täglichen Situationsbericht durch die
Palästinensischen Monitorgruppe. Um der Zweckmäßigkeit willen,
werden die einzelnen Vorfälle kategorisiert und dann die Details
jedes Distriktes aufgezeichnet.
An diesem Mittwoch sind es 212
Vorfälle, die mit der Besatzung zu tun haben und über die berichtet
wird. Die Beispiele schließen ein: vier physische Überfälle, die
sich in der Westbank zutragen und Zivilisten einschließen, die in
Nablus und Jerusalem geschlagen werden; ein verletzter Zivilist in
Daan; acht militärische Angriffe mit Schießerei ( 2 in Gaza, zwei
bei Überfällen und einer kam von einem militärischen Außenposten;
39 Armeeüberfälle ( einer in Gaza), 28 Festnahmen und 12
Verhaftungen an Checkpoints und in Wohngebieten. Die Beispiele auf
der Checkliste schließen Wohnungszerstörungen ein ( keine an diesem
Tag), Zerstören von landwirtschaftlich genütztem Land ( eine im
Gazastreifen) und der Weiterbau an der Trennungsmauer ( an 22
Stellen).
Der Bericht schließt Zerstörungen von
Eigentum ein (sieben Fälle, einschließlich Zerstörung von Brunnen
und Ernte); Checkpointschließung ( acht Fälle an fünf
Checkpoints, einschließlich von Behinderungen des Durchganges);
mobile Checkpoints ( 23), vollkommene Absperrung von Zugangsstraßen
zu Dörfern (7); Schließung von Hauptstraßen (40, einschließlich
vier nach Bethlehem und 14 nach Hebron und das Dorf Jaba östlich von
Ramallah; Schließung von Hauptkreuzungen (4, einschließlich der
Dauerblockade von Gaza) Unterbrechungen des Schulunterrichts (3
Fälle, einschließlich des Werfens mit Tränengaskanistern; Gewalt
von Seiten der Siedler ( ein Fall in Sheik Jarrah; Demonstrationen
(eine in Hebron); die Checkliste schließt auch palästinensische
Angriffe ein ( keine an diesem Tag).
Die Philosophie hinter dem
Situationsbericht ist klar. Ein Vor/Unfall ist nicht nur ein
Todesfall, ein Angriff/ Überfall, Schusswechsel oder Zerstörung. Es
ist etwas, das ständig Schaden anrichtet, es ist die Politik der
Absperrungen, des Mauerbaus, der ständigen Blockade des
Gazastreifens. Aber selbst ohne diese auf die Besatzung bezogenen
Probleme - der größte Teil dieser Vorfälle wird der Mehrheit der
Israelis nicht bekannt gemacht.
Keine Statistik kann die emotionalen
und sozialen Leiden ausdrücken, die jeden Vorfall oder Non-event
begleiten, wie z.B. die Gefängnishaltung von 1,5 Millionen Menschen
innerhalb des Gazastreifens oder die Tatsache, dass Zehntausende
nicht in der Lage waren, sich das Haus wieder aufzubauen, das während
des israelischen Angriffes im Winter 2008/ 2009 zerstört wurde. Auch
ohne zu fragen, kennt man die Gründe für die Zerstörung der
Brunnen im Jenin-Distrikt: sie wurden »ohne Genehmigung« gegraben.
Aber der Souverän, der zerstört, ist auch derjenige, der die
Wasserressourcen kontrolliert, und der über die ungleiche Verteilung
des Wassers zwischen Palästinensern und Israelis entscheidet. Die
Statistiken schließen nicht die wirklichen Schwierigkeiten ein, die
mit dieser Diskriminierung oder der permanenten Beleidigung
zusammenhängt.
2009 zerstörte Israel 225
palästinensische Häuser in der Westbank und machte 515
Palästinenser obdachlos, berichtete das UN-Office für die
Koordination humanitärer Angelegenheiten. Tausende mehr in der Zone
C und in Jerusalem leben in ständiger Angst, dass ihr Haus zerstört
wird und dass auch sie von ihrem Wohnort vertrieben werden.
Wie kann man Ängste zählen? Wie die
Angst, die in den Häusern von 700 Minderjährigen empfunden wird,
die die IDF 2009 verhaftet hat. Der palästinensische Ableger von
Defense for children International stellte 218 von diesen
Minderjährigen vor. 40 wurden entlassen, 28 gegen Kaution und 12
ohne Bedingungen. Sieben Minderjährige wurden in Verwaltungshaft
gehalten, also ohne Prozess. Im ganzen wurde 192 vor Gericht
gebracht, 23 von denen waren 12 oder 13 Jahre alt und 46 waren 14
oder 15 Jahre alt. Die Mehrheit - 123 Minderjährige waren 16 oder 17
Jahre alt. Zu weniger als sechs Monate Haft wurden
121 von diesen verurteilt - 63 % - während 31 von ihnen
Haftstrafen zwischen 6 Monaten und einem Jahr und 32 Haftstrafen
zwischen einem und drei Jahren erhielten. Acht von den Minderjährigen
bekamen mehr als drei Jahre Gefängnisstrafe.
Die Mehrheit ( 117) wurde wegen
Steinewerfens verhaftet, 33 weil sie Molotov-Cocktails besaßen oder
warfen, 11 waren Mitglieder in verbotenen Organisationen, acht hätten
sich verabredet, zu töten, sieben besaßen oder versteckten
Sprengstoff und 16 hätten Waffen versteckt oder fabriziert. Im Augenblick wollen wir nicht über
die Verhaftungen, die Prozesse des Militärsystems diskutieren, von
dem gesagt wird, es würde Gesetz und Ordnung aufrecht erhalten,
tatsächlich aber hält es die Besatzung aufrecht. Lassen wir auch
jetzt die Tatsache beiseite, dass es in militärischen Tribunalen oft
ratsam ist, die Anklagen zuzugeben, die der Angeklagte gar nicht
begangen hat, da die Haftzeit während der Prozesszeit länger sein
kann als die tatsächliche Haft wegen der angeblichen Straftat.
Aber wie kann man die persönliche und
kollektive Wut durch geworfene Steine in Zahlen ausdrücken und die
durch Israels Militärtribunal erst geschaffen wird? Alles, was wir berichten und was sich
mit Israels Herrschaft über die Palästinenser befasst, führt in
die Irre. Es erweckt den Eindruck, dass egal, was berichtet worden
ist, dies alles sei, was auf palästinensischer Seite geschieht und
dass sonst alles normal sei oder gar blüht und gedeiht. Jedes in
israelischen Zeitungen veröffentlichte Problem ist nur ein Hinweis
auf das, was alles fehlt und was keiner wissen möchte.
Zur Autorin:
Amira Hass ist israelische Journalistin
und Buchautorin. Sie lebt in Ramallah.
Zum Text:
Der Text erschien zuerst in
der israelischen Tageszeitung Haaretz.
Übersetzung ins Deutsche Ellen Rohlfs. Auf deutsch wurde der Text
zuerst bei znet veröffentlicht.
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