|
 |
 |
 |
 |
| |
|
11.03.10: Debatte über Gewalt |
| Drucken |
|
|
Vor einem Jahr: Amoklauf in Winnenden |
Vor genau einem Jahr erschoss der 17-jährige Tim K. 15 Menschen und sich selbst. Mit der danach erfolgten Verschärfung des Waffenrechts lassen sich aber Amokläufe nicht verhindern. Denn es gibt einen Zusammenhang zwischen der neoliberalen Entfesselung der Märkte und Gewalt. Von Frank Eßers
Kurz nach dem schrecklichen Amoklauf in Winnenden am 11. März 2009 ist der Ruf nach schärferen Gesetzen und Kontrollen laut geworden. Hätte der Täter Tim K. »keine großkalibrige Pistole in die Hand bekommen, hätte er nicht 15-mal getötet« war sich die »taz« damals sicher. Vielleicht stimmt das in diesem Fall. Doch verallgemeinern lässt sich das nicht.
Als Tim K. seine Taschen mit Munition
vollstopft und mit einer Pistole loszieht, um möglichst viele
Menschen zu ermorden, geschieht das nicht aus einem vorübergehenden
Wutanfall heraus. Wie andere vorher, hat er seinen Amoklauf geplant
und längere Zeit vorbereitet. 2006 hatte sich der 18-jährige Bastian B. mit einem Arsenal verschiedener
Waffen eingedeckt, um an seiner ehemaligen Schule in Emsdetten (Nordrhein-Westfalen) ein Massaker anzurichten. Dazu gehörten auch selbst gebastelte Sprengsätze.
Im belgischen Dendermonde drang im
Januar 2009 ein 20-jähriger in eine Kinderkrippe ein, tötete
zwei Babys, die Erzieherin und verletzte 10 weitere Kleinkinder und 2
Erwachsene. Eine Schusswaffe war dazu nicht nötig. Der Täter
rüstete sich mit mehreren Messern und einem Beil aus.
Weder durch strengere Kontrollen noch
durch ein Verbot der Aufbewahrung von Handfeuerwaffen in
Privathaushalten hätten diese Taten verhindert werden können.
Daraus lässt sich
selbstverständlich nicht die umgekehrte Schlussfolgerung ziehen,
dass eine Liberalisierung der Waffengesetze unproblematisch wäre.
Ein weniger eingeschränkter privater Zugang zu Schusswaffen
würde auch deren Gebrauch fördern, die Zahl der Opfer würde
steigen.
Außerdem hat eine Auswertung von
internationalen Berichten über Amokläufe für den
Zeitraum 1993 bis 2001 ergeben, dass ein erheblicher Prozentsatz der
Täter aus waffentragenden Berufen stammte (26
Prozent Soldaten und 7 Prozent Polizisten) oder »Waffennarren«
waren.
Computerspiele produzieren keine Mörder
Nach Winnenden stellte Innenminister
Schäuble im Live-Chat bei tagesschau.de einen Zusammenhang
zwischen Amokläufen und bestimmten Computerspielen her: »Ist
es nicht wahr, dass durch diese Gewaltdarstellungen, durch
Killerspiele, durch was der Himmel es alles gibt an schrecklichen
Dingen, dann bei jungen Menschen solche Mechanismen ausgelöst
werden, dass dann ein junger Mensch, 17 Jahre alt, so etwas
entsetzliches tut?«
Für diese beliebte These – 60
Prozent der Bevölkerung stimmen ihr zu – gibt es allerdings
keinen Beleg. Die Wirkung von »Ballerspielen« auf das
Gewaltpotenzial wird schon länger wissenschaftlich
untersucht: »Langfristig konnte noch keine Steigerung der
Aggressivität nachgewiesen werden«, stellte der
Kommunikationswissenschaftler Jörg Müller-Lietzkow nach dem
Amoklauf in Emsdetten klar.
Die Aussichtslosigkeit, die Bastian B.
gefühlt habe, sei »nicht spiele-induziert«, erklärte
der Medienpädagoge Professor Winfred Kaminski. Wer vor allem
Spielverbote fordere, wolle sich seiner Verantwortung entziehen,
meinte er.
