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14.06.10: WM in Südafrika |
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Weltmeister und Wellblech |
Zwanzig Jahre nach der Freilassung
Nelson Mandelas wird die Fußball-Weltmeisterschaft in Südafrika
ausgetragen. Viv Smith wirft einen Blick hinter die
schöne Kulisse und beschreibt die Auswirkungen auf
die einfachen Menschen.
Über 40 Jahre lang wurde die schwarze
Bevölkerung in Südafrika unterdrückt. Unter
dem System der Rassentrennung, gennant
Apartheid, wurden
den schwarzen Südafrikanern alle demokratischen Rechte
verweigert. Einer der führenden Kämpfer
gegen die Apartheid war Nelson Mandela. Als er im Jahr 1990
aus dem Gefängnis entlassen wurde, kamen 50.000 Menschen, um ihn
reden zu hören. »Unser Marsch zur Freiheit ist unumkehrbar«,
rief er ihnen zu. Hilda Ndude war damals dabei: »Wir
waren unglaublich optimistisch«, sagt sie. »Wir wussten, ein
neues Südafrika wurde geboren.«
Zwanzig Jahre später schwindet dieser
Optimismus von Tag zu Tag mehr. Die Fußball-Weltmeisterschaft wird
im Juni dieses Jahres in Südafrika ausgetragen. Die Augen der ganzen
Welt werden wieder auf dieses Land gerichtet sein. Doch was die
wenigsten Kameras zeigen werden, ist die Rückkehr einer Praxis, die
eng mit dem Südafrika der Apartheid verbunden ist: die Zwangsräumung
von Schwarzen aus ihren Häusern.
Südafrika hat eine Bevölkerung von 50
Millionen Menschen - und die weltweit größte Kluft zwischen Reich
und Arm.
Jeder Vierte ist arbeitslos, und 18
Millionen Menschen müssen mit weniger als 2 Dollar am Tag auskommen.
Seit Ende der Apartheid hat sich zwar eine
schwarze Mittelschicht entwickelt. Aber als Erbe der rassistischen
Spaltung sind noch heute 95 Prozent der
Armen Schwarze.
Nach dem Zuschlag
für die Fußball-WM im Jahr 2007 erklärte der damalige Präsident
Südafrikas, Thabo Mbeki, dies sei »ein Moment, da Afrika
aufrecht und entschlossen den Jahrhunderten der Armut und Konflikte
den Rücken kehrt«.
Für die Mehrheit
der Südafrikaner dagegen symbolisieren die riesigen
Fußballstadien Vergeudung von dringend
benötigten Mitteln. Der
Stadtrat von Johannesburg hat beispielsweise wegen Überschreitung
der Baukosten seinen Haushalt um über 90 Millionen Euro gekürzt.
Die Einzelspiele
werden bis zu 650 Euro kosten. Dagegen steht ein Wochenlohn von
durchschnittlich 60 Euro für einen Bauarbeiter. Die Arbeiter,
die die Stadien errichteten, werden
sich jedenfalls keine Eintrittskarten leisten können.
»Das zeigt, wie tief
die Klassenspaltung in unserem
Land ist«, sagt Castro Ngobese von der
Metallarbeitergewerkschaft Numsa. »die Menschen können sich nicht
einmal die notwendigsten Dinge wie Brot, Milch und ein anständiges
Mahl leisten.«
Riesige Barackensiedlungen werden als
Müllkippe für die Stadtarmen gebaut, um die Menschen um das
Riesenstadion und andere Bauprojekte herum aus dem Blickfeld zu
verbannen. Dreißig Kilometer von der Stadtmitte Kapstadts entfernt
befindet sich ein Ort, den die Anwohner Blikkiesdorp,
»Blechdosenstadt«, nennen. Endlose Reihen von drei mal sechs Meter großen Wellblechhütten
wurden hier aufgestellt, in denen ganze Familien in einem einzigen
Raum leben müssen. Das Wellblech lässt sich locker mit einer Schere
aufschneiden (zu den Fotos der Anti-Eviction-Campaign ...). Die Hütten stehen auf einer weiten
staubigen. Jeweils vier Bewohner müssen sich Wascheinrichtungen,
Toilette und einen Wasserhahn teilen. Der Ort liegt weit entfernt von
den Arbeitsplätzen der Leute, und die Verkehrsanbindung ist
schlecht. Viele der Bewohner leiden unter HIV/Aids, können aber
keine Klinik aufsuchen. In der
südafrikanischen Presse wurden
diese eingezäunten und polizeilich
bewachten Gebiete bereits als
Konzentrationslager bezeichnet. Ziettha Meyer wurde von einer
Sozialarbeiterin in die »Blechdosenstadt« gebracht. Diese drohte
ihr mit Gefängnis, sollte
sie sich weigern, mitzukommen.