Dennoch beklagten Politiker, dass
Jugendliche viel Zeit mit Computerspielen verbringen – und streichen
gleichzeitig Gelder für andere Freizeitmöglichkeiten wie
Jugendzentren oder bei der Jugendarbeit. Da liegt der Verdacht nahe,
dass die Bundesregierung mit ihren damaligen Forderungen nach einem schärferen
Waffengesetz und Verboten bestimmter Computerspiele vom eigentlichen
Problem ablenken wollte: Kinder und Jugendliche müssen in einer
auf Konkurrenz beruhenden Ellenbogen-Gesellschaft aufwachsen, die steigenden Druck auf den Einzelnen ausübt.
Eine Welt, in der Geld regiert
Welche Motive Tim K. dazu bewogen
haben, zum Mörder zu werden, ist nicht klar. Bastian B. hingegen
hatte einen Abschiedsbrief hinterlassen, aus dem hervorgeht, was ihn
umtrieb:»Das einzigste was ich intensiv in der Schule
beigebracht bekommen habe war, dass ich ein Verlierer bin. (...) Ich
erkannte, dass die Welt, wie sie mir erschien, nicht existiert, dass
sie eine Illusion war, die hauptsächlich von den Medien erzeugt
wurde. Ich merkte mehr und mehr in was für einer Welt ich mich
befand. Eine Welt in der Geld alles regiert, selbst in der Schule
ging es nur darum. Man musste das neuste Handy haben, die neusten
Klamotten, und die richtigen "Freunde". hat man eines davon
nicht ist man es nicht wert beachtet zu werden.«
Einen Sinn im Leben konnte Bastian
nicht finden: »Wozu das alles? Wozu soll ich arbeiten? Damit ich
mich kaputtmaloche um mit 65 in den Ruhestand zugehen und fünf
Jahre später abzukratzen?« Dieser Gesellschaft, so schrieb
er, wolle er sich nicht anpassen.
Weitere Teile des Briefes bestehen aus
reaktionären Beschreibungen seiner Rachegefühle und der
Diffamierung unterschiedlicher gesellschaftlicher Gruppen und
Jugendkulturen, die er für seine Lage verantwortlich macht. Sich
selbst heroisierte er als militanten Einzelgänger, der es allen
zeigen werde.
Sicher stehen viele Jugendliche unter
ähnlichem Druck, ohne gewalttätig zu werden. Doch jeder
reagiert auf andere Weise. Der Weg von Isolierung, Hass auf die Welt,
Gewaltphantasien bis zum Amoklauf ist eine extreme Form
fremdgerichteter Aggression. Andere Effekte dieser Normierung von
Jugendlichen sind Magersucht, Bulimie, Selbstverletzungen, der Missbrauch von Psychopharmaka, Beruhigungsmitteln oder Drogenkonsum. In
jedem Jahr endet diese Aggression nach innen für
rund 1500 Jugendliche im Suizid.
Lösungen lassen sich nur dann
finden, wenn erstens die sozialen Verhältnisse nicht
ausgeblendet werden und zweitens von den Bedürfnissen der
Jugendlichen ausgegangen wird. Schärfere Gesetze, mehr Verbote
oder das Verwandeln von Schulen in Festungen gehen genau an diesen
vorbei.
Auslöser von Amokläufen
Fachleute beschreiben mehrere Auslöser
von Amokläufen: eine fortgeschrittene psychosoziale Entwurzelung
des Täters, der Verlust beruflicher Integration durch
Arbeitslosigkeit, Rückstufung oder Versetzung, zunehmend
erfahrene Kränkungen sowie Partnerschaftskonflikte.
Seit dem Massaker an der Columbine High
School (USA) im Jahr 1999 sind die so genannten school
shootings, Amokläufe an Schulen, ins Blickfeld geraten.
Einige Umstände im Leben der Täter treten gehäuft auf:
- Mobbing in der Schule
- unangemessener Leistungsdruck,
sowie daraus resultierende Zukunftsängste
- mangelnde Kommunikation und
Integration im Elternhaus beziehungsweise im sozialen Umfeld
- Vereinsamung, Entwurzelung oder
Isolation
- Versager- oder
Einzelgängerschicksale
- Konflikte mit nahestehenden
Personen
- intensive Gewaltphantasien
- Kompensation von erfahrenen
Kränkungen oder Minderwertigkeitsgefühlen durch extreme
Handlungen
- die Nachahmung ähnlicher,
vorangegangener Taten
- das Bedürfnis nach Erregen
von Aufmerksamkeit
- fehlende Kontrolle über das
eigene Leben soll durch Macht über andere kompensiert werden
Warum wird von den Tätern gerade
ihre (ehemalige) Schule ausgewählt? Weil sie der Ort sei, »wo
sie ihre größte Kränkung erlitten haben. Hier wollen
sie die fehlende Kontrolle wieder herstellen, indem sie die Kontrolle
haben darüber, wer leben und wer sterben soll«, sagte der
Diplom-Kriminologe Frank Robertz nach Winnenden gegenüber dem »Tagesanzeiger«.
Robertz führt europaweit Fortbildungen zur Prävention und
Intervention gegen Schulgewalt durch. Er beschreibt die Täter
als »eher introvertierte Jugendliche, die soziale Brüche
und Verlusterfahrungen erleben mussten und sehr empfindlich auf diese
Ereignisse reagiert haben.«
Individuelle Hilfe
Laut dem Kriminologen, der nach eigener
Aussage jahrelang mit auffälligen und straffällig
gewordenen Kindern und Jugendlichen gearbeitet hat, komme es darauf
an, »die Warnsignale zu erkennen und den Jugendlichen dann auf
dreifache Weise zu begegnen.« Weitere Informationen müssten
gesammelt und Normen des Zusammenlebens verdeutlicht
werden.
»Vor allem aber muss den
Jugendlichen klargemacht werden, dass ihre im Vorfeld subjektiv
unlösbar erscheinenden Probleme nicht unlösbar sind«,
erklärte Robertz: »Sie müssen begreifen, dass ihnen von
diesem Zeitpunkt an Erwachsene zur Seite stehen - nicht um zu
strafen, sondern um auch Hinweise zu geben auf die Lösung der
immer gleichen Kernprobleme«.
Dazu müsse auch die Schule ein Ort
werden, »wo man gerne hingeht und Beziehungen aufbauen kann.«
Es sei wichtig, »gefährdete Jugendliche rechtzeitig zu
erkennen und für ein Umfeld zu sorgen, in welchem diese Gefahren
gar nicht erst entstehen.« Die Schule könne »soziales
Lernen propagieren« und den Jugendlichen zeigen, »wo sie -
auch abseits der Schulnoten - Anerkennung finden.«
Schule sondert Kinder aus
Daraus ergibt sich die Frage, wer das
leisten soll. Lehrer, die Klassen mit 25 bis 30 Schülern
unterrichten müssen, können das nicht bewältigen. Auch
an anderem qualifizierten Personal mangelt es: Bundesweit kommen auf
einen Schulpsychologen etwa 16.500 Schülerinnen und Schüler.
Mit mehr Personal allein ist es jedoch
nicht getan. An der betroffenen Schule in Winnenden gab es eine
Sozialarbeiterin. Um Konflikte frühzeitig zu erkennen und zu
schlichten, sind auch einige Schüler zu speziellen Schlichtern,
so genannten Mediatoren ausgebildet worden. Tims Probleme wurden
trotzdem nicht erkannt.
Damit gerne gelernt wird, müsste
sich viel mehr ändern. Die Anforderungen, die von der Winnender
Schule gestellt werden, sind von den Medien als hoch
beschrieben worden: eine verharmlosende Beschreibung für
Leistungsdruck. Dafür kann die Schule nichts, denn Druck und
Auslese sind Kennzeichen des gesamten Bildungssystems.
Nach dem
Schulmassaker in Emsdetten Ende 2006 stellte der
Hannoveraner Erziehungswissenschaftler Wolfgang Bergmann gegenüber
der »Zeit« fest: »Die deutsche Schulkultur sondert Kinder
mit bürokratischer Kälte aus.« Das trifft den Nagel auf
den Kopf. Denn schon im Alter von zehn Jahren werden Kinder auf die
verschiedenen Schultypen verteilt. Damit wird oft über ihr
ganzes weiteres Leben entschieden. Chancen auf einen guten
Arbeitsplatz hat meist, wer aufs Gymnasium kommt. Hauptschüler
stehen von vornherein auf der Verliererseite.
Sebastian B., der Amokläufer von
Emsdetten, musste nach der Realschule als Mini-Jobber in einem
Baumarkt arbeiten.
Wer in Deutschland einen höheren Bildungsabschluss
haben will, sollte über gut verdienende Eltern verfügen:
Schüler aus wohlhabenderen Familien haben eine viermal höhere
Chance, das Gymnasium zu besuchen und Abitur zu machen. Das ging aus
der zweiten Pisa-Studie hervor, die international die Leistungen von
Schülern misst. Im Vergleich zu anderen Ländern haben es in
Deutschland Kinder aus sozial schwächeren Elternhäusern
besonders schwer, haben die Pisa-Forscher festgestellt.