»Sie setzte uns wie einen Hühnerhaufen ab«, sagt sie,
»wir hatten keine Wahl.« Nach
dem neuen Slumgesetz kann jeder, der den
Anweisungen zum Unzug nicht folgt, für fünf Jahre ins
Gefängnis wandern. Für den Stadtrat von Kapstadt dagegen
ist Blikkiesdorp das »vorübergehende Umsiedlungsgebiet Symphony
Way«. Er hat versucht, Menschen aus schwarzen Townships wie Joe
Slovo »umzusiedeln«, die sich entlang der Strecke vom
Internationalen Flughafen Kapstadt bis in die Stadtmitte ziehen.
Joe Slovo ist eine seit
langem bestehende »informelle Siedlung« in Langa, dem
ältesten schwarzen Township in der Provinz Westkap. Die
Organisatoren der Fußball-WM nennen sie einen »Schandfleck« und
wollen, dass sie verschwindet. Aber die 20.000 Einwohner dort haben
Widerstand geleistet. Sie haben, seit die Austragung der Fußball-WM
in Südafrika bekannt gegeben wurde, erfolgreich ihre Umsiedlung
verhindert.
Über 70.000 der bei
Projekten der Fußball-WM
beschäftigten Arbeiter sind für höhere Löhne und bessere
Arbeitsbedingungen in den Streik getreten. »Wir kämpfen nicht für
Brot - wir kämpfen für die Krumen«, sagt Lesiba Seshoka, ein
Sprecher der Bergarbeitergewerkschaft.
Es wurden
500.000 Arbeitsplätze versprochen, aber bis jetzt im
Stadionbau nur 22.000 geschaffen. Da das Statistische Amt
Südafrikas feststellte, dass die
Beschäftigung im Baugewerbe von 2007 bis 2008
um 22.000 Arbeitsplätze gesunken ist,
ist der Zuwachs also gleich null.
Die höchstbezahlten Tätigkeiten gehen
an weiße Arbeiter. Subunternehmer und Arbeitsvermittler dürfen
im Gegenzug für die »Schaffung von Arbeitsplätzen« die Arbeiter
mit Dreimonatsverträgen anstellen. Auf diese
Weise ist es leichter, sie wieder
loszuwerden. Zudem ist die
Arbeit gefährlich - Arbeitsmediziner und Sicherheitsinspektoren
bezeichneten 52 Prozent der Fußball-WM-Baustellen als mangelhaft. Aber die Arbeiter haben sich gewehrt.
Sie traten in den vergangenen drei Jahren
26-mal in den Streik und konnten
ernsthafte Zugeständnisse, wie
kostenlose Werksfahrten, eine 12-prozentige Lohnerhöhung und
Zuschläge, erkämpfen. Auch Arbeiter in der Hotelbranche
hielten eine Reihe Streiks und Demonstrationen ab. Sie drohen mit
Streiks während der Fußball-WM, wenn ihre Forderungen nach
Lohnerhöhung nicht erfüllt werden.
Zodwa Nsibande ist Chefin
der Jugendliga von Abahlali base
Mjondolo.
Abahlali base Mjondolo ist Teil der Protestbewegung von
Slumbewohnern. Die Organisation wurde zum Schutz der Bewohner
gegründet und leistet ihnen juristischen Beistand. Zodwa Nsibande
ist wütend: »Die Menschen werden aus ihren Häusern gezwungen und
wie Tiere behandelt. Wir leben unter permanenter Bedrohung. Die
Menschen haben Angst, irgendwohin zu gehen, denn
wenn sie zurückkommen, wird dort
irgendetwas hingebaut sein.« Es gibt es
Widerstand gegen die Umsiedlung, denn Millionen Menschen in
»informellen Siedlungen« haben ihr
Leben lang an dem Aufbau eines
Gemeinschaftswesens und den
damit verbundenen Organisationen
gearbeitet. Von offizieller Seite werden die
Umsiedlungsgebiete als »vorübergehend« bezeichnet. Aber viele
Leute leben dort jetzt schon seit vier oder fünf Jahren, ohne dass
es Anzeichen für eine Rückumsiedlung in richtige
Wohnungen gibt. All das ist inzwischen zu einem
üblichen Muster bei internationalen Großereignissen geworden. In
den vergangenen 20 Jahren wurden allein
für die Olympischen Spiele etwa
zwei Millionen Menschen entwurzelt.
In Südafrika wurde die Polizei auch
angewiesen, für die Fußball-WM die Straßen von Obdachlosen zu
säubern. Der obdachlose Isaac Lewis
wurde im vergangenen Monat sechsmal wegen »Herumlungerns«
verhaftet. »Die Polizeischikanen nehmen zu«, sagt er. »Sie wollen
einen guten Eindruck auf die ausländischen Besucher machen. Wir sind
für sie wie lästige Insekten.«
Um die
Kriminalität während der Fußball-WM einzudämmen, hat der
Polizeichef Südafrikas, Bheki Cele, gefordert, dass seine Beamten
sogar den gezielten Tötungsschuss
abgeben dürfen. In der Provinz
Kwazulu-Natal (KZN) wurden Einheiten mit dem Namen »Rote Ameisen«
gebildet, die Barackensiedlungen abreißen.