Jung und arbeitslos
Wer die Schule hinter sich hat, steht
vor einem zweiten Problem: einen Ausbildungsplatz zu finden. Auf
drei erwerbstätige Jugendliche kommt mindestens einer, der auf
Arbeitslosengeld I oder Hartz IV angewiesen ist. Das sind insgesamt
1,2 Millionen junge Menschen. Zu diesem Ergebnis kam die Studie »Arbeitsmarkt aktuell - Jugendarbeitslosigkeit wird
unterschätzt« des deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB).
Und wer aus der Arbeitslosigkeit
herauskommt, wechselt laut Studie vermehrt nur in eine prekäre
Beschäftigung oder Maßnahme der Arbeitsagentur –
Jugendliche wesentlich öfter als Ältere. Im Berufsleben
sind befristete Verträge und niedrige Einkommen für einen
großen Teil junger Menschen Alltag.
Nach der Berufsausbildung erfolgt für
die Mehrheit junger Arbeitnehmer keineswegs eine Übernahme durch
die ausbildende Firma. 69 Prozent müssen sich anderweitig
umsehen. Für 31 Prozent der Ausgebildeten gestaltet sich der
Übergang sogar sehr schwierig: Jeder dritte Jugendliche gelangt
laut Studie »erst auf Umwegen mehrerer atypischer Beschäftigungsverhältnisse wie Praktika, befristete
Beschäftigung usw. in ein Vollzeitarbeitsverhältnis.«
»Killerspiel« Afghanistan
»Wir müssen alles tun, um zu
schauen, dass Kinder nicht an Waffen kommen, dass ihnen auch
sicherlich nicht zu viel Gewalt zugemutet wird«, sagte Kanzlerin
Merkel nach dem Winnender Amoklauf im Deutschlandfunk und schlug die Sperrung
gewaltverherrlichender Internetseiten vor. Wenn es ihr mit dem Schutz
von Kindern ernst wäre, dann müsste sie zuerst ans »real
life« denken: zum Beispiel an die Gewalt
verharmlosenden Werbeauftritte der Bundeswehr in Schulen.
In Zeiten
hoher Arbeitslosigkeit nutzt der Staat die Verunsicherung von jungen
Menschen, um sie als Berufssoldaten zu rekrutieren. Eine solche »Karriere« kann schnell darin enden, in anderen Teilen der
Welt Menschen zu töten oder selbst getötet zu werden. Der
Bundeswehreinsatz in Afghanistan ist das ganz reale »Killerspiel«
der Bundesregierung.
Menschen bleiben auf der Strecke
Es ist kein Zufall, dass die Zahl der
Amokläufe zugenommen hat. Der von Neoliberalen beschleunigte
Sozialabbau hat öffentliche soziale Netzwerke zerstört und
den sozialen Zusammenhalt im Privaten untergraben. Gesellschaftliche
Entwicklungen setzen sich zwar nicht eins zu eins in individuelles
Verhalten um, aber es gibt einen Zusammenhang.
Wo sich Politik und Unternehmen aus
ihrer sozialen Verantwortung verabschieden, wo Gewinne privatisiert
und Verluste sozialisiert werden, bleiben Menschen auf der Strecke –
nicht nur ökonomisch, sondern auch emotional. Das schafft Raum
für Egoismus und auch Hass, der sich gegen andere entlädt.
Entschuldigt oder relativiert sind die
brutalen Morde, die Tim K. und andere begangen haben, damit nicht. Doch es reicht nicht, Amokläufe nur als Taten einzelner extremer Charaktere zu beschreiben. Es geht vielmehr darum, sich nicht mit einem Gesellschaftssystem abzufinden, das Kinder und Jugendliche in Perspektivlosigkeit und Isolation treibt.
Zum Text:
Dieser Artikel ist eine leicht bearbeitete Neuveröffentlichung der marx21-Analyse »Der Kapitalismus frisst seine Kinder« vom 17. März 2009. Nicht berücksichtigt in diesem Artikel ist die Tatsache, dass die meisten Amokläufer an Schulen männlich sind, also Jugendgewalt sehr oft Jungen-Gewalt ist. Das wäre ein lohnendes Thema für eine weitere Analyse.
Zum Autor:
Frank Eßers ist Online-Redakteur von marx21.de und aktiv in der LINKEN.Berlin-Neukölln
|
|
|
|
 |
|