Der Stadtmanager von KZN, Mike Sutcliffe, verbot die erste
Slumbewohnerdemonstration im November 2009. Als die Bewohner dennoch
losmarschierten, schoss die Polizei.
All diese Maßnahmen werden allein zum
Schutz der Milliarden-Euro-Investitionen in das Sportereignis
ergriffen. Das neue Stadion von Kapstadt
ist der teuerste Bau, der jemals in Südafrika errichtet wurde. Das »Giraffenstadion«
(»Giraffe«
wegen seiner Trägerkonstruktion) in Nelspruit
wurde auf 118 Hektar historischem
Land der Matsafene, einem Swazi-Stamm, gebaut. Die Swazi wurden
gewaltsam von ihrem Land vertrieben. Der
vom African National Congress, der alten Widerstandsorganisation der
Schwarzen, dominierte Stadtrat bot ihnen als Entschädigungszahlung
umgerechnet 10 Cent an.
Die Betroffenen klagten. Der Richter am
Obersten Gerichtshof, Ntendeya Mavundla, verglich die
Mitglieder des Stadtrats mit
»Kolonialisten, die sich das Land der
afrikanischen Ureinwohner für ein paar glänzende Knöpfe und
Handspiegel unter den Nagel reißen«.
Die Fifa
bezieht als Ausrichterin der Fußball-WM 94
Prozent ihrer Einnahmen aus
Sponsorengeschäften und setzt ihre »Rechte«
rücksichtslos durch. In Südafrika spricht die
Fifa davon, gegen »Eventpiraten« vorzugehen, die »versuchen,
Profit aus einem Ereignis zu schlagen, zu dem sie nichts beigetragen
haben«. Die sogennanten Eventpiraten sind arme
Straßenhändler, von denen es in
Südafrika eine halbe Million gibt. Von
ihrer Arbeit hängt das Überleben von Millionen Menschen und ihren
Familien ab. In der Provinz Kwazulu-Natal
werden beispielsweise täglich
28.000 Tonnen gekochte Maiskolben auf den
Straßen verkauft. Die
Fifa wird darauf bestehen, dass kein »inoffizieller« Straßenhändler
in den Stadionbereich hinein kommt. Schon jetzt wurden Straßenküchen
mit billigem Essen, die die
Bauarbeiter in den Stadien versorgten,
vertrieben und durch teure private
Cateringfirmen ersetzt.
Die Stadien sind hunderte Kilometer
voneinander entfernt, die Sportfans werden also in der Regel per
Flugzeug zwischen den Stadien hin und her
pendeln. Diese zusätzlichen Reisen werden einen
Kohlenstoffausstoß von schätzungsweise 2,8 Millionen Tonnen mit
sich bringen. Auf diese Weise wird die
Fußball-WM 2010 mit die größten ökologischen Auswirkungen der
Sportgeschichte haben. Was tut die
Regierung dagegen? Das Bildungsministerium ist eine »Partnerschaft« mit Coca-Cola
eingegangen, um Schülern das Recyceln beizubringen - dafür
erhalten sie kostenlos Eintrittskarten
für die Fußball-WM. Die »Partnerschaft«
wird aber nichts dazu beitragen, die ökologischen Folgen oder die
durch den Fluch der Fußball-WM weiter wachsende Armut zu lösen. Am
Ende wird das südafrikanische Schulsystem lediglich
ein wunderbares Werbefeld für
Coca-Cola sein.
Bauunternehmer des Stadions
räumten eine örtliche Schule und benutzen die Klassenzimmer
seitdem als Büros. Die Kinder erhalten
jetzt in drei Kilometer entfernten Schiffscontainern Unterricht. Die
Container sind stickig und feucht.
Ständig werden Schüler ohnmächtig. Als Nelson Mandela freigelassen wurde,
versprach er der herrschenden Klasse der Welt, dass der ANC zwar
die Apartheid, nicht aber
den Kapitalismus abschaffen werde. Der Kampf gegen
die Apartheid war einer der mutigsten des 20. Jahrhunderts gewesen.
Ein rücksichtsloses rassistisches System wurde
am Ende durch die Bewegung der
schwarzen Arbeiter und die Aufstände in
den Gemeinden geschlagen. Solange das
kapitalistische System jedoch bestehen
bleibt, bleibt auch die
Ungleichheit. Die kommende Fußball-WM in Südafrika
erinnert die Menschen täglich
daran, was die Herrschaft des
Neoliberalismus bedeutet. Nach
46 Jahren Apartheid und 15 Jahren ungehemmter
Marktwirtschaft wartet die Mehrheit der Südafrikaner immer
noch auf Freiheit.
Zum Text:
Der Artikel erschien zuerst auf Englisch
in der britischen Zeitung »Socialist Worker«, Ausgabe vom 13.02.2010. Übersetzung ins Deutsche von Rosemarie Nünning.
